Die Geschichte von Blue

Solomonica de Winter: Die Geschichte von Blue, Aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll, Diogenes Verlag, Zürich 2014, 277 Seiten , €14,90 Euro, 978-3-257-30029-1

„Ich bin der Ärger. Ich bin obenhin voll davon. Ich esse Ärger zum Frühstück. Ich werde nie wieder rein sein … Mein Gott, wie ich Kinder hasse. Alle zusammen. Ich hasse es, ihre kleinen Herzen voller Glück und Unschuld und Freude schlagen zu hören. Ich weiß, dass ich nicht so bin wie sie.“

Blue ist ein dreizehnjähriges Mädchen, dass ihre eigene Geschichte einem Arzt erzählt. Ist sie in der Psychiatrie gelandet, weil sie wirklich zwei Menschen aus dem Weg geschafft hat? Ermordet will sie nicht schreiben. Sind es Rachegedanken, die das stumme Mädchen antreiben? Blue hat beschlossen, nicht mehr zu sprechen.
Sie kann alles im den Augen wahrnehmen, sie sieht durch die Menschen hindurch und verabscheut jede Art der Berührung. Mit ihrer Mutter Daisy ist sie aus Florida nach Marlinville zurückgekehrt. Daisy musste offensichtlich vor ihren Dealern fliehen und versprach ihrer Tochter, dass sie nie wieder koksen würde. Alles ist im Leben dieser Familie schief gelaufen. Ollie, der Vater, den Blue über alles liebte, ist bei einem Banküberfall ums Leben gekommen. Ollie und Daisy haben ein Restaurant geführt, aber als sie die Rechnungen nicht mehr zahlen konnten, musste Ollie Geld leihen. James, der Geldverleiher, war angeblich zuverlässig und doch geriet Ollie an den Falschen. Über kurz oder lang wollte James das Restaurant übernehmen, wenn Ollie nicht zahlen konnte.
Blue konzentriert ihren Hass auf James und sie entdeckt, das ihre Mutter, die Hexe, wieder Drogen konsumiert. Ja, sie bestiehlt sogar den gutmütigen Anthony, der ihr eine Arbeit gegeben hat.
Auch Blue ist auf eine gewisse Art und Weise süchtig. Sie ist in ein Buch verliebt, das sie nie aus den Händen gibt. Es heißt „Der Zauberer von Oz“. Mag die Geschichte, ihre „persönliche Bibel“, eine Flucht in eine andere Welt, sein und doch faszinieren Dorothy, der Löwe, der Holzfäller oder der Blechmann Blue immer wieder aufs Neue. Die Sehnsucht im Land Oz aufzuwachen, wird sich jedoch nicht erfüllen.

Alles was Blue veranstaltet wirkt nicht gerade planmäßig, auch wenn sie James observiert und in einem Anfall von Wahn seine Wohnung zerstört. Sie handelt aus dem Bauch heraus und formuliert doch alles in wohlgesetzten Worten.

„Meine Gedanken waren immer unschuldig. Meine Taten waren ein Akt der Rechtschaffenheit, sie sollten das Gleichgewicht der Gerechtigkeit wiederherstellen. Sonst nichts.“

Dient der vorgespielte Wahnsinn Blue eigentlich nur als Schutzschild? Blues Mutter gerät immer mehr außer sich. Sie schlägt um sich und wirft die Tochter aus der Wohnung. Dann lernt Blue in einem Laden Charlie kennen. Er erkennt, dass sie nicht wahnsinnig ist und sie verliebt sich in ihn. Langsam reift der Plan in Blue, dass sie auch ihre Mutter töten könnte. Nach der Erfahrung mit James sollte das nicht mehr schwierig werden.
Als sie dann ein erstes Wort an Charlie richtet, scheint sich etwas zu verändern.
Doch ist das wirklich Blues Geschichte, die sich vor dem inneren Auge des Lesers abspielt? Was verbirgt sich hinter dieser Beichte des Mädchens?

Es ist schon erstaunlich, welche Themen eine sehr junge Autorin für ihr Debüt umtreiben. Solomonica de Winter, gerade siebzehn geworden, ist die Tochter des erfolgreichen niederländischen Schriftstellerpaars Leon de Winter und Jessica Durlacher. Ihr Roman, in Englisch geschrieben, erscheint exklusiv in der deutschen Übersetzung beim Diogenes Verlag. Es ist die Geschichte einer willensstarken Außenseiterin, die in ihrer Fantasie sich eine Welt erschafft, das Ende des Romans wird es verraten, die nur in ihrem Kopf existiert. Sprachgewaltig, dabei poetisch und stilsicher entwirft Solomonica de Winter die Innenwelt einer gestörten Seele, die sich an den Ungerechtigkeiten der Welt abarbeitet und tief scheitert. Dabei umkreist sie in bestimmten Szenen zu ausufernd die innere Gefühlslandschaft ihrer Protagonistin, die eigentlich Madison heißt. Blue / Madison und Dorothy verbinden Heimatlosigkeit und die Suche nach dem Zuhause. Dorothy wird die böse Hexe vernichten und nach Kansas zurückkehren. Doch Blue bleibt ratlos:

„Ich war nicht auf der Suche nach einem grausamen, ekelhaften Abenteuer. Es war ein Schrei nach Hilfe.“

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