Schwarz und weiß

Irene Dische: Schwarz und weiß, Aus dem amerikanischen Englisch von Elisabeth Plessen, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2017, 489 Seiten, €26,00, 978-3455-40477-7

„Die meisten ihrer Bekannten waren von Dukes Einsilbigkeit fasziniert – wahrhaftig, er war dunkel und geheimnisvoll. Seine Frau war das Gegenteil. Nach Jahrzehnten eines Lebens als hässliches Entlein im Schatten ihrer Eltern hatte Lili sich zu einem schillernden Paradiesvogel gemausert, und ihr Mann war ein Bestandteil ihrer allseits geschätzten Farbpalette.“

Sie sind das schwarz-weiße Traumpaar von Manhattan, Lili und Duke Butler. Als sie sich in Nairobi kennenlernen und später, 1972, in New York wiedersehen, ahnen sie nicht, welche berauschend beglückende und zugleich grausame Berg- und Talfahrt ihnen bevorsteht. Irene Dische zieht alle Register ihrer satirischen Fabulier- und Erzählkunst, um den Leser zu fesseln, zumal alles mit einer bedrückenden Information beginnt. Eine gewisse Jo, eigentlich Jutta Bolin, Deutsche und Mutter von Duke, erzählt, dass ihr Sohn nach einem Verbrechen zum Tode verurteilt wurde. Sie habe angeblich die Aufzeichnungen von Lili gefunden. Es heißt, Duke sei das Monster und Lili die Heilige, da leben sie bereits völlig verarmt und zerstritten in Florida.
Und doch, alles beginnt so glanzvoll an der Upper West Side. Lilis Eltern, Vlado und Bucky Stone, sie eine bekannte Essayistin, er ein begnadeter Komponist, konsultieren regelmäßig ihre Analytiker und gehören der angesagten Kunstszene an.

“Eine dreiköpfige Familie wie die Stones hat nicht drei, sondern sechs Mitglieder, weil jedes Mitglied rund um die Uhr von einem unsichtbaren Therapeuten begleitet wird, einem Vertrauten, auf den man sich beruft und den man zitiert und der so an allem beteiligt ist, an jedem Zerwürfnis, jedem Kuss und jedem Gespräch.”

Lili mit der klobigen Brille, die nun alle Erwartungen ihrer Eltern erfüllen soll, zeigt eine Begabung für Chemie, was die Eltern eher verachten als schätzen. Mit achtzehn verliebt sich Lili dann in den sanftmütigen, gutartigen und in der Armee völlig deplatzierten Duke. Er wird nach amerikanischen Verhältnissen, die allergrößte Liebe. Mit all ihren Beziehungen sorgen die Stones für Dukes Zukunft ohne Armee und an der Seite ihrer Tochter. Er befasst sich mit dem in der besseren Gesellschaft so geschätzten Wein und sie beginnt zu aller Überraschung eine Modelkarriere, um sogar in den Medien noch populärer zu werden als ihre Eltern. Duke schafft es sogar ins Fernsehen mit einer Wein-Sendung. Aber so schnell wie die unberechenbare und völlig verrückte Lili nach oben steigt, fällt sie auch wieder in dem hart umkämpften Business. Beide können nicht mit Geld umgehen, so muss der blauäugige Duke lernen, dass er auch Steuern zahlen muss und Lili kauft sich Nerze ohne Ende als würde sie ihr Leben lang modeln. Beide agieren auf zu großem Fuß und ohne doppelten Boden. Tief wird der Absturz sein, der bereits damit beginnt, dass Lili in einem unachtsamen Moment ihrem Mann ein Auge aussticht.
All ihre Bemühungen ein Kind zu bekommen, Duke lehnt Kinder ab, endet in einer Abtreibung und einem grausigen Moment im Krankenhaus. Lili wird sich immer mehr im Alkohol- und Drogenrausch verlieren, der treue Duke wird für ihr Weiterleben sorgen.

Parallel zur extrem sarkastisch erzählten Geschichte des Paares in den 1970er und 80er Jahren berichtet Jos Mutter aus der Ich-Perspektive im fernen Florida von ihrem öden Leben und der Vita ihres Sohnes, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat.

Erzählt Irene Dische von den Abgehängten und potentiellen Trump-Wählern einerseits und den besser gestellten Intellektuellen andererseits, so ergibt sich in ihrem Handlungsverlauf eher ein düsteres Bild einer gespaltenen Gesellschaft, in der mehr Schein als Sein den Tagesablauf bestimmt. Einige Unstimmigkeiten in der Handlungsführung beeinträchtigen nicht unbedingt den Erzählfluss, irritieren jedoch. Und doch, Lili und Duke scheitern auf ganzer Linie ohne jegliche Sympathie der Autorin und bei allem Sarkasmus bleibt der Leser von ihren Schicksalen gewollt oder ungewollt betroffen.

Rimini

Sonja Heiss: Rimini, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 398 Seiten, €20,00, 978-3-462-05044-8



„Masha hatte immer gedacht, dass das Kümmern erst begänne, wenn ihre Eltern von Alter und Krankheit gezeichnet wären. Aber wie so oft entsprach ihre Familie nicht der Norm.“

Der normale Wahnsinn im Alltag der Familie Arnim ist gar nicht so außergewöhnlich, wie der Leser denken könnte. Hans beginnt als Jurist seine Mandanten zu verprellen, in dem er voller Wut sich im Ton vergreift und Bleistifte und Kugelschreiber mit enormer Energie zerbricht. Als Partner in der Kanzlei scheint er bereits auf der Abschussliste zu stehen. Seine Frau Ellen, die mit ihren Kindern in einem großzügig geschnittenen Haus lebt, kann ihn nicht mehr ertragen und Sex ist schon mal gar nicht drin.

„Ellen hatte es aufgegeben, ein Mensch zu sein, sie war eine Mutter und eine Wirtschaftsjournalistin. Daneben existierte sie nicht mehr. Ebenso wenig wie er, der zum Erziehungsberechtigten reduziert war, in dieser Eigenschaft aber selten überzeugte.“

Hans Schwester Masha, die kaum beruflich als Schauspielerin über die Runden kommt, beschließt, da sie stramm auf die vierzig zugeht, dass sie nun ein Kind bekommen müsste. Sie hat Georg, einen Arzt, der ziemlich pflegeleicht ist, sie aber eher langweilt als antörnt. Außerdem riecht er nicht gut und so treibt sie ihn dazu, sie zu verlassen. Die Engagements bleiben aus und die Miete muss aber trotzdem bezahlt werden. Und dann sind da noch Barbara und Alexander, die Eltern von Hans und Masha, die ihr Rentnerdasein pflegen. Alexander liebt seine Tochter heiß und innig und Barbara findet einfach keine richtige Sprache für Masha. Sie reden miteinander, aber immer aneinander vorbei. Die Beziehung der Eltern ist ein Trauerspiel, denn er, der jeden Cent dreimal umdreht und stolz auf alle Schnäppchen ist, kann keinen Schritt ohne sie machen und sie fühlt sich eingeengt, denn sie weiß, dass sie ihn nie geliebt hat. Als sie frisch verheiratet waren und nach Rimini gefahren sind, eine der drei Auslandsreisen in ihrem Leben, empfand sie die intime Begegnung mit dem italienischen Kellner um Längen besser als die mit dem Ehemann.
Jeweils aus der Figurenperspektive mit feinster Ironie fächert Sonja Heiss nun die einsamen Leben von Hans, Masha und deren Eltern auf. Hans macht eine Therapie und verguckt sich gleich in Frau D. Mandel-Minkic, die vielleicht als einzige in einer entspannten Beziehung lebt. Aber mit der Therapie und dem Geständnis, dass sich Hans in Frau Doktor vermeintlich verliebt hat, geht die Ehe trotz Wiederbelebungsversuchen in die Brüche.

“Du kannst noch nicht mal eine Therapie machen, ohne dass irgendein Scheiß passiert.”

Masha sucht sich neue Männer, lässt sich für idiotische Rollen casten und bleibt so unentschlossen wie eh und je. Barbara gibt sich ihrer Müdigkeit hin und Alexander kauft sich einen Wellensittich.

Möglicherweise entwickelt der Leser Empathien für die ganz normalen Menschen in dieser gewöhnlichen, ja manchmal auch banalen Alltagsgeschichte oder auch nicht, denn wirklich sympathisch ist kaum einer. Und doch schaut man ihnen gern beim Reden und Fehler machen zu, vielleicht um sich selbst besser zu fühlen oder einfach dem Humor der Autorin zu folgen und ihrer Fähigkeit, wirklich lebendige Dialoge und Szenen zu entwerfen, die man vor seinem inneren Auge miterleben kann.

Wolkenschloss

Kerstin Gier: Wolkenschloss, Fischer FJB, Frankfurt a.M. 2017, 441 Seiten, €20,00, 978-3-8414-4021-1



„Das Praktikantenputtel und der Hotelprinz ( der zudem bald gar kein Hotel mehr zu erben hatte), waren nur Freunde. Freunde, die so viel zu tun hatten, dass sie einander nur gehetzt zulächeln konnten, wenn sie sich während der Arbeit begegneten.“

Die siebzehnjährige Fanny Funke hat sich entschlossen kein Abitur zu machen, sondern ein Jahrespraktikum in einem Hotel, das alle das Wolkenschloss nennen. Tief verschneit in der Schweiz gelegen, bietet das Château Jauvier ein wunderbares Setting für eine Kriminalgeschichte mit romantischem Flair in der Weihnachtszeit. Allerdings ahnt Fanny noch nichts von den Abenteuern, die ihr bevorstehen. Als Ich-Erzählerin berichtet sie vorerst von einem tyrannischen Neunjährigen namens Don, der ihr das Leben schwer macht. Die kleine Rotznase ist der Sohn eines reichen Mannes, der offenbar ein Freund von einem der Brüder Montfort ist, dem das leicht angestaubte, altmodische Hotel gehört. Heimlich belauscht Fanny ein Gespräch und erfährt, dass ein Bruder, Roman, das Hotel so schnell wie möglich verkaufen möchte. Rudi dagegen pocht auf die Traditionen und die lange Geschichte des Hotels und will es trotz schlechter Auslastung der 35 Zimmer unbedingt behalten, so wie der Sohn von Roman, Ben. Ihn hatte Fanny kennengelernt, als Don ihr gerade wieder einen Streich gespielt hatte.

Zu Weihnachten und Silvester jedoch ist das Haus wieder voller Gäste. Alle arbeiten entgegen tariflicher Bestimmungen fast rund um die Uhr. Der stets schreiende Roman verbreitet genug Angst unter den Bediensteten. Fanny ist nicht nur Kindermädchen, sondern für viele weitere Dienste zuständig. Sie muss sich von Saisonkräften mobben lassen, die jedoch von der Hotelfachschule kommen und sie nur mit Verachtung strafen. Da tut es Fanny gut, dass sie die guten Geister des Hauses auf ihrer Seite hat, wie Monsieur Rocher, den Concierge des Wolkenschlosses und oder Pavel, der für die Wäsche zuständig ist.
Diverse illustre Gäste bevölkern nun das Hotel. Da ist das liebenswerte alte Ehepaar, die Ludwigs, deren Traum es war, einmal den Walzer auf dem Silvesterball zu tanzen. Oder das russische, extrem reiche Paar mit der kleinen Dascha, die offenbar inkognito abgestiegen sind oder Onkel und Neffe Tristan, der gleich mal ein Auge auf Fanny geworfen hat. Für Tristan interessieren sich natürlich auch die Mädchen der kinderreichen Familie Barnbrooke.

Auf den Gängen werden nun viele Sprache gesprochen und alles könnte besinnlich und friedlich sein, wäre da nicht der böse Don, der Fanny bei ihrer Tätigkeit als Kindermädchen heftig in die Parade fährt. Da die Kinder nicht mehr in den Schnee nach draußen können, spielen sie mit Begeisterung im Hotel verstecken. Als Dascha, die ausnahmsweise mal mit den anderen Kindern spielen durfte und Don auch noch verschwinden, fühlst sich Fanny zum ersten Mal richtig unwohl.
Die beiden kreuzen wieder auf. Kurzzeitig dachte Fanny, dass die Kinder vielleicht entführt wurden.
Doch wer sollte wissen, dass die Oligarchenfamilie ausgerechnet im Wolkenschloss abgestiegen ist und nicht in St. Moritz? Einige jedoch wissen es und sie tummeln sich unter den Gästen.
Fanny wird sich um Dascha kümmern müssen und dann geschieht das Unglück.
Zum Glück jedoch hat sie Tristan und auch den eifersüchtigen Ben, der ganz klar in Fanny verknallt ist.

Kerstin Gier hat ein romantisches Märchen geschrieben, das in einem vom Schnee eingeschlossenen Hotel hoch in den Bergen spielt. Fanny als Aschenputtel darf nicht zum Ball, sondern muss auf die vierjährige Dascha aufpassen und diese gleichzeitig beschützen. Als Prinzen gibt es gleich zwei Anwärter und die bösen Stiefschwestern lauern in der Lobby. Neben einigen Slapstickszenen, in denen Fanny keine so gute Figur macht, folgen Momenten, in denen gezeigt wird, dieses Mädchen hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Und so liest sich dieser dicke Roman wie einm klebriger und kitschiger deutscher schwarz-weiß Spielfilm aus den 1960er Jahren, in denen die Figurenkonstellationen zwischen gut und böse von Anfang an klar sind und die Handlung auf ein schmalzige Happy End zusteuert.
Diese Art Romane kann man mögen und dabei viel Schokolade oder Lebkuchen vertilgen oder einfach nur doof finden, denn die eindimensionale Handlung lädt zwar zum Träumen ein, aber nicht zum Denken.

Durst

Jo Nesbø: Durst – Ein Fall für Harry Hole, Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob, Ullstein Verlag, Berlin 2017, 620 Seiten, €24,00, 978-3-550-08172-9

„Es war weniger als eine halbe Stunde her, dass der andere angerufen und ihn gewarnt hatte, dass die Polizei seinen Aufenthaltsort und den Namen kannte, den er nutzte. Er müsse verschwinden. Valentin hatte nur die wichtigsten Sachen gepackt und das Auto stehenlassen, das es auf seinen Decknamen angemeldet war.“

Als die leitende Chefermittlerin Katrine Bratt in die Osloer Wohnung kommt, in der die Anwältin Elise Hermansen ermordet wurde, bietet sich ihr ein seltsames Bild. Die Tote wurde nicht nur missbraucht, sie wurde auch mit einem Eisengebiss gemartert. Und es fehlt bei der Obduktion der Leiche gut ein halber Liter Blut. Bei dieser einen Leiche soll es nicht bleiben, denn der Mörder macht seine Bekanntschaften über die sozialen Netzwerke. Scheinbar wahllos sucht sich der Mörder seine Opfer, um sie zu missbrauchen und auszusaugen. Das Wort Vampirismus steht im Raum und stellt die Polizei vor ungeahnte Schwierigkeiten. An der Seite von Katrine arbeiten Truls Berntsen, ein in die Jahre gekommener fauler Kommissar und Anders Wyller, gerade frisch von der Polizeischule entlassen und voller Tatendrang. Berntsen wird es dann auch sein, der sich klammheimlich mit seinen Informationen an die Presse wendet, um nebenbei noch Geld zu verdienen. Zu brisant sind die Hintergrundfakten. Der Polizeipräsident, Mikael Bellmann, hat Truls Berntsen den Posten verschafft, da beide einfach zu viel voneinander wissen. Aber Bellmann will Karriere machen und Justizminister werden, das heißt der Fall muss schnell geklärt werden. Und so bittet er Harry Hole um Hilfe.

Aber Kriminalkommissar Hole, der einst zu viel getrunken hat und immer noch durch seine tolle Stimme auffällt, hatte eigentlich geschworen, sich aus der Polizeiarbeit herauszuhalten.
Er ist mit Rakel, einer Juristin, verheiratet und unterrichtet an der Polizeihochschule. Alle bewundern den riesig großen Mann und sie erwarten viel von ihm, denn irgendwie scheint der Fall mit ihm zu tun zu haben. Hole steigt ein, stellt ein kleines Team mit einem Fachexperten für Vampirismus zusammen und beginnt zu ermitteln. Er weiß, dass der Wirt der Kneipe, Mehmet Kalak, in der Elise zuletzt einen Mann getroffen hat und offenbar vom Mörder beobachtet wurde, ihn gesehen haben muss. Hole hofft auf sein Erinnerungsvermögen, kauft kurzerhand seine Kneipe und bittet Mehmet ins Dampfbad zu gehen, wo der Mörder durch seine markanten Tätowierungen aufgefallen ist. Das soll ihm zum Verhängnis werden. Aber Harry Hole ereilt mitten in der Jagd auf den Mörder ein Schicksalsschlag. Seine Frau Rakel erkrankt schwer und wurde ins Koma versetzt.

Und noch ein junges Mädchen, dass ebenfalls vom Mörder missbraucht, aber nicht getötet wurde, hat sein Angesicht gesehen. Sie vertraut sich ihm an und so kann die Identität festgestellt werden. Es ist Valentin Gjertsen, den Harry Hole seit gut drei Jahren sucht. Trotz einiger Gesichtsoperationen wird er erkannt. Problematisch jedoch wird nur, dass hinter dem blutsaugenden Mörder noch eine andere Person steckt und die scheint unentdeckt, in der Nähe von Harry Hole zu agieren. Jo Nesbø sagte einmal in einem Interview:

„Auch wenn ich sicher nebenbei ein Porträt der norwegischen Gesellschaft in meinem Büchern entwerfe. Doch das ist sekundär. Mich interessiert, weshalb Menschen tun, was sie tun. Ihre Abgründe, ihre Dämonen, ihr Wahnsinn.“

Und mit dem Wahnsinn nicht nur eines Mörders wird der Leser auf nervenaufreibende Weise konfrontiert. Jo Nesbøs Täter spielt nicht nur mit Harry Hole, er spielt auch mit dem Leser, seiner Wahrnehmung und seiner Kombinationsfähigkeit. Durst haben alle: Harry Hole auf den unerlaubten Drink und der Täter auf Blut.

Café Morelli

Giancarlo Gemin: Café Morelli, Aus dem Englischen von Gabriele Haefs, Königskinder Verlag, Hamburg 2017, 270 Seiten, €16,99, 978-3-551-56043-8



„Joe wurde von einer Welle der Verärgerung getroffen, die so stark war wie der Geruch der bratenden Zwiebeln. Er hatte einen Rivalen um Mimis Gunst, und dieser Rivale war sein bester Kumpel.“

Der vierzehnjährige Joe lebt mit seiner Familie, die ursprünglich aus Italien stammt, in Wales. Da ist sein Nonno, sein Opa, der immer Opernmusik hört und natürlich das Café Morelli, das seine Mutter führt. Seit es dem Geschäft nicht mehr so gut geht, arbeitet Joes Vater wieder als Elektriker.
Seit einiger Zeit erzählt der Opa immer mehr von früher. Einst kam die Familie vor dem zweiten Weltkrieg nach Wales, weil sie hier auf Arbeit hoffte. Aber nun steht das Café fast vor dem Aus, denn nur noch wenige Kunden finden sich ein und es bringt einfach keinen Umsatz mehr. Prinzipiell geht Joe nicht zur Konkurrenz, auch wenn sein Freund Combi ihm die Pommes vor die Nase hält. Doch dann muss Joes Opa von einem Tag auf den anderen ins Krankenhaus und die zwanzigjährige Cousine Mimi reist an, um der Familie im Café zu helfen. Mimis Anmut und ihre Kochkünste locken die Jungen aus der Umgebung an, sogar Combi schmachtet sie aus der Ferne an. Joe ist ein bisschen eifersüchtig, aber immer wenn der Opa eine Kassette mit seinen Erinnerungen besprochen hat, hört er sich diese zusammen mit Mimi an. Besonders spannend sind die Passagen, in denen Nonno von seinem Vater berichtet, der im 2. Weltkrieg als „Italiener und Feind“ interniert und per Schiff nach Kanada abgeschoben werden sollte. Auf dem Weg in die neue Welt wurde das Schiff torpediert und versenkt. Joes Urgroßvater überlebte wie durch ein Wunder, war aber auf britischem Boden nicht sicher und musste sich verstecken. Bewegend liest sich, wie die eigenen Nachbarn die Familie geschnitten, andere wiederum, besonders die Bergleute, den Morellis geholfen haben.

Joe, der nun wie der Opa mit Begeisterung Opern von Verdi oder Puccini hört, beflügeln all diese Geschichten und er möchte unbedingt das Café weiterführen, aber seine Mutter hat bereits einen Interessenten in Aussicht. Doch Joe gibt nicht auf, er überlegt sich eine Geschäftsidee nach der anderen und kann auch Mimi, die wunderbar italienische Gerichte zaubert, begeistern. Wie die beiden gegen viele Widerstände es schaffen, das Café zu erhalten und was Joe vom Opa über Freundschaft lernt, liest sich einfach wunderbar.
Giancarlo Gemin, der heute in London lebt, aber selbst Sohn italienischer Eltern ist, schafft es, in seiner feinfühligen Handlung vom friedlichen Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Nationen zu erzählen. Es ist ein Plädoyer für Toleranz, Akzeptanz und vor allem Mitmenschlichkeit.

Schade, dass das Imprint Königskinder im Carlsen Verlag seine Tore demnächst schließt. Immerhin fanden viele Jugendbücher mit ausgezeichneten Inhalten und auffälligen Covern hier ihren Platz, die vielleicht für den gängigen Büchermarkt zu sperrig oder auch zu ernst waren, z.B. „Der Himmel über Appleton House“ von S.E.Durrant, von Ruty Sepetys „Salz für die See“ oder von Que Du Luu „Im Jahr des Affen“.

Maiglöckchenweiß

Christian Schünemann & Jelena Volić: Maiglöckchenweiß, Ein Fall für Milena Lukin, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 320 Seiten, €18,99, 978-3-257-60818-2

„Sie schlang die Arme um ihren Körper, als würde sie ihren kleinen Jungen umarmen, schloss die Augen und machte den Schritt ins Leere.“

Aus mehreren Erzählperspektiven nähert sich das Autorenduo Schünemann & Volić dieser ergreifenden Geschichte, in deren Mittelpunkt eine brutale Tat steht, die vor gut fünfundzwanzig Jahren von zwei Jugendlichen begangen wurde. Jurij und Luca, zwei angetrunkene Jugendliche, erschlagen den zehnjährigen Dusan, einen serbischen Roma mitten in Belgrad. Wie die zweite Tat, die gleich zu Beginn erwähnt wird, im Zusammenhang mit der ersten steht, klärt sich im Laufe des Romans. Fünf Jahre später, 2003, wird der serbische Ministerpräsident aus dem Hinterhalt erschossen.

Der Leser schaut kurz in das tragische Leben der Roma-Familie, die ihr Kind verloren hat. Die Mutter Svetlana nimmt sich das Leben und der Vater schickt seine Tochter Anna auf Nimmerwiedersehen in die USA.

Schnitt. Der Leser ist in der Gegenwart bei Milena Lukin. Sie teilt ihr Arbeitsleben zwischen dem Institut für Kriminalistik und dem Job bei der deutschen Botschaft, bei dem sie sich um Rechtsreformen den EU-Beitritt Serbiens betreffend beschäftigt. Ihr Sohn Adam wird elf Jahre alt und wartet sehnsüchtig auf seinen deutschen Papa Philip. Milenas Ex-Mann bringt seine um Jahre jüngere Lebensgefährtin mit. Trotz Trennung fühlt sich Milena immer unter Druck, wenn sie mit Philip, dem nichts in ihrem Leben passt, zusammentrifft. Sie fragt sich, sieht die Wohnung nicht zu schäbig in seinen Augen aus, kann sie ihre Eifersucht auf die Vater – Sohn – Beziehung in den Griff bekommen und hoffentlich hält sich ihre Mutter zurück. Hin- und hergerissen zwischen den beiden Arbeitsstellen hält Milena Kontakt zu ihrem Freund Sinisa, der als Anwalt Jurij Pichler, einen der Kindsmörder, vertritt. Pichler ist einer der Jugendlichen, der sich nun seiner Verantwortung stellen will und nach Belgrad zurückgekehrt ist. Nur Luca musste damals eine Haftstrafe wegen Todschlags absitzen. Jurij wurde von der Familie nach Argentinien geschickt. Doch dann wird Jurij Pichler tot aufgefunden. Die Polizei kehrt alles schnell unter den Teppich und behauptet, es sei Selbstmord gewesen. Aber Sinisa ahnt, dass mehr hinter dieser Geschichte steckt. Milena versucht mit ihren Kontakten, Licht ins Dunkel zu bringen, weil sie das traurige Schicksal des Roma-Jungen berührt, der im gleichen Alter wie ihr Sohn Adam war, als er sterben musste. Ein Glas mit Maiglöckchen steht an der Stelle in der Belgrader Straße, in der der Junge sein Leben lassen musste.

Als Philip dann mit seiner Freundin Jutta anreist, kippt der Roman kurz mal in den Reiseführer-Ton, denn Milena fühlt sich bemüßigt, der Freundin ihres Ex die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Unter all der Fassade, die gut übertüncht ist, und das spürt auch der Leser, rumort eine Gesellschaft, in der noch die alten Seilschaften funktionieren, sogar Milena mit ihren Beziehungen Leute ködert und vieles, auch was den EU-Beitritt anbelangt, im Argen liegt. Im Hintergrund spielt natürlich auch die Tito-Zeit eine Rolle und der Jugoslawienkrieg. Erzählt Milenas Mutter ihrem Enkel, dass Tito ein Held ist, so sieht Philip dies völlig anders. Allein schon Philips abschätziger Blick und Ton, der Milena auf die Palme bringen kann, dem sogenannten „Osteuropa“ gegenüber, spricht Bände. Und doch, es geht immer um menschliche Schicksale, ob es nun um Roma-Kinder geht oder Serben, die sich ihrer Schuld stellen wollen. Bleibt die Frage, wer hat den reuigen Jurij kaltblütig erschossen, denn von Selbstmord kann nicht die Rede sein. Was hat er seinem Freund Luca am Abend vor seiner Ermordung erzählt? Ist es die späte Rache der Roma? Hat es mit Annas Rückkehr aus den USA zu tun, die sich mit Jurij treffen wollte? Anna, die in den USA als Roma eine Karriere als Anwältin hinlegen konnte.

Spannend liest sich dieser Roman, der in einem osteuropäischen Land spielt, von dem wir so wenig wissen und vielleicht auch wissen wollen. Milena als Hauptfigur ist interessant genug, um dieser teils auch konstruierten Handlung zu folgen. Es ist die Mischung aus Kriminalfall und privatem Einblick ins Leben und Denken der Belgrader, das doch um Längen anders ist als unseres, das den Roman so lesenswert macht.

Tage ohne Hunger

Delphine de Vigan: Tage ohne Hunger, Aus dem Französischen von Doris Heinemann, Dumont Verlag, Köln 2017, 169 Seiten, €20,00, 978-3-8321-9837-4

„Ja, sie hatte übergroße, von dunklen Ringen umrahmte Augen, Streichholzärmchen und eine so gespannte Haut, dass sie nicht mehr lächeln konnte. Ja, stimmt, sie konnte nicht mehr hören und kaum noch sprechen. Sie torkelte, fiel auf der Straße hin, konnte nicht einmal mehr die Knie beugen. … Ja, aber sie war seine Tochter.“

Laure ist neunzehn Jahre alt und kurz davor, sich zu Tode zu hungern. Sie ist ein Meter fünfundsiebzig groß und wiegt kaum sechsunddreißig Kilo, ihr Magen hat die Größe eines kleinen Babys. Nur der Aufenthalt im Krankenhaus, den sie selbst wirklich wollen muss, eine Magensonde und langsames Essen unter Aufsicht können sie retten. Wie kann es sein, dass Mädchen das Essen vergessen? Wie kann es sein, dass das Vermeiden der Nahrung zu einer Sucht wird? Alles hat seine Ursachen, jeder ahnt, das etwas nicht stimmt im Leben dieser jungen Frauen und auch Männer.

Der Wunsch, die Kontrolle zu behalten, hat auch Laure angetrieben. Sie schreibt im Krankenhaus alles auf, was ihr so durch den Kopf geht. Sie muss schreiben, wenn der Vater sie besucht, die wortkarge Mutter oder die Schwester. Sie spürt das Grauen, dass sie und ihr Körper hervorruft, wenn Leute sie ansehen. Alles hat nicht mit einer Diät kurz vor dem Sommer angefangen, um den Babyspeck für einen gut sitzenden Bikini loszuwerden. Bei Laure war es ein schleichender Prozess. Zuerst wurde der Zucker weggelassen, dann die Fette und dann das Essen. Seltsamerweise stellte sich für Laure ein seltsam gutes Gefühl ein, beim Essen endlich die Oberhoheit zu haben. Mit dem Spott der Leute konnte sie umgehen, mit dem Abscheu der Familie weniger.

Unaufgeregt erinnert sich die junge Frau an ihre Kindheit, die durch eine labile Mutter geprägt wurde, deren Geist krank war. Als die Schwestern nicht mehr bei der Mutter leben können, nimmt der Vater sie auf. Er trinkt, er bemitleidet sich selbst, er quält die Mädchen mit seinen ich-bezogenen Tiraden, mit seinem Geschimpfe und seiner Gewalttätigkeit. Als sich Laure dem Vaterhaus entzieht, hat sie ein schlechtes Gewissen, denn die Schwester kann nicht fliehen.

„Sie reicht nie, die Liebe, die man ihm schenkt. Ihr Vater leidet darunter, dass er nicht richtig geliebt wird, er leidet an der Leere, die er, langsam und unwillkürlich, rings um sich schafft. … Er zerstört alles, alle Bindungen, alle Gefühle.“

Nach und nach lernt der Leser die Klinikabläufe kennen, den „Klub der Gerippe“, weitere Patientinnen, die am liebsten bei Laure Dallas-Serien sehen und ihren Kummer abladen. Und er erlebt die Gespräche mit dem Arzt, den Laure mal innig liebt und dann wieder zum Teufel jagen möchte. Und doch wird sie sich öffnen und so über den Berg kommen.
Zu Beginn erfährt der Leser, dass Laure nicht untergehen wird und das hilft beim Lesen. Genaue zeitliche Verortungen lassen ahnen, dass die Autorin vielleicht selbst Erfahrungen mit der Magersucht, der Anorexie, machen musste.

Die Ehefrau

Meg Wolitzer: Die Ehefrau, Aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Dumont Verlag, Köln 2017, 270 Seiten, €10,00, 978-3-8321-6432-4

„Joe wollte jetzt meine Hilfe, sagte er. Würde ich das für ihn tun? Es wäre nur für diesen einen Roman; er könnte mir Dinge erzählen, die er beobachtet und erlebt oder einfach erspürt habe, und ich könne sie aufschreiben; sein Kopf und sein Leben seien mit Erfahrungen angefüllt.“

Auf dem Flug nach Helsinki zur Preisverleihung des begehrten Helsinki-Preises, nicht so berühmt wie der Nobelpreis, aber immerhin, entschließt sich die vierundsechzigjährige Joan Castleman ihren Mann Joe, einen erfolgreichen Schriftsteller, zu verlassen. Doch warum hat sie so lang mit dieser Entscheidung gewartet? Er ist immerhin sieben Jahre älter als sie, die Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens, so scheint es, liegt weit hinter ihnen. Dieser Preis ist die Krönung seines Lebenswerkes und danach kommt möglicherweise gar nicht mehr so viel.
In einem Gedankenstrom erinnert sich die Ehefrau an ihre Zeit mit Joe, den einst vielversprechenden Dozenten für kreatives Schreiben an ihrem College. Beide lernen sich zu Beginn der 1950er Jahre in Northampton kennen. Alle Mädchen himmeln den jungen Joe an und ausgerechnet Joan suchte er sich aus. Allerdings ist Joe zu diesem Zeitpunkt noch unglücklich verheiratet und gerade Vater geworden. Als Joan eine veröffentlichte Geschichte von ihm in einer unbedeutenden Literaturzeitschrift liest, ist sie enttäuscht. Und doch, was sagt man, wenn man verliebt ist? Man lügt.
Joan und Joe brennen nach New York durch. Sie findet, trotz reicher, aber entsetzter Eltern, immerhin ist Joe Jude, eine Stelle als Assistentin eines Lektors. Doch dann erscheint der erste, autobiografisch gefärbte Roman von Joe Castleman und die Welt steht ihm offen. Sie heiraten, bekommen drei Kinder und leben ein reiches Leben, abseits irgendwelcher langweiliger Hochschuldozenturen, ein Leben voller Abwechslungen, sie reisen und bewegen sich in Schriftstellerkreisen. Wären da nicht seine Seitensprünge und das Familiengeheimnis, das beide tunlichst hüten, alles könnte gut sein. Doch irgendwann hat Joan nicht mehr die Kraft, alles für sich zu behalten, im Hintergrund zu stehen, obwohl er sie als seine Muse öffentlich ständig lobt. Es mag die Zeit gewesen sein, in der die Männer schreibende Frauen nicht akzeptieren wollten und konnten. Und sogar Joan lernte früh eine selbstbewusste Autorin kennen, die ihr ziemlich klar vermittelte, dass sie trotz Talent nicht so weit kommen könnte wie Joe. Und doch, die Gesellschaft hat sich verändert. Warum hat Joan keinen Roman geschrieben, sondern immer nur die Ideen ihres egozentrischen, wohl kaum hochtalentierten Mannes auf Vordermann gebracht und seine Beutezüge toleriert? Er steht als schillernde, charismatische, selbstbewusste Figur im Rampenlicht. Und sie?
Nicht mal den Kindern konnte er ein liebender Vater sein. Mit seinem Sohn David wird es zu einer heftigen körperlichen Auseinandersetzung kommen, mit den Töchtern bleibt es eher lauwarm, zumal die eine lesbisch ist und die andere unglücklich in ihrer Ehe.
Bei einem Gespräch mit einem Biographen kann sich Joan ein paar Anspielungen nicht verkneifen.
Am Ende jedoch wird sich alles in Wohlgefallen auflösen, denn Joe stirbt und sie lässt ihm großzügig den Nachruhm.

Lesen kann man diesen schmalen, sehr unterhaltsamen Roman als Satire auf den Literaturbetrieb, zumal im letzten Jahrtausend, aber auch als Geschichte über falsche weibliche Zurücknahme und typisch männliche Ignoranz.

Verfilmt wurde der Roman mit Glenn Close und Jonathan Pryce in den Hauptrollen, eine sicher nicht schlechte Wahl für diese doch lebensnahe Geschichte.

Zartbitter ist das Glück

Anne Østby: Zartbitter ist das Glück, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Wunderraum Verlag bei Goldmann, München 2017, 384 Seiten, €22,00, 978-3-336-54791-3

„Sie fühlen sich in Korototoka wohl, das steht fest. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich sehe, wie sie in der Sonne den Hals strecken und ihre nackte Zehen im Sand krümmen. Aber der Funke in Ingrids Stimme, als sie die Schokolade erwähnt hat, war noch mehr, sie hörte sich an wie frisch verliebt.“

Sie haben sich vierzig Jahre nicht mehr gesehen, lose Kontakt gehalten, aber eigentlich sind sie sich fremd, die fünf Jugendfreundinnen aus dem norwegischen Reitvik. Kat ist die einzige, die sich mit Niklas nach dem Abitur in die weite Welt von Projekt zu Projekt aufgemacht hat. Nun lebt sie auf Fidschi und ist Besitzerin einer Kakaoplantage. Ihr langjähriger Gefährte ist bei einem Unfall ertrunken und sie fühlt sich einsam. Ihr Haushälterin und Freundin Ateca hat ihr zugeredet, ihre „Schwestern“ zu kontaktieren und ihnen ein Angebot zu machen. Sie sollen die Zelte in Norwegen abbrechen, zu ihr auf die exotische Insel in Stillen Ozean kommen und hier unter Kokospalmen ihren Lebensabend verbringen.

Sina überlegt nicht lang, stürzt sich ins Abenteuer und flieht vor ihrem einzigen Sohn. Gleich nach der Schule ist sie schwanger geworden, hat als Ungelernte nie viel verdient und Armand, ihr Sohn, der bald fünfzig wird, liegt ihr nach wie vor auf der Tasche mit seinen unsinnigen Finanzprojekten, die alle schief laufen und natürlich ist er nie Schuld an seinem eigenen Lebensdesaster.
Sinas Freundin Lisbeth, die den reichen Bauunternehmer Harald geheiratet hat, ebenfalls 66 Jahre alt, muss auch nicht lang überlegen. Ein Leben, das nur auf Äußerlichkeiten aufgebaut ist, bricht im Alter schnell zusammen, wenn der Mann noch potent ist und seine Liebschaften auch nicht mehr verheimlichen will. Die praktische Buchhalterin Ingrid trennt sich schnell von ihrer Familie, auch wenn der Bruder nicht versteht, was die alte Schwester weit fort von Norwegen in einem unsicheren Land mit keiner guten Gesundheitsversorgung eigentlich will.
Maya, die Lehrerin, ihr Partner ist verstorben, beginnt langsam an ihrem Verstand zu zweifeln. Ihre Tochter Evy begleitet sie auf der Reise zu Kat mit dem Wissen, dass alle Erinnerungen bald fort sein werden.

Alle Frauen lernen sich wieder kennen, auch wenn die alte Vertrautheit der alten Freundschaft schnell wieder auflebt. Aber sie sind nicht mehr jung, sie spüren die Qualen des Alters, die Zweifel, sie leben in Erinnerungen, bemerken Versäumnisse und wissen, es ist der letzte Lebensabschnitt. Aber sie erleben auch Momente, die sie gar nicht mehr erwartet hätten. Ingrids verkrampfte Füße spüren im Sandstrand wieder, wie lebendig sie sind, Lisbeth entdeckt die Schmetterlinge im Bauch, wenn sie auch peinlich berührt, Armand sieht, der es nicht lassen kann, seine Mutter auch in der Ferne zu bedrängen. Und Sina lüftet ein lebenslanges Geheimnis.

Anne Østby erzählt aus der Sicht aller Frauenfiguren, auch Atecas Beobachtungen fließen aus ihrer ganz eigenen Perspektive ein. Das ist auch die Hürde, die die nordeuropäisch geprägten Frauen nehmen müssen, ihnen wird klar, dass ihre Umgebung kulturell und auch materiell völlig anders denkt als sie.

Als Projekt, eine Idee von Niklas, auch wenn das ein Risiko darstellen könnte, möchte Kat mit den Freundinnen aus einem Teil der geernteten Kakaobohnen Schokolade herstellen. Vieles muss gelernt, kalkuliert, verändert werden. Sina wird krank, Mayas Demenz entwickelt sich schneller als gedacht und Armand nistet sich wie ein Schmarotzer bei den Nachbarn ein, die nicht nein sagen können. Auch wenn alle in die Gemeinschaftskasse einzahlen, Sina weniger als die anderen, weiß Kat, dass ihr Projekt auf wackeligen Beinen steht.

Wunderraum, die neue Verlagsmarke für Manhattan beim Goldmann Verlag, will laut Programmleiterin Dr. Andrea Best „ Frauen ab dreißig, die gerne lecker kochen und schön wohnen − zurück zur ‘Essenz des Lesens’ verhelfen“. Entsprechend kitschig ist auch der Buchtitel und das Cover, aber das sei gesagt, literarisch ist der Titel allemal. Er verhandelt durch die sehr unterschiedlichen Frauenfiguren die realistischen Probleme einer bestimmten Generation, nimmt sie ernst und regt zu eigenen Höhenflügen an, wenn das Arbeitsleben mal vorbei ist.

Willkommen bei den Friedlaenders! Meine Familie, ein Flüchtling und kein Plan

Adrienne Friedlaender: Willkommen bei den Friedlaenders! Meine Familie, ein Flüchtling und kein Plan, Blanvalet Verlag, München 2017, 218 Seiten, €16,00, 978-3-7645-0625-4



„Würden wir über jedes Kind, das im Meer ertrinkt, nachdenken, wären Mitleid und Schmerz unerträglich. Durch das Zusammenleben mit Moaaz bekamen die Bilder jedoch eine andere Bedeutung für mich, rückten in die Realität. Moaaz half mir, die ‘Flüchtlinge’ aus der Anonymität zu holen. Sie wurden wieder zu individuellen Menschen, erhielten ihr Gesicht zurück.“

Es bleibt ein Dauerthema – die Flüchtlinge. Die Hamburger Journalistin ist in diesen Tagen eine gefragte Autorin. Zwei Jahre nach Angela Merkels optimistischem Ausruf „Wir schaffen das!“ blicken die Medien, ob NDR oder Deutschlandfunk Kultur gern zurück und fragen sich, was ist mit den Menschen passiert, die doch hoffnungsvoll zu uns gekommen sind. Wie leben sie und konnten sie sich in den Alltag integrieren? Und Adrienne Friedlaender kann vieles, mal komisch, mal ernst, über ihr Zusammenleben mit Moaaz, den jungen Syrier, der einundzwanzig Jahre alt war, als sie ihn in ihre Familie aufgenommen hat, erzählen. Triebkraft, für die Entscheidung zu handeln, waren die Söhne der Autorin, die zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Fragen gestellt haben. Adrienne Freidlaender ist Alleinerziehende mit drei Jungen, und ihr Alltag ist sicher nicht einfach zu organisieren. Zwar ist ihr ältester Sohn bereits ausgezogen und doch birgt ja die Anwesenheit eines Fremden in den eigenen Räumen auch ein Risiko. Diese Zweifel jedoch wurden eher von außen hereingetragen, die gut vernetzte und offenbar auch lebensbejahende Autorin scheint wirklich keinen Plan gehabt zu haben und doch hat sie die Verantwortung für Moaaz einfach so übernommen. Er genießt es, einfach die Tür im Reihenhaus hinter sich zuzumachen. Er braucht einen Freiraum wie jeder andere auch und er muss den Kontakt zu seiner Familie halten, die in der Nähe von Damaskus mehr schlecht als recht überlebt. Wenn Moaaz seiner „neuen“ Familie die Bilder von Syrien vor dem Krieg zeigt, dann lebt er auf. Zurückkehren will er auf gar keinen Fall. Was ihm auf der gefährlichen Flucht vor dem Eintritt in die syrische Armee auf dem langen Weg nach Deutschland geschehen ist, wird nicht erzählt.

Moaaz ist ein äußerst höflicher Mann, aber auch sehr introvertiert, obwohl er Schauspieler werden wollte. Er überwindet seine Angst oder eher Antipathie vor Haustieren und versucht sich so gut wie möglich in den Familienalltag einzufinden. Im Gegensatz zu den ziemlich „paschaähnlichen“ Söhnen, bei denen die Erziehungsarbeit der Mutter irgendwie doch auf der Strecke geblieben ist, hilft Moaaz ganz selbstverständlich in der Küche oder im Haus. Für die Autorin auch immer ein Anlass für Gespräche mit ihrem „Ziehsohn“ über seine Familie, die Rolle der Frauen in muslimisch geprägten Ländern und seine Probleme mit dem Neuen zurechtzukommen. Als Moaaz einen Wecker zu Weihnachten bekommt, ist dieses Geschenk ein Wink mit dem Zaunpfahl. Pünktlichkeit ist nicht sein Ding und ein tiefer Schlaf nach langem nächtlichen Chatten wichtiger. Dass die Autorin total ausflippt, wenn er morgens nicht aufsteht, trotz wichtiger Termine, ist nur allzu verständlich. Als Moaaz dann seine Meinung zu den Auseinandersetzungen doch mal äußert, wird klar, wie anders die Menschen tausende Kilometer von uns entfernt ticken.

Adrienne Friedländer schafft es, trotz Sorgen und Verantwortung, eine gute Distanz zu Moaaz zu wahren. Sie versucht sich in seine Situation hineinzudenken, ihre Reisen auch in den Orient sind da schon eine Hilfe, und sie hinterfragt vieles nicht oder nimmt es persönlich, wenn Moaaz keine Hilfe will. Diese Gelassenheit hat sicher geholfen, wenn Moaaz Fragen nicht beantworten konnte oder wollte. Berührend sind die Szenen mit Adrienne Friedlaenders neunzigjähriger Mutter, die beherzt den Jungen unter ihre Fittiche nimmt, mit ihm lernt und ihn unterstützt. Ohne Sentimentalität oder falsche Toleranz, auch die Geschehnisse in der Silvesternacht in Köln werden thematisiert, berichtet die Autorin von den Monaten mit Moaaz, der jetzt mit seinem Freund Hussein eine Wohnung in Hamburg gefunden hat. Für diese kurze Zeit in Deutschland hat er bereits ein ausgezeichnetes Sprachniveau erreicht und kann sicher studieren. Profitiert hat nicht nur Moaaz von seinem Leben bei den Friedlaenders, auch die Autorin und ihre Söhne sind um vieles reicher.

„Aber ich glaube, schon an dem Versuch bin ich etwas gewachsen und habe sicher noch einmal mehr gelernt, bewusst zu schätzen und zu genießen, was oft so selbstverständlich für uns ist: Nahrung, Sicherheit, ein komfortables Leben, ohne viel Verzicht und vor allem die wärmende Familie in allen Lebenslagen an meiner Seite.“