Zahltag

Petros Markaris: Zahltag, Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger, Diogenes Verlag, Zürich 2012, 432 Seiten, €22,90, 978-3-257-06841-2

„ Niemand tötet, um den griechischen Staatshaushalt zu sanieren.“

Oder doch? Mit dem gesellschaftskritischen Krimi „Zahltag“ schließt der griechische Autor Petros Markaris seine „Trilogie der Krise“ ab. Dieses Mal steht ein selbsternannter Steuereintreiber als Täter im Mittelpunkt der Geschichte, die mitten in Athen spielt. Kommissar Charitos, Hauptfigur und Ich-Erzähler, wird durch diesen Fall wiedermal in arge Konflikte mit allerhöchsten Stellen geraten.

Ein erster Toter, ein äußerst wohlhabender Chirurg, wird auf dem Kerameikos-Friedhof mitten in Athen gefunden. Getötet wurde er wie Sokrates mit einer Schierling-Injektion. Weitere Steuersünder folgen. Im Internet tauchen Briefe auf, die belegen, die Opfer, die sich der nationale Steuereintreiber auserwählt hat, mussten nicht sterben. Jeder bekam immerhin die Chance, innerhalb von fünf Tagen die Steuerschulden beim Finanzamt einzuzahlen. Der gut informierte Täter weiß, dass hochrangige Funktionäre der Regierung eine bestimmte Klientel vor Steuerzahlungen auch auf rechtlichem Wege schützen. Auf jeden Fall avanciert der Mörder, je mehr die Öffentlichkeit informiert wird, zum Volkshelden, der etwas in die Wege leitet, was die Regierung nie geschafft hat. Klar wird auch, dass die öffentlich angezeigten Steuersünder ihre Gelder, um nicht getötet zu werden, flugs aus dem Ausland zurückholen.

Charitos steht vor einem Rätsel. „Wenn man alle Steuersünder umbrächte, würde sich die Bevölkerung Griechenlands bald auf Beamte, Privatangestellte, Arbeitslose und Hausfrauen beschränken.“
Kostas Charitos ahnt nun, dass der Minister für Finanzen in heller Aufregung ist und er immer mehr unter Druck gerät. Auch privat hat Charitos nichts zu lachen, denn die Finanzkrise scheint auch Charitos Familie auseinanderzureißen. Seine Tochter plant, eine Arbeit beim UN-Flüchtlingskommissariat in Afrika anzunehmen. Fanis, ihr Mann, ernährt die Familie mit seinem Medizinergehalt, aber sie als promovierte Juristin verdient nur ein Taschengeld und das nach jahrelangem Studium. Die prekäre Situation der Bevölkerung fließt wie auch in den beiden Vorgängerbänden, immer wieder ein, es geht um die Kürzung der Gehälter und die zunehmende Selbstmordrate auch unter jüngeren Menschen.
Die Verschmelzung der angezeigten Steuersünder mit den Entscheidungsträgern an obersten Stellen lässt auch langsam Kommissar Charitos Seele kochen.

Wozu der Staat und das Finanzamt nicht fähig sind, der Mörder veröffentlich mit genauen Fakten die Sünden der angeblichen Saubermänner und zwingt sie zum Zahlen oder tötet sie. Das mag verständliche Häme bei der Bevölkerung auslösen, führt aber zu keiner Veränderung, wenn die Steuergesetzgebung genug Schlupflöcher für findige Griechen bietet.
Gespickt mit trockenen Bemerkungen, scharfen Beobachtungen auch in Richtung Deutschland, aktuellen Zeitbezügen, viel Hauptstadtkolorit und enormer Skepsis der neuen Regierung ( „der griechische Staat ist eine Mogelpackung“) gegenüber führt Petros Markaris seinen Kriminalfall einer Lösung entgegen, die nicht so überraschend ist, wie erhofft.

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