Wir Strebermigranten

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten, Carl Hanser Berlin, Berlin 2017, 221 Seiten, €16,99, 978-3-446-25683-5

„Selbstverständlich gehörten sie nicht zu den ‘vielen Ausländern’. Sie waren ja Turbodeutsche. Den deutschen Pass, den eingedeutschten Namen hatte sie auf dem Silbertablett serviert bekommen. Das Polnische hatten sie abgestreift.“

Emilia Smechowski verlässt 1988 mit ihren Eltern, beide sich ausgebildete Ärzte, ihren grauen Heimatort in der Nähe von Gdansk. Ihr vorgeblich geplanter Urlaub in Rimini endet in einem Aufnahmelager in Berlin. Emilka, dann Emilia ist fünf Jahre alt und wird durch den unbedingten Anpassungswahn ihrer Eltern die Muttersprache langsam verlernen. Als ihre eigene Tochter geboren wird, besucht sie einen Kurs, um ihre Polnischkenntnisse aufzufrischen.

Ihre autobiographische Erzählung jedoch beginnt die Autorin mit einem Paukenschlag. Als 16-Jährige verlässt sie ihre Eltern und das verhasste Haus, das nun als Statussymbol zeigen soll, was man als Bürger polnischer Herkunft, als eigentlicher Wirtschaftsflüchtling, schaffen kann. Dabei sind Emilia und ihre Eltern auf dem Papier gar keine Polen, sondern wurden als Aussiedler anerkannt. Einst hatte der Uropa sich auf der Liste der Nazis zu seiner „deutschen Volkszugehörigkeit“ bekannt und dafür in der Wehrmacht gekämpft. Diese historische Tatsache ist nun der Freibrief für die umbenannten Smechowskis, im bunten Kapitalismus ein besseres Leben zu führen. Doch um welchen Preis? Abducken, unsichtbar sein, nicht polnisch sprechen, schnell Deutsch lernen, schnell aus der Sozialsiedlung in ein eigenes Haus, schnell assimilieren und bloß nicht auffallen. Die Kinder mussten die besten sein, besser als die Deutschen. Wenn die Mädchen, mittlerweile sind es drei, nicht funktionieren, droht der Vater mit erniedrigenden Konsequenzen, das heißt ein harter Griff um die Handfesseln und Schläge auf den Hintern, auch bei Emilia als Teenager. Die Eltern schämen sich für die polnische Herkunft, die allerdings in einer noch so perfekt antrainierten deutschen Sprache hindurchklingen muss. Nach und nach verändern sich die Eltern, sie werden zu hart arbeitenden Menschen, die ihren unbedingten Leistungswillen auf die Kinder übertragen, die nur geliebt werden, wenn sie den hohen Erwartungen entsprechen.

Interessant sind die aktuellen Bezüge, die die Autorin einfließen lässt. So sind die Polen die zweitgrößte Migrantengruppe neben den Türken, allerdings ohne wirklich klare Sichtbarkeit.
Im Vergleich zu den Syrern oder Irakern sind die Polen die „Premiumsflüchtlinge“. Die deutsche Staatsbürgerschaft mussten sie nicht durch Aufnahmeprüfungen oder diverse Nachweise hart erkämpfen, sie bekamen sie einfach.

„Die ersten Polen, die ich in der deutschen Öffentlichkeit wahrnahm, im Fernsehen, in Zeitungen, waren Miro und Poldi. Da lebte ich schon mehr als zwanzig Jahre in Deutschland.“

Mit einem Augenzwinkern und diversen, zugegeben komischen Polenwitzen beleuchtet die Autorin auch die Vorurteile und das arrogante Verhalten, gerade der Ostdeutschen nach dem Mauerfall, gegenüber den Polen. Wobei die polnischen Einwanderer, die nicht die Nähe ihrer Landsleute suchte, damit klarkommen mussten, dass sie nun trotz deutschem Pass Ausländer unter Ausländern, wie den Türken, Asiaten oder Arabern, waren.
Immer wieder kehrt die Autorin zu ihrer Familie zurück und erzählt, bereichert auch durch die Erinnerungen ihrer Eltern, die längst geschieden sind, wie das Leben in Westberlin und der späteren Hauptstadt Deutschlands war. Auch wenn die Familie ehrgeizig ihr Deutschsein pflegte, so waren die Weihnachtsfestlichkeiten doch die Ausnahme. Kein Kartoffelsalat mit Würstchen landete auf dem Familientisch, sondern ein stattliches Zehn-Gänge-Menü.

Der schnelle materielle Reichtum sorgte bei den Smechowskis nicht für familiären inneren Frieden, vom Ehrgeiz zerfressen, gewähren die Eltern ihren Kindern keinen individuellen Freiraum und kappen jegliche Träume. Dagegen wehrt sich die Autorin vehement und erarbeitet und erkämpft sich willensstark auch als Lebenskünstlerin ihren Weg zuerst zur Opernsängerin, dann zur Journalistin. Und Emilia Smechowski sucht nach ihren polnischen Wurzeln.

„Manchmal steht, wer glaubt, sich entscheiden zu müssen, am Ende verloren da. Assimilation ist kein Ankommen, es ist ein Versteckspiel. Ich stand kurz vor meinem 27. Geburtstag und ich hatte das Verstecken satt.“

In einer Mischung aus Ernsthaftigkeit, aber auch Humor erzählt Emilia Smechowski eloquent, ehrlich und unterhaltsam ihre persönliche Familiengeschichte. Sie zeigt dem deutschen Leser die Sichtweisen, in diesem Fall der polnischen Einwanderer, die heute anders als vor gut dreißig Jahren
ihren kulturellen Hintergrund verleugnen wollten und vielleicht auch mussten, um anzukommen.
Parallel denkt man natürlich auch an die syrischen Asylsuchenden und ihre Chancen im Vergleich zu den polnischen Migranten. Und es stellt sich zwischen den Zeilen die Frage: Wie kann ein gutes Miteinander in Zeiten funktionieren, in denen sich Staaten, allen voran Polen, abschotten, auf Nationalismus setzen und weigern muslimische Flüchtlinge aufzunehmen? Das Gefühl der inneren Zerrissenheit der Autorin bleibt bis zum Ende spürbar, die Entdeckung der polnischen Kultur und Sprache jedoch wird als Gewinn verbucht und darum kann man sie nur beneiden.

Die Taufe

Ann Patchett: Die Taufe, Aus dem Amerikanischen von Ulrike Thiesmeyer, Berlin Verlag, München 2017, 391 Seiten, €22,00, 978-3-8270-1344-6

„Wie schwerwiegend und falsch es gewesen war, weiterzugeben, was nicht ihr gehörte. Klar gewesen war ihr das im Grunde von Anfang an, aber sie hatte nichts darauf gegeben.“

Zu Beginn ist der Einstieg in diese Romanhandlung, die zeitlich immer wieder versetzt erzählt wird, nicht ganz einfach, denn es dauert eine Weile, ehe man die zahlreichen Figuren einander zuordnen kann. Zum einen ist da die Familie Keating, das sind Fix und die attraktive Beverley mit ihren Mädchen Caroline und Franny, zum anderen die Familie Cousins, das sind Bert und Teresa und ihre vier Kinder: Cal, Holly, Jeanette und Albie. Auf der Taufe von Franny in Kalifornien werden sich Bert und Beverly begegnen und ineinander verlieben. Sie lassen sich scheiden und beginnen ein neues Leben in Virginia.

Nach einem hart umkämpften Prozess, den Bert als Jurist mit guten Kontakten gewinnt, verbringen seine Kinder, die bei der Mutter geblieben sind, den gesamten Sommer in Virginia. Das Problem ist nur, dass Bert, auch bereits in der Zeit mit Teresa, sich nie um seine Kinder gekümmert hat. Sie waren ihm zu laut, zu chaotisch, einfach zu anstrengend. Wenn die vier Kinder mit dem Flugzeug anreisen, ab 1971 dürfen sie ohne Begleitung fliegen, deckt er sich dermaßen mit Arbeit ein, dass alles an der widerwilligen Beverley hängen bleibt. Wenn ihre eigenen Töchter dann verheult und aggressiv gestimmt von ihrem Vater Fix, der sich extra immer Urlaub für seine Mädchen nimmt, zurückkehren, ist das Haus voll. Alle sechs Kinder jedoch sind sich selbst überlassen. Niemand mag Beverley, die sich immer wieder zurückzieht, weder ihre eigenen Töchter noch die vier Stiefkinder. Nur Franny versucht ausgleichend zu wirken. Das große Sorgenkind ist der Kleinste, Albie. Er ist hyperaktiv, singt pausenlos, buhlt um Aufmerksamkeit und ist enorm nervig. Werden die Kinder in Berts Gegenwart frech, dann verteilt er Ohrfeigen.

„Statt das Abendessen in Schalen und Schüsseln auf den Tisch zu stellen, wie es das ganze Jahr üblich war, bestand die Mutter darauf, dass sich die Kinder nach Alter geordnet in der Küche aufstellten und mit ihrem Teller an den Herd kamen, um sich ihr Essen abzuholen. Es war, als würden sie im Sommer aus der zivilisierten Welt in die Waisenhausszenen aus Oliver Twist versetzt.“

In diesen unbehüteten Sommern passieren viele gute Sachen, in denen die Kinder zusammenhalten. Aber es geschieht auch ein Unglück, dass die Kinder bis ins Erwachsenenleben verfolgen wird und worüber nie ehrlich gesprochen wird. Cal kommt ums Leben, was zum einen mit seiner Bienenallergie zu tun hat, aber auch mit Albie. Als Franny Jahre später nach ihrem abgebrochenen Jurastudium in einer Bar jobbt, lernt sie einen Schriftsteller kennen. Auch wenn dieser ihr Großvater sein könnte, beginnt sie mit ihm eine langjährige Beziehung. Sie erzählt ihm die turbulenten Familiengeschichten der Keatings und Cousins und er schreibt das Buch im Buch, den erfolgreichen Bestseller „Die Taufe“. Niemals soll diese Geschichte verfilmt werden, was später dann doch geschehen wird.

Als Albie, der sich lange Zeit herumgetrieben hat, bei seiner Schwester Jeanette in Brooklyn untertaucht, entdeckt er das zerfledderte Taschenbuch und ein Geheimnis, dass seine Geschwister gehütet haben. Er reist zu Franny nach New York und stellt sie zur Rede.

Zeitlich springt Ann Patchett innerhalb der Handlung hin und her. Aus Kindern werden Erwachsene und auch hier erzählt die Autorin ausführlich von den unterschiedlichen Schicksalen der einzelnen Figuren. Bert wird Beverly verlassen, aber Cals Tod ist nicht unbedingt die Ursache. Beverly wird wieder heiraten und noch einen Schwung Stiefsöhne bekommen. Teresa, die ihr Leben lang beruflich tätig war, genießt ihren Ruhestand und wird am Ende am innigsten von Albie, der als Jugendlicher sogar eine Schule abgefackelt hatte, umsorgt.

Lebensnah, komisch wie ernst berichtet Ann Patchett von diesen zwei Familien. Immer wieder taucht Taufkind Franny auf, das in gewisser Weise durch ihre Indiskretion die Fäden zieht. Hätte sie nicht geplaudert, wären die Stiefgeschwister vielleicht gar nicht mehr zusammengekommen. Rührend ist die Nähe der Töchter zu ihrem krebskranken Vater Fix, distanziert, aber nicht kontaktlos ist die Beziehung der anderen vier zu Beverly und Bert.
Was wäre wenn, …. wenn die Vergangenheit anders verlaufen wäre, wenn Beverly nicht so schön gewesen wäre, wenn Bert keinen Gin zur Taufe mitgenommen hätte, wenn er seine Kinder mehr geliebt hätte…..

Wer Familiengeschichten ohne Pathos und mit nachvollziehbaren, realistischen Konflikten mag, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Into the Water

Paula Hawkins, Into the Water. Traue keinem. Auch nicht dir selbst., Aus dem Englischen von Christoph Göhler, Blanvalet Verlag, München 2017,480 Seiten, €14,99, 978-3-7645-0523-3

„Das war die Nacht, in der Katie ins Wasser gegangen ist. Ohne es zu wollen, hat Mum ihr den entscheidenden Stoß versetzt. Und damit hat Katie wiederum Mum den entscheidenden Stoß versetzt.“

Aus verschiedenen Perspektiven von wirklich sehr vielen Personen beginnt diese Geschichte voller Geheimnisse, die sich der Leser nach und nach zusammenreimen muss, wenn er nicht bereits nach fünfzig Seiten ausgestiegen ist. Jules erzählt von ihrer verhassten Schwester Nel, die immer noch am Ort ihrer Kindheit lebt, in Nordengland. Berichtet wird von Katie, sie ist fünfzehn Jahre alt und die beste Freundin von Lena, Nels Tochter. Niemand weiß, warum sich dieses begabte, junge Mädchen im Drowning Pool, einer besonders tiefen Stelle am Fluss, das Leben genommen hat. Nel als Fotografin war geradezu besessen von den “unbequeme Frauen”: Hexen, Ehebrecherinnen, aufsässige Teenager, die ertrunken sind. Katies Bruder Josh ahnt es, Lena weiß es – aber alle schweigen. Louise, die Mutter von Katie, sucht verzweifelt nach einem Grund für diesen sinnlosen Tod. Doch dann ist auch Nel im Fluss von Beckford, Newcastle, ums Leben gekommen und Jules sieht zum ersten Mal ihre wütende, ständig fluchende Nichte Lena und erinnert sich an die Kindertage mit ihrer um vier Jahre älteren boshaften Schwester Nel. Jules hatte den Kontakt seit fünfzehn Jahren abgebrochen und nun kann nichts mehr geklärt werden. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf und auch hier erzählen Erin und Sean als Polizisten von den Geschehnissen. Außerdem kommt Mark, ein Lehrer der Mädchen zu Wort und weitere Personen aus Beckford.
Mehrere Themen drängen sich in den Vordergrund. Warum musste Katie sterben? War Nels Tod, die doch eine ausgezeichnete Schwimmerin war, ein Unfall oder gar Mord? Wie kommt Jules mit Lena, für die sie nun die Verantwortung übernehmen muss, klar?

Jules liest die Aufzeichnungen über die Frauen, die es zum Wasser gezogen hat, von Nel. Sie fragt sich, warum ihre Schwester sind in den letzten Tagen vor dem Tod ständig angerufen hat und sie nicht antworten konnte. Sie ahnt, wer Lenas Vater sein könnte und hasst doch die Vorstellung, diesen Mann, der sie als Dreizehnjährige vergewaltigt hat, wiederzusehen. Wusste Nel, was dieser Freund ihr angetan hatte?

Kein Who-done-it-Krimi, aber auch kein psychologisch interessanter Plot ist Paula Hawkins nach ihrem erfolgreichen Debüt „Girl on an Train“ gelungen. Keine der Figuren ist wirklich gelungen, keine ist tiefgründig oder widersprüchlich gezeichnet, vielleicht vom Teenager Lena abgesehen.

Alle Figuren, insgesamt elf, umkreisen nur die unheimliche Geschichte von Schuld, Gewissensbissen, Geheimnissen, Abhängigkeiten und Gewalt. Jede Erkenntnis, jede Schlussfolgerung der Figuren wird ausführlich erklärt, nichts bleibt zwischen den Zeilen oder nur der Deutung des Lesers überlassen und so verliert dieser schnell den Überblick, und sehr verständlich, auch das Interesse.

Gott, hilf dem Kind

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind, Aus dem Englischen von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 208 Seiten, €19,95, 978-3-498-04531-9

„Ich war keine schlechte Mutter, glaubt mir, aber vielleicht habe ich meinem einzigen Kind ein paar schmerzhafte Dinge zugemutet, weil ich es schützen musste. Weil ich musste. Weil Hautfarbe eben nicht gleich Hautfarbe ist. Erst konnte ich unter all dem Schwarz nicht erkennen, wer sie eigentlich war, und konnte sie nicht einfach liebhaben. Aber ich liebe sie. Ich glaube, sie versteht das jetzt. Glaube ich jedenfalls.“

Luna Ann Bridewells Mutter Sweetness, deren Haut zwar dunkel ist aber nicht zu dunkel, hofft, dass ihr pechschwarzes Kind, als es in den 1990er Jahren geboren wird, nicht gedemütigt wird. Sweetness erzieht ihre Tochter hartherzig streng. Sie selbst stammt aus einer Dienstbotenfamilie, deren Angehörige den Weißen in der Badewanne durchaus den Rücken schrubben mussten, aber dieselbe Bibel zu berühren wie ihre farbigen Diener, das kam für die Dienstherren nicht in Frage. Sweetness hat in ihrer Kindheit und Jugend gelernt, mit Diskriminierung und Rassismus umzugehen. Erstaunlich ist, dass die Mutter sich für ihr Kind schämt und auch der Vater das Kind nicht annehmen kann. Das Kind ist Sweetness peinlich, sie berührt es nicht gern, sie straft das brave Mädchen mit Lieblosigkeit und Distanz. Zwar schickt der Vater, der die Familie verlassen hat, Geld, aber das Leben der beiden Frauen ist nicht einfach. Lula Ann wird sich später Bride nennen, sie arbeitet als erfolgreiche kreative Geschäftsfrau in der Kosmetikindustrie und sie wird sich strahlend Weiß kleiden, wie eine Braut. Niemand schaut sie mit Abscheu an, so wie sie es angeblich als Kind erfahren musste. Jetzt ist sie ein Hingucker, eine reiche, attraktive Frau, deren Freund Booker, ebenfalls geprägt durch ein traumatisches Erlebnis, sie von heute auf morgen mit einem demütigenden Satz verlassen hat.

„Du bist nicht die Frau, die ich will.“

Ihn wird sie suchen. Seitdem Booker sie verlassen hat, verliert sie nicht nur an Gewicht. Ihre Periode bleibt aus, ihre Brüste verschwinden. Aus Bride wird wieder Lula Ann, aus der stolzen jungen Frau das verletzliche kleine Mädchen. Aber außer ihr scheint das niemand zu bemerken. Drastisch liefert sich die junge Frau einer Kindheitserinnerung aus, die voller Gewalt durch ihre ehemalige Erzieherin Sofia in ihr Leben zurückkehrt.

Erneut thematisiert die über 80-jährige Nobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem Roman Ausgrenzung, Rassismus und Frauenschicksale und sie lässt ihre weiblichen Figuren, Sweetness, Bride, ihre Freundin Brooklyn, das Mädchen Rain und das Monster Sofia, aus ihren ganz persönlichen Perspektiven erzählen. Entstanden ist eine kraftvolle, dynamische wie verrätselte Erzählung, die in ihrer Verknappung dem Leser so einiges aufbürdet und die man langsam lesen muss, um sie wirklich zu verstehen.

Alles über Beziehungen

Doris Knecht: Alles über Beziehungen, Rowohlt Verlag Berlin, Berlin 2017, 288 Seiten, €22,85, 978-3-87134-168-7

„Viktor war irritiert, was er nicht sein wollte, dieser ganze Scheiß mit den Weibern, das alles lenkte ihn schrecklich ab. Er sollte das lassen. Er sollte endlich erwachsen werden und ein treuer Ehemann im ganz altmodischen Sinne. Wieso konnte er das nicht einfach sein?“

Viktor Kirchner ist ein getriebener Mann, zum einen steigt er mit seiner angeblichen Sexsucht gern den Frauen nach, zum anderen liebt er seine Lebenspartnerin Magda, die nun endlich nach drei Töchtern ( noch zwei Töchter stammen aus zwei vorangegangenen Beziehungen ) und langen Jahren Zusammenleben geheiratet werden möchte. Viktor wird bald 50, er ist als Intendant beruflich mit seinem Festival in Wien erfolgreich und da sollte doch auch das Private geregelt sein. Aber daran verschwendet der Lebemann keinen Gedanken, denn für ihn läuft alles prima. Magda verdient gut, kümmert sich um die Kinder, das Sozialleben der Familie und sein Wohlergehen. Er hat seine Verabredungen, trifft auch bedingt durch seine Arbeit genug willige Frauen und findet sich selbst einfach wunderbar. Dass die Frauen ihn vielleicht nicht so umwerfend positiv sehen könnten, darauf kommt der gute Viktor nicht eine Sekunde. Witzigerweise hat er sich sogar in Therapie begeben, um für viel Geld in fünfzig Minuten Absolution und eine Diagnose zu hören, die ihn in seinem Tun sogar bestätigt. Dabei sieht der Raucher Viktor mit seinem Bluthochdruck und dem Faible fürs Fahrradfahren gar nicht besonders aus, ein Durchschnittstyp, dessen größte Angst es ist, unscheinbar zu sein.

„Sie fand ihn eigentlich gar nicht so toll. Bisschen schwammig, insgesamt, konturlos, bisschen angepasst und mutlos, sowohl was seine Ansichten betraf, seine politische Haltung, seine Ideen, sein Werk, als auch in seiner Männlichkeit.“

Natürlich sagt ihm das Helen nicht, die Anwältin und Freundin von Magda. Als sie sich nach zweimaligem Anlauf endlich von ihrem Mann Paul lösen kann, ist das wie eine Befreiung. Viktor ist der „Kuchen“, den sie sich gönnt für alle Demütigungen. Am wohlsten fühlt sich Viktor allerdings mit Frauen, die in festen Beziehungen leben. Trennt sich eine, ist Viktor ziemlich schnell unerreichbar. Nicht so bei Helen.

Alles beginnt mit einer seltsamen SMS von Lisbeth, einer abgelegten Geliebten. Viktor wundert sich kurz, verschwendet keinen Gedanken mehr an ihre Worte oder Telefonate und wendet sich der neuen Geliebten zu, die ihm per SMS eine Absage schickt. Folgt der Leser zu Beginn dem selbstverliebten, entlarvenden Gedankenstrom des Viktor Kirchner, so kommen nun Geliebte von ihm zu Wort, die ihre Sicht der Dinge erklären und ihr Fremdgehen begründen.

Es ist der gnadenlose Blick auf alle Figuren, die Doris Knecht beschreibt. Ob Mann oder Frau, vielleicht nicht Magda, aber alle kommen nicht gut weg. Sind es die falschen Selbstbildnisse, die seltsamen Erwartungen oder auch der Drang, jemand zu sein, ob nun im wahren Leben oder bei Facebook.

„Diese scheiß sozialen Medien ruinierten die Leute, die größten Dummköpfe hielten sich wegen ein paar Likes für große Intellektuelle, glaubte auf einmal, sie hätten eine politische Haltung, weil sie eine politische Statusmeldung likten von Leuten, die sich das trauen, während sie selber nichts konnten als erigierte Däumchen drücken. Jeden Blödsinn, der ihnen gerade einfiel, schrieben die Leute hinein, sie reagierten ihre Wut ab und ließen sich komplett gehen.“

Auch für Viktor ist dieses Facebook eine Gefahr, aber eigentlich sucht er auch diesen Nervenkitzel, bis zu dem Moment, wo wirklich, dank Lisbeths SMS, alles auffliegt und der gute Viktor in den Abgrund stürzt. Naja, nicht ganz, da ist ja immer noch die unkomplizierte Josi.
Will man das wirklich alles über diesen hohlen „Hobbit“ Viktor wissen und über Frauen, die ihre eigenen Beziehungen durch ein Fremdgehen mit Viktor aufpeppen müssen?

„Es ist meistens der Alltag, der Beziehungen und Ehen ruiniert, und Josi und Viktor hatten keinen, also. Es war easy, so gesehen.“

Sicher ist das keine neue Erkenntnis, und doch schreibt die einfach exzellente Beobachterin des Alltags, Doris Knecht, in ihrer fast schnoddrigen, unverblümten Sprache wie nebenbei von tiefen Konflikten, Einsichten und Konsequenzen in Beziehungen. Was kann man ertragen, wo ist die Grenze? Ins Herz schließen kann der Leser den geilen Viktor auf gar keinen Fall, Platz wäre da schon eher für die Frauen um ihn herum.

Mehr Schwarz als Lila

Lena Gorelik: Mehr Schwarz als Lila, Rowohlt Verlag, Berlin 2017, 251 Seiten, €19,95, 978-3-8713-4175-5



„Ich sage verschwunden, aber eigentlich weiß ich, dass Paul gegangen ist. Wegen mir, wegen dir, wegen uns.“

Die 17-jährige Alex ist die Erzählerin dieser Geschichte, in der drei Jugendliche und ein junger Referendar die Hauptfiguren sind. Alex und Paul sind dicke Freunde, später gesellt sich Ratte mit den Rastas zu ihnen. Kompromisslos, anders, einfach nicht normal wollen sie sein. Alex trägt immer Schwarz bis hin zum Pyjama. Die drei empfinden sich als Familie, sie gehen mit der ängstlichen Ratte zum Zahnarzt, sie tauschen ihre Musik von Deep Purple, Pink Floyd, Bob Dylan, van Morrison aus, übernachten gemeinsam im Garten auch wenn es noch so kalt ist, erfinden Spiele, die „Stell dir vor“ oder „Ist mir doch egal“ heißen. Paul schenkt Alex ein Notizbuch, in die das sie ihre Oxymora schreibt, er liest Seneca und das nicht nur für den Latein Leistungskurs. Alex hat ihre Mutter früh verloren und Paul lebt mit einem behinderten Bruder und fühlt sich zeitweilig einsam in der eigenen Familie. Ratte liebt ihren fordernden und manchmal peinlichen Vater und entdeckt ihre Liebe zu F., einer Schulkameradin, die Alex einfach nur blöd findet.

Doch dann verändert sich in dieser Dreierkonstellation schleichend etwas. Ein „Du“ erscheint im Gedankenstrom der Protagonistin. Dieses Du ist der neue Referendar, Herr Spitzing, vielleicht zehn Jahre älter als die Jugendlichen, aber jung genug, um ihnen noch nah zu sein. Sie nennen ihn Johnny und verbringen Zeit mit ihm. Keine gute Idee, wie die älteren Kollegen signalisieren. Und schnell wird klar, dass Alex Hals über Kopf in den jungen Johnny verknallt ist, jedoch spürt, dass er diese Gefühle nicht erwidert.

Alles beginnt mit Pauls Verschwinden und der Andeutung eines Fotos, dass im Netz kursiert. Ein Kuss vor dem Galgen in Auschwitz.

Souverän und lebendig erzählt Lena Gorelik diese Geschichte über Freundschaft, Vergebung, Suche, Liebe und vor allem Schuld, in der Alex, Paul und Ratte Grenzen überschreiten, einander helfen und doch auch verletzen, indem sie Fragen stellen, deren Antworten zu weh tun, um sie auszusprechen.

Esthers Tagebücher

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher, Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Reprodukt Verlag, Berlin 2017, 56 Seiten, €20,00, 978-3-95640-118-3

“Meine beste Freundin in der Schule ist Eugénie. Eugénie hat großes Glück, die ist richtig reich. Sie hat schon das iPhone 6. Und zu Hause hat sie ein iPad, einen Rechner und einen Fernseher. Wenn ich überhaupt ein iPhone hätte, auch nur das 4er, was wäre ich da glücklich. Aber ich bin arm.”

Der in Paris lebende Riad Sattouf, aufgewachsen ist er in Libyen und Syrien, hat sich die Geschichten von der Tochter eines Freundes angehört. Diese Erzählungen dienten ihm als Vorbild für seinen großformatigen Comicband „Esters Tagebücher“, denen noch neun Bände folgen sollen.
Alles beginnt im Jahr 2014, da ist Esther neun Jahre alt. Sie lebt in einer intakten Familien in Paris, sie hat einen älteren Bruder, Antoine, mit dem sie ein Zimmer teilen muss und natürlich Papa und Mama. Der Vater ist Fitnesstrainer, die Mutter arbeitet bei der Bank. Das Mädchen geht auf eine Privatschule und berichtet aus ihrer Sicht von ihrem Alltag, ihren Freundinnen, der Schule, ihrem grässlichen Bruder und ihrem allergrößten Wunsch – einem iPhone. Sie liebt Disney-Märchenfilme und ihren Vater.

Pro Seite sind fast durchgehend ganz klassisch, immer 12 Panels mit ausführlichen Textpassagen zu sehen und pro Seite wird ein Thema behandelt, das Esther bewegt – es geht um Jungs, die doof sind, Zoff mit den Freundinnen, Popsänger, Weihnachten, Ärger mit dem Bruder, aber auch Rassismus, Homosexualität, Geheimnisse, Konflikte in der Schule mit reichen Kindern,Träume, es geht um den brutalen Angriff auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, Nationalismus, angesagte Jungs oder die Schwangerschaft der Mutter. Esther wird mit der Welt der Erwachsenen konfrontiert, aber Riad Sattouf bleibt immer ganz nah beim Kind. Er lässt Esther reden und die Geschehnisse auf ihre ganz eigene Weise bewerten. Das klingt manchmal naiv und auch völlig unlogisch, aber immer ehrlich und authentisch.

“Zwei Papas, das ist ja schrecklich! Stellt euch nur mal vor! Beide sind nie zuhause wegen der Arbeit, keiner kann kochen, niemand räumt auf … Aber wenn man so drüber nachdenkt, was soll so schlimm daran sein, homosexuell zu sein? Keine Ahnung, woher das kommt.”

Esther kann so gar nichts mit den Ereignissen um die Satirezeitschrift anfangen, an diesem Tag interessiert sie eher, ob ihre Freundin sie mag oder nicht. Auch gleichaltrige Kinder, die diesen Comic lesen, verstehen nicht, worum es auf dieser Seite geht. Kein Problem, denn wenn sie Fragen hätten, würden sie sich noch an die Eltern wenden.
Faszinierend ist, dass natürlich Mädchen beim Lesen gern Esthers Rolle übernehmen und schnell Parallelen zwischen sich und der Comicfigur finden.

Esther wird mit großen Augen gezeichnet, immer tauchen rote oder gelbe Farbtupfer auf, wenn etwas Emotionales passiert, Esther sich aufregt oder Angst hat. Durchgängig ist dieser Comic sehr textlastig, denn der Leser erfährt nicht nur Esthers Gedanken, sondern auch in der Bildmitte der Panels Dialoge und kleine Szenen zwischen den handelnden Figuren.

Und so wird diese Comic-Reihe, die sich über zehn Jahre erstrecken soll, auch ein Porträt einer Generation, die mit den sozialen Medien, neuer Technologie und großen sozialen Unterschieden groß wird.

Die Götter sind los

Maz Evans: Die Götter sind los, Aus dem Englischen von Ilse Rothfuss, Chicken House im Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 335 Seiten, €14,99, 978-3-551-52090-6



„ Am Montagmorgen musste Elliot zugeben, dass es sich gelohnt hatte, einen Kuhstall voller Unsterblicher auf dem Hof zu beherbergen.“

Der zwölfjährige Elliot Hooper wohnt nicht unweit von Stonehenge auf einem mittlerweile etwas heruntergekommenen Hof und ahnt nicht, was alles auf ihn zukommen wird. Allerdings hat er schon genug eigene Sorgen, immerhin steht er kurz vor einem Schulrauswurf, seine Mutter ist offensichtlich dement und wenn er nicht bis nächsten Freitag 20000 Pfund bezahlen kann, steht er samt Mutter auf der Straße. Da schwirrt aus den Himmelsgefilden, genauer gesagt dem Elysium das Sternbild Jungfrau, kurz Virgo, mit ihren 1946 Jahren auf die Erde. Völlig verbürokratisiert ist der Zodiak-Rat und Virgo hat einfach keine Lust mehr auf die langweiligen Regeln, Vorschriften und ihren Job als Hüterin des Büromittelschrankes. Flugs schnappt sie sich das Unsterblichkeitselixier und will es als kurzes Abenteuer nur mal schnell dem Gefangenen 42 bringen. Der allerdings sitzt in Stonehenge seit gut 2000 Jahren, verbannt von Zeus. Als Elliot Virgo den Ort zeigt und den Gefangenen, der Elliot die Heilung seiner Mutter verspricht, auch noch berührt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Keinen geringeren als Thanatos, den König der Dämonen, haben die beiden nun freigelassen. Virgo ahnt, dass das großen Ärger geben wird und ihr Handbuch Was ist was? wird ihr nicht helfen.
Elliot reist nun mit Virgo und Charon, der ja eigentlich die Seelen der Toten in die Unterwelt fährt, auf seinem Boot durch die Welten der Unsterblichen.

„War ein guter Broterwerb – die Toten wurden immer mit einer Münze im Mund begraben, als Lohn für die Überfahrt. Das macht heute niemand mehr. Liegt vermutlich am bargeldlosen Zahlverkehr.“

Nachdem sich Virgo vom Zodiak-Rat in den Boden gestampft wurde, kommt sie mit Hilfe von Hermes mit seinem iGod und Apps und Elliot auf die Idee, vielleicht bei Zeus mal nachzufragen, wie sie Thanatos finden könnte. Dieser ist natürlich mit seiner x-ten Hochzeiten auf der Erde beschäftigt. Alle Unsterblichen, auch seine Töchter Aphrodite und Athene, leben unter den Menschen, die eine betreibt etwas Ähnliches wie einen Schönheitssalon und die andere lehrt an der Universität. Der gute Zeus mit seinem dicken Bauch hat wenig Einfluss auf seine Töchter, nur Elliot gelingt es mit einem Trick, die beiden für seine Sache zu entflammen. Mittlerweile hat Thanatos seinen Bruder Hypnos gefunden, der als Multimillionär auf Erden lebt und will von ihm die Chaos-Steine zurück, die er im Auftrag des Zeus verschwinden ließ. Hätte Thanatos die Steine, wäre die Macht auf seiner Seite. Elliot ist immer noch dabei, da er hofft, durch den Erdenstein zu Geld zu kommen, um wenigstens den Hof zu retten.

Am Ende sitzen die Götter bei Elliot in der Scheune und beraten sich. Inzwischen kümmert sich Demeter um den Anbau von Bananenpflanzen, eine typisch englische Frucht.

Trotz Magie, der Prophezeiungen des Orakels von Delphi, Elliot könnte den Tod des Thanatos verursachen, dem skandalösen Auftritt der Queen und den schlechten Umgangsformen der Götter, die sich dauernd streiten müssen, kommt die Geschichte zu keinem Ende, denn der Band „Die Götter sind los“ ist der erste Teil der Chaos-Geschichte.

Ein paar Dinge klären sich zum Glück am Ende zum Guten, immerhin muss Elliot mit seiner Mutter nicht den Hof verlassen. Witzig jedoch ist diese Geschichte über die unsterblichen Sternbilder und Götter mit ihren Lastern allemal, zumal ihnen alles Menschliche nicht fremd ist, wie langweilige Versammlungen, Absprachen, die nie eingehalten werden oder elend lange Streitereien.
Erwachsene Leser amüsieren sich sicherlich bei all den Anspielungen auf die moderne Welt, Kinder vielleicht auch.

Hugo und die Dämonen der Nacht

Bertrand Santini: Hugo und die Dämonen der Nacht, Aus dem Französischen von Edmund Jacoby, Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2017, 224 Seiten, €15,00, 978-3-946593-24-9

„ Ein lebloser Körper! Der Körper eines Kindes. Der Körper eines Kindes, das auf dem Rücken trieb. Der Aufdruck auf dem T-Shirt kam ihm bekannt vor. Als er näher hinsah, stellt Hugo fest, dass das, was er da betrachtete, sein eigener Leichnam war.“

Hugo lebt mit seinen Eltern, die Mutter ist auf dubiose Weise durch ihre Jugendbuchreihe berühmt und reich geworden, auf einem großzügigen Grundstück an der Küste, in der Nähe von Marseille. Sein 12. Geburtstag steht vor der Tür und alles läuft prima, sogar Onkel Oskar, mit dem der Junge scherzen kann, ist angereist.

Hugo spielt mit seinem Hund gern auf dem Friedhof, der neben dem Anwesen liegt. Allerdings bilden sich neuerdings dunkle Pfützen auf dem Grundstück aus und das heißt, hier könnte das schwarze Gold, Erdöl, gefördert werden. Doch Hugos Eltern haben kein Interesse daran, zumal eine seltene Pflanze auf dem Grundstück und dem Friedhof, dem Ort des Vergessens, blüht. Die Dorfbewohner sind jedoch nicht an einem Naturschutzgebiete interessiert, sondern an Geld. Und so zerstören irgendwelche Leute die Pflanzen, die Polizei und der Bürgermeister sind entsetzt, aber das war es dann auch schon. In der Nacht vor seinem Geburtstag erwacht Hugo und wird von einem maskierten Mann mit einem Messer gejagt, er stürzt die Küste hinab und ist tot. In Windeseile wandelt nun diese real begonnene Geschichte in einen Schauerroman, der einem Bühnenstück ähnelt und sofort wird Shakespeare zitiert, der einst meinte, man solle mehr Furcht vor den Lebenden als den Toten haben.

Hugo ist nun ein Geist unter der illustren Gruppe uralter Geister, die auf dem Friedhof wie in einem Vampirfilm hausen. Sie können keinen Kontakt zu den Menschen aufnehmen, aber sie sind in der Lage zu fliegen und durch Wände zu gehen. Als Cornelius, einer der Untoten, mit Hugo einen Flug über sein Anwesen macht, muss der Junge miterleben, wie seine Eltern ermordet werden. Die Geister leiden mit Hugo und versuchen, ihm das „neue Leben“ möglichst leicht zu machen.

Hugo ist nun hin- und hergerissen. Durch seine Sterbeurkunde weiß er, dass er ein Doppelgänger ist. Er ist nicht richtig tot, denn der Körper existiert noch, aber der Geist ist müde. Die Untoten wissen, dass sie Hugos Leben und auch sich selbst retten sollten, denn ohne ihn werden die gierigen Dorfbewohner den Friedhof für die Erdölförderung zerstören. Andererseits lauern die Zombies in den Tiefen des Geisterfriedhofs und sehnen sich danach, die Menschen zu fressen. Viel Potential zum Gruseln und vor allem für ungeahnte Wendungen!

In einer ausgewogenen Balance zwischen komischen und schockierend tragischen Szenen versteht es Bertrand Santini, einen absolut spannenden Roman für Kinder zu erzählen. So streiten sich die Untoten gern und Bruder Lustick, ein Mönch aus dem 16. Jahrhundert, verdrängt immer wieder, dass er tot ist und nicht der lebendige Friedhofswächter. Der französische Autor hat eine Vorliebe für schräge Geschichten und Figuren, immerhin stammen aus seiner Feder so wunderbare Bücher wie „Der Yark“ und „Jonas und der mechanische Hai“. Keine Frage, dass dieser Roman nur gut ausgehen kann und vielleicht ist ja auch nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Sommerkind

Monika Held: Sommerkind, Eichborn Verlag, Köln 2017, 222 Seiten, €20,00, 978-3-8479-0626-1



„Alle verband das Ungeheuerlichste, was es gibt: Sie haben mit dem Tod gekämpft und gewonnen. Sie haben einen Sieg errungen, der niemanden wirklich glücklich macht.“

Wie verläuft das Leben eines Jugendlichen, dessen Geschwisterkind in seiner unmittelbaren Nähe durch einen Unfall in eine Koma gefallen ist? Malu, das Sommerkind, wird nie ein normales Leben führen können. Ab dem Moment wo der fünfzehnjährige Kolja die sieben Jahre jüngere Schwester Malu nicht vor dem Schwimmen am Abend im Freibad abhält, verändert sich alles. An diesem Abend sitzt er auf einer Bank. Ragna, in die er verliebt ist, kommt vorbei, geht ins Meer schwimmen. Erst ihre Frage nach Malu lässt die beiden aufhorchen und das Kind aus dem Schwimmbad retten. Doch zu spät, das Gehirn ist bereits geschädigt.

Gut fünfundzwanzig Jahre später geht Ragna ganz persönlich im Rahmen eines Forschungsprojektes einer bestimmten Frage nach. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Topografie der Kindheit, dem Verlauf des Lebens und dem Wohnort in den letzten Lebensjahren?
Ist es wirklich so, dass Menschen an die Orte ihrer Kindheit zurückkehren? Als Ragna ihre Erinnerungen durchgräbt, taucht plötzlich dieser blonde Junge mit den grauen Augen und dem schönen Namen Kolja auf. Sie erinnert sich an diesen tragischen Abend mit ihm und seiner Schwester Malu und doch fehlt ihr der Teil nach dem Unfall.

Monika Held erzählt aus zwei Blickwinkeln. Ragna ist die Ich-Erzählerin, aus Koljas Sicht berichtet ein Erzähler aus der Er-Perspektive. Der Leser folgt nun zeitversetzt Kolja wie Ragna.
Der Junge fühlt sich schuldig an dem Unfall seiner Schwester. Die Eltern bringen es wirklich fertig, besonders die Mutter, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, er habe die Verantwortung für das Schicksal seiner Schwester. Zur Strafe muss er Malu im Krankenhaus, die Eltern sind von der See in den Süden gezogen, zweimal die Woche besuchen. Kolja, ein begabter, nun in sich gekehrter Junge, reagiert mit Abwehr auf die Schwester. Er widmet seine Liebe eher einem kleinen Jungen, den die Mutter vom Wickeltisch hat fallen lassen. Von der Mutter kaum beachtet, bleibt das Kind mit seinem Schmerz allein.

„Die leise Höflichkeit dieses Hauses war wie Gehen auf dünnem Eis.“

Der Vater sucht sich eine neue Frau, ein neues Leben und zeugt ein neues Kind. Der Sohn fühlt sich verraten. Ein Zuhause findet Kolja bei Max, einem fröhlichen Jungen, der auf der Station seinen Cousin besucht und langsam ahnt, dass er schwul ist. Kolja kann diese Empfindung nicht teilen, braucht aber den Jungen fürs eigene Überleben. Das dumpfe Schweigen der Eltern ist die größte Belastung für den Jungen, dessen Schwester nie wieder die alte sein wird.

„Ich bin krank vor Neid auf alle Kinder, die von ihren Eltern geliebt werden…“

heißt es an einer Stelle. Da hatte Kolja, der sich als Abiturient mit Autoren befasst hat, die Selbstmord begangen haben, bereits in die Tiefe gestürzt. Er überlebt den Suizidversuch und wird später seine Doktorarbeit ebenfalls dem Suizidthema in der klassischen Literatur widmen.

Ragna sucht nun nach und nach die Leute aus dem Umfeld von Kolja, der wieder an die Nordsee zurückgekehrt ist, auf, um sich langsam ihren Erinnerungen zu nähern. Sie trifft sich mit Max, der nun keinen Kontakt mehr mit Kolja hat, sie durchlebt schwere Stunden mit Koljas emotionsloser Mutter und Malu, dem Sommerkind, das in seiner eigenen Welt lebt. Aber Ragna kommt bei ihren Recherchen und der eigenen Geschichte einfach nicht weiter.

„ Ich brauche den erwachsenen Kolja, um zu verstehen, warum ich mich an das Stück Leben, das ich verloren habe, nicht erinnern kann.“

Schmerzlich klar erzählt Monika Held in einer wunderbar literarischen Sprache von Menschen in Extremsituationen und wie sie diesen mit Schuldzuweisung, Flucht oder auch Aufopferung begegnen. Atemlos beim Lesen folgt man Ragnas Suche, aber auch Koljas einsamem Weg durch die Untiefen des Lebens. Beide werden sich auf der Hallig begegnen, aber da ist der Leser nicht mehr anwesend, den vieles, nicht alles, ist zwischen den Zeilen bereits gesagt.