Im Krieg und in der Liebe

Anne Tyler: Im Krieg und in der Liebe, Aus dem Amerikanischen von Christine Frick-Gerke und Gesine Strempel, Verlag Kein & Aber, 336 Seiten, €19,90, 978-3-0369-5689-3

„War es möglich, dass man die eigene Frau nicht leiden konnte? Nein, natürlich nicht. Das war nur einer der Höhen und Tiefen, die jedes Ehepaar durchmachte. … Aber mit Sicherheit waren andere Ehefrauen nicht so unbeständig wie Pauline. So launisch, so unlogisch.“

„Tagtäglich ging sie mit seinen Unzulänglichkeiten ins Gericht: seiner Engstirnigkeit, seiner Vorsicht, seiner Art, alles wörtlich zu nehmen, seinen langatmigen Reden, seiner Abneigung gegenüber dem Geldausgeben, gegenüber allem Ungewohnten, seiner Voreingenommenheit, seinem mangelnden Einfühlungsvermögen selbst gegenüber den eigenen Kindern …..“

Mal aus der Sicht des in sich ruhenden Michael Anton, der seinen Lebensmittelladen in Baltimore mit Präzision und Routine führt, dann wieder aus Paulines Augenwinkel, der impulsiven, erwartungsvollen, tatkräftigen Frau an seiner Seite, erzählt Anne Tyler in großen Zeitschritten vom Leben zweier unglücklicher Menschen. Redet die überemotionale Pauline sofort los, wenn ihr ein Gedanke kommt, so wägt der pragmatische Michael seine Überlegungen ab, ehe er den Mund öffnet. Ziemlich schnell erkennt Michael, dass Pauline und er einfach nicht zusammenpassen. Wie werden Lebensentscheidungen gefällt? Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt und doch… Beide Protagonisten quält die Frage, was wäre, wenn sie sich nicht vor dem Krieg 1941 begegnet wären? Hat der Krieg oder auch die Angst sie so schnell zusammengeführt oder war es wirklich die große Liebe? Hat Pauline nicht Michael fast gedrängt, sich freiwillig hinter dem Rücken seiner Mutter für die Army zu melden? Als er mit einem hinkenden Bein nicht aus Europa, sondern einem Manöver vor Ort, nach Hause zurückkehrt, ist er nicht der Held. Pauline zögert, bevor sie vor den Altar tritt.
Streit, Türen schlagen, Gekeife, zerschlagenes Geschirr – das wird der Sound ihrer Ehe sein. Je giftiger, persönlicher und beleidigender Pauline in ihrer Wortwahl wird, um so ruhiger wird Michael, der ihre Launen, ihre Geltungssucht, ihre Inkonsequenz und ihren Wankelmut verabscheut. Sie glaubt, dass man alle Beleidigungen mit einer Entschuldigung hinwegwischen kann, für Michael jedoch brennt sich jedes Wort in sein Gedächtnis ein. Pauline setzt mit ihrer Art all ihre Wünsche auch nach Haus und Garten gegen Michaels Willen durch, ist kontaktfreudig, kann sehr charmant sein und doch auch taktlos. Michael versteckt sich in Krisenzeiten in seinem Laden, er ist kein Menschenfreund, eher der treue, sympathische Einsiedler und Langweiler. Die Kinder fürchten sich vor der Stille vor dem Sturm. Sie können nicht zu den Erinnerungen schmunzeln, die Michael und Pauline an ihrem dreißigsten Hochzeitstag austauschen, denn es sind beleidigenden Szenen, in denen nur gestritten wurde. Als Michael wiedermal feststellt, dass seine Ehe eigentlich die Hölle war und Pauline ihn auffordert doch zu gehen, entscheidet er sich endgültig für die Trennung.
Dabei haben die beiden so vieles miteinander durchgestanden. Sie haben drei Kinder großgezogen und mussten mit dem Verlust ihrer Tochter Lindy klarkommen. Die aufmüpfige, rebellierende Tochter, die viel lebendiger und fantasievoller war als Karen und George zusammen, verschwindet im Alter von siebzehn Jahren. Kein gutes Haar hat sie an den Eltern gelassen, sie hat sie beschimpft und ihnen Sorgen bereitet. Nach sieben Jahre dann ein erstes Zeichen aus San Francisco. Zwar sehen die Eltern nicht Lindy, die in einem Kloster nach Drogenkonsum und Zusammenbruch ihre Wiedergeburt vorbereitet, aber sie nehmen ihren dreijährigen stummen, ja fast autistischen Sohn Pagan mit nach Baltimore.

„Pagan starrte nur. Er ist wie Löschpapier, dachte Michael – so dicht und stumpf und alles in sich aufsaugend, ohne etwas zurückzugeben.“

Pauline überschüttet Pagan mit ihrer Liebe, kann ihn jedoch nie aus dem Schneckenhaus herausholen, in das sich der Junge, seit er von der Mutter getrennt ist, verzieht. Michaels Gefühle für Pauline werden wieder wach, als er beobachtet wie einfühlsam und voller Hingabe sie mit dem Jungen umgeht. Auch er bemüht sich, eine Beziehung zu dem Kind aufzubauen. Als Pagan dreizehn Jahre ist trennen sich die Großeltern und teilen sich nun die Erziehung ihres Enkels. Michael findet in Anna, die Frau, nach der er sich immer gesehnt hatte. Eine seltsame Fügung des Schicksals, denn Anna war an dem Tag dabei, als Pauline und Michael sich kennenlernten.
Als Lindy nach 29 Jahren nach Baltimore zurückkehrt, ist Pauline bereits verstorben. Der Kontakt zur Familie ist eher verhalten und doch lassen sich Zusammenstöße mit dem Vater nicht vermeiden.

“Du warst Eis, und sie war Glas. … Zwei eigentümlich ähnliche Substanzen, wenn man’s so nimmt – und beide die Hölle für ihre Kinder.”

Ohne zu psychologisieren beobachtet Anne Tyler lebensklug und wissend, das Menschen sich nicht ändern, das Leben ihrer Hauptfiguren aus der amerikanischen Mittelschicht. Ihre Protagonisten sind so lebendig gezeichnet, dass man sich nach den ersten Seiten des Romans nicht mehr von Pauline, Michael, ihren Kindern und Kindeskindern lösen kann und wissen muss, wohin ihre Lebenswege sie führen werden. Es ist die Geschichte einer nach außen hin intakten Ehe und doch sind beide Partner unglücklich. Dass der eher introvertierte Michael geht, ist dann der Wendepunkt und doch verweilen seine Gedanken, trotz jahrelang zurückliegender Scheidung, wahrscheinlich bis zum Ende bei Pauline.

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