Jenseits der blauen Grenze

Dorit Linke: Jenseits der blauen Grenze, Magellan Verlag, Bamberg 2014, 300 Seiten, €16,95, 978-3-73485602-0

„ Ich schaue hoch in den Himmel, höre das Plätschern der Wellen. Seltsame Situation. Wir bewegen uns in die Ungewissheit, so wie es früher die Seefahrer taten. Ohne Karte, mit ungewissem Ziel und nur mithilfe der Sterne. Immerhin haben wir einen Kompass und ein Ziel, den Westen.“

Vor 25 Jahren ist sie gefallen, die Mauer. Offenbar ist nun genug Zeit vergangen, um sich an das Leben vor dem Mauerfall im realen Sozialismus zu erinnern. Dorit Linke, 1971 in Rostock geboren, war 18 Jahre alt, als sich für DDR-Bürger fast alles veränderte. Auch ihre Helden in ihrem Debütroman sind in diesem Alter, Hanna und Andreas. Sie wachsen in Rostock auf, sind Freunde, enge, lange Freunde. Sie lieben David Bowie, die westliche Musik und naja, vielleicht noch Karat, aber niemals die Pudyhs. Sie stehen im Intershop staunend vor den Auslagen und riechen den Duft der großen weiten Welt, die für sie verschlossen bleiben wird.

Zeitversetzt erzählt die Autorin von der Flucht ihrer Protagonisten im August 1989 über die Ostsee und dabei konfrontiert sie den Leser immer wieder mit Erinnerungsfetzen und Szenen, die Hanna durch den Kopf gehen. Akribisch haben sie alles vorbereitet, sind gute Sportler und vor allem können sie nichts mehr verlieren. Hanna, die auch die Erzählerin ist, ist von der „Penne“, der Erweiterten Oberschule, geflogen, die Aussicht auf ein Biologiestudium ist illusorisch. Andreas musste seine Lehre beenden und auch für ihn sind die Tore geschlossen. Bewähren sollen sich die zwei im Dieselmotorenwerk bei monotoner Arbeit mit fiesen Kollegen. Schuld an allem ist Hannas Opa, ein durchgeknallter, politisch naiver Quertreiber, der als Rentner glaubt, er habe Narrenfreiheit. Als der Sputnik 1988 in der DDR verboten wurde, immerhin ein anerkanntes sowjetisches Magazin, verfasst er im Namen von Hanna und Andreas eine Petition für die weitere Veröffentlichung der Zeitschrift. Eine unüberlegte Tag mit Folgen.

Andreas kennt nur noch einen Ausweg, die Flucht über das blaue Meer. Er hat im Jugendwerkhof bereits erfahren, was geschieht, wenn man sich nicht einordnen will.
Provokant und seltsam unerschrocken geben sich die beiden in der Schule, ecken bei den Lehrern an und dürfen auch öfter zur Aussprache ins Direktorat.
Hanna ist eine ausgezeichnete Schwimmerin, sie wird Andreas nicht im Stich lassen.
Auf ihrem gefährlichen Weg begleiten die beiden ihre gemeinsamen Erinnerungen an ihre Schulzeit und Sachsen-Jensi, der neu in die Klasse kam. Er wohnt bereits in Hamburg, denn seine Eltern hatten ohne sein Wissen einen Ausreiseantrag gestellt. Sachsen-Jensi bringt alle mit seinem Geheule auf die Palme und kann doch so herrlich politische Witze erzählen.
Er liebt die Mosaik-Reihe und Andreas und Hanna wollen ihm sogar das letzte Heft, das seiner Sammlung fehlt, in Folie eingeschweißt, aus der DDR mitbringen.

Naiv ist der Blick der jungen Rostocker auf den Westen, ungehemmt renitent verhalten sie sich in der Schule auch gegenüber den Lehrern. Die Erwachsenen allgemein werden aus dem Blickwinkel Hannas zu holzschnittartig dargestellt. Die Lehrer wirken wir Karrikaturen, die Eltern von Hanna handlungsunfähig und Andreas Eltern nur regimetreu.
Der Opa von Hanna spioniert dann so einige wichtige Details aus, die den beiden bei der Flucht helfen. Zu Beginn sind sie noch guter Dinge und entgehen allen Gefahren, aber dann sinkt der Mut, gerade in dem Moment, wo eine westdeutsche Fähre an ihnen vorbeirauscht und nur ein kleiner Junge ihnen zuwinkt. Immer schwerer fällt den beiden das Schwimmen. Und dann bemerkt Hanna, dass das Seil, das sie beide an den Handgelenken verbindet, gekappt ist.

Die Dreierfreundschaft zwischen dem Neuen, Sachsen-Jensi genannt, Hanna und Andreas entwickelt sich langsam und wird aber im Laufe der Zeit existentiell, denn von den Erwachsenen haben die Jugendlichen nichts zu erwarten. Jensis ehrliche und vor allem direkte Art nimmt alle für ihn ein und sorgt auch für den Humor in dieser doch eher dunklen Geschichte. Wirklichkeitsnah und authentisch beschreibt die Autorin die Zeit in der DDR zwischen 1982 bis 1989, u.a. die völlig unfeierliche Jugendweihe, bei der jeder Jugendliche sich schrecklich verkleidet vorkam. Und sie spricht interessanterweise den Jugendlichen mit einem Zitat aus dem Roman „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Nikolai Ostrowski aus dem Herzen. Das Leben soll einen Sinn haben, und den hoffen Hanna und Andreas im Westen zu finden, wenn sie ihr Vorhaben erfolgreich vollenden.

Dorit Linke hat für ihren Erstlingsroman den Erzählton für jugendliche Leser gut getroffen und hilft ihnen, sich in die für sie fremde Zeit hineinzuversetzen.
Das angefügte Glossar informiert ausführlich über alle DDR-spezifischen Termini.

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