Eins zwei drei Vampir

Nadia Budde: Eins zwei drei Vampir, Pappband, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2018, 20 Seiten, €13,00, 978-3-7795-0585-3

„Launisch fröhlich nett Skelett“

Vor 18 Jahren erschien das sensationelle Bilderbuch „Eins zwei drei Tier“ der noch unbekannten Berliner Illustratorin und Buchmarktdebütantin Nadia Budde. Begeistert wurde es von der Kritik und vor allem von Kindern aufgenommen, die die seltsam schrägen Tierfiguren und holpernden Reimereien liebten. Kein Buch wurde, einmal ins Herz geschlossen, so zerfleddert durch mehrmaliges Durchblättern, mit ins Bett nehmen und herumtragen, wie dieses. Ein absolutes Unikat nach wie vor im Meer der durchaus beachtenswerten Bilderbuchveröffentlichungen in Deutschland.
Übersetzungen des Bilderbuches, z.B. ins Englische, Portugiesische, Koreanische, Französische, Italienische, Polnische, Spanische und Galizische mit gleichem Erzählprinzip, drei Wortgruppen erklingen und dann reimt sich das letzte Wort und wieder beginnen mit dem Wort Reimreihen, deren letztes Wort sich auf ein Wort reimt usw., sind erschienen. Zeit ist ins Land gegangen, neue Bilderbuchprojekte folgten und nun hat Nadia Budde, längst etabliert, wieder nach dem alten Erzählprinzip ein Reimbuch vorgelegt.

Im neuen Pappbilderbuch werden keine Tiere vorgeführt und mit Reimworten ausgestattet, sondern großäugige Gruselfiguren. Skurril und humorvoll reihen sich die Monster von Tarantel über Skelett bis Monster unter dem Bett aneinander. Riesen in unterschiedlicher Bekleidung, Skelette in witzigen T-Shirts, Vampire mit ihren Lieblingseinhörnern und Ungeheuer von damals, gestern und heute entpuppen sich als ganz normale Monster von nebenan.

Die am Computer entworfenen gruseligen Ungeheuer, die am liebsten vor sich hin grinsen, machen Kindern keine Angst, ganz im Gegenteil. Sie regen zum Dichten und Herumblödeln mit Kindern ein.

Wunderbar leicht reihen sich die Wortkaskaden in „Eins zwei drei Vampir“ aneinander und regen dazu an, in den alten Bilderbüchern wieder nach „Eins zwei drei Tier“ zu suchen.

Invisible

Ursula Poznanski, Arno Strohgelb: Invisible, Wunderlich Verlag bei Rowohlt Verlag, Reinbek 2018, 366 Seiten, €14,99, 978-3-499-27092-5


„Aber es muss jemanden geben, der sie alle kennt. Die Opfer, die er tot sehen möchte. Und die Täter, bei denen er genau weiß, wie er sie anpacken muss, um sie zur Weißglut zu bringen.“

Die Hamburger Ermittler Daniel Buchholz und Nina Salomon stehen vor einem Rätsel. In mehreren Fällen tötet ein Mensch einen anderen, auf den er unsäglich wütend ist. Der Täter verspürt kein Unrechtsbewusstsein und ist der Meinung, er habe das Recht den anderen umzubringen oder handele in Notwehr, da dieser ihn bis aufs Blut gemobbt, gestalkt und geärgert hat. Die Täter fliehen auch nicht, sondern warten auf die Polizei. Als ihnen jedoch vor Augen geführt wird, dass das Opfer ihnen nie etwas getan hat, sondern Hassmails von den Tätern selbst geschrieben wurden, versteht niemand mehr, was eigentlich los ist. Buchholz und Salomon suchen verzweifelt nach einem logischen Zusammenhang zwischen den unerklärlichen Taten, zumal die Gefahr besteht, dass diese Tötungsform immer wieder stattfinden kann. Die Stimmung zwischen beiden Kommissaren ist angespannt. Nina Salomon versucht ständig, ihren Partner zum Reden zu bringen. Als Daniel Buchholz sein Schweigen bricht, ist Nina skeptisch. Daniels neue Freundin Isabell, die er kaum kennt, ist schwanger. Angeblich hat sie die Pille genommen, hatte aber dann einen Magen-Darm-Infektion. Daniel weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Als Nina Isabell kennenlernt, hat sie ein ungutes Gefühl. Schnell stellt sich heraus, dass Isabell Daniel angelogen hat. Ihre Schwangerschaft war nur vorgetäuscht. Nach diesem Vertrauensbruch will Daniel keinen Kontakt mehr zu Isabell, die nun Daniel und Nina mit fiesen SMS Nachrichten attakiert.
Innerhalb der Abteilung wurde ein neuer Kommissar, Philipp Hanke, eingestellt, der sich augenscheinlich für Nina interessiert. Daniel mag den neuen Kollegen überhaupt nicht. Jetzt ist es Daniels Bauchgefühl, dass richtig ist. Hanke soll insbesondere Nina überwachen, was er ihr auch irgendwann frech ins Gesicht sagt.

Die Themen dieses Thrillers sind gesetzt. Es geht um Manipulation und Kontrolle, aber auch um Lügen und vor allem um Rache. Wer steckt hinter den fiesen Morden? Ein Arzt tötet seinen Patienten, Leute werden auf dem Zebrastreifen einfach umgefahren, Menschen erschlagen andere auf brutalste Weise. Wie schnell kann ein Mensch wirklich Mordfantasien haben und diese dann auch in die Tat umsetzen? Immer greift doch auch ein Tötungshemmung. Diese scheint, wie auch immer außer Kraft gesetzt worden zu sein. Steckt ein Psychologie hinter all den Taten? Wie kann es sein, dass Menschen sich gegenseitig umbringen und ein Dritter sitzt irgendwo und schaut nur zu.
Ist es ein Mentalist, der seine „Zaubertricks“ auf zynische Weise testet? Doch wie gelangt man an die persönlichen Daten von ganz normalen Bürgern, wie kommt man dermaßen nah an seine Täter und Opfer heran?

Facebook und der muntere Datenhandel lassen grüßen!
Ziemlich aktuell inszeniert das bewährte Autorenduo Arno Strobel, selbst IT-Fachmann, und Ursula Poznanski ein Horrorszenario, dass nicht nur die Ermittler erschauern lässt. Lange wird es im Handlungsverlauf dauern, bis beide eine wahre und brauchbare Spur entdecken und erkennen, was es mit dem „Unsichtbaren“ auf sich hat. Die letztendliche Erklärung und zugleich Aufklärung der perfiden Mordfälle, die doch alle auf ein Geschehnis in der Vergangenheit zurückgehen, bleibt leider etwas dünn und schwer nachvollziehbar. Bleibt doch die Frage, wie lenkbar und gläsern Menschen wirklich sind?

Und doch ist dieses Gedankenspiel, auch im Zuge der weltweiten Manipulationen der Wahlen, nicht so abwegig, wie man vielleicht im ersten Moment glaubt.
Aus zwei Perspektiven erzählen die Autoren ihren Roman und bleiben, wenn es gerade um die privaten Geschichten geht, nah am Leben.

Bis zum Himmel und zurück

Catharina Junk: Bis zum Himmel und zurück, Kindler Verlag, Reinbek bei Hamburg, Hamburg 2018, 352 Seiten, €17,95, 978-3-463-40694-7



„Ich bin nach Italien gekommen, weil ich dachte, nein, weil ich hoffte, dass es für das Abtauchen meines Vaters eine Erklärung gibt. Eine die rückwirkend den Schmerz mildert und mir bestätigt, dass es niemals etwas damit zu tun hatte, dass er mich nicht genug liebte oder mir die Schuld an Linas Tod gab.“

Die leicht übergewichtige Drehbuchautorin Katja, die sich nur von Toastbrot mit Schokoaufstrich und eiskalter Cola mit Eiswürfeln ernährt, bekommt einen sagenhaften Auftrag. Sie soll eine Serie, nun gut nicht für Netflix, aber doch fürs Fernsehen über eine Familie konzipieren und ein erstes Drehbuch schreiben. Dabei hat sie, die in Hamburg lebt, Ironie des Schicksals, weder ein funktionierendes Familienleben noch Kontakt zu ihren Eltern. Der Vater lebt in Bremen, die Mutter in Florenz.
Hinter der fröhlich witzigen Ausgangssituation, immerhin schreibt die Autorin bereits jahrelang für eine Serie, die sie nicht mal mag, geschweige denn im Fernsehen sieht und auch noch einen hyperaktiven Freund hat, der je hektischer er wird, sie in einen unsagbar entspannten Langsamkeitsmodus versetzt, entwickelt sich eine tragische Leidensgeschichte.

Catharina Junk vermischt den satirischen Blick auf das Fernsehbusiness mit der Biografie ihrer Protagonistin. Katja entwirft eine Familienstory, die schon x-mal zu sehen war und doch verbirgt sich im Text ihre eigene Geschichte.
In Rückblenden erfährt der Leser, was geschah, als Katja zwölf Jahre alt war und ihre Eltern in jeder Beziehung versagten. Von einem Tag auf den anderen zerbricht eine relativ intakte Familie.
Katja hat ihren Vater, der nun im Koma liegt, seit vierzehn Jahren nicht mehr gesprochen, der Kontakt zur Mutter brach vor sieben Jahren ab. Als noch alles im Lot war, hatte Katja eine jüngere Schwester, Lina. Durch tragische Umstände und einen Unfall stirbt das Mädchen mit neun Jahren.
Katjas Mutter verliert sich immer wieder in Alkoholexzessen, der Vater gründet eine zweite Familie. Und dann eines Tages steht Katjas Halbschwester Jella vor der Tür und lässt sich nicht abwimmeln.

Anteil nehmend und vor allem auch drastisch erzählt die Autorin vom Leidensweg Katjas, die sich damals ein Kind noch die Schuld am Tod der Schwester gibt. Auch wenn sie in der Jugendpsychiatrie landete, konnte ihr niemand diese Gedanken nehmen. Wohl fühlt sie sich nur, wenn sie sich ritzen kann, sich spüren kann und somit auch bestrafen. Mit achtzehn Jahren verlässt sie ihr Zuhause, denn mit der alkoholabhängigen Mutter kann sie nur untergehen. Stark ist dieses Mädchen einerseits, aber auch scheu und in ihrem Job eher introvertiert als gesellig.
Die gesamte Familientragödie wird dem Leser offenbart und dazu auch noch eine Liebesgeschichte mit dem Bruder ihrer Halbschwester Jella. Das ist dann aber auch des Guten zu viel, denn alle emotionalen Achterbahnen, die Katja in kürzester Zeit nebst Drehbuchentwicklung durchstehen muss, reichen bereits für eine ergreifende Geschichte, die den Leser nicht herunterzieht und vor allem Mut machen kann.

Könnte Katja nicht bei ihrer Freundin Alexa alles abladen, sie würde dem Gefühlsstau nicht standhalten und irgendwann zusammenbrechen. Wie allein die verantwortlichen Erwachsenen das Kind Katja gelassen haben, wird im Laufe der Handlung immer deutlicher. Ihre trockene Art mit den Geschehnissen umzugehen, wirken wie ein Schutzschild, aber auch ein Ventil, um einfach durchatmen zu können. Dass sie sich am Ende von den Filmleuten das Brot nicht von der Butter nehmen lässt, tut gut.

Nicht rundum gelungen ist diese Romanhandlung zwischen Tragik und Komik, unterhaltsam ist sie mit Abstrichen allemal.

So also endet die Welt

Philip Teir: So also endet die Welt, Aus dem Finnlandschwedischen von Thorsten Arms, Blessing Verlag, München 2018, 300 Seiten, €20,00, 978-3-89667-606-1



„Sie dachte, dass dies der schlimmste vorstellbare Verrat war: sich fortzusehnen. Und sie war sich nicht einmal sicher, dass es so war, vielleicht ging es bei ihrer Einsamkeit um etwas ganz anderes, etwas vage Existenzielles; der unheilbare Überdruss der Moderne.“

Nach außen hin wirken Julia, Erik und die Kinder Anton und Alice wie eine rundum glückliche finnische Familie. Gemeinsam können sie nun zwei Monate im lang nicht bewohnten und alten Sommerhaus der Familie Urlaub am Meer machen. Früh haben Erik und Julia geheiratet, denn Alice hatte sich angekündigt. Wie immer hat Julias Mutter Susanne die Dinge in die Hand genommen und gemanagt. Bis heute, Julia ist mittlerweile sechsunddreißig Jahre alt und Alice ist dreizehn, mischt sich Susanne ungebeten in alles ein und Julia kann einfach keine Distanz herstellen.
Aber nun in der Natur und der handyfreien Zone rund ums Sommerhaus kann Julia entspannen. Gut, ihre Mutter wird, da sie und der Vater von Julia nicht weit entfernt wohnen, sie bald besuchen, aber sei es drum. Julia will die Zeit nutzen, um ihren zweiten Roman zu schreiben. Ihr Debüt bekam gute Kritiken. Erik hingegen kann die freien Tage kaum genießen, denn ihm wurde per Telefonat seine Entlassung als IT-Experte eines Warenhauses angekündigt. Schon lang hat es rumort, aber Erik war sich seiner Arbeit sicher. Ein gutes halbes Jahr wird die Abfindung reichen, aber dann wankt die Existenz der Familie.

Im gedanklichen Wechsel kommen alle Familienmitglieder zu Wort. Jeder betrachtet aus seiner Perspektive die gemeinsamen Tage, die kaum als Familienurlaub bezeichnet werden können.

Julia fühlt sich einsam und spielt, ohne von Eriks beruflicher Situation eine Ahnung zu haben, ihr Leben als Alleinerziehende durch. Alice ist mitten in der Pubertät und kaum erträglich und Anton fühlt sich unsicher, er hat Angst in der offenen Natur, im Wald, am Meer. Erik fühlt sich irgendwie zur stillen Nachbarin Kati hingezogen, die ihn aber kaum beachtet. Als Eriks labiler Bruder Anders von einem Vietnam-Trip, den Heimflug zahlt Erik, zurückkehrt und im Sommerhaus kurz unterkommen will, sind alle einverstanden. Nur Erik passt nicht, dass sich ausgerechnet Anders, der nie weiß, was er wirklich mal mit seinem Leben anstellen soll und ständig auf der Suche nach sich selbst ist, sich mit Kati anfreundet.
Und dann treffen Erik und Julia auch noch in Nebenhaus eine Gruppe von Leuten, die sich „die Bewegung“ nennt. Sie sind Umweltaktivisten, die der Meinung sind, jegliches Engagement für den Erhalt der Welt ist sinnlos, man müsse sich auf das Ende und das Leben nach einer Katastrophe einstellen, d.h. ein Leben ohne Technik und materiellen Wohlstand. Das anführende Ehepaar sind Chris, ein gut betuchter Schotte, und Marika, eine ehemalige Jugendfreundin von Julia, die auch verfremdet in Julias Debütroman auftaucht.

Auffällig ist, dass in diesem Roman enorm viel getrunken wird, ein finnisches Phänomen oder einfach nur ein Klischee. Auch die Kinder, der Sohn von Chris und Marika, der dreizehnjährige Leo freundet sich mit Alice an. Auch wenn Anton sich mit den beiden nicht wohl fühlt, muss er Zeit mit ihnen verbringen. Was machen die Kinder? Sie trinken Bier und harten Alkohol. Kein Erwachsener bemerkt die ausgetrunkenen Flaschen.
Jeder der Erwachsenen ist nur mit sich beschäftigt und nach und nach blättern die Fassaden. Bewunderte Julia kurzzeitig auch mit klarem Blick Chris, so stellt sich heraus, dass er und seine Frau von einem Lebensmodell zum nächsten springen, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Kind. Leo äußert sein Unbehagen an den ständigen Ortswechseln und Unsicherheiten. Moralisch zweifelhaft umgibt sich Chris mit jungen Frauen, die er finanziell unterstützt und mit denen er im Beisein Marikas eine Affäre hat. In dem Moment, wo Marika das Ende dieser demütigenden Beziehung fordert, wird Chris brutal. Auch Erik, dessen Selbstbewusstsein durch die Kündigung gelitten hat, zweifelt an seiner Ehe mit Julia, die zu früh geschlossen, nichts Neues mehr bietet. Erik fährt nach Helsinki und trifft sich mit einem ehemaligen Partner, der nun, da er sich mit einem Start up – Unternehmen selbstständig gemacht hatte, steinreich ist. Erik ist damals zu früh ausgestiegen, da er mit seiner kleinen Familien keine Risiken mehr wagen konnte. Aber auch Multimillionär Martin hat seine Probleme und muss Leute entlassen.

Philip Teir spielt wie in seinem Roman „Winterkrieg“ auch hier unterschiedlichste Lebensmodelle der Mittelschicht auf der Suche nach dem Lebenssinn durch. Er beleuchtet eine situierte, aber verunsicherte Gesellschaft, die am eigenen Leben zweifelt, nach Sicherheit sucht und diese vielleicht doch in der Familie finden könnte.

Dunkles Arles

Cay Rademacher: Dunkles Arles, Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc, DuMont Buchverlag, Köln 2018, 351 Seiten, €15,00, 978-3-8321-9875-6



„Blanc lehnte sich in seinem Stuhl zurück. In diesem Moment hatte er das trostlose Café, das graue Wetter, hatte er seine Müdigkeit und seine Schmerzen und beinahe sogar Aveline vergessen. Da war nur das animalische Glück der Jagd, der richtige Instinkt.“

Als sich Roger Blanc im November als Privatperson nach Arles begibt, ahnt er nicht, dass sein geplantes romantisches Wochenende mit der Richterin Aveline Vialaron-Allégre, verheiratet mit einem ständig abwesenden Staatssekretär, zu einem Lauf gegen die Zeit wird. Bei ihrem unverfänglichen Treffen im berühmten Amphitheater in Arles wird Aveline Zeuge eines Verbrechens. In letzter Sekunde kann Blanc Aveline vor dem Mörder schützen, der ihr jedoch wichtige Unterlagen entreißt, die sie bis Sonntagabend unbedingt zurückhaben muss. Das Opfer der Attacke ist der Geschichtslehrer Thierry Gravet, der in die Tiefe stürzt. Aveline muss untertauchen und darf auf keinen Fall als Zeugin aussagen, denn ihr Mann würde sie garantiert fragen, was sie in Arles zu suchen hätte. Die örtliche Polizei verhört Blanc. Commissaire Lizarey jedoch ist misstrauisch. Seltsamerweise hatte Blanc seinen Partner, den nicht gerade erfolgreichen Marius Tonon, der angeblich eine Entziehungskur macht, im Amphitheater gesehen. Blanc, der eigentlich aus Paris stammt und als Korruptionsermittler arbeitete, wurde in den Süden zwangsversetzt. Geschieden und ohne wirklich engen Kontakt zu seinen Kindern wohnt er nun in einer Ölmühle in der Provence.

Ohne großes Aufsehen zu erzeugen, muss Blanc natürlich aus großer Liebe zur Richterin, ihre Tasche zurückerobern. Er ahnt nicht, worauf er in Arles hinter dem Rücken der Polizei stoßen wird.
Erste geheime Ermittlungen, etwas Hilfe bekommt Blanc von seiner jungen Kollegin Fabienne, ergeben, dass der Geschichtslehrer Gravet der hiesigen Kulturdezernentin vom Front Nationale, Hélène Pelherbes, in die Quere gekommen ist. Sie will in einer Pressekonferenz und vor einem Filmteam eine neues Fundstück der einst antiken Stadt Arles präsentieren. Doch die sogenannte Venus von Arles ist, so Gravet, eine Fälschung. Hélène Pelherbes jedoch, durch einen Affront von Paris in den Süden degradiert, sieht nur ihre politische Aufstiegschance, wenn sie Erfolge vorweisen kann. Die Venus könnte der Beginn einer neuen Karriere sein.
Blanc erkennt nach und nach wie die korrupte Polizei, ehrgeizige Politiker und ein Sicherheitsdienst, der sich aus extrem Rechten zusammensetzt, in Arles Schicksal spielt.
Den gezielten Betrug kann Blanc nicht nachweisen, zumal er in dieser Region nichts zu sagen hat, aber er kann die Beteiligten aufschrecken und beunruhigen.
Als dann aber noch ein Mord geschieht, wird es langsam brenzlig für den Flic und die Richterin.

Ein nicht mehr ganz junger aber engagierter Polizist jagt nun durch eine alte Stadt, deren antikes Erbe ihr wertvollstes Gut und ein Touristenmagnet ist. Als klar wird, dass der Tote kein Querulant war und bestimmten Leuten einfach nur im Weg stand, erwacht Blancs Ermittlerinstinkt. Mit seiner Geliebten, die ihn konsequent siezt, wagt er sich in die Höhle des Löwen und muss zu ungewöhnlichen Mitteln greifen, um den Mörder zur Strecke zu bringen.

Entstanden ist ein unterhaltsamer, klug konstruierte Krimi, in dem die Frage, wer ist der Mörder nicht im Vordergrund steht, keine Pathologen auftauchen und ansonsten Polizeiarbeit mal ganz anders vorgeführt wird. Als malerische Kulisse ist Arles der beste Hintergrund und die politische Lage in Südfrankreich wird nicht ignoriert, sondern geschickt in die Handlung eingebaut.

Die letzte Stunde

Minette Walters: Die letzte Stunde, Aus dem Englischen von Sabine Lohmann und Peter Pfaffinger, Heyne Verlag, München 2018, 654 Seiten, €22,00, 978-3-453-27168-5

„Er kannte nichts, was so viele Menschen innerhalb eines einzigen Tages dahinraffte – außer dem Krieg.“

Als die “Queen of Crime“ hat sich Minette Walters nach einer Schreibpause, um sich den Söhnen und der Familie zu widmen, nun einem neuen Genre zugewandt. Allerdings geschieht auch in ihrem voluminösen, historischen Roman, dessen Handlung sich rund um die ausbrechende Pest im Juli 1348 dreht, ein Mord. Als Minette Walters vor zwanzig Jahren ins südenglische Dorseteshire zog, wurde ihr erzählt, dass es auf ihrem Grundstück einst eine Pestgrube gab. Diese Tatsache ließ die bekannte Autorin nicht los und so begann sie zu recherchieren. Sie erzählt in ihrem Roman vom Ausbruch der Seuche, die angeblich mit einem Schiff in Melcombe eingeschleppt wurde.
Der Schwarze Tod greift rasend schnell um sich und erreicht Sir Richard, der Develish verlassen hatte, um für seine vierzehnjährige Tochter Eleanor einen Ehevertrag in der angrenzenden Grafschaft auszuhandeln. Seine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau, Lady Anne, gebildet und gutherzig, erkennt auch durch ihre Erfahrungen, die sie im Kloster sammeln konnte, die Gefahr, die auf sie und die zweihundert Leibeigenen zukommt.

Kurzerhand kappt sie den Zugang zum Herrenhaus und verschanzt sich mit Eleanor und den Leibeigenen hinter hohen Mauern. Gegen den Widerstand ihrer beschränkten, egoistischen und selbstsüchtigen Tochter entwickelt sie eine Überlebensstrategie. Ihrem ungeliebten, brutalen und rücksichtslosen Mann weint sie keine Träne nach. Der pausenlos betrunkene Pater Anselm mischt sich nicht ein und so ernennt sie den Leibeigenen Thaddeus Thurkell zu ihrem Verwalter und setzt somit die feudalistische Ständegesellschaft außer Kraft. Als Thaddeus seine Bruder Jacob erschlagen vorfindet, behauptet er, dass der Junge sich bei einem dummen Spiel mit dem Messer selbst umgebracht hätte. Er ahnt allerdings, wer Jacob auf dem Gewissen hat. Eleanor, die sich angeblich nie mit Leibeigenen abgeben würde, hatte die jungen Männern gegeneinander aufgehetzt. Sie hat besondere Freude daran, Untergebene auszupeitschen. All ihr Hass gilt Thaddeus. Auf dem engen Raum jedoch muss Frieden unter den Leibeigenen herrschen. Außerdem muss die Versorgung mit Vorräten in Angriff genommen werden. Mit fünf Jugendlichen begibt sich Thaddeus nach einer gewissen Zeit auf die Suche nach Lebensmitteln, ohne Lady Anne davon zu berichten.
Innerhalb der anschaulich und spannend geschriebenen Handlung finden sich immer wieder auch Tagebucheintragungen von Lady Anne und treiben den Fortgang der Geschichte voran.

Als Eleanor ihre Dienerin Isabella mit eine Nadel schwer verletzt, kann Lady Anne nicht mehr schweigen. Sie klärt Eleanor darüber auf, dass sie nicht ihre Mutter ist, Sir Richard allerdings ihr Vater. Klar ist auch, dass die Grafschaft weder an Lady Anne noch an Eleanor gehen wird. Ein Vetter von Sir Richard wird, sollte er noch leben, sich des Eigentums am Land und Leuten bemächtigen. Eleanor kann eventuell auf eine Heirat hoffen oder ins Kloster gehen.
Lady Anne ist weder zum einen noch anderen bereit. Sie erklärt den Leibeigenen, die sie respektieren und ihre Fähigkeiten schätzen, dass sie einen eigenen Weg auch mit ihnen suchen würde. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, wie es außerhalb der Grafschaft aussieht. Lady Anne hofft auf das Chaos, dass wohl herrschen mag. Der einstige Verwalter von Sir Richard hört diese ketzerischen Ideen von Lady Anne mit Entsetzen:

„Er hatte schon einigen Frevel aus dem Mund dieser Frau vernommen, aber das hier war bislang der schlimmste! Weit entfernt davon, ihre Tochter zu entschuldigen, stachelte sie das Volk jetzt zum Aufruhr an! Begriffen ihre Leibeigenen nicht, was es bedeutete, den Treueid zu brechen?“

Eins kann Minette Walters auf jeden Fall, spannend und unterhaltsam schreiben, und doch hätten ein paar Kürzungen der Handlung gutgetan. Als starke und ja sehr moderne Frau steht die achtungzwanzigjährige Lady Anne im Zentrum der Handlung. Wie sie sich entscheiden wird, erzählt Minette Walters im nächsten Band.

Kleine Feuer überall

Celeste Ng: Kleine Feuer überall, Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018, 384 Seiten, €22,00, 978-3-423-28156-0



“Sie hatte, kurz gefasst, alles richtig gemacht und sich ein gutes Leben aufgebaut, ein Leben, wie sie es sich wünschte, wie alles es sich wünschten. Und jetzt kam diese Mia, eine vollkommen andere Frau mit einem vollkommen anderen Lebensstil, die sich ohne Entschuldigungen ihre eigenen Regeln setzte.”

Sommer 1997, Ort: Shaker Heights / Cleveland: Einst lebten hier die Shaker, die der Meinung waren, der Schlüssel zur Harmonie seien „Ordnen und Verordnen“, kurz gesagt Regeln. Geblieben sind die Regeln, an die sich die braven Bewohner des wohlhabenden Ortes alle halten, bis ja bis etwas geschieht, womit niemand gerechnet hätte. Das große Haus der untadeligen Familie Richardson geht in Flammen auf, angezündet von der jüngsten Tochter Izzy. Aber die Richardsons haben ja noch ein Haus, das sie eigentlich vermieten. Doch ihre Mieter wurden vertrieben und damit hat nur Mrs. Richardson etwas zu tun und das ist auch der Grund, warum Izzy ihr Zuhause abgefackelt hat.

Rückblick: Mia und ihre fünfzehnjährige Tochter Pearl führen ein Vagabundenleben. Sie reisen von Ort zu Ort, wenn Mia als Fotografin und Künstlerin neue Inspirationen sucht, werden alle Sachen in den alten Golf gepackt und es geht weiter. Noch kann sie nicht von ihren Kunstobjekten leben, die sie ab und zu durch eine Galeristin in New York verkaufen lässt, aber bald wird ihre Kunst anerkannt werden, das glaubt zumindest Pearl und erträgt mit dieser Hoffnung die Ortswechsel. Doch nun wollen die beiden für immer in Shaker Heights bleiben. Sie ziehen in das Haus der großzügigen Mrs. Richardson und als diese mitbekommt, dass Mia niedrig bezahlte und zeitraubende Jobs annimmt, um die Miete zahlen zu können, bietet sie ihr einen Putzjob bei sich an. Zu diesem Zeitpunkt jedoch ist Pearl bereits mit Moody, dem Sohn der Richardsons gut befreundet und in Trip, den ältesten Sohn der Richardsons verliebt. Sie mag Lexie und Izzy, die jüngste Tochter der Richardsons. Diese fühlt sich zur unkonventionellen Mia hingezogen. Das Verhältnis zwischen Izzy und ihrer Mutter ist nicht das beste. Allen Frust lädt die als Journalistin arbeitende Mutter ohne allzu großen Stress auf die Tochter ab. Nicht nur die Mütter – Töchter – Beziehungen durchziehen wie ein roter Faden die Handlung, im Mittelpunkt steht auch die Frage: Wie will man leben? Ist Mrs. Richardson stolz darauf, eine Familie am immer gleichen Ort, ein Haus und finanzielle Sicherheit zu besitzen, so pocht Mia auf die Freiheit, das zu tun, wozu sie berufen ist. Immer skeptischer betrachtet Mia Pearls enge Bindung an die Familie Richardson, sie hingegen verbringt viel Zeit mit der neugierigen so aus der Art geschlagenen Izzy. Als Mia auf der Arbeit die unglückliche Bebe Chow und ihre Geschichte kennenlernt, versucht sie zu helfen. Sie weiß, dass die Richardson mit der Familie McCullough befreundet sind. Diese wollen ein asiatisches Baby adoptieren, dass eine unglückliche Mutter vor der Feuerwache im Ort abgelegt hat. Die traurige Frau war Bebe, die durch ihre schlechten Sprachkenntnisse und ihre missliche Lage, der Meinung war, sie könne ihr Kind nicht ernähren. Nun hat sie einen Job, lernt Mia kennen und will ihr Kind zurück. Ein heftiger Streit über diesen Fall bricht in fast jeder Familie aus, denn natürlich denkt Mrs. Richardson, das ihrer Freundin nach zehn Jahren ständiger Versuche, schwanger zu werden, das Baby zusteht.
Mia ist da völlig anderer Meinung. Mrs. Richardson fühlt sich nach und nach durch Mias Anwesenheit provoziert. Sie beginnt in der Vergangenheit ihrer Mieterin zu forschen und entdeckt ein Geheimnis.

Celeste Ng erzählt in ihrer fiktiven Geschichte psychologisch überzeugend von ganz unterschiedlichen Figuren, die glauben, alles richtig zu machen. Auch wenn sie sich fremd bleiben, verbindet die Frauen, die Liebe zu ihren Kindern, denen sie nicht immer gut tun.
Gelingt der Einstieg in diesen Roman, dann fesselt die Geschichte ungemein und wirft Fragen auf, die auch heute relevant sind.

Im Frühling

Karl Ove Knausgård: Im Frühling, Aus dem Norwegischen von Paul Berf, Luchterhand Literaturverlag, München 2018, 249 Seiten, €22,00, 978-3-630-87512-5

„Ich mochte mich selbst, wenn ich mit den Kindern zusammen war, es war eine der großen Freuden, die sie mir schenkten, und ich mochte niemanden mehr als sie. Ein neues Kind würde mehr Liebe hervorbringen und es mir unmöglich machen, jemals ein anderes Leben als dieses, mit der Familie, zu wählen.“

Nach dem Winter und dem Herbst folgt nun ein Buch über den Frühling. Die Natur erblüht und Karl Ove Knausgård erzählt bis in kleinste private Details auch in diesem Band von seinem vierten Kind, das vor kurzem geboren wurde. Namen werden nie genannt, es bleibt bei Bruder oder Schwester oder Mutter, Großmutter und doch wirken die Beschreibungen dieses einen Tages äußerst persönlich. In Rückblenden umkreist der norwegische Autor Erinnerungen an den eigenen Vater und seine Rolle den Kindern gegenüber, es geht um die Zeit bevor das vierte Kind geboren wurde, um den Aufenthalt in Australien und vor allem geht es um die dunklen Zeiten, die Karl Ove Knausgårds Frau durchleben muss. Immer wieder verfällt sie in schwere Depressionen und alle Arbeit bleibt an Knausgård hängen. So auch an diesem Tag, denn seine Frau ist im Krankenhaus.

„In der Dunkelheit, in der sie daraufhin lebte, gab es nur sie und den Schmerz, den sie empfand. Das weiß ich, mein Kind, weil ich es sah.“

Etwas chaotisch, sogar der Gerichtsvollzieher stand schon vor der Tür, weil Knausgård die Rechnungen nicht bezahlt hat, ist der Aufbruch ins Krankenhaus. Als klar wird, dass er tanken muss, entdeckt er, dass seine Kreditkarte zu Hause geblieben ist. Es fehlt auch das Milchfläschchen und ein schreiendes Kind zerrt an den Nerven.
Karl Ove Knausgård erinnert sich in seinen Gedankenströmen immer wieder an seine Ehe, an einen „Vorfall“ und Termin bei der Kinderfürsorge, es geht natürlich um das Wohl der Kinder, Knausgårds Unbeherrschtheit, die ihm im Nachhinein unendlich leid tut, auch um die Distanz zwischen der Elternwelt in den 1970er Jahren und der Kinderwelt.
Diese Aufzeichnungen soll seine jüngste Tochter, die anderen Kinder sind bereits zehn, acht und sechs Jahre, lesen, wenn sie sechzehn ist.

Karl Ove Knausgårds Offenheit verblüfft in vielen Passagen und der Blick in seine Seelenleben. Das Prinzip Ehrlichkeit und die Ansprache an die eigene Tochter schafft eine ungeheure Nähe, die die Faszination beim Lesen ausmacht und auch bisschen den Voyeurismus schürt, zumal der informierte Leser weiß, dass die Ehe der Knausgårds inzwischen geschieden ist. Wer außerdem die voluminösen Bände des Autors über sein Leben kennt, ahnt vieles, was in dem neuen Band nicht ausgesprochen wird.

Girl unknown

Karen Perry: Girl unknown – Schwester? Tochter? Freundin? Feindin?, Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, FISCHER Scherz, Frankfurt a.M. 2018, 393 Seiten, €14,99, 978-3-651-02551-6



„Die Durchtriebenheit, die Unerbittlichkeit, mit der sie vorging, die zerstörende Leidenschaft, die sie für einen Menschen empfand und die sie dazu brachte, jeden zu isolieren und zu beseitigen, der sich zwischen sie und ihre Beute stellen könnte.“

Eines Tages steht eine sehr schmale, fast schüchterne Studentin der Geschichte mit blondweißem, wallendem langen Haar vor Dr. David Conolly und behauptet, sie sei seine Tochter. Ein Schock, und doch könnte es stimmen, den vor gut neunzehn Jahren hatte er sich von Linda, seiner großen Liebe, getrennt. Zuvor war er mit Caroline zusammen, doch ihre Beziehung ging auseinander, bis sie sich drei Jahre später, nach der Trennung von Linda, wieder trafen und erneut verliebten.

Erzählt wird die Geschichte vom Autorenduo Karen Gillece und Paul Perry mal aus der Sicht von David und dann wieder aus der Perspektive von Caroline.

Das Paar heiratet, bekommt zwei Kinder, zieht in ein Haus und baut sich in Dublin eine berufliche Existenz auf. David arbeitet als Dozent an der Universität und Caroline hat nach der Geburt der Kinder ihren Job in der Werbeagentur gekündigt, um nun, da Robby fünfzehn und Holly elf Jahre alt sind, beschlossen wieder mit der Arbeit zu beginnen. Allerdings hatte sich Caroline vor einiger Zeit in Aidan, den Vater eines Freundes von Robby, verliebt. Die Affäre flog auf und die Ehekrise von David und Caroline dauerte gut eine Jahr an. Carolines Mut zum Seitensprung wurde durch einen belauschten Satz ausgelöst, den David, zwar angetrunken, zu seinem besten Freund sagte. Er behauptete, dass Linda die große Liebe seines Lebens gewesen wäre. Carolines Selbstwertgefühl, auch durch die lange Zeit zu Hause, hatte doch gelitten, zumal die Leidenschaft im Ehebett sich auch gelegt hatte. Sie ist die pragmatische und vernünftige Wahl ihres Mannes, eine ernüchternde Erkenntnis.

Mitten hinein in dieses doch gefährdete Beziehungsgeflecht, in dem das Vertrauen zwischen den Eheleuten längst nicht wiederhergestellt ist, platzt nun Zoë, deren Gegenwart als Tochter von Linda für Caroline ein rotes Tuch ist. David lässt hinter Zoës Rücken einen Vaterschaftstest machen, der jedoch nicht eindeutig ausfällt.

Wirkt Zoë auf David etwas unausgeglichen, sprunghaft und fantasievoll, so sieht Caroline einen unehrlichen, unaufrichtigen und verschlagenen Menschen in ihr. Wie ein Racheengel scheint sich Zoë langsam in die Familie und den Freundeskreis hineinzufressen. Sie verübt einen Suizidversuch und bringt David dazu, dass sie bei der Familie ins Haus einzieht. Ist Robby von der jungen Frau fasziniert, so leidet Holly unter ihrer Anwesenheit. Und Caroline soll recht behalten, denn nach einem Gespräch mit dem Stiefvater von Zoë, Linda ist vor einem Jahr an Krebs verstorben, stellt sich heraus, dass Zoë nicht bei ihrer Mutter aufgewachsen ist. Als Linda die Schwangerschaft bemerkte, entschied sie sich für eine Adoption. Die nächste Lüge dreht sich ums Geld. David möchte gern Zoës Studienkosten ohne Carolines Einverständnis zahlen, erfährt aber nun, dass Linda ihrer Tochter Geld hinterlassen hat. Caroline trifft die Adoptiveltern von Zoë, über die die jungen Frau sich sehr negativ bis hin zu Missbrauchsvorwürfen äußerte. Auch hier erfährt Caroline nichts Positives.

Caroline und David sprechen nicht richtig miteinander, keiner traut dem anderen und es kommt zu ständigen Streitereien, die an die Substanz gehen.
Der Leser ahnt durch die Reflexionen der beiden, dass etwas Schreckliches geschehen wird. Bevor sich David und Caroline zum ersten Mal getrennt hatten, war Caroline schwanger und hat das Baby abgetrieben. Diese Tatsache schwelt in allen Konflikten mit und zermürbt Caroline. Sie ahnt, dass David ihr erstes gemeinsames Kind nicht wollte, aber er hätte Linda zu keiner Abtreibung genötigt. David hingegen spielt immer wieder durch, was wohl gewesen wäre, wenn er mit Linda ein gemeinsame Zukunft gehabt hätte. Ihn beschäftigt auch, warum sie nie mit ihm gesprochen hatte.

Zoë hingegen genießt sichtlich ihren Rachefeldzug. Tut sie in Gegenwart der Familie lieb und freundlich, so spielt sie zum einen mit Davids Schuldgefühlen und zum anderen spielt sie allein mit Caroline oder Holly eiskalt ihre Macht aus. Und sie weiß um ihre Ausstrahlung auf Männer und so schreckt sie nicht davor zurück, sich auf Chris den Freund von David einzulassen. Er hatte sich von seiner Frau getrennt, die eng mit Caroline befreundet ist.
Zoë vermag es, immer mehr Salz in die Ehewunde von David und Caroline zu streuen. Sie lässt ein wichtiges Einschreiben verschwinden und unterzeichnet mit Carolines Namen. Dadurch entgeht David seine größte berufliche Chance, eine Professur an der Universität. Caroline ist beruflich stark überfordert, der Stress zu Hause und die Panik davor, was sich Zoë erneut ausdenkt, um sie zu demütigen oder Robby zu manipulieren, führt dazu, dass sie ihren Job verliert.
Die Familie ist an einem absoluten Tiefpunkt angekommen. Als ein guter Freund ihnen ein Haus in Südfrankreich anbietet, entscheiden sich Caroline und David für einen langen Urlaub mit den Kindern. Doch dann stehen Chris und Zoë vor der Tür und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Dieses absolut spannende Buch kann man nur in einem Rutsch durchlesen, denn der psychologisch fein austarierte intelligente Plot macht einfach süchtig. Schnell kann sich der Leser in die einzelnen ambivalenten Figuren hineindenken, ihre Ängste, Hoffnungen, aber auch Abgründe. Die Frage, was wäre wenn, spielt eine genauso wichtige Rolle, wie die Tatsache, dass auch Tote plötzlich wiederkehren können, um in Davids Fall alles Gute zerstören.

Ein anderes Brooklyn

Jacqueline Woodson: Ein anderes Brooklyn, Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, Piper Verlag, 160 Seiten, €17,99, 978-3-492-05865-0

„Heute weiß ich, dass nicht der Augenblick tragisch ist. Es ist die Erinnerung.“

Die amerikanische Autorin Jacqueline Woodson hat in diesem Jahr den Astrid Lindgren Memorial Award erhalten.
In der Jurybegründung heißt es: „In Jacqueline Woodsons Büchern kämpfen starke junge Erwachsene um einen Platz im Leben, an dem sie Wurzeln schlagen können. In einer Sprache so leicht wie Luft erzählt sie Geschichten von unfassbarem Reichtum und großer Tiefe.”
Hauptsächlich schreibt Jacqueline Woodson, deren Werke, immerhin hat sie 30 Titel veröffentlicht, bei uns kaum bekannt, Jugendbücher, aber auch für Kinder und Erwachsene.

Konzentriert und nicht chronologisch erinnert sich im Erwachsenenroman „Ein anderes Brooklyn“ die Ich-Erzählerin August an ihre Kindheit in Brooklyn in den 1970er Jahren. Heute arbeitet die 35-Jährige als Anthropologin und so durchziehen den Text auch Todesrituale aus verschiedenen Regionen der Welt. Mit dem Tod des Vater beginnt der Roman, denn August kehrt in die Wohnung des Vaters nach New York zurück. Der Einstieg in den Gedankenstrom der Erzählerin ist nicht einfach, denn vieles geht durcheinander und es entsteht erst langsam ein Bild von einer Kindheit. August mit der dunklen Hautfarbe stammt aus Tennessee, hier hat sie mit den Eltern und dem jüngeren Bruder in einer zwar heruntergekommenen Gegend gewohnt, aber sie hatten ein Haus, einen großen Garten und einen See in der unmittelbaren Nähe. Die Mutter wird nicht nach Brooklyn ziehen, obwohl die Geschwister immer wieder auf ihre Ankunft hoffen. Nachdem Onkel Clyde in den Vietnamkrieg gezogen ist, konnte die Mutter den Tod des Bruders nicht verkraften.
Seltsam verhalten sich die Nachbarn der Kinder, ärmlich ist das Leben in Brooklyn, aus der die Weißen so nach und nach wegziehen.

August berichtet von den freundlichen Mahnungen des Bruders, der demnächst Vater wird. Sie solle doch endlich auch eine Familie gründen, Kinder bekommen. Sie trifft eine ihrer damaligen Freundinnen, Sylvia und so ploppen wieder neue Erinnerungsbilder auf. Immer wieder hat August als Kind die drei Freundinnen Sylvia, Angela und Gigi beobachtet. Unbedingt wollte sie zu ihnen gehören und schafft es auch. Die drei nehmen sie auf, denn die Traurigkeit des Mädchens August hat sie irgendwie angerührt.
Die Mädchen spüren die Kraft ihrer kleinen Gemeinschaft, die jedoch im Teenageralter zerbrechen wird. Latent ist immer die Gefahr für die jungen Frau da, in die Fänge der Männer zu geraten, was auch geschehen wird. Schnell müssen sie erwachsen werden. Nur zwei schaffen es, sich aus dem Viertel zu befreien.

Man braucht Zeit, um sich in die Sprache und die Gedankenwelt der Autorin einzulesen, aber dann ist es wie ein Sog, wenn man plötzlich ganz nah mit August in Brooklyn verweilt und Anteil an allem nimmt, was ihr und den Freundinnen widerfährt.
Neugierig macht diese Autorin und wünschenswert wäre eine Neuauflage ihrer Jugendbücher.