Sommer in Maine

J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine, Aus dem Amerikanischen von Henriette Heinse, Berlin Verlag Taschenbuch, Berlin 2014, 509 Seiten, €9,99, 978-3-8333-0951-9

„Das Problem mit ihren Kindern und Enkeln war einfach, dass sie alle unbedingt glücklich sein wollten. Sie waren ständig auf der Suche nach dem Glück und mühten sich ab, um sich und ihre Lebenssituation zu verbessern und Schmerz zu vermeiden. Sie glaubten wirklich, dass alle Probleme dieser Welt durch Selbstkenntnis gelöst werden konnten.“

Zwietracht, Antipathien, Fehleinschätzungen und fast alle erdenklichen zwischenmenschlichen Konflikte, so wie Alkoholprobleme und der Glaube und Zweifel an Gott durchziehen die Geschichten dreier Frauen irischer Herkunft, die zur Familie Kelleher gehören. Die über 80-jährige Alice, niemand kennt ihr genaues Alter, ihr Mann Daniel ist seit zehn Jahren tot, ist Eigentümerin eines traumhaften Grundstücks mit zwei Häusern am Strand von Cape Neddick. Jahr für Jahr durchströmten einst das Haus zahlreiche Familienmitglieder. Nachdem Alice’s ältester, beruflich erfolgreicher Sohn Patrick und seine pflichtbewusste und durchorganisierte Frau Ann Marie den Sommer genauestens zeitlich für jedes Familienmitglied durchgetacktet haben, leidet die Geselligkeit. Dabei sollten doch alle für Alice da sein, die eher erbost als erfreut ist über so viel Sorge. Sie sieht sich nicht als gebrechliche Alte.

Einiges in dieser Familie liegt im Argen, ziemlich vergiftet ist die gesamte Familienatmosphäre seit Daniel, den alle geliebt haben, tot ist. Kathleen, die älteste Tochter von Alice, verachtet ihre sich immer in Szene setzende, unberechenbare, zynische Mutter und ist weit fort nach Kalifornien gezogen. Maggie, ihre sehr brave, aber begabte Tochter, lebt in einer kleinen Wohnung in New York, trennt sich schmerzhaft von ihrem unzuverlässigen Freund und muss feststellen, dass sie schwanger ist. Die selbstgefällige Ann Marie, die typisch amerikanische Hausfrau, benimmt sich Alice gegenüber eher devot als selbstgewusst, beginnt sich in ihrem biederen Dasein zu langweilen, widmet sich der Gestaltung von Puppenhäusern und sehnt sich nach einem Bekannten ihres Mannes. Nie war den Kindern von Alice klar, warum ihre Mutter sie nicht lieben konnte, im Alkohol versank bis ein Unglück sie vor die Wahl stellte, ob sie noch zur Familie gehören wollte oder nicht. Kathleen trat, was die Alkoholsucht betraf, fast schicksalhaft in die Fußstapfen ihrer Mutter. Auch Ann Maries heile Welt und so sorgsam gehütete Familienfassade bekommt Risse, denn ihre Kinder sind nicht so erfolgreich und repräsentabel wie Ann Marie es gerne hätte.

Aus der Sicht all dieser vier Frauen blättert J. Courtney Sullivan immer im Wechsel ihre Lebensgeschichten auf und erleichtert dem Leser die Identifizierung mit den Figuren, da die gleichen Erlebnisse von den Frauen ganz unterschiedlich dargestellt werden So erfährt der Leser, wie jede über die Familie und ihre Konflikte denkt, wie die Vergangenheit jeder Figur mit ihren Brüchen verlaufen ist und über welche Schwächen und Stärken jede Frau verfügt.
Gleich zu Beginn wird klar, Alice, immer noch attraktiv, manipulativ, egoistisch und unglücklich mit ihrem Leben, wird der katholischen Kirche das gesamte Anwesen, dass ihr von allen geliebter Mann einst durch eine Wette erhalten hat, vererben. Sie hat mit niemandem in der Familie gesprochen, denn sie ist der Meinung, dass sie allein das Entscheidungsrecht habe. Alice trägt seit 60 Jahren eine vermeintliche Schuld, die sie durch die Schenkung an die Kirche tilgen möchte. Im Brand des berühmten Bostoner Nachtclubs „Cocoanut Grove“ im Jahre 1942 ist Mary umgekommen, Alices Schwester, auf deren mögliches Lebensglück Alice eifersüchtig war.

Die Sommeridylle in Maine aufzugeben, die der Familie doch so viel bedeutet hat, versandet am Ende des Romanes. Letztendlich gab es nie den Zusammenhalt der Kellehers, die Idylle hat letztendlich jeder allein genossen und so kehrt am Ende jede Figur in ihr Leben zurück und wird auf ihre Art glücklich.
Eins ist der amerikanischen Autorin, die eine Entdeckung ist, trotz diesem doch sehr schalen Ende gelungen, sie entwickelt äußerst überzeugende Charaktere, die in ihrer Widersprüchlichkeit und psychologischen Verfassung durchaus glaubhaft sind. Lebendige Dialoge und atmosphärische Beschreibungen ziehen den Leser in diese Lebensgeschichten hinein und fesseln ihn bis zur letzten Seite.

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