Wenn’s weiter nichts ist

Allison Pearson: Wenn’s weiter nichts ist, Aus dem Englischen von Jörn Ingwersen, Wunderraum bei Goldmann Verlag, München 2018, 600 Seiten, €22,00, 978-3-336-54769-2

„Das mit Jack habe ich für mich behalten. Was gab es da schon zu erzählen? …. Außerdem wollte ich nicht, dass gleich der nächste Fremde in das Leben meiner Kinder trat, während ihr Vater um die Ecke mit Pippi Langstrumpf wohnte. In dieser Phase funktionierte ich nur mit Ach und Krach.“

Kate Reddy hat es bald geschafft. Sie ist so alt wie ein halbes Jahrhundert, sie übersteht dank Hormontherapie und chirurgischem Eingriff ihr Collegetreffen mit vier Kilo weniger Speck auf den Hüften und sie kann sagen, ich arbeite wieder in einem Londoner Büro. Wie es ihr jedoch dabei ergeht, das erfährt nur die Leserin ( Es ist wirklich nur ein dickes Buch für Frauen, sorry Männer.). Und wenn Allison Pearson eines kann, dann vom Alltagsleben einer Frau um die 50 mit trockenem Humor, Wortwitz und sich überschlagender Situationskomik erzählen, dass man beim Lesen oft laut auflacht. Sicher klingen auch dunkle Töne an, aber die gehören zum Familienleben nun mal dazu.

Dem Zeitgeist folgend beginnt die Geschichte auch gleich mit einem Paukenschlag in den sozialen Medien. Tochter Emily, zarte siebzehn Jahre, hat auf Bitten der Freundin Lizzy, ein Belfie von ihrem Hintern per Snapchat gesendet. Aber Lizzy hat, nur versehentlich versteht sich, das Foto bei Facebook verbreitet. Nur wenige Sekunden gibt es wieder ein Gleichgewicht in der Mutter und Tochter – Beziehung, indem Mutter tröstet und Kind getröstet werden möchte. Ansonsten ist die Stimmung zwischen Kate und Emily, deren tägliches Make-up-Tutorial auf Instagram vor der Schularbeit Vorrang hat, eher angespannt und hysterisch aufgeladen. Auch Ben, der 14-jährige Sohn von Kate und Richard, befindet sich in einer schwierigen Phase, in der nur die Playstation eine wirklich entscheidende spielt.

„Ich geb’s auf. Emily ist oben mit ihren Freundinnen, aber sie sprechen nicht miteinander. Ben ist hier unten und spricht mit Freunden, die gar nicht da sind. Sie sind sonst wo, am anderen Ende der Stadt. Die Kinder haben recht: Ich bin von gestern.“

Kate hat nun seit sieben Jahre nicht mehr in ihrem einst lukrativen Finanzjob gearbeitet und um wieder, was unbedingt sein muss, ins Arbeitsleben zurückzufinden, ist die Familie in die Nähe von London in ein 300 Jahre altes Haus gezogen. Richard, ihr Ehemann, hasst das Haus und den neuen Mitbewohner, den anhänglichen süßen Welpen Lenny. Sicher muss das handwerkliche polnische Allroundgenie Pjotr noch vieles bauen, u.a. eine richtige Küche, aber Kate ist zuversichtlich. Der Mut jedoch verlässt sie, wenn sie ihren Kontostand betrachtet. Richard hat seinen Architektenberuf aufgegeben und sich dazu entschieden, sich zwei Jahre unentgeltlich zum Krisenberater umschulen zu lassen. Außerdem macht er eine richtig teure Therapie, um mehr über sich zu erfahren und scheint sich weder für das Haus, noch die Kinder noch irgendetwas, außer sein Rennrad, seine Schulungen und seine neue Kollegin Joley, zu interessieren. Trotz diverser Achtsamkeitsseminare berührt es ihn nicht, dass sein Vater mit der dementen Mutter nicht mehr klarkommt. Nur Kate hat ein Ohr für den Schwiegervater und die kranke Barbara, die sie einst als Schwiegertochter aufgrund ihrer Herkunft eher verachtet hat, aber nun mit geklauten Kreditkarten in Baumärkte fährt, um Kettensägen zu kaufen. Warum Kate ihrem Ehemann all dies nachsieht, liegt vielleicht an ihrer eigenen desolaten Disposition. Sie ist mitten in den Wechseljahren und durchlebt alle Symptome, wie immer sie auch heißen. Sie schwitzt, sie kann nicht gut schlafen, sie hat Stimmungsschwankungen, ihre Gedächtnisleistung nimmt immer mehr ab und und und ….

Leider behauptet ihr Headhunter, dass sie für einen neuen Einstieg ins ernsthafte Arbeitsleben, Lebens- und auch Arbeitserfahrungen hin oder her, zu alt sei. Eine Frechheit, finden nicht nur Kates Freundinnen. Sie manipuliert ihren Lebenslauf und ergattert in ihrer alten Londoner Firma, einem Finanzdienstleister, der schon zweimal den Namen gewechselt hat, einen Job. Ihr Vorgesetzter ist nur ein dreißigjähriger Hipster oder auch „Milchbubi“, der in Kates Augen wenig Ahnung von seinen wahren Aufgaben hat. Aber sie ist in der Probezeit und nur eine Schwangerschaftsvertretung und muss zeigen, was sie als zweiundvierzigjährige Mitarbeiterin kann.

Minutiös arbeitet die englische Journalistin und Autorin Allison Pearson heraus, wie sich Frauen fühlen, die ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein verlieren, wenn sie als gleichberechtigte Partnerin einfach unter Qualifikation nach der Kinderpause arbeiten müssen. Immer geht es ums Geld verdienen, denn Kinder sind nun mal teuer, wenn man ihnen ein glückliches Leben bieten möchte. Kate kann Frauen, wie Lizzys Mutter nur verachten, die dank Geld und Ansehen ihres Mannes den Kopf hoch tragen und auf andere herabschauen. Nichts kann Emily davon überzeugen, dass Lizzy einfach mal eine unsympathische, wohlstandsverwöhnte Ziege ist. Und Kate möchte ihrer Tochter nicht den Stand in der Peergroup verderben.

Kates Arbeits- und Familienleben durchläuft nun Höhen und Tiefen und immer wieder erinnert sie sich an Szenen aus der Vergangenheit, die ihr gute – oder weniger angenehme Erinnerungsmomente verschaffen. Immerhin ist da ja auch noch Jack, der solvente einst wichtige Manager, der ihr einfach zu nah gekommen ist und den sie für die Familie aufgegeben hat.
Kaum befindet sich Kate wieder in London, erhält sie eine E-Mail von ihm.
Gut, dieser Roman ist eine Fiktion, eine unterhaltsame Fiktion von einer Frau, die nicht mehr jung aber auch nicht alt, ihr Leben meistert. Und natürlich wünscht man ihr für ihren Lebensweg einen anderen Mann als diesen lethargischen, egoistischen Richard.

Wirklichkeitsnah getroffen hat die englische Autorin den rasanten Einfall der modernen Medien ins Alltagsleben von Elterngenerationen, für die noch das Fernsehen eine fantastische Erfindung war. Wie sogenannte Freundinnen stutenbissig um sich schlagen, kennen Frauen von klein an. Eltern von Jungen im Teenageralter erkennen in Ben den typischen Vertreter. Wunderbar auch die Beobachtung, dass faule Kinder nicht faul sind, sondern an „Motivationsmangel“ leiden.

So könnte man viele Szenen hervorheben, die exzellent beobachtet, durch den Kakao gezogen werden und doch vom wahren Leben berichten.
Chick-Lit für die Generation 50+ – warum nicht?

Schöne Seelen und Komplizen

Julia Schoch: Schöne Seelen und Komplizen, Piper Verlag, München 2018, 313 Seiten, €20,00, 978-3-492-057738



„Ich spürte wieder, wie gut es tat, bei so einer großen Sache wie damals mit dabei gewesen zu sein. Manchmal fange ich nachträglich richtig zu schwitzen an bei dem Gedanken, ich hätte es verpassen können. In jedem Menschenleben gibt es wahrscheinlich nur ein wirkliches Großereignis.“

Julia Schoch hat eine faszinierende Versuchsanordnung gewählt, sie platzt mitten hinein in die Leben von verschiedenen Teenagern, die alle an die gleiche Potsdamer Schule gehen. Zyklisch, Jahr um Jahr, von 1989 bis 1992 stehen einzelne Szenen für sich, aber es gibt auch Querverbindungen zwischen den Mitschülern.

Es ist Sommer 1989, Lydia Gebauer, Stefanie Kuhn, Kati Viehweg, Franziska Stellmacher und die anderen genießen noch die Ferien oder arbeiten im Park von Sanssouci bevor wieder die Schule und die Abiturzeit an der Kollwitz beginnt. Sie sind sechzehn, siebzehn Jahre alt und berichten recht nüchtern davon, was jeder Jugendliche mit Freunden, den Eltern, der ersten Liebe, den Lehrern aber auch dem sozialistischen System durchlebt. Alexander Wagenthaler, der ganz gut zeichnen kann und eigentlich Geschichte studieren will, setzt sich mit seinem Lehrer auseinander, der ihn mit subtiler Überzeugungsarbeit zu einem längeren Dienst in der Armee überreden will und natürlich auf die Lehrerlaufbahn orientieren. Direktor Simizeck hält wie immer seine ellenlangen Propagandareden. Glauben die einen, alles wird für immer geregelt sein, Schule, Abitur, Studium, Arbeit, Rente, so hoffen die anderen auf Veränderung. In jedes individuelle Leben wird der Leser hineingezogen und er verlässt es auch wieder. Ein Faden wird aufgenommen, aber nicht immer zu Ende gesponnen. Vieles muss er sich puzzleartig zusammensetzen, sich selbst ein Bild von den jungen Erwachsenen machen, denn diese werden ohne Vorwarnung in einen gesellschaftlichen Umbruch hineingeraten. Aus der Perspektive der Jugendlichen wird nun erzählt, wie Mauerfall und Wende sich auf sie und die Erwachsenen, Eltern und Lehrer, auswirken. Direktor Simizeck verschwindet, Verunsicherung macht sich breit, Lehrer brechen im Unterricht zusammen, Schüler geben renitente Antworten, sind aber auch verunsichert.

„Andererseits kann die Viehweg ihre Klappe nicht halten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt sie den alten Staat. Sie sagt, sie könne nicht verstehen, wie man sich freiwillig für die soziale Unsicherheit entscheiden kann.“

Setzt sich der Alltag der einen einfach fort, bewegt die anderen der Umbruch, die Angst vor der Zukunft, so verharren die anderen in ihren persönlichen ganz privaten Querelen. Alexanders Vater hat seine Stasiakte gelesen und bricht zusammen, ein Lehrer wird von einem LKW überfahren, die Schülerin Vivian Korbus versucht ihrem Leben ein Ende zu setzen. In Erinnerungen, Rückblenden und gegenwärtigen Beschreibungen fächert die Autorin die unterschiedlichen Schicksale auf und beenden sie auch wieder schlagartig. Türen öffnen sich und klappen wieder zu. Zum Ende hin signalisiert die Abiturfeier 1992, diese Generation wird in Freiheit ohne politische Gleichschaltung und propagandistische Drangsalierungen ihren Weg machen können.

Im zweiten Teil des Romans sind fünfundzwanzig Jahre vergangen und um ehrlich zu sein, wird er jetzt erst richtig interessant. Julia Schoch spürt nun den realistischen Lebenswegen der ehemaligen Schüler nach, die alle Mitte vierzig sind. Sie erzählen wie sie leben, was sie bewegt, wie sie die Welt sehen und vor allem, ob sie in der neuen Gesellschaft angekommen sind. Ihre Schule heißt nun Luisengymnasium, an dem Stefanie Kuhn als Lehrerin arbeitet. Sie organisiert ein Klassentreffen, zum dem allerdings nur sieben Ehemalige kommen. Wieder taucht der Leser nur kurzzeitig in die Lebensstationen der Protagonisten ein. Kati Viehweg arbeitet als Soziolinguistin und muss immer wieder erleben, wie wenig ihr alter Vater, der einst in der SED-Kreisleitung gearbeitet hat, sie ernst nimmt. Alexander Wagenthaler reist von einem Historikerkongress zum nächsten, hangelt sich von einem Projekt zum anderen und spürt die innere Distanz zur eigenen Arbeitssituation. Sind die einen weit fort von Potsdam wie Franziska, so sind andere aktiv, wie Rebekka oder desillusioniert wie Ruppert. Sie haben Familie und leben im Reihenhäuschen durch das Erbe der Großmutter, sie betrügen einander, sind geschieden und zutiefst unglücklich durch die Trennung von den Kindern. Sie ärgern sich über den fehlenden Gemeinschaftssinn oder sind die allergrößten Egoisten. Sie stoßen an berufliche und persönliche Grenzen und müssen diese aushalten. Die einen graben den Garten um, die anderen suchen sich ein amouröses Abenteuer, die anderen kämpfen um Sorgerechte und Alimente. Und Alexander sagt:

„Wenn ich meinen geistigen Zustand definieren sollte, würde ich sagen, ich lebe in ständiger Ungeduld und zugleich in großer Erschöpfung. Eine Art angeleintes Pferd, das sich wild galoppierend tiefer und tiefer in den Sand unter ihm arbeitet.“

Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 650 Seiten, €25,00, 978-3-257-06998-3

„Die Welt hatte keinen Platz für ihn.“

Der achtzehnjährige Ukrainer und Jude Boris Sidis kommt am 5. Oktober 1886 in der Neuen Welt an und wirft alles, was er hat, auch sein Geld, einfach fort. Frei sein will er und landet in Manhattan in der Hölle, denn Boris verfügt zwar über Sprachkenntnisse, kennt aber kein englisches Wort und hat nie körperlich hart gearbeitet. Schwer schuften muss er nun, um nicht unterzugehen und er muss viel einstecken. Aber Boris verblüfft den Leser durch seinen enormen Drang nach Bildung, aber auch seine kompromisslose, taktlose und vor allem direkte, ignorante wie ehrliche Art auf Menschen zuzugehen. Absolut kopfgesteuert in allem was er tut, ist er fasziniert von Büchern, er ist ein kluger Mensch und ein begnadeter Lehrer. Eine seiner Schülerinnen ist Sarah Mandelbaum, ebenfalls aus der Ukraine emigriert. Sie ist nie in die Schule gegangen und will trotzdem ihrem harten Los als ungebildete Arbeiterin entfliehen. Sie verliebt sich in Boris, aber dieser sieht sie zuerst nur als sein Versuchsobjekt. Und doch, sie werden heiraten, denn Boris hat sich geschworen, er wird aus dieser Frau eine Akademikerin machen. Sarah wird Medizin studieren und dem unpraktischen Boris, wenn es sein muss, den Kopf zurechtstutzen, denn für ihn hat materielle Sicherheit keinen Wert, für sie, die in Armut leben musste, schon. Als Freigeist, der immer nur nach vorn schaut, hasst er regelmäßige Arbeit. Bei allen Fähigkeiten, die Boris nun im Laufe der Jahre sammelt, entscheidet er sich endlich für den Beruf des Psychologen, nachdem er ein Buch seines Idols, Prof. James, gelesen hat. Er arbeitet in New York am Pathologischen Institut of the New York State Hospitals for the Insane und muss sich auch hier gegen viele Widerstände durchsetzen. Boris überzeugt immer wieder durch seinen klaren Verstand, seine Bildung und vor allem seinen Enthusiasmus, wenn er sich für ein Thema begeistern kann. Auch sein Sohn Billy, eigentlich William James, das Genie, wird alle diese Eigenschaften vom Vater erben. Auch Billy wird zum Forschungsprojekt des Vaters, der mit seiner Erziehungsmethode beweisen will, wie schnell ein Kind lernen kann, wenn es nur gefördert wird. Vom ersten Tag, an dem Billy auf der Welt ist, wird er von Vater und Mutter unterrichtet. Zu diesem Zeitpunkt lallt er noch Babysprache.

„Boris setzte sich eine Pelzkappe auf, wie immer, wenn er bei der abendlichen Konversationsstunde das Russische an der Reihe war. Das sollte William die Ordnung im Kopf erleichtern. Ein Bowlerhut stand für Englisch, eine Baskenmütze für Französisch, ein Filzhütchen für Deutsch und die Pelzkappe eben für Russisch. Diese vier Sprachen waren als Grundlage erst einmal genug, befand Boris. … Man durfte seine Kind nicht durch überhöhte Erwartungen unter Druck setzen.“

Billy wird behandelt wie ein Erwachsener. Es gibt kein Verhätscheln, keine Babysprache und offenbar wenig emotionale Zuwendung. Bereits als Kleinkind ist der Junge ein unausstehlicher, altkluger Besserwisser, der ein enormes Allgemeinwissen angehäuft hat, aber keinen Ball werfen kann.
Er liebt es, Straßenbahn zu fahren, hat aber keine Ahnung, wie man mit Kindern spielt. Boris entwickelt für ihn Spielzeug, mit dem er automatisch auch etwas lernt. Mit seinem trainierten Gehirn, Lügen sind ihm ein Graus, lebt der Junge mit seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner Selbstgewissheit wie ein Autist, der von der Außenwelt und gesellschaftlichen Regeln keine Ahnung hat. Erste erhebliche Einbrüche muss er hinnehmen, als er die Grundschule besuchen muss. Es fehlt ihm an mathematischen Kenntnissen, eine Tatsache, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes krank macht. Sein Vater schließt für ihn die Lücke und entdeckt, wie begabt der Junge auch auf diesem Gebiet ist.

Klaus Cäsar Zehners Sprache ist von großem erzählerischem Reichtum. Atmosphärisch genau und szenisch klar vorstellbar entfaltet er das Leben der Familie Sidis vor den Augen des Lesers. Besonders tragikomisch sind die Momente, in denen der Vater gegen die Regeln des Bildungssystems in den USA Sturm läuft und kein Blatt vor den Mund nimmt und Billy ehrwürdige Herren und deren Aussagen ins Lächerliche zieht. Das Wunderkind durchläuft die Schule, es war nicht anders zu vermuten, mit vielen Kränkungen und Schlägen in nur sieben Monaten. Ständig leben die Lehrer in der Angst, dass Billy inmitten seiner um Jahre älteren Mitschüler, er wechselt wie im Flug die Klassen, ihnen einen Fehler nachweisen könnte. Mit sieben Jahren beginnt Billy, seine ersten wissenschaftlich unterfütterten Bücher zu schreiben, eine neue Sprache zu erfinden, die sogar zu hoch für den Vater ist, und mit elf Jahren wird er sein Harvard Studium aufnehmen. Ein Kind in kurzen Hosen, das vor der Aufnahme in die Uni im Mathematischen Klub vor illustren Professoren über vierdimensionale Körper doziert, ist eine Sensation. Allerdings verfügt Billy auch über gründliche Kenntnisse der Anatomie, Politik, Wirtschaft, Jura, Philologie, Geschichte und Astronomie. Billy wirkt unter all den Studenten, wie das naive Kind, das wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ einfach immer das sagt, was der klare Verstand ihm eingibt, auch in den unpassendsten Momenten.

Billys Hochbegabung zieht auch die Presse an, die über ihn schreibt, aber nicht über die Erziehungsmethode des Vaters, was diesen sehr verärgert. Billy jedoch sieht sich nicht als „Produkt seiner Erziehungsmethode“, er beginnt darüber nachzudenken, was für ein Mensch er sein will. Er stellt Regeln für sein Leben auf, auch moralische und an diesen wird er als Pazifist zu Beginn des 20.Jahrhunderts kläglich scheitern. Zwischenzeitlich arbeitet er als Versicherungsangestellter oder Straßenbahnschaffner und fühlt sich glücklicher als in jeder akademischen Einrichtung. Billy entdeckt seine Zuneigung zu Katzen und sogar entgegen seinen Lebensregeln zu einer Frau, die ihn allerdings nicht liebt. Und er ahnt, warum das Erziehungsprojekt seines Vaters gescheitert ist.

„ Nicht an ihm, William, auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt.“

Immer auf der Flucht vor der Presse, ohne Kontakt zu seiner hartherzigen Mutter, den er abgebrochen hat, scheint William James Sidis Leben einst ohne Erfolg gewesen zu sein. Aber für ihn war es das sicher nicht. 1944, im Alter von 46 Jahren, stirbt William James Sidis an einer Gehirnblutung.

Klaus Cäsar Zehrer zieht den Leser, auch wenn das eine abgedroschene Floskel ist, von der ersten bis zur letzten Seite in die unglaubliche Lebensgeschichte der Familie Sidis hinein. Selten wurde so lebendig und witzig über die Lust an der Bildung erzählt. Stellenweise muss man laut lachen, wenn der kluge Knirps oder auch „Erklärzwerg“ die Erwachsenen unfreiwillig vorführt, stellenweise spürt der Leser aber auch die innere Tragik und Qual des William James Sidis, für den es keine Normalität gab.

„Das perfekte Leben, dachte er lächelnd. Um das perfekte Leben zu führen, muss man sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Das hatte er schon als Heranwachsender gewusst.“

Eins zwei drei Vampir

Nadia Budde: Eins zwei drei Vampir, Pappband, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2018, 20 Seiten, €13,00, 978-3-7795-0585-3

„Launisch fröhlich nett Skelett“

Vor 18 Jahren erschien das sensationelle Bilderbuch „Eins zwei drei Tier“ der noch unbekannten Berliner Illustratorin und Buchmarktdebütantin Nadia Budde. Begeistert wurde es von der Kritik und vor allem von Kindern aufgenommen, die die seltsam schrägen Tierfiguren und holpernden Reimereien liebten. Kein Buch wurde, einmal ins Herz geschlossen, so zerfleddert durch mehrmaliges Durchblättern, mit ins Bett nehmen und herumtragen, wie dieses. Ein absolutes Unikat nach wie vor im Meer der durchaus beachtenswerten Bilderbuchveröffentlichungen in Deutschland.
Übersetzungen des Bilderbuches, z.B. ins Englische, Portugiesische, Koreanische, Französische, Italienische, Polnische, Spanische und Galizische mit gleichem Erzählprinzip, drei Wortgruppen erklingen und dann reimt sich das letzte Wort und wieder beginnen mit dem Wort Reimreihen, deren letztes Wort sich auf ein Wort reimt usw., sind erschienen. Zeit ist ins Land gegangen, neue Bilderbuchprojekte folgten und nun hat Nadia Budde, längst etabliert, wieder nach dem alten Erzählprinzip ein Reimbuch vorgelegt.

Im neuen Pappbilderbuch werden keine Tiere vorgeführt und mit Reimworten ausgestattet, sondern großäugige Gruselfiguren. Skurril und humorvoll reihen sich die Monster von Tarantel über Skelett bis Monster unter dem Bett aneinander. Riesen in unterschiedlicher Bekleidung, Skelette in witzigen T-Shirts, Vampire mit ihren Lieblingseinhörnern und Ungeheuer von damals, gestern und heute entpuppen sich als ganz normale Monster von nebenan.

Die am Computer entworfenen gruseligen Ungeheuer, die am liebsten vor sich hin grinsen, machen Kindern keine Angst, ganz im Gegenteil. Sie regen zum Dichten und Herumblödeln mit Kindern ein.

Wunderbar leicht reihen sich die Wortkaskaden in „Eins zwei drei Vampir“ aneinander und regen dazu an, in den alten Bilderbüchern wieder nach „Eins zwei drei Tier“ zu suchen.

Invisible

Ursula Poznanski, Arno Strohgelb: Invisible, Wunderlich Verlag bei Rowohlt Verlag, Reinbek 2018, 366 Seiten, €14,99, 978-3-499-27092-5


„Aber es muss jemanden geben, der sie alle kennt. Die Opfer, die er tot sehen möchte. Und die Täter, bei denen er genau weiß, wie er sie anpacken muss, um sie zur Weißglut zu bringen.“

Die Hamburger Ermittler Daniel Buchholz und Nina Salomon stehen vor einem Rätsel. In mehreren Fällen tötet ein Mensch einen anderen, auf den er unsäglich wütend ist. Der Täter verspürt kein Unrechtsbewusstsein und ist der Meinung, er habe das Recht den anderen umzubringen oder handele in Notwehr, da dieser ihn bis aufs Blut gemobbt, gestalkt und geärgert hat. Die Täter fliehen auch nicht, sondern warten auf die Polizei. Als ihnen jedoch vor Augen geführt wird, dass das Opfer ihnen nie etwas getan hat, sondern Hassmails von den Tätern selbst geschrieben wurden, versteht niemand mehr, was eigentlich los ist. Buchholz und Salomon suchen verzweifelt nach einem logischen Zusammenhang zwischen den unerklärlichen Taten, zumal die Gefahr besteht, dass diese Tötungsform immer wieder stattfinden kann. Die Stimmung zwischen beiden Kommissaren ist angespannt. Nina Salomon versucht ständig, ihren Partner zum Reden zu bringen. Als Daniel Buchholz sein Schweigen bricht, ist Nina skeptisch. Daniels neue Freundin Isabell, die er kaum kennt, ist schwanger. Angeblich hat sie die Pille genommen, hatte aber dann einen Magen-Darm-Infektion. Daniel weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Als Nina Isabell kennenlernt, hat sie ein ungutes Gefühl. Schnell stellt sich heraus, dass Isabell Daniel angelogen hat. Ihre Schwangerschaft war nur vorgetäuscht. Nach diesem Vertrauensbruch will Daniel keinen Kontakt mehr zu Isabell, die nun Daniel und Nina mit fiesen SMS Nachrichten attakiert.
Innerhalb der Abteilung wurde ein neuer Kommissar, Philipp Hanke, eingestellt, der sich augenscheinlich für Nina interessiert. Daniel mag den neuen Kollegen überhaupt nicht. Jetzt ist es Daniels Bauchgefühl, dass richtig ist. Hanke soll insbesondere Nina überwachen, was er ihr auch irgendwann frech ins Gesicht sagt.

Die Themen dieses Thrillers sind gesetzt. Es geht um Manipulation und Kontrolle, aber auch um Lügen und vor allem um Rache. Wer steckt hinter den fiesen Morden? Ein Arzt tötet seinen Patienten, Leute werden auf dem Zebrastreifen einfach umgefahren, Menschen erschlagen andere auf brutalste Weise. Wie schnell kann ein Mensch wirklich Mordfantasien haben und diese dann auch in die Tat umsetzen? Immer greift doch auch ein Tötungshemmung. Diese scheint, wie auch immer außer Kraft gesetzt worden zu sein. Steckt ein Psychologie hinter all den Taten? Wie kann es sein, dass Menschen sich gegenseitig umbringen und ein Dritter sitzt irgendwo und schaut nur zu.
Ist es ein Mentalist, der seine „Zaubertricks“ auf zynische Weise testet? Doch wie gelangt man an die persönlichen Daten von ganz normalen Bürgern, wie kommt man dermaßen nah an seine Täter und Opfer heran?

Facebook und der muntere Datenhandel lassen grüßen!
Ziemlich aktuell inszeniert das bewährte Autorenduo Arno Strobel, selbst IT-Fachmann, und Ursula Poznanski ein Horrorszenario, dass nicht nur die Ermittler erschauern lässt. Lange wird es im Handlungsverlauf dauern, bis beide eine wahre und brauchbare Spur entdecken und erkennen, was es mit dem „Unsichtbaren“ auf sich hat. Die letztendliche Erklärung und zugleich Aufklärung der perfiden Mordfälle, die doch alle auf ein Geschehnis in der Vergangenheit zurückgehen, bleibt leider etwas dünn und schwer nachvollziehbar. Bleibt doch die Frage, wie lenkbar und gläsern Menschen wirklich sind?

Und doch ist dieses Gedankenspiel, auch im Zuge der weltweiten Manipulationen der Wahlen, nicht so abwegig, wie man vielleicht im ersten Moment glaubt.
Aus zwei Perspektiven erzählen die Autoren ihren Roman und bleiben, wenn es gerade um die privaten Geschichten geht, nah am Leben.

Bis zum Himmel und zurück

Catharina Junk: Bis zum Himmel und zurück, Kindler Verlag, Reinbek bei Hamburg, Hamburg 2018, 352 Seiten, €17,95, 978-3-463-40694-7



„Ich bin nach Italien gekommen, weil ich dachte, nein, weil ich hoffte, dass es für das Abtauchen meines Vaters eine Erklärung gibt. Eine die rückwirkend den Schmerz mildert und mir bestätigt, dass es niemals etwas damit zu tun hatte, dass er mich nicht genug liebte oder mir die Schuld an Linas Tod gab.“

Die leicht übergewichtige Drehbuchautorin Katja, die sich nur von Toastbrot mit Schokoaufstrich und eiskalter Cola mit Eiswürfeln ernährt, bekommt einen sagenhaften Auftrag. Sie soll eine Serie, nun gut nicht für Netflix, aber doch fürs Fernsehen über eine Familie konzipieren und ein erstes Drehbuch schreiben. Dabei hat sie, die in Hamburg lebt, Ironie des Schicksals, weder ein funktionierendes Familienleben noch Kontakt zu ihren Eltern. Der Vater lebt in Bremen, die Mutter in Florenz.
Hinter der fröhlich witzigen Ausgangssituation, immerhin schreibt die Autorin bereits jahrelang für eine Serie, die sie nicht mal mag, geschweige denn im Fernsehen sieht und auch noch einen hyperaktiven Freund hat, der je hektischer er wird, sie in einen unsagbar entspannten Langsamkeitsmodus versetzt, entwickelt sich eine tragische Leidensgeschichte.

Catharina Junk vermischt den satirischen Blick auf das Fernsehbusiness mit der Biografie ihrer Protagonistin. Katja entwirft eine Familienstory, die schon x-mal zu sehen war und doch verbirgt sich im Text ihre eigene Geschichte.
In Rückblenden erfährt der Leser, was geschah, als Katja zwölf Jahre alt war und ihre Eltern in jeder Beziehung versagten. Von einem Tag auf den anderen zerbricht eine relativ intakte Familie.
Katja hat ihren Vater, der nun im Koma liegt, seit vierzehn Jahren nicht mehr gesprochen, der Kontakt zur Mutter brach vor sieben Jahren ab. Als noch alles im Lot war, hatte Katja eine jüngere Schwester, Lina. Durch tragische Umstände und einen Unfall stirbt das Mädchen mit neun Jahren.
Katjas Mutter verliert sich immer wieder in Alkoholexzessen, der Vater gründet eine zweite Familie. Und dann eines Tages steht Katjas Halbschwester Jella vor der Tür und lässt sich nicht abwimmeln.

Anteil nehmend und vor allem auch drastisch erzählt die Autorin vom Leidensweg Katjas, die sich damals ein Kind noch die Schuld am Tod der Schwester gibt. Auch wenn sie in der Jugendpsychiatrie landete, konnte ihr niemand diese Gedanken nehmen. Wohl fühlt sie sich nur, wenn sie sich ritzen kann, sich spüren kann und somit auch bestrafen. Mit achtzehn Jahren verlässt sie ihr Zuhause, denn mit der alkoholabhängigen Mutter kann sie nur untergehen. Stark ist dieses Mädchen einerseits, aber auch scheu und in ihrem Job eher introvertiert als gesellig.
Die gesamte Familientragödie wird dem Leser offenbart und dazu auch noch eine Liebesgeschichte mit dem Bruder ihrer Halbschwester Jella. Das ist dann aber auch des Guten zu viel, denn alle emotionalen Achterbahnen, die Katja in kürzester Zeit nebst Drehbuchentwicklung durchstehen muss, reichen bereits für eine ergreifende Geschichte, die den Leser nicht herunterzieht und vor allem Mut machen kann.

Könnte Katja nicht bei ihrer Freundin Alexa alles abladen, sie würde dem Gefühlsstau nicht standhalten und irgendwann zusammenbrechen. Wie allein die verantwortlichen Erwachsenen das Kind Katja gelassen haben, wird im Laufe der Handlung immer deutlicher. Ihre trockene Art mit den Geschehnissen umzugehen, wirken wie ein Schutzschild, aber auch ein Ventil, um einfach durchatmen zu können. Dass sie sich am Ende von den Filmleuten das Brot nicht von der Butter nehmen lässt, tut gut.

Nicht rundum gelungen ist diese Romanhandlung zwischen Tragik und Komik, unterhaltsam ist sie mit Abstrichen allemal.

So also endet die Welt

Philip Teir: So also endet die Welt, Aus dem Finnlandschwedischen von Thorsten Arms, Blessing Verlag, München 2018, 300 Seiten, €20,00, 978-3-89667-606-1



„Sie dachte, dass dies der schlimmste vorstellbare Verrat war: sich fortzusehnen. Und sie war sich nicht einmal sicher, dass es so war, vielleicht ging es bei ihrer Einsamkeit um etwas ganz anderes, etwas vage Existenzielles; der unheilbare Überdruss der Moderne.“

Nach außen hin wirken Julia, Erik und die Kinder Anton und Alice wie eine rundum glückliche finnische Familie. Gemeinsam können sie nun zwei Monate im lang nicht bewohnten und alten Sommerhaus der Familie Urlaub am Meer machen. Früh haben Erik und Julia geheiratet, denn Alice hatte sich angekündigt. Wie immer hat Julias Mutter Susanne die Dinge in die Hand genommen und gemanagt. Bis heute, Julia ist mittlerweile sechsunddreißig Jahre alt und Alice ist dreizehn, mischt sich Susanne ungebeten in alles ein und Julia kann einfach keine Distanz herstellen.
Aber nun in der Natur und der handyfreien Zone rund ums Sommerhaus kann Julia entspannen. Gut, ihre Mutter wird, da sie und der Vater von Julia nicht weit entfernt wohnen, sie bald besuchen, aber sei es drum. Julia will die Zeit nutzen, um ihren zweiten Roman zu schreiben. Ihr Debüt bekam gute Kritiken. Erik hingegen kann die freien Tage kaum genießen, denn ihm wurde per Telefonat seine Entlassung als IT-Experte eines Warenhauses angekündigt. Schon lang hat es rumort, aber Erik war sich seiner Arbeit sicher. Ein gutes halbes Jahr wird die Abfindung reichen, aber dann wankt die Existenz der Familie.

Im gedanklichen Wechsel kommen alle Familienmitglieder zu Wort. Jeder betrachtet aus seiner Perspektive die gemeinsamen Tage, die kaum als Familienurlaub bezeichnet werden können.

Julia fühlt sich einsam und spielt, ohne von Eriks beruflicher Situation eine Ahnung zu haben, ihr Leben als Alleinerziehende durch. Alice ist mitten in der Pubertät und kaum erträglich und Anton fühlt sich unsicher, er hat Angst in der offenen Natur, im Wald, am Meer. Erik fühlt sich irgendwie zur stillen Nachbarin Kati hingezogen, die ihn aber kaum beachtet. Als Eriks labiler Bruder Anders von einem Vietnam-Trip, den Heimflug zahlt Erik, zurückkehrt und im Sommerhaus kurz unterkommen will, sind alle einverstanden. Nur Erik passt nicht, dass sich ausgerechnet Anders, der nie weiß, was er wirklich mal mit seinem Leben anstellen soll und ständig auf der Suche nach sich selbst ist, sich mit Kati anfreundet.
Und dann treffen Erik und Julia auch noch in Nebenhaus eine Gruppe von Leuten, die sich „die Bewegung“ nennt. Sie sind Umweltaktivisten, die der Meinung sind, jegliches Engagement für den Erhalt der Welt ist sinnlos, man müsse sich auf das Ende und das Leben nach einer Katastrophe einstellen, d.h. ein Leben ohne Technik und materiellen Wohlstand. Das anführende Ehepaar sind Chris, ein gut betuchter Schotte, und Marika, eine ehemalige Jugendfreundin von Julia, die auch verfremdet in Julias Debütroman auftaucht.

Auffällig ist, dass in diesem Roman enorm viel getrunken wird, ein finnisches Phänomen oder einfach nur ein Klischee. Auch die Kinder, der Sohn von Chris und Marika, der dreizehnjährige Leo freundet sich mit Alice an. Auch wenn Anton sich mit den beiden nicht wohl fühlt, muss er Zeit mit ihnen verbringen. Was machen die Kinder? Sie trinken Bier und harten Alkohol. Kein Erwachsener bemerkt die ausgetrunkenen Flaschen.
Jeder der Erwachsenen ist nur mit sich beschäftigt und nach und nach blättern die Fassaden. Bewunderte Julia kurzzeitig auch mit klarem Blick Chris, so stellt sich heraus, dass er und seine Frau von einem Lebensmodell zum nächsten springen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Kind. Leo äußert sein Unbehagen an den ständigen Ortswechseln und Unsicherheiten. Moralisch zweifelhaft umgibt sich Chris mit jungen Frauen, die er finanziell unterstützt und mit denen er im Beisein Marikas eine Affäre hat. In dem Moment, wo Marika das Ende dieser demütigenden Beziehung fordert, wird Chris brutal. Auch Erik, dessen Selbstbewusstsein durch die Kündigung gelitten hat, zweifelt an seiner Ehe mit Julia, die zu früh geschlossen, nichts Neues mehr bietet. Erik fährt nach Helsinki und trifft sich mit einem ehemaligen Partner, der nun, da er sich mit einem Start up – Unternehmen selbstständig gemacht hatte, steinreich ist. Erik ist damals zu früh ausgestiegen, da er mit seiner kleinen Familien keine Risiken mehr wagen konnte. Aber auch Multimillionär Martin hat seine Probleme und muss Leute entlassen.

Philip Teir spielt wie in seinem Roman „Winterkrieg“ auch hier unterschiedlichste Lebensmodelle der Mittelschicht auf der Suche nach dem Lebenssinn durch. Er beleuchtet eine situierte, aber verunsicherte Gesellschaft, die am eigenen Leben zweifelt, nach Sicherheit sucht und diese vielleicht doch in der Familie finden könnte.

Dunkles Arles

Cay Rademacher: Dunkles Arles, Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc, DuMont Buchverlag, Köln 2018, 351 Seiten, €15,00, 978-3-8321-9875-6



„Blanc lehnte sich in seinem Stuhl zurück. In diesem Moment hatte er das trostlose Café, das graue Wetter, hatte er seine Müdigkeit und seine Schmerzen und beinahe sogar Aveline vergessen. Da war nur das animalische Glück der Jagd, der richtige Instinkt.“

Als sich Roger Blanc im November als Privatperson nach Arles begibt, ahnt er nicht, dass sein geplantes romantisches Wochenende mit der Richterin Aveline Vialaron-Allégre, verheiratet mit einem ständig abwesenden Staatssekretär, zu einem Lauf gegen die Zeit wird. Bei ihrem unverfänglichen Treffen im berühmten Amphitheater in Arles wird Aveline Zeuge eines Verbrechens. In letzter Sekunde kann Blanc Aveline vor dem Mörder schützen, der ihr jedoch wichtige Unterlagen entreißt, die sie bis Sonntagabend unbedingt zurückhaben muss. Das Opfer der Attacke ist der Geschichtslehrer Thierry Gravet, der in die Tiefe stürzt. Aveline muss untertauchen und darf auf keinen Fall als Zeugin aussagen, denn ihr Mann würde sie garantiert fragen, was sie in Arles zu suchen hätte. Die örtliche Polizei verhört Blanc. Commissaire Lizarey jedoch ist misstrauisch. Seltsamerweise hatte Blanc seinen Partner, den nicht gerade erfolgreichen Marius Tonon, der angeblich eine Entziehungskur macht, im Amphitheater gesehen. Blanc, der eigentlich aus Paris stammt und als Korruptionsermittler arbeitete, wurde in den Süden zwangsversetzt. Geschieden und ohne wirklich engen Kontakt zu seinen Kindern wohnt er nun in einer Ölmühle in der Provence.

Ohne großes Aufsehen zu erzeugen, muss Blanc natürlich aus großer Liebe zur Richterin, ihre Tasche zurückerobern. Er ahnt nicht, worauf er in Arles hinter dem Rücken der Polizei stoßen wird.
Erste geheime Ermittlungen, etwas Hilfe bekommt Blanc von seiner jungen Kollegin Fabienne, ergeben, dass der Geschichtslehrer Gravet der hiesigen Kulturdezernentin vom Front Nationale, Hélène Pelherbes, in die Quere gekommen ist. Sie will in einer Pressekonferenz und vor einem Filmteam eine neues Fundstück der einst antiken Stadt Arles präsentieren. Doch die sogenannte Venus von Arles ist, so Gravet, eine Fälschung. Hélène Pelherbes jedoch, durch einen Affront von Paris in den Süden degradiert, sieht nur ihre politische Aufstiegschance, wenn sie Erfolge vorweisen kann. Die Venus könnte der Beginn einer neuen Karriere sein.
Blanc erkennt nach und nach wie die korrupte Polizei, ehrgeizige Politiker und ein Sicherheitsdienst, der sich aus extrem Rechten zusammensetzt, in Arles Schicksal spielt.
Den gezielten Betrug kann Blanc nicht nachweisen, zumal er in dieser Region nichts zu sagen hat, aber er kann die Beteiligten aufschrecken und beunruhigen.
Als dann aber noch ein Mord geschieht, wird es langsam brenzlig für den Flic und die Richterin.

Ein nicht mehr ganz junger aber engagierter Polizist jagt nun durch eine alte Stadt, deren antikes Erbe ihr wertvollstes Gut und ein Touristenmagnet ist. Als klar wird, dass der Tote kein Querulant war und bestimmten Leuten einfach nur im Weg stand, erwacht Blancs Ermittlerinstinkt. Mit seiner Geliebten, die ihn konsequent siezt, wagt er sich in die Höhle des Löwen und muss zu ungewöhnlichen Mitteln greifen, um den Mörder zur Strecke zu bringen.

Entstanden ist ein unterhaltsamer, klug konstruierte Krimi, in dem die Frage, wer ist der Mörder nicht im Vordergrund steht, keine Pathologen auftauchen und ansonsten Polizeiarbeit mal ganz anders vorgeführt wird. Als malerische Kulisse ist Arles der beste Hintergrund und die politische Lage in Südfrankreich wird nicht ignoriert, sondern geschickt in die Handlung eingebaut.

Die letzte Stunde

Minette Walters: Die letzte Stunde, Aus dem Englischen von Sabine Lohmann und Peter Pfaffinger, Heyne Verlag, München 2018, 654 Seiten, €22,00, 978-3-453-27168-5

„Er kannte nichts, was so viele Menschen innerhalb eines einzigen Tages dahinraffte – außer dem Krieg.“

Als die “Queen of Crime“ hat sich Minette Walters nach einer Schreibpause, um sich den Söhnen und der Familie zu widmen, nun einem neuen Genre zugewandt. Allerdings geschieht auch in ihrem voluminösen, historischen Roman, dessen Handlung sich rund um die ausbrechende Pest im Juli 1348 dreht, ein Mord. Als Minette Walters vor zwanzig Jahren ins südenglische Dorseteshire zog, wurde ihr erzählt, dass es auf ihrem Grundstück einst eine Pestgrube gab. Diese Tatsache ließ die bekannte Autorin nicht los und so begann sie zu recherchieren. Sie erzählt in ihrem Roman vom Ausbruch der Seuche, die angeblich mit einem Schiff in Melcombe eingeschleppt wurde.
Der Schwarze Tod greift rasend schnell um sich und erreicht Sir Richard, der Develish verlassen hatte, um für seine vierzehnjährige Tochter Eleanor einen Ehevertrag in der angrenzenden Grafschaft auszuhandeln. Seine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau, Lady Anne, gebildet und gutherzig, erkennt auch durch ihre Erfahrungen, die sie im Kloster sammeln konnte, die Gefahr, die auf sie und die zweihundert Leibeigenen zukommt.

Kurzerhand kappt sie den Zugang zum Herrenhaus und verschanzt sich mit Eleanor und den Leibeigenen hinter hohen Mauern. Gegen den Widerstand ihrer beschränkten, egoistischen und selbstsüchtigen Tochter entwickelt sie eine Überlebensstrategie. Ihrem ungeliebten, brutalen und rücksichtslosen Mann weint sie keine Träne nach. Der pausenlos betrunkene Pater Anselm mischt sich nicht ein und so ernennt sie den Leibeigenen Thaddeus Thurkell zu ihrem Verwalter und setzt somit die feudalistische Ständegesellschaft außer Kraft. Als Thaddeus seine Bruder Jacob erschlagen vorfindet, behauptet er, dass der Junge sich bei einem dummen Spiel mit dem Messer selbst umgebracht hätte. Er ahnt allerdings, wer Jacob auf dem Gewissen hat. Eleanor, die sich angeblich nie mit Leibeigenen abgeben würde, hatte die jungen Männern gegeneinander aufgehetzt. Sie hat besondere Freude daran, Untergebene auszupeitschen. All ihr Hass gilt Thaddeus. Auf dem engen Raum jedoch muss Frieden unter den Leibeigenen herrschen. Außerdem muss die Versorgung mit Vorräten in Angriff genommen werden. Mit fünf Jugendlichen begibt sich Thaddeus nach einer gewissen Zeit auf die Suche nach Lebensmitteln, ohne Lady Anne davon zu berichten.
Innerhalb der anschaulich und spannend geschriebenen Handlung finden sich immer wieder auch Tagebucheintragungen von Lady Anne und treiben den Fortgang der Geschichte voran.

Als Eleanor ihre Dienerin Isabella mit eine Nadel schwer verletzt, kann Lady Anne nicht mehr schweigen. Sie klärt Eleanor darüber auf, dass sie nicht ihre Mutter ist, Sir Richard allerdings ihr Vater. Klar ist auch, dass die Grafschaft weder an Lady Anne noch an Eleanor gehen wird. Ein Vetter von Sir Richard wird, sollte er noch leben, sich des Eigentums am Land und Leuten bemächtigen. Eleanor kann eventuell auf eine Heirat hoffen oder ins Kloster gehen.
Lady Anne ist weder zum einen noch anderen bereit. Sie erklärt den Leibeigenen, die sie respektieren und ihre Fähigkeiten schätzen, dass sie einen eigenen Weg auch mit ihnen suchen würde. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, wie es außerhalb der Grafschaft aussieht. Lady Anne hofft auf das Chaos, dass wohl herrschen mag. Der einstige Verwalter von Sir Richard hört diese ketzerischen Ideen von Lady Anne mit Entsetzen:

„Er hatte schon einigen Frevel aus dem Mund dieser Frau vernommen, aber das hier war bislang der schlimmste! Weit entfernt davon, ihre Tochter zu entschuldigen, stachelte sie das Volk jetzt zum Aufruhr an! Begriffen ihre Leibeigenen nicht, was es bedeutete, den Treueid zu brechen?“

Eins kann Minette Walters auf jeden Fall, spannend und unterhaltsam schreiben, und doch hätten ein paar Kürzungen der Handlung gutgetan. Als starke und ja sehr moderne Frau steht die achtungzwanzigjährige Lady Anne im Zentrum der Handlung. Wie sie sich entscheiden wird, erzählt Minette Walters im nächsten Band.

Kleine Feuer überall

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018, 384 Seiten, €22,00, 978-3-423-28156-0



“Sie hatte, kurz gefasst, alles richtig gemacht und sich ein gutes Leben aufgebaut, ein Leben, wie sie es sich wünschte, wie alles es sich wünschten. Und jetzt kam diese Mia, eine vollkommen andere Frau mit einem vollkommen anderen Lebensstil, die sich ohne Entschuldigungen ihre eigenen Regeln setzte.”

Sommer 1997, Ort: Shaker Heights / Cleveland: Einst lebten hier die Shaker, die der Meinung waren, der Schlüssel zur Harmonie seien „Ordnen und Verordnen“, kurz gesagt Regeln. Geblieben sind die Regeln, an die sich die braven Bewohner des wohlhabenden Ortes alle halten, bis ja bis etwas geschieht, womit niemand gerechnet hätte. Das große Haus der untadeligen Familie Richardson geht in Flammen auf, angezündet von der jüngsten Tochter Izzy. Aber die Richardsons haben ja noch ein Haus, das sie eigentlich vermieten. Doch ihre Mieter wurden vertrieben und damit hat nur Mrs. Richardson etwas zu tun und das ist auch der Grund, warum Izzy ihr Zuhause abgefackelt hat.

Rückblick: Mia und ihre fünfzehnjährige Tochter Pearl führen ein Vagabundenleben. Sie reisen von Ort zu Ort, wenn Mia als Fotografin und Künstlerin neue Inspirationen sucht, werden alle Sachen in den alten Golf gepackt und es geht weiter. Noch kann sie nicht von ihren Kunstobjekten leben, die sie ab und zu durch eine Galeristin in New York verkaufen lässt, aber bald wird ihre Kunst anerkannt werden, das glaubt zumindest Pearl und erträgt mit dieser Hoffnung die Ortswechsel. Doch nun wollen die beiden für immer in Shaker Heights bleiben. Sie ziehen in das Haus der großzügigen Mrs. Richardson und als diese mitbekommt, dass Mia niedrig bezahlte und zeitraubende Jobs annimmt, um die Miete zahlen zu können, bietet sie ihr einen Putzjob bei sich an. Zu diesem Zeitpunkt jedoch ist Pearl bereits mit Moody, dem Sohn der Richardsons gut befreundet und in Trip, den ältesten Sohn der Richardsons verliebt. Sie mag Lexie und Izzy, die jüngste Tochter der Richardsons. Diese fühlt sich zur unkonventionellen Mia hingezogen. Das Verhältnis zwischen Izzy und ihrer Mutter ist nicht das beste. Allen Frust lädt die als Journalistin arbeitende Mutter ohne allzu großen Stress auf die Tochter ab. Nicht nur die Mütter – Töchter – Beziehungen durchziehen wie ein roter Faden die Handlung, im Mittelpunkt steht auch die Frage: Wie will man leben? Ist Mrs. Richardson stolz darauf, eine Familie am immer gleichen Ort, ein Haus und finanzielle Sicherheit zu besitzen, so pocht Mia auf die Freiheit, das zu tun, wozu sie berufen ist. Immer skeptischer betrachtet Mia Pearls enge Bindung an die Familie Richardson, sie hingegen verbringt viel Zeit mit der neugierigen so aus der Art geschlagenen Izzy. Als Mia auf der Arbeit die unglückliche Bebe Chow und ihre Geschichte kennenlernt, versucht sie zu helfen. Sie weiß, dass die Richardson mit der Familie McCullough befreundet sind. Diese wollen ein asiatisches Baby adoptieren, dass eine unglückliche Mutter vor der Feuerwache im Ort abgelegt hat. Die traurige Frau war Bebe, die durch ihre schlechten Sprachkenntnisse und ihre missliche Lage, der Meinung war, sie könne ihr Kind nicht ernähren. Nun hat sie einen Job, lernt Mia kennen und will ihr Kind zurück. Ein heftiger Streit über diesen Fall bricht in fast jeder Familie aus, denn natürlich denkt Mrs. Richardson, das ihrer Freundin nach zehn Jahren ständiger Versuche, schwanger zu werden, das Baby zusteht.
Mia ist da völlig anderer Meinung. Mrs. Richardson fühlt sich nach und nach durch Mias Anwesenheit provoziert. Sie beginnt in der Vergangenheit ihrer Mieterin zu forschen und entdeckt ein Geheimnis.

Celeste Ng erzählt in ihrer fiktiven Geschichte psychologisch überzeugend von ganz unterschiedlichen Figuren, die glauben, alles richtig zu machen. Auch wenn sie sich fremd bleiben, verbindet die Frauen, die Liebe zu ihren Kindern, denen sie nicht immer gut tun.
Gelingt der Einstieg in diesen Roman, dann fesselt die Geschichte ungemein und wirft Fragen auf, die auch heute relevant sind.