Die trüben Wasser von Triest

Roberta de Falco: Die trüben Wasser von Triest, Aus dem Italienischen von Luis Ruby, Der Audio Verlag, Berlin 2014, Gelesen von Dietmar Bär und Heide Simon, 5CDs, €19,99, 978-3-86231-433-1

Die altehrwürdige Stadt Triest mit ihrer wechselvollen Geschichte ist der Schauplatz, an dem Roberta de Falco ihren Krimi spielen lässt. Einst bedeutende Hafenstadt in der Donaumonarchie ist die Stadt Triest auch heute mit ihren Schlössern, Kirchen, einem großen Hafen und verschlungenen Straßen immer noch voller Geheimnisse.

Am Hafen geschieht dann auch der Mord, der Commissario Ettore Benussi und seine beiden Mitarbeiter Elletra und Vallerio in Atem halten wird. Allerdings erhofft sich der bereits altersmüde, zu füllige Commissario eine schnelle Aufklärung, am liebsten einen Unfall oder Freitod. Wiedermal von seiner neuen Diät gemartert und gedanklich eher bei seinem eigenen Kriminalroman, den er, wenn er in sieben Jahren endlich pensioniert wird, schreiben wird, begibt sich Benussi schlecht gelaunt zum Tatort. Ursula Cohen, eine neunzigjährige Dame, ist die Tote. Sie ist eine Frau mit einem äußerst schlechten Ruf, misstrauisch, intrigant und extrem unfreundlich. Sie ist der Teufel. Betrübt gibt sich die brasilianische Pflegerin Violeta Amado, die über ein Jahr bei der alten Frau gearbeitet hat. Am Abend des Geschehens sollte Martin, der Gärtner, die alte Dame von der Strandpromenade abholen. Sie wollte vom Theater zum Auto zu Fuß gehen. Doch was ist auf diesem kurzen Weg geschehen?

Alle Alibis, ob nun von Violeta, dem windigen Neffen von Ursula Cohen, Sergio, seiner Geliebten Irina oder das von Marsia, der Ex-Frau von Sergio stimmen nicht.
Alle lügen die Polizei an. Feinfühlige Ermittlungsarbeit ist gefragt und dazu hat höchstens Elletra Energie. Benussi schiebt sich einen griechischen Joghurt in den Mund und denkt ans Essen. Aber nicht nur das beschäftigt ihn. Seine widerspenstige und pubertierende Tochter Livia tyrannisiert die Familie mit ihren Launen. Als der Anruf aus dem Krankenhaus kommt, erfährt Benussi, dass seine Tochter in ein Koma gefallen ist. Zuviel Alkohol. An allem kann nur seine Frau schuld sein, sie kümmert sich beruflich um alle möglichen Bedürftigen, aber nicht um das eigene Kind.
Schief ist auch die Lage in Benussis Ehe.

Parallel zur Mordgeschichte erklingt die Stimme einer Frau, die von ihrem Schicksal als Jüdin zur Zeit des Dritten Reiches erzählt. Ein Rechtsanwalt hat der Familie die Ausreise in die Schweiz zugesichert und sie haben ihm im Gegenzug ihre Villa und den Nachlass überschrieben. Klar wird später, dass die jüdische Familie in ein Konzentrationslager deportiert wurde und unter unmenschlichsten Bedingungen arbeiten musste.
Der Leser ahnt, dass dies die Villa ist, in der Ursula Cohen lebt. Die Villa jedoch ist seit zehn Jahren verkauft und Ursula Cohen hat nur noch ein Wohnrecht. Alle wissen es, nur der Neffe nicht.
Nach und nach offenbaren sich die einzelnen Geschichten der Verdächtigen, die einen Grund hatten die Greisin, deren Vergangenheit vieles über ihren Charakter aussagen kann, zu töten. Benussi reißt sich kein Bein aus, aber Elletra und Vallerio, die sich ziemlich nahe kommen bei diesem Fall, finden eine Spur nach der anderen, die offenlegt, was an diesem Abend geschehen ist.

Die heikle Verbindung von Gegenwart und dunkler Vergangenheit, die Verfolgung der Juden, baut die Spannung in diesem ersten Krimi von Roberta de Falco mit ihrem Commissario Benussi auf. Wer ist die Erzählende von Leid und Verrat? Was hat Violeta im Keller der Ursula Cohen gefunden? Warum verhalten sich Menschen so grausam und wie sind sie zu denen geworden, die sie sind?
Nicht gerade sympathisch wirkt der geplagte Commissario zu Beginn des Krimis, aber das ändert sich im Laufe der Handlung und lässt viel Spielraum für folgende Fälle und einen hoffenlich vielschichtigen Charakter.
Sonderlich originell kann man den Whodunit – Krimi, der mit den typischen italienischen Klischees spielt, nicht bezeichnen, aber wie so oft wecken die Geschichten hinter den agierenden Figuren und ihr widersprüchliches Verhalten das Interesse des Hörers.

Der Schauspieler Dietmar Bär gibt allen Handelnden eine eigene Stimme und liest diese Kriminalgeschichte konzentriert und ohne dramatische Übertreibung. Besonders gut gelingen ihm die Frauencharaktere, die eindeutig die Führung in dieser Geschichte übernehmen. Heide Simon findet für die Erzählung des Holocaustopfers, dessen Identität sich am Ende des Krimis klären wird, genau den richtigen Ton.

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