Elly

Maike Wetzel: Elly, Verlag Schöffling&Co., Frankfurt a.M. 2018, 148 Seiten, €20,00, 978-3-89561-286-2



„Heimlich bin ich wütend auf meine Schwester. Sie nimmt mir alles weg. Ich habe kein Recht fröhlich zu sein, wenn meine Schwester leidet, wenn sie vielleicht tot ist, wenn sie allein in einen Keller eingesperrt, vergewaltigt, ohne Sonne, ohne vernünftige Nahrung vegetiert. Elly ist weg. Es gibt nichts anderes, was zählt. Ich wünsche mir, ich könnte fortlaufen.“

Plötzlich ist sie fort, die elfjährige Elly. Ihr Weg zum Judo-Training endet im Nirgendwo. Die Polizei beschuldigt erst den Vater, dann die Mutter. Alle sind empört, aufgeregt, enttäuscht, hilflos.
Aus den Perspektiven von Ellys Familie, der Mutter Judith, des Vaters Hamid und der älteren Schwester Ines, erzählt Maike Wetzel in ihrem Debüt vom Entschwinden eines Kindes und den Qualen der Zurückgebliebenen. Was ist mit ihr geschehen? Welche Horrorszenarien spielen sich in den Köpfen der Eltern ab? Kann ein Detektiv, vom Vater engagiert, die Tochter aufspüren?
Zwischen den Eltern macht sich ein bedrückendes Schweigen breit, sie entzweien sich durch den Schmerz, ohne Absicht. Sie arbeiten freiberuflich und vergraben sich in Plänen, um die innere Leere zu füllen. Niemand kann die Familie trösten, nicht mal eine Lösegeldforderung schafft Gewissheit.
Geht ein elfjähriges Kind einfach so fort? Passiert das nicht eher in der Fantasie, aber nicht im realen Leben.
Es ist der Albtraum, den man auch als Leser kaum aushalten kann. Maike Wetzel findet eine leise Sprache, die man ertragen kann, die nicht aufbauscht, sondern dezent und sensibel die Geschichte dieser Familie mit ihren Ängsten, ihrer Wut und ihrer Verzweiflung erzählt.
Vier Jahre später, ganz unerwartet, taucht eine Verschollene auf, ein Mädchen, eigentlich schon eine junge Frau, die nun die neue Elly spielt. Kann sie wirklich die wiedergekehrte Elly sein? Sie muss es sein, nur die Großeltern wenden sich ab, erkennen die Täuschung, wollen sich nicht betrügen lassen, im Gegensatz zu Judith, Hamid und Ines.
Die Flucht in die Lüge, in den Wunsch, endlich leben zu können, kann jeder verstehen.

Mein Weg mit Vanessa

Kerascoët: Mein Weg mit Vanessa, Aladin Verlag, Hamburg 2018, 32 Seiten, €14,95, 978-3-8489-0153-1

Auf dem Bilderbuchcover sieht man zwei Mädchen, die miteinander zur Schule laufen. Im Hintergrund ein gewöhnlicher Ort, der überall auf der Welt sein könnte. Eines der Mädchen ist neu in den Ort gezogen, sie wird von der Lehrerin der Klasse vorgestellt und sitzt ganz allein fast separat von ihren Klassenkameradinnen. Auch beim Sport fordert sie niemand auf mitzumachen.
Ohne Worte nur in grellen Farben, wenn die Emotionen hochkochen, begleiten wir das Mädchen auf ihrem ersten Schultag in der fremden Stadt. Auf dem Heimweg scheint ein arroganter Junge, das Mädchen verbal anzugreifen. Was er sagt oder warum er mit dem Finger auf sie zeigt, bleibt im Ungewissen. Nur ein Mädchen wird aufmerksam und sieht die Neue weinend davonlaufen. Das Mädchen versucht mit ihren Freunden zu sprechen, aber die sind nicht an der Neuen interessiert. Wie sehr das Mädchen, das der Neuen nicht geholfen hat, mit ihrem Gewissen ringen muss, zeigen die klaren Bilder, die den Alltag beschrieben und sich ohne großartig illustrierte Hintergründe auf die Figuren der Geschichte konzentrieren.
Am nächsten Morgen steht das Mädchen vor der Tür der Neuen und beide gehen Hand in Hand zur Schule. Aber auch die anderen Freunde des Mädchens haben sich Gedanken gemacht und schließen sich den beiden Mädchen an. Isoliert ist nun der blonde Junge, der die Gemeinschaft der Kinder mit Widerwillen registriert.
Was hat der Junge zu dem Mädchen gesagt? Warum sitzt sie so allein zu Beginn des Unterrichts?
Was ist da schief gelaufen? Warum geht sie nicht auf die anderen zu? Was würdest du machen, wenn du an ihrer Stelle wärst?
Dieses Bilderbuch ohne Worte eröffnet viele Anlässe für Gespräche, bei denen nicht unbedingt gleich das Wort Mobbing fallen muss.

Hinter dem Pseudonym Kerascoët verbergen sich die 1978 geborene Marie Pommepuy und der 1975 geborene Sébastien Cosset. Kerascoët – ein kleiner Ort in der Bretagne – steht für ausgezeichneten Comic und liebevolle Illustrationen. Das Künstlerehepaar lebt und arbeitet in Paris.

Gregs TAGEBUCH 13 – Eiskalt erwischt


Jeff Kinney: Gregs Tagebuch 13 – Eiskalt erwischt, Übersetzung von Dietmar Schmidt, Baumhaus Verlag, Köln 2018, 218 Seiten, €14,99, 978-3-8339-3659-3



„Wenn ich ein Tier wäre, wäre Winterschlaf GENAU mein Ding. Ich finde, am letzten Hersttag sollte jeder seinen Schlafanzug anziehen und sich zum Frühling eine Auszeit nehmen.“

Blöd nur, dass es mit dem Winterschlaf bei Menschen einfach nicht klappt. Auch Greg Heffley hat das, als er noch klein war, ausprobiert. Außerdem würde er dann ja auch Weihnachten verschlafen und das darf nicht sein. Wie immer rotiert in Gregs Kopf ein wunderbar komisches Gedankenkarussell, das sich mit allen möglichen Themen, passend zur Jahreszeit Winter im Tagebuuch wiederfindet. Seltsamerweise ist der Winter dieses Jahr zu Beginn der Aufzeichnungen ziemlich warm. Gleich sprudeln die Ideen zur Klimaerwärmung und etwas Panik entsteht bei dem Gedanken, welche Ungeheuer vielleicht in den Eismassen eingeschlossen sind, die durch das Schmelzen der Polkappen freigelassen werden könnten. Angeblich sollen ja eingefrorene Höhlenmenschen, Thema eines Filmes, den Greg gesehen hat, nach dem Auftauen wieder lebendig werden.

„Ich weiß nicht, ob so was wirklich passieren kann, aber FALLS heutzutage aufgetaute Höhlenmenschen rumlaufen, könnte der Hausmeister einer von ihnen sein.“

Greg bleibt sich treu, in dem er wiedermal die Hausaufgaben vergessen hat, seine Mutter an seinen und Bruder Rodricks „sozialen Fähigkeiten“ arbeitet und ihn auch wie immer von den elektronischen Geräten fernhalten möchte. Dabei steht Greg absolut auf Technik, er denkt, sie wird sein Leben ohne Frage auch in der Zukunft erleichtern.
Als die Wintertage dann mit Eis, Schnee und bitterer Kälte zuschlagen, darf Greg natürlich nicht vor dem Fernseher sitzen oder gar Computerspiele spielen. Er soll draußen sein und sich endlich wie ein richtiges Kind benehmen, was auch immer das sein soll.

Erstaunlich ist, dass Jeff Kinney auch zum 13. Mal treffsicher das Lebensgefühl seiner Hauptfiguren Greg, Rodrick oder Rupert beschreibt, ihre Alltagsabenteuer auf witzige Weise zeichnet und weiterhin die Jungen, die vielleicht nicht so gern lesen, in seine Comic-Geschichten mit viel Text hineinzieht.

Weißer Tod

Robert Galbraith: Weißer Tod, Ein Fall für Cormoran Strike, Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz, Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House, München 2018, 861 Seiten, €, 978-3-7645-0698-8

„Robin saß wie versteinert da. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn er abdrückte. Er hatte behauptet, er würde sie durch ein Kissen hindurch erschießen, um das Geräusch zu dämpfen, aber vielleicht hatte er das mittlerweile vergessen, vielleicht würde er gleich vollends die Beherrschung verlieren.“

Wieder schwebt Robin während ihrer Arbeit beim Privatdetektiv Cormoran Strike zwischen Leben und Tod. Und alles nur weil sie in einem schwachen Moment, dem mutmaßlichen Mörder, ohne es zu ahnen, ein pikantes Detail aus ihrem Privatleben erzählt hatte. Sehr unprofessionell, wo doch Robin so enthusiastisch ihre Arbeit liebt und nichts spannender für sie ist, als in fremde Identitäten mit viel Schminke, neuer Augenfarbe, Perücke oder Brille zu schlüpfen, um Informationen abzuschöpfen.

Cormoran Strike, der einbeinige, groß gewachsene und übergewichtige Detektive ist zurück und mit ihm auch Robin, seine couragierte Mitarbeiterin, die er natürlich unbedingt wieder einstellen will, nachdem er sie nach dem letzten Fall gefeuert hatte. London feiert 2012 die Olympiade und Robin heiratet tatsächlich ihre Jugendliebe Matthew, um bereits während der Hochzeit zu erkennen, dass dies ein riesiger Fehler war. Längst ist das Vertrauen zwischen den beiden zerstört und als Robin begreift, dass Matthew ihre Anrufliste mit Telefonaten von Strike gelöscht hat, bricht erneuter Streit aus. Doch Robin geht auf Hochzeitsreise, mietet mit ihrem großspurigen, engstirnigen Mann und Bilanzbuchhalter ein Haus, der natürlich alle glauben lassen möchte, das Haus gehöre ihm.

Inzwischen jedoch erhält Strike in seiner Kanzlei einen seltsamen Besuch. Ein paranoider, junger Mann namens Billy Knight erzählt ihm, dass er vor Jahren als Kind gesehen haben will, wie ein Mädchen oder Junge vor seinen Augen getötet und in einer rosa Decke verscharrt wurde. Billy entzieht sich der Polizei, die Strike inzwischen hatte rufen lassen.
Ein weiterer Auftrag führt Strike allerdings dann doch zu Billy und zu seinem Bruder Jimmy Knight, einem radikalen Gegner des Establishments und der Olympiade. Der arrogante Kulturminister, Jasper Chiswell, behauptet, Jimmy und sein Widersacher, der Ehemann der Sportministerin, Geraint Winn, würden ihn erpressen. Worum es bei der Geschichte gehe, tue nichts zur Sache und sei angeblich vor sechs Jahren noch legal gewesen. Außerdem wolle Winn Chiswell aus dem Amt drängen. Robin wird kurzerhand mit Wissen der Assistentin Izzy, der Tochter von Chiswell, ins Unterhaus eingeschleust. Da Izzy den Job bald nicht mehr ausüben will, soll das schwarze Schaf der Familie, ihr Stiefbruder Raphael, die Arbeit übernehmen. Robin versucht eine Wanze, im Büro von Winn zu installieren und gelangt somit an wichtige Informationen. Doch bevor ihre geheime Identität aufgedeckt wird, wird Jasper Chiswell grausig ermordet.

Nun könnte ja Strikes Auftrag beendet sein, doch es kommt natürlich ganz anders. Die Tochter des Ermordeten glaubt, dass ihre Stiefmutter Kinvara, eine fanatische Pferdenärrin, den Ehemann ermordet habe. Allerdings hat sie nach Strikes Recherchen ein wasserdichtes Alibi, genauso wie ihr
Stiefsohn Raphael. Raff stammt aus einer außerehelichen Beziehung des feinen Kulturministers. Alkoholisiert hatte Raff eine junge Mutter totgefahren. Dank der guten Beziehungen seines Vaters musste er nur eine kurze Haftstrafe antreten. Natürlich hat der Vater den Sohn nie besucht. Allerdings hatte er ihm eine Stelle bei einem Galeristenfreund besorgt. Da Raff die blutjunge Assistentin verführt hat, musste er sich eine neue Arbeit suchen. Total geheim an der ganzen Geschichte ist jedoch, dass der amtierende Kulturminister pleite ist und seine Gemälde, u.a. mit besonderen Pferden aus dem Landhaus in der Galerie verkaufen wollte.
Wobei nun klar wird, dass Chiswell auch die Erpressersumme nie hätte zahlen können, denn seit 2008 hat sich sein Vermögen auch nach Transaktionen seines genialen Schwiegersohnes in Luft aufgelöst. Ohne lang raten zu müssen, der Tod des Familienoberhauptes Chiswell hat eindeutig mit Geld zu tun, gekränkter Eitelkeit und purem Hass.
Doch ehe Strike und Robin schnallen, was dies alles mit Billys Totengeschichte zu tun hat, vergehen hunderte Seiten und Strike hat alle Mühe, seine Observationsaufgaben zu erfüllen.

J.K.Rowling schafft es immer wieder, Figuren zu erschaffen, die zwar bestimmten Klischeevorstellungen vom einfachsten Arbeiter bis zum elitären Aristokraten entsprechen und trotzdem in Dialogen und Handlungsverläufen absolut glaubwürdig und lebendig erscheinen. Geschickt baut sie einen Spannungsbogen auf, der bis zum Ende der Geschichte durch alle Untiefen der englischen Gesellschaft führt und dem der Leser ohne Murren folgt. Zu hoffen wäre nur, dass Strike und Robin im nächsten Band endlich ein Paar werden und Strike endlich doch mal zu einer Frau sagen könnte: „Ich liebe dich!“.

Wir drei verzweigt

Robin Benway: Wir drei verzweigt, Aus dem Englischen von Jessika Komina und Sandra Knuffinke, Magellan Verlag, Bamberg 2018, 368 Seiten, €18,00, 978-3-7348-5032-5



„Da hatte sie Grace erst einmal gesehen, Joaquin noch nie, und schon gingen ihre Geschwister ihr auf den Keks. War ja klar.“

Weder die fünfzehnjährige Maya, noch Grace und Joaquin, beide sind siebzehn und achtzehn Jahre alt, haben gewusst, dass sie Geschwister sind. Dabei wohnen sie nicht mal weit auseinander. Grace und Maya wurden bereits als Kleinkinder in liebevollen Familien aufgenommen, nur Joaquin, dessen Vater offenbar Mexikaner ist, durchlebte achtzehn verschiedene Familien, in denen er als Pflegekind aufgenommen wurde. Jetzt wohnt er seit zwei Jahren bei Mark und Linda, die ihn unbedingt adoptieren möchten. Doch Joaquins Seele ist zu verletzt, er kann anderen Menschen nicht mehr hundertprozentig vertrauen. Für ihn sind Schläge nicht so schrecklich, wie das Verletzen mit Worten. Wenn ein Kind erlebt, dass Eltern, die ihn angeblich lieben, ihn adoptieren wollen und dann selbst ein eigenes Kind bekommen und ihn wieder fortgeben, dann gräbt sich diese Enttäuschung tief ein. Joaquin ist auch nicht erstaunt, dass seine beiden Schwestern weiß sind und in guten Familien erzogen wurden. Als Mayas Eltern nach der Adoption dann doch ihr leibliches Kind, Lauren, bekamen, blieb das Mädchen in der Familie. Doch klar ist, beim Anblick all der vielen Fotos im Haus, dass Maya völlig aus dem Rahmen fällt. Seit längerer Zeit funktioniert die Ehe von Mayas Eltern nicht mehr, die Mutter beginnt zu trinken, der Vater ist nicht oft zu Hause. Grace ist Einzelkind und mit siebzehn schwanger. Sie gibt ihr Kind zur Adoption frei und von diesem Moment an, bewegt sie der Gedanke, ihre Geschwister zu treffen und die leibliche Mutter, Melissa Taylor, zu finden.
Doch nur Grace, die gedanklich immer mit ihrem eigenen Kind verbunden ist, verspürt diese Sehnsucht, mit der Mutter zu sprechen. Sie hat, wie die anderen auch, einfach zu viele Fragen.

Aus der Perspektive von Maya, Grace und Joaquin wird diese gefühlvolle Geschichte erzählt. Alle drei werden sich zum Ende dann doch für einen Besuch bei der Mutter entscheiden und eine traurige Überraschung erleben.

Mittagsstunde

Dörte Hansen: Mittagsstunde, Penguin Verlag, München 2018, 320 Seiten, €22,00, 978-3-328-60003-9



„Wat schall dat warrn? Das fragte Ingwer sich auch manchmal selbst. Er wusste nicht genau, warum er das hier machte. Und für wen. De Letzte Ölung? Jeder Satz ein Treffer. Der Alte konnte es noch immer.“

Ingwer, der Enkelsohn von Sönke und Ella Feddersen, lässt seine Arbeit als Archäologe in Kiel für ein Jahr ruhen und fährt nach Nordfriesland, ins Dorf Brinkebüll. Hier führen seine Großeltern einen Gasthof, der jedoch schon bessere Zeiten gesehen hat. Ab und zu kommen noch Leute, aber die Zugezogenen aus Berlin oder Hamburg interessieren sich nicht für den Dorfklatsch, die können ja nicht mal ordentlich grüßen und Plattdeutsch sprechen schon gar nicht. Seit der Feldbereinigung, der Zusammenlegung der Felder, der Modernisierung, dem Ausverkauf der Tiere, der Unkrautvernichtung im großen Stil und dem Bildungsdrang der Kinder, gehen die kleinen Dörfer mit ihren Traditionen, zu denen auch die Ruhezeit von zwölf bis zwei in der Mittagsstunde gehörte, unter. Im Zentrum des Dorfes wird die Eiche gefällt, der kleine Einkaufsladen schließt die Tore und das bäuerliche arbeitsreiche Leben verschwindet. Die moderne Landwirtschaft diente nun vielleicht den Menschen, den Tieren nicht, nicht den Störchen, den Schwalben, den Hasen oder Stichlingen.
Wie Kassandra läuft Marret, die leicht „verdreihte“ Tochter der Feddersens, durch die Landschaft und verkündet den „Ünnergang“. Viel zu jung wurde sie von einem Landvermesser, der sich im Dorf aufhielt, schwanger. Für Ingwer war sie eher die Schwester als die Mutter.

Immer im Wechsel der Perspektiven erzählt Dörte Hansen vom Untergang eines fiktiven Dorfes in Nordfriesland, einer Landschaft, in der die Autorin auch aufgewachsen ist. In der Gegenwart pflegt der Enkel die gebrechlichen Großeltern, zumal Ella schon leicht geistig umnachtet ist. In der Vergangenheit wird von Lehrer Steensen erzählt, der sich noch vehement gegen das Sprechen von Platt einsetzte, die Kinder nach seinem Ermessen schlug und vorgab, für Gerechtigkeit zu sorgen.
Da werden Kinder und Frauen geschlagen, und niemand zieht den prügelnden Mann zur Rechenschaft. Man mischt sich im Dorf nicht ein, steckt jedoch den drangsalierten Kindern eine Süßigkeit zu. Brinkebüll ist ein Ort, in dem man Heimatdichter wird oder Trinker. Hier lebt ein Menschenschlag, der kaum redet und wenn dann bloß kein Wort zu viel.
Da sich Marret um ihr Kind nicht kümmert, springt Ella ein und gibt dem Jungen, alles was er braucht.
Ingwers aktuelles Leben ist nicht gerade berauschend aufregend, denn so einiges liegt im Argen. Die berufliche Karriere des Achtundvierzigjährigen stagniert, er hört die melancholischen Songs von Neil Young, streitet sich mit seiner emotionslosen Lebensgefährtin Ragnhild, die mit ihm in gehobener Wohngemeinschaft, in der einst geerbten Villa, mit einem weiteren Bekannten zusammenwohnt. Für Ingwer fühlt es sich an, als sei er nie aus seiner Heimat richtig fortgekommen. Als würde es den Archäologen nicht geben. Den Wechsel zum Gymnasium hatte ihm der Großvater übel genommen. Wer hatte ihn damals gefragt, ob er Gastwirt und nebenher Bauer werden will? Söhne übernehmen den Hof des Vaters, so war es immer und so wird es nie wieder sein. Nicht mal anderthalb Generationen haben diesen Wandel hinbekommen.

Berührend liest sich dieser zweite Roman von Dörte Hansen, der vom unvermeidlichen Untergang der bäuerlichen Welt erzählt. Keine Frage, es ist ein „Herkunftsroman“, denn auch Ingwer kann seine Herkunft vom Dorf nicht verleugnen, wie seine Freundin Ragnhild aus der großbürgerlichen Gesellschaft. Mit einer Prise trockenen Humors, viel Wärme für die erfundenen Figuren und Liebe zum friesischen Land geschrieben entführen die Geschichten in eine Region, die stellvertretend für viele steht. Nach ihrem Debüt „Altes Land“ wieder ein absolut lesenswerter tiefgründiger Roman mit literarisch gutem Anspruch.

Der achte Tag

Nicci French: Der achte Tag, Aus dem Englischen von Birgit Moosmüller, C. Bertelsmann Verlag, München 2018, 448 Seiten, €15,00, 978-3-570-10317-3

„Er blickte sie an, dünner, als sie ihn in Erinnerung hatte, mit sehr geschorenem Haar, aber demselben Lächeln. Ein Mann, der am Flussufer beim Angeln saß, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, wo er seinen Zwillingsbruder umgebracht hatte. Ein Mann wie ein Schatten, ein Mann wie ein Geist.“

Acht Jahre nun spukt dieser Geist namens Dean Reeve durch die Handlungen der beiden Krimiautoren. Mit ihrem achten Band verabschieden sie sich von Frieda Klein, der unzugänglichen Psychotherapeutin, die mal der Polizei als inoffizielle Beraterin helfen darf und dann wieder von ihr geächtet wird. Diesmal muss der Leser ziemlich lang warten, ehe die Hauptfigur mit neuer Haarfarbe, Brille und Haarschnitt im Handlungsverlauf auftaucht, doch ab diesem Moment wird es wieder richtig spannend.

Clever eingefädelt stellen die beiden Autoren eine junge ziemlich redselige Studentin in den Mittelpunkt der Handlung. Lola Hayes sucht nach einem Thema für ihre Seminararbeit und der Gastdozent im Fach Kriminologie empfiehlt ihr die wechselvolle Arbeit von Frieda Klein. Parallel dazu erfährt der Leser, dass seltsame Morde in London geschehen, die die Polizei vor ein Rätsel stellen. Ein Auto rast von einem Hügel in einen Kinderbekleidungsladen. Dem Mann am Steuer, einem Vertreter für Sanitäranlagen, gehört das Auto nicht und er ist bereits beim Aufschlag tot. Ein anderer Mann wird bereits tot, aber vor Feuer geschützt in einem Scheiterhaufen verbrannt. Man soll ihn offensichtlich finden. Mehrere Mordfälle landen nun auf dem Tisch von Detektive Inspector Bill Dugdale, der über ein schlechtes Namensgedächtnis verfügt und ziemlich bullig aussieht.
Nur Frieda ahnt, dass diese spektakulären Mordfälle ihr zeigen sollen, dass Dean Reeve in London ist und Kontakt zu ihr aufnehmen will. Lola beginnt mit ihren Recherchen und kommt einfach nicht voran, denn auch Friedas Freunde wimmeln sie ab. Sie versucht die Methode der Psychogeografie, sie geht Friedas Wege ab. Per Zufall findet Lola, die ziemlich beharrlich sein kann, Frieda Klein auf dem Friedhof. Als diese jedoch mit Lola ins Gespräch kommt und die Fotos auf ihrem Handy sieht, erblickt sie plötzlich den harmlosen Angler, der eindeutig Dean Reeve ist.
Ab diesem Moment ahnt Frieda, dass sie Lola nicht mehr gehen lassen kann. Auch wenn sich die Studentin nicht erinnern kann, was sie zu Reeve gesagt hat, Lola ist in Gefahr.
Nachdem die junge Frau auch mit der Journalistin Liz Barron gesprochen hat und diese tot aufgefunden wird, ahnt sie, dass sie in ihr altes Leben nicht mehr zurückkehren kann. Allerdings versucht Frieda ihr klarzumachen, dass diese Morde, die einem für die Polizei unkontrollierbaren Muster folgen, so oder so ein Ende finden werden, denn Frieda versucht zu Reeve Kontakt aufzunehmen. Er legt die Leichen an den unterirdischen Flüssen Londons ab, ein Areal, dass die Polizei nie beobachten kann. Nur Frieda hat ein Gespür für seine Denkweise.

In der Konfrontation dieser beiden unterschiedlichen Frauen mit einem hochintelligenten Mörder liegt der Reiz des achten Bandes, der die Geschichte um Frieda Klein nun zu Ende bringen muss. Lola ist genervt von Friedas stoischer Haltung und Frida kann die ständig plallernde Lola kaum ertragen. Benimmt sich Lola zu Beginn der Begegnung noch ziemlich leutselig und naiv, so verwandelt sie sich im Laufe der Handlung in eine doch völlig verängstigte, depressive Person, die dder Leser anfänglich kaum ernst genommen hat und doch Mitleid verspürt. Frieda kann ihr wenig helfen, ahnt sie doch, dass Lola ein Geheimnis hat.

Mit diesem Band, dem fesselnden Finale, verabschieden sich die beiden Autoren von ihrer originellen Hauptfigur und der Leser atmet auf. Vielen Dank für den letzten Nervenkitzel!

Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Thomas Klupp: Wie ich fälschte, log und Gutes tat, Berlin Verlag, Berlin / München 2018, 254 Seiten, €20,00, 978-3-8270-1366-8

Es hagelte nur so Dreien und Vieren und hin und wieder sogar Fünfen aufs Pult. Ehrlich, ich kam aus dem Fälschen gar nicht mehr raus. Hätte ich all die Zeit ins Lernen investiert, ich wäre Klassenbester gewesen. Garantiert.“

Um die Tobsuchtsanfälle seiner Mutter, aber auch die Depressionen und das Schweigen zu vermeiden, fälscht Benedikt Jäger seine Noten, Zeugnisse, ja ganze Schulaufgaben seit der achten Klasse. Alles kann er sich im Netz besorgen und den Schulstempel illegal aus Tschechien auf dem Vietnamesen-Markt gegen die Zahlung von zweihundert Euro. Vorher war der heute 15-jährige Benedikt, den alle nur „Dschägga“ ein Einserkandidat, aber dann ging es irgendwie bergab, sogar in Englisch, seinem Lieblingsfach. Dabei stiegen Benedikts Eltern seit dem Umzug nach Weiden in der Oberpfalz gesellschaftlichtt auf. Benedikts Vater ist im Ort ein angesehener Mediziner und die Mutter in allen möglichen Carity-Clubs, natürlich auch für Menschen in Not, aktiv. Für die Events, die seine Mutter auch Zuhause organisiert, schmeißt sich ihr Sohn in Schale und stellt sich an den Grill. Denn auch Benedikts Mutter täuscht vor ihren neuen Freundinnen so einiges vor, was lieber im Verborgenen bleiben sollte. Benedikt spielt im Tennisteam, stromert mit seinen Freunden umher, ist dem Alkohol und dem Marihuana nicht abgeneigt. Als Ich-Erzähler kommt Benedikt in einem sehr lebendigen, witzigen und manchmal auch abgeklärten Ton zu Wort.

„… als es klopfte. Konnte eigentlich nur meine Mutter sein. Mein Vater klopft nicht. Der stürmt wie die Gestapo ins Zimmer, egal, was man gerade tut.“

Trotz guten Kontakten zu Drogendealern nehmen er und seine Freunde an einer Antidrogen-Kampagne teil und sind überall in der Stadt auf Plakaten zu sehen auf denen steht: „Geh ans Limit! Ohne Speed!“. Auf Kriegsfuß steht Benedikt allerdings mit seinem verhassten Mathelehrer, den alle Sargnagel nennen. Aber das Leben in der Provinz ist gar nicht so schlecht, registriert die Hauptfigur, nachdem das Tennisteam in die wirkliche Hölle, nach Gräfenwöhr reisen musste. Hier wird erstmal getrickst, dass einem Angst und Bange werden könnte. In Weiden wird vorgetäuscht, gelogen und betrogen und sogar Benedikts Beziehung zu seiner angeblichen Freundin Marietta, die extrem gut küssen kann, ist ein Fake.
Bereits in seinem Roman „Paradiso“, erschienen 2009, schrieb Thomas Klupp ausführlich über das unspektakuläre Weiden und hinterließ mächtig Eindruck.

Das Leben in der Provinz mit einer gehörigen Portion Humor führt der Autor vor und zeigt, nicht immer muss die Unwahrheit etwas Schlechtes sein, in Weiden kann sich auch alles zum Guten wenden.

Alles ist möglich

Elizabeth Strout: Alles ist möglich, Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth, Luchterhand Literaturverlag, 256 Seiten, €20,00, 978-3-630-87528-6

„Und Pete begriff mit einem Mal, dass das, was sie nicht packte, das Haus war, oder Amgash, dass sich in ihr ein Abgrund der Angst aufgebaut hatte, so wie bei ihm, als er in der Stadt zum Friseur gegangen war, nur klaffte Lucys Abgrund noch viel, viel tiefer.“

Von Anbeginn erscheint in fast jeder dieser Kurzerzählungen, die alle im Mittleren Westen spielen, der Name von Lucy Barton. Sie hatte es geschafft. Sie ist aus ärmlichsten Verhältnissen, trotz Ausgrenzung und Missachtung ihrer Familie durch die eigene Nachbarschaft, in den Reigen der erfolgreichen Schriftsteller aufgestiegen, die nun in New York leben und arbeiten. Als sie jedoch in ihren Heimatort auf einen Besuch zu ihrem verängstigten Bruder und ihrer äußerst gehässigen Schwester zurückkehrt, ereilt sie eine Panikattacke. Plötzlich kann sie ihr Elternhaus nicht mehr ertragen, das Wissen um die lieblose, brutale Mutter, die so vieles in den Seelen der eigenen Kinder zerstört hat. Sind es die grausigen Erinnerungen, die Schwester Vicky hervorkramt oder allein die Erbärmlichkeit des schmutzigen Hauses? Dabei hatte Pete, der Bruder, doch geputzt. Die aufgedunsene Vicky hält ihr vor, dass sie fortgegangen ist und schämt sich nicht mal, von ihr auch noch Geld anzunehmen. Gemeinsam fahren die Geschwister die berühmte Schwester Richtung Chicago, einem Ort, vor dem Pete mehr als graust. Auch wenn Lucy Barton einst verbreitete, Literatur müsse der Wahrheit nahestehen, so kann sie die Wahrheiten über ihre eigene Herkunft nicht ertragen.

Elizabeth Strout verwebt ihr eigenen biografischen Details mit der Figur der Lucy Barton. Bereits in „Die Unvollkommenheit der Liebe“ hat sie sich mit ihrer Mutter auseinandergesetzt.
Jetzt erzählt sie von Menschen, die in Illinois zwischen Sojabohnen- und Maisfeldern leben. Sie sind Farmer, Lehrer, einstige Soldaten oder Hausfrauen, die ihre Männer nach über fünfzig Jahren Ehe verlassen haben.

Nach dem Short-Cuts-Prinzip umkreist die Autorin die Geschichte ihrer Figuren, die aus anderen Perspektiven wieder auftauchen oder nur kurz in die jeweiligen Handlungen eingreifen.
Da ist Patty Nicely, eine sympathische den Kindern zugewandte Lehrerin, die von Medikamenten aufgeschwemmt unter der Hitze des Sommers leidet. Sie hatte einen gütigen Mann geheiratet und nur acht Jahre mit ihm gelebt, bevor er starb. Sein Stiefvater hatte ihn unsäglich gedemütigt und diese Last bringt er in die Ehe mit. Aber Patty liebte ihn innig. Nun muss sie sich von Vickys pubertären Tochter Gemeinheiten anhören, die sie tief kränken. Und da ist Charlie Macauley, der seine Frau nicht mehr ertragen kann, die sich in alles einmischt und einfach keinen Schritt allein gehen kann. Er flieht nicht zu Patty, die ihn wirklich mag, sondern zu einer verlogenen Prostituierten, die ihm Liebe vorgaukelt, um ihn eigentlich auszunehmen. Und da ist Angelina, Pattis beste Freundin, die nicht akzeptieren will, dass ihre 78- jährige Mutter im fernen Italien ein spätes Glück mit einem jüngeren Mann genießen kann. Die Auseinandersetzung zwischen Müttern und Töchtern bleibt ein Lebensthema der Autorin. Aber es geht auch um Männer, die an einem Trauma leiden, verursacht durch ihre Zeit im Zweiten Weltkrieg oder in Vietnam.

Eine Geschichte nach der anderen zeugt von ganz normalem Leben im Mittleren Westen, erzählt in einer konzentrierten Sprache ohne falsche Sentimentalität noch Mitleid.

Der Wolf, die Ente und die Maus

Mac Barnett, Jon Klassen ( Ill.): Der Wolf, die Ente und die Maus, Übersetzt von Thomas Bodmer
NordSüd Verlag, Zürich 2018, 40 Seiten, €15,00, 978-3-314-10440-4



„Oje! Ich bin gefangen im Bauch dieses Untiers. Gleich ist es aus mit mir.“
„Ruhe!“, rief jemand.
„Ich möchte schlafen.“
„Wer ist da?“, piepste die Maus.

Das ist die Ente, die es sich gemütlich im Bauch des Wolfes eingerichtet hat. Sie braucht keine Angst mehr vor ihm zu haben, denn sie ist bereits gefangen. Aber in dieser Gefangenschaft hat sie es sich so richtig gemütlich gemacht. Sie speist vornehm an einem Tisch und hört Musik vom Plattenspieler. Was der Wolf alles so frisst? Die Maus ist sehr erstaunt und freundet sich mit der Ente an.
Gemeinsam werden die beiden sogar das Leben des Wolfes verteidigen. Verkehrte Welt!
Die Schwachen beschützen den Starken, weil sie zusammenhalten, fast eine Umkehrung des ursprünglichen Grimmschen Märchens vom bösen Wolf, der mit List und Tücke, in “Rotkäppchen” oder “Der Wolf und die sieben Geißlein” sich der Schwachen bemächtigt. Aber warum suchen die Maus und die Ente nicht die Freiheit? Warum sitzen sie brav im Magen ihres Fressfeindes?
Beim Lesen der Geschichte und beim Betrachten der Bilder ( Es ist nicht zu sehen, wie der Wolf die Maus frisst!) könnte sich ein philosophisches Gespräch anbanden. Wie möchte ich eigentlich leben – mit oder ohne Abenteuer, mit oder ohne Angst vor dem morgigen Tag? In Sicherheit oder in der gefährlichen Welt?

Die Sympathieträger dieser Geschichte sind die lebensfrohe Ente, die etwas verunsicherte Maus, aber auch der freundliche Wolf, der am Ende den Mond anheult, denn die Schmerzen, was ist nur in seinem Magen los, wollen nicht weichen.
Jon Klassen konzentriert sich mit einfachen klaren, farblich kaum auffälligen Bildern im Retro-Stil auf die Akteure der Geschichte.