Weit weg von Verona

Jane Gardam: Weit weg von Verona, Aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Hanser Berlin Verlag, Berlin 2018, 240 Seiten, €22,00, 978-3-446-26040-5

„Ich hatte das Gefühl, da ich ja ohne jeden Zweifel ein echte Schriftstellerin war, sollte ich mir wohl mal die Arbeit anderer Schriftsteller ansehen, und dass ich vermutlich nie wieder eine so gute Gelegenheit haben würde.“

Jessica Vye hat ein gesundes Selbstbewusstsein und wenn eine verhasste Lehrerin den Versuch unternimmt, ihren Aufsatz schlecht zu machen, bezeichnet sie sie als „blöde Schnepfe“ und kämpft wie eine Löwin um ihr geistiges Eigentum, um hinterher bitterlich zu weinen. Jessica, die behauptet nicht normal zu sein, ist nicht umringt von Freundinnen, ganz im Gegenteil, nur Florence kann sie ertragen. Die eigensinnige, beherzte Dreizehnjährige ist die Ich-Erzählerin dieses einstigen Debüts aus dem Jahr 1971 der heute 90-Jährigen Autorin. Die Geschichte, die sicher auch autobiografische Züge trägt, spielt zu Beginn des II. Weltkrieges in einem englischen Ort an der Küste. Jessica erzählt von ihrer Begegnung mit einem Autor, der ihr ungeheuren Mut zum Schreiben macht und fortan wird sie auf jedem Stück Papier das herumliegt, ihre Gedanken und Beobachtungen festhalten. Jessica leidet unter ihren Mitschülerinnen, die sich nie etwas trauen und nicht mal zur Abschlussfeier einen „Tea“ zusammen trinken gehen. Wäre nicht die leicht schrullige Dame, die als einziger Gast am Nebentisch den Mädchen Mut macht. Mit Jessicas Vorsatz, immer die Wahrheit zu sagen, handelt sie sich nur Ärger ein. Gern spricht dieses Mädchen in Blankversen, aber Shakespeare ist weit weg. Sie ist es dann auch, die es als einzige schafft, an einem Tag drei Tadel in der Schule zu erhalten. Sie soll sich nach dem Gespräch mit der fast unsichtbaren Direktorin von Stunde an „geziemend“ verhalten. Aber Jessica ist dazu nicht in der Lage, denn sie redet ohne Punkt und Komma, über alles was ihr gerade in den Kopf kommt und sie kann, auch wenn Erwachsene sie ernst ansehen, einfach nicht ihren Mund halten, wenn ihr etwas auf der Seele brennt.
Will man sich ein Bild von ihr machen, so denkt man unwillkürlich, an das Kind in der Verfilmung „Abbitte“ von Ian McEwan, überheblich, kreativ, selbstverliebt.
Im Hintergrund der Geschichte jedoch wütet der Krieg, erste Luftangriffe und die Angst der Menschen vor der Zukunft. Jessicas liberale Familie lässt das Kind wie es ist. Auch ihr Vater redet gern, und lässt sich zu einem Geistlichen ausbilden. Jessica lernt einen wilden kommunistisch angehauchten jungen Mann kennen und sie hat den Mut, ein Gedicht zu schreiben. Nicht für den ersten Preis, sondern für den Buchgutschein, denn Geld ist in der Zeit sehr knapp. Jessica liest, was sie in die Finger bekommen kann und als ihre Schule zerstört wird, nimmt sie die Gelegenheit wahr und verschwindet in der Bibliothek des Ortes.

“Wenn Sie ein englischer Klassiker werden möchten, empfiehlt es sich, im vorderen Teil des Alphabets zu stehen. Es gibt jede Menge A und B und D, das geht weiter bis ungefähr H. Dann kommt kaum noch was, bis man zu Leuten wie Richardson, Scott oder Thackeray kommt. Es ist ein bisschen deprimierend, man hat das Gefühl, man kommt gar nicht voran, wenn man nach einem Monat erst bei den Brontes ist und sieht, wie viel Dickens da auf einen zukommt.”

Jane Gardams Debüt wurde zuerst als Jugendbuch vermarktet, ist aber kein Buch für jugendliche Leser trotz Heldin in der Vorpubertät.
Mit Witz erzählt die englische Autorin Jane Gardam, die 1928 geboren wurde, von einem Mädchen, dass aus ihrer Zeit fällt, sich behauptet, am Ende sogar selbstkritisch denkt und sich doch nie unterbuttern lässt.

Tödliche Sonate

Natasha Korsakova: Tödliche Sonate – Ein Fall für Commissario Di Bernardo, Heyne Verlag, München 2018, Seiten, €9,99, 978-3-453-42267-4

„Di Bernardo hatte keine Ahnung, was die Musikstücke anbelangte, geschweige denn, was die Abkürzung BWV heißen mochte. Als er sie zusammen mit der Zahl 60 in den Computer eingab, landete er bei einer Kantate. Derselbe Komponist, ein anderes Stück.“

Als erfahrene Violinsolistin lässt Natasha Korsakova ihren ersten Krimi im Musikmilieu spielen. Die knallharte und angesehene Musikagentin, Cornelia Giordano, die nun in dritter Generation ihr Business in Rom betreibt, wird hinterrücks und zeitlich wohl durchdacht mit präzisem Messerschnitt ins Jenseits befördert. Sie konnte kurz vor ihrem Tod den Mörder noch sehen und im Gesicht der Toten steht noch deren Überraschung geschrieben. Kein leichter Fall für Commissario Dionosio Di Bernardo, der kürzlich aus Kalabrien in Italiens Hauptstadt gezogen ist. Zum einen interessiert er sich nicht sonderlich für klassische Musik und kennt kaum die Gepflogenheiten der Branche, zum anderen kämpft er mit seinen Pfunden und braucht doch seine tägliche Ration Zucker, um mit diesem komplizierten Fall und dem Druck der Staatsanwaltschaft klarzukommen. Ein Trost ist sein Sohn Alberto, der zu gern beim geschiedenen Papa unterkommt und sich beruflich einfach nicht entscheiden kann, allerdings hat er mit seinen siebzehn Jahren noch Zeit.

Parallel zum aktuellen Fall erzählt die Autorin die Geschichte einer Violine, die vom wohl berühmtesten Geigenbauer aus Cremona, Antonio Stradivari, gebaut wurde.
Beim Befragen des Umfeldes der Musikagentin wird klar, diese Frau hat nur für ihre Arbeit gelebt und ihre Familie, die sie in allem unterstützt hat. Ihr ältester Sohn arbeitet ebenfalls als Musikagent, der jüngste Sohn Boris ist allerdings das schwarze Schaf in der Familie und saß wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis. Besonders protegiert wurde die Nichte von Cornelia Giordano, Arabella. Allerdings wird diese kurz nach dem Tod der Tante von einer unbekannten Person überfallen und geschlagen. Durch die Kopfverletzung setzt ihr Erinnerungsvermögen aus. Dass sie offensichtlich in Gefahr ist, verstehen Di Bernardo und sein Kollege Ispettore Del Pino, die sie jedoch zum Kreis der Verdächtigen zählen. Wie schnell man in der Musikwelt ein Chance bekommen kann und eiskalt fallen gelassen wird, erfahren die beiden Polizisten bei ihren Recherchen. Wie wacklig die Musikwelt aufgestellt ist, insbesondere durch die neuen Medien, ist ein Aspekt den die Autorin nicht vergisst auszuführen.
Auch aus der Sicht des Mörders gewinnt der Leser einen Einblick in den Blutrausch, in den der Täter sich langsam hineinsteigert. Ein zweiter Mord an einer Prostituierten geschieht und sogar die Polizeipsychologin gerät in Gefahr.

Im Zentrum der Geschichte steht jedoch die Violine als kostbares Instrument, die aus dem Hause Stradivari schon mal 30 Millionen Euro kosten kann. Da Arabella eine schlechte Kritik verkraften musste, wollte sie unbedingt ein anderes Instrument für ihre Konzertabende. Als sie im Streit das Haus der Tante verließ, konnte sie nicht ahnen, dass der Mörder bereits lauerte.
Ausführlich wird berichtet, wie Instrumentenbauer ihre Kreationen „verbessern“ können. Allerdings war Arabella mit allen Ergebnissen nie zufrieden.

„Inspiriert wurde ich beim Schreiben auch von meinem geliebten Geigenmodell: eine herrliche J. B. Vuillaume aus dem Jahr 1870, eine präzise Kopie der „Messias“, die zur Privatkollektion meines Lebensgefährten Manrico Padovani und mir gehört
“, erzählt die Autorin, die in Deutschland lebt.

Der Leser gewinnt nun Einblicke in die Musikwelt, die Werkstatt von Geigenbauern und die ermüdende Polizeiarbeit, die in diesem Fall nicht so recht vorankommen will. Der sympathische Commissario kämpft gegen den Verkehr in Rom, seine Lust am Essen und die nervigen Vorgesetzten. Und er lässt sich von der arroganten Art der „Künstler“ gegenüber der Polizei nicht kleinmachen, dabei gewinnt er der Musik der Violine doch einiges ab.

„Es schien, als würde die Geige singen und sprechen und dabei – wenn auch nur für wenige Minuten – das Geheimnis ihres einzigartigen Klanges vor den Zuhörern entfalten. Plötzlich schien es Di Bernardo, als spräche die Seele selbst durch die Musik: Er hörte Leid und Freude, Träume und Verzweiflung, die sich im endlosen Klangfluss miteinander vermischten.“

Immer mehr konzentriert sich Di Bernardi bei seinen Ermittlungen auf den Geigenbauer Maninfior, der offenbar hinter ein Geheimnis gelangt war. Er versuchte an die Geige Arabellas zu gelangen, doch dann liegt er getötet in einer Glasvitrine.

Leider zerfällt die Geschichte in zu viele Einzelteile, die Geschichte um die fiktive Zwillingsgeige aus dem Hause Stradivari, die Kopien und Geschichten der anderen berühmten Geigen, die Blutgier des Mörders, das Privatleben des Commissarios, die vor Geschichte nur so strotzende Stadt Rom und die verübten Morden. Sicher bleibt der interessierte Leser an der Geschichte dran, denn bis fast zum Schluss ist nicht klar, wer der Mörder sein könnte. Aber wie immer spielen Gier, Eifersucht und zugleich auch Liebe die entscheidende Rolle in diesem musikalischen Drama.

Paradies

Amelie Fried: Paradies, Heyne Verlag, München 2018, 432 Seiten, €17,00, 978-3-453-27047-3

„Manchmal dachte sie, dass Amazon an der Beziehungsmisere ihrer Generation schuld war. Die Leute waren es mittlerweile gewohnt, dass man alles, was man wollte, einfach bestellen und bei Nichtgefallen zurückgeben konnte. Warum sollten sie es mit ihren Beziehungen nicht genauso machen? Passt nicht mehr? Dann hau weg den Scheiß und was Neues her. Genauso achtlos, wie sie mit Sachen umgingen, gingen sie auch mit Menschen um.“

Eine Woche Entspannung, Wellness und vor allem einfach mal weg sein vom Alltagsstress, darauf freuen sich nicht nur Familienmensch und Lehrerin Petra, sondern auch die attraktive Anka, die sich ständig kümmern müssende Suse und die lebenshungrige Jenny. Alle vier Frauen reflektieren über die Leerstellen in ihrem Leben, ihre Hoffnungen und Wünsche. Im spanischen Hotel Paraíso wollen sie es sich gutgehen lassen und bei Yoga, Massagen und Achtsamkeitstraining mit psychologisch unterstützenden Gesprächen erwarten sie Erholung und Erkenntnisse.

Aber alles läuft in die völlig falsche Richtung. Suse provoziert als „Gutmensch“ eine Razzia der Polizei im Hotel und von achtzehn Angestellten können nur vier bleiben. Der Direktor macht sich auch aus dem Staub und nun sieht es so aus, als würde aus dem hochwertigen Wellnesswochenende ein Campingurlaub. Ein Sturm zieht auf, die Sickergrube läuft über und alle möglichen Konflikte, die sich bereits angedeutet haben, brechen ziemlich eklig und stinkend aus.
Petra erkennt, dass ihre Ehe, die nun fünfundzwanzig Jahre mehr oder weniger glücklich läuft, auf Sand gebaut ist. Anka ist die Geliebte ihres Mannes und auch noch schwanger.
Seltsamerweise durchschauen sich auch die Figuren selbst, analysieren ihre Schwächen und lassen dem Leser kaum Raum für eigene Gedanken. Suse, die sich ständig um andere sorgen muss, hat die Mutter früh verloren und musste viel zu schnell erwachsen werden. Ihr Drang anderen zu helfen, führt zu ihrem eigenen schnellen Untergang. Jenny als Frau mit Ende fünfzig, die ihr Päckchen zu tragen hat, da einst Prostituierte mit schwulem Sohn, der sie verachtet, geriert zur edlen Mutter Theresa und findet ihr Glück. Ronnie, natürlich ein Sachse, wiederholt die üblichen beschränkten rechten Sprüche gegen Geflüchtete und Verschwörungstheorien, die sich natürlich auf Israel beziehen und Günther, ein uriger Berliner, kontert mit Lebensmut und Verstand. Natürlich fehlt auch nicht die durchgeknallte Frutarierin, die alle mit ihren Engelsfantasien nervt.

Die Autorin Amelie Fried kann sich irgendwie nicht entscheiden, ob sie nun einen Unterhaltungsroman für Frauen mit einem kritischen Blick auf das Hier und Heute schreiben wollte oder einen gesellschaftskritischen Roman, der unterschiedliche Themen anspricht. Die äußeren Umstände der Geschichte sind altbekannt und abgegriffen, Menschen treffen sich in einem geschlossenen Raum und Lebensentwürfe werden auf den Prüfstand gestellt. Da Amelie Frieds fiktive biedere Figuren aber alle aus dem Katalog der Stereotype stammen, spult sich die Geschichte ohne Zwischentöne von einem Klischee zum nächsten hangelnd voraussehbar und belanglos ab. Die müden wie geschmacklosen Sexszenen, die die Autorin einfließen lässt, stoßen eher ab, als dass sie sinnlich oder einfühlsam die Handlung bereichern.
Alle Lebensweisheiten kommen platt daher, z.B. diese, dass betrogene Ehefrauen doch bei ihren Ehemännern bleiben, da sie als geschiedene Frau in der Gesellschaft auf dem Abstellgleis landen und eher geächtet als akzeptiert werden. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Jegliche Bezüge zur Gegenwart sind einfach nur oberflächlich. Absolut enttäuschend!

Deutsches Haus

Annette Hess: Deutsches Haus, Ullstein Verlag, Berlin 2018, 366 Seiten, €20,00, 978-3-550-05024-4

„Das Lager begann, ihr auf eine unerhörte Weise vertraut zu werden: die Blöcke, die Abteilungen, die Abläufe. Zu Hause hatte sie niemanden, mit dem sie darüber sprechen konnte. Ihre Eltern und Annegret wollten vom Prozess nichts hören. Selbst die Artikel, die fast jeden Tag in der Zeitung darüber erscheinen, überblätterten sie.“

Das Leben geht weiter, Gänsebraten mit Rotkohl wird serviert. Man soll die Vergangenheit doch ruhen lassen, Schlagermusik von Peter Alexander hören und froh sein mit dem, was man hat. Der deutsche Mann ist der Ernährer der Familie und sorgt und entscheidet für seine Frau, die natürlich nicht arbeiten gehen muss. Die guten 1960er Jahre haben begonnen und bestimmte Querulanten in der Staatsanwaltschaft, versuchen angesehene Bürger des Landes in den Dreck zu ziehen. Es werden nur Lügen verbreitet und die sogenannten Zeugen, die sowieso nicht glaubwürdig sind, wollen nur Geld abzocken und Entschädigungen erpressen. So die gängige, eindimensionale Meinung vieler Deutscher, die dem Auschwitz-Prozess skeptisch gegenüber standen. Die Kollektivschuld schloss alle mit ein, egal was sie sich wirklich an Verbrechen zu schulden haben kommen lassen.
Doch die Auschwitz-Prozesse von 1963 bis 1965 veränderten diese Sicht und stellten einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime dar.

Hier setzt Annette Hess’ fiktiver Roman mit dem Handlungsort Frankfurt am Main ein, der keine historisch verbürgten Personen namentlich erwähnt. Im Nachwort allerdings verweist die Autorin auf ihre Quellen, Archivmaterial und Hilfe von den Mitarbeitern des „Fritz Bauer Instituts“.

Die junge Eva Bruhns arbeitet für eine Agentur als Dolmetscherin für Polnisch. Sie hofft auf eine Ehe und vielleicht auch einen gesellschaftlichen Aufstieg mit Jürgen Schoormann, den Inhaber eines gutgehenden Versandhauses, der eigentlich Priester werden wollte. Da der Vater jedoch an Demenz erkrankt ist, muss er nun das Geschäft übernehmen. Evas Familie führt das Gasthaus „Deutsches Haus“, der Vater ist der Koch, die Mutter bedient. Evas ältere Schwester Annegret arbeitet als Säuglingsschwester und ihr Bruder Stefan spielt noch mit seinen Soldaten. Als Eva die Zeugenaussagen im anstehenden Prozess im Bürgerhaus übersetzen soll, raten ihr alle von dieser Tätigkeit ab. Angeblich habe sie ein zu schwaches Nervenkostüm. Aber Eva ist nicht so zart wie alle behaupten, sie kann sich durchsetzen und sie kann, auch wenn sie mal ihr Wörterbuch benutzen muss, die wirklich grausigen Erzählungen der Menschen aus Polen verkraften. Über ein Jahr zieht sich die Handlung des Romans, der zu Beginn eine junge Frau zeigt, die sich in ihrer Familie und ihrer Haut sehr wohl fühlt. Am Ende wird diese Familie zerbrochen sein und Eva wird sich von ihr distanzieren, denn jeder, außer der kleine Bruder, hat Schuld auf sich geladen. So wie die Angeklagten, die nur feixend oder empört auf die Zeugen reagieren, müssen sich die Eltern von Eva vor den eigenen Kindern rechtfertigen. Auch sie behaupten, wie „die Bestie“ oder die anderen Naziverbrecher, dass sie nichts gewusst hätten oder sich an nichts erinnern könnten. Eine klägliche Aussage, die Eva einfach nicht hinnehmen kann.

Keine Frage Annette Hess kann unterhaltsam erzählen, lebendige Szenen erfinden, die dem Leser die handelnden Figuren klar vor Augen führen. Dabei stehen die Menschen im Roman exemplarisch für bestimmte stereotype Charaktere, die in ihrer Zeit so agierten und wie viele sicher gedacht und gelebt haben.Annette Hess hat mit „Deutsches Haus“ ihren Debütroman vorgelegt, ist allerdings als Autorin bekannt durch die populären Fernsehserien „Weißensee“ und „Ku’damm 56“. Auch hier hatte sich Annette Hess ein bestimmtes Kapitel der deutschen Geschichte vorgenommen und es trotz historischem Hintergrund und Ernst unterhaltsam und mit lebendigen wie widersprüchlichen Figuren auf die Leinwand gebannt. In Interviews sagte Annette Hess, dass sie ihr neues Thema, die Auschwitz-Prozesse, nicht für das Fernsehen schreiben wollte. Es sollte in ihrer Regie, ohne die Einmischung von Redakteuren, vor dem inneren Auge des Lesers ablaufen. Das ist ihr auf jeden Fall gelungen.

Nachtflug

Sofie Cramer, Kati Naumann: Nachtflug, TB, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 284 Seiten, €9,90, 978-3-499-27411-4

„Milan hatte bewusst gelogen. Und ich hatte mich wie ein dummes Äffchen mit einer Banane aus dem Urwald locken lassen.“

Zwei völlig unterschiedliche Menschen treffen auf engstem Raum, allerdings ist die Business class noch etwas komfortabler als die Economy class, aufeinander. Zum einen ist da Ingrid Meier, eine 56-jährige, völlig weltfremde, kompakte Frau, die als Garderobiere in einem Opernhaus arbeitet und zum ersten Mal überhaupt ins Ausland fliegt. Und da ist Jakob von Wieding, der weltgewandte Anwalt und Vielflieger zwischen Berlin und New York, der sich für den Flug genug Arbeit vorgenommen hat.
Aus beider Sicht jeweils wird nun erzählt und alles beginnt damit, dass Ingrid den Abflug des Flugzeuges nach New York durch ein dubioses Gepäckstück aufhält.
Der höfliche Jakob kann sich der etwas naiven und mächtig nach Parfüm riechenden Frau, die sofort alle Fotos von ihrem Sohn vom Baby bis zum erwachsenen Mann präsentiert, nicht entziehen und so kommen die beiden ins Gespräch, denn Ingrid wartet mit einer wirklich verwirrenden Geschichte auf. Sie ist angeblich mit zwei Männern verheiratet. Nun gut, von dem einen ist sie hoffentlich bald geschieden, aber mit dem anderen verbindet sie alles, ihre Hoffnungen für die Zukunft und die absurde Idee, sie könne dreißig Jahre einfach mal so zurückholen. Ingrid ist in erster Ehe mit dem Stardirigenten der MET, Milan Bering, verheiratet. Allerdings ist der 71-Jährige an Krebs erkrankt und nun hat er sie zu sich eingeladen und ihr dieses teure Flugticket spendiert.
Der zwanzig Jahre ältere Milan hat Ingrid zu DDR-Zeiten als Studentin der Musikwissenschaften kennengelernt und sie geheiratet. Als sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte, war er sichtlich gerührt und noch glücklicher, da er nun familiär gebunden in den Westen reisen durfte und dort blieb. Nie mehr hat Ingrid von ihrem Ehemann gehört, auch nicht nach der Wende. Er hat sich weder um ihr Schicksal, sie wurde exmatrikuliert und sozusagen mit einem anderen Mann auf Geheiß ihrer Familie und der Stasi, einem brutalen Handwerker, verheiratet. Ihr Sohn Christian hat die Musikalität des Vaters geerbt, auch nach ihm hat Milan nie gefragt. Jakob sagt Ingrid sofort auf den Kopf zu, was er von diesem Musikgenie hält. Für ihn ist er, Talent und Politik hin oder her, ein egoistischer Mensch und wenn Ingrid ein bisschen realistischer die Sache betrachten würde, käme sie zu dem gleichen Schluss.

Aber Ingrid musste sich fügen, auch dem Diktat ihrer harten Mutter, um die sie sich heute kümmern muss. Der einzige Mensch, der es gut mit ihr meint, ist ihr Schwager Bernd. Aber was kann dieser schon gegen einen berühmten Prominenten ausrichten, der der einstigen Ehefrau nun nach dreißig Jahren sein Vermögen zu Füßen legt? Im Gespräch mit Ingrid, die nicht umsonst so viele Ratgeber gelesen hat, enthüllen sich langsam auch Jakobs familiäre Probleme. Jakobs Frau hütet die beiden Kinder und verbringt kaum Zeit mit ihrem Ehemann, zumal dieser sich auch noch auf eine Affäre mit seiner energischen Chefin eingelassen hat. Aber Jakob weiß, dass er mit seiner Arbeit in New York alles finanzieren muss, das große Haus, die Ansprüche und Erwartungen seiner Frau. Als dann das Flugzeug auch noch in ein Unwetter fliegt und Ingrid und Jakob, die sich mal streiten, dann wieder um Harmonie besorgt sind und sich letztendlich sogar das Du anbieten, kann Jakob nicht mehr an sich halten und muss Ingrid unbedingt erzählen, was er über ihren heiligen Milan zu wissen glaubt.

Amüsant und in hohem Tempo spielen sich die beiden gegensätzlichen Akteure dieser unterhaltsamen Geschichte die Bälle zu. Sicher muss man dieses Buch nicht in einem Flugzeug lesen, aber die Lektüre verkürzt die Flugzeit ungemein. Der altersmäßige Abstand zwischen den Gesprächspartnern mit unterschiedlichen Herkünften und Lebenserfahrungen sorgt auch für Komik, zumal die Stewardess glaubt, Ingrid sei die Mutter von Jakob. Der smarte Anzugträger ist der hausbackenen Träumerin zum Glück nicht überlegen und am Ende finden beide sogar ein Arrangement, bei dem beide vielleicht richtig glücklich werden.

In Staub und Asche

Anne Holt: In Staub und Asche, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Piper Verlag, München 2018, 414 Seiten, €22,00, 978-3-492-05697-7

„Hannes Augen funkelten vor Eifer, und sie sprach leiser als sonst. So mochte Henrik sie am liebsten: Wenn er etwas von ihr lernen konnte, sie aber nicht belehrend war, wenn sie ihn in ein Problem mit einbezog, statt ihn abrupt auszusperren, was sie sonst noch immer allzu oft tat.“

Eigentlich sind die leicht mürrische Hanne Wilhemsen, die im Rollstuhl sitzt und von Zuhause aus arbeitet und ihr junger Assistent, Henrik Holme, nur für Verbrechen zuständig, die ihnen von der Polizeipräsidentin zugeteilt werden und meistens Jahre zurückliegen. Aber dieses Mal beschäftigen die beiden ein wirklich zurückliegender und ein aktueller Fall, zwischen denen, ohne, dass die Polizisten es ahnen konnten, eine Verbindung besteht.

Zum einen ist da Kjell Bonsaksen, ein Polizist kurz vor der Pensionierung, der sich einfach nicht aus der Arbeit verabschieden kann, ohne nochmals Henrik Holme darauf hinzuweisen, dass er nach wie vor trotz vieler Beweise glaubt, dass Jonas Abrahamsen seine Frau Anna nicht ermordet hat. Jonas und Anna haben vor zwölf Jahren ihre Tochter Dina durch einen schrecklichen Unfall verloren. Nun wurde Jonas Abrahamsen nach acht Jahren Haft entlassen. Zeitgleich findet ein Prozess gegen rechtsradikale Täter statt und die enttarnte gegen Ausländer hetzende Bloggerin und Geschäftsfrau, Iselin Havørn, nimmt sich das Leben. Doch Hanne Wilhelmsen kann nicht glauben, dass Iselin ein Mensch ist, der sich durch die öffentliche Bloßstellung so einschüchtern lässt. War sie wirklich so extrem depressiv? Iselins Lebenspartnerin ist Maria Kvam, eine Frau die ebenfalls geschäftlich gut dasteht und die Schwester der getöteten Anna Abrahamsen ist.

Der Leser verfolgt nun die ersten Recherchen, die Hanne und Helge trotz nicht erteiltem Auftrag vornehmen. Schnell stellt sich heraus, dass die Polizei im Fall Inselin nicht gründlich ermittelt hat, denn ein Abschiedsbrief ist nicht unbedingt ein Beweis für einen Selbstmord. Und ist Anna wirklich ermordet worden oder zeigen viele Indizien nicht darauf hin, dass sie Selbstmord begangen haben könnte?
Auch Jonas Abrahamsens Leben wird beleuchtet. Er hatte zwar nach dem Tod seiner Tochter Dina dem Fahrer des Unfallwagens keine Schuld gegeben und doch beobachtet er dessen Tochter Christel und ihren Werdegang seit vierzehn Jahren. In Freiheit schmiedet er einen völlig abstrusen Plan.

Geschickt und routiniert erzählt Anne Holt eine gut konstruierte und völlig überzeugende Kriminalgeschichte, die durch die lebendigen Ermittler, deren Privatleben und Konflikte einfach lebensnah wirkt. Die fordernde Hanne erwartet von Helge vieles, was dieser erst ablehnt, aber dann doch leistet. Sie regt seine grauen Zellen an und führt ihn in diesem Fall nicht nur auf die Fährte des Alten Testaments und Hiobs Leidensgeschichte.

Drei sind ein Dorf

Dina Nayeri: Drei sind ein Dorf, Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, mareverlag, Hamburg 2018, 368 Seiten, €24,00, 978-3-86648-286-9



„Manchmal stelle ich mir unseren Aufenthalt in Istanbul gern aus der Perspektive des Hotelpersonals vor. Nach einigen Wiedersehen mit Baba nahmen wir gar nicht mehr wahr, wie eigenartig wir wirkten, dass wir uns jedes Jahr ein bisschen mehr verändert hatten, auseinandergedriftet und einander so fremd geworden waren, dass wir als Gruppe keinen Sinn ergaben, wie die einzelnen Elemente eines Gesichts, die nach zu vielen Schönheitsoperationen nicht mehr zusammenpassen.“

Nilou ist acht Jahre alt als ihre Mutter mit ihr und ihrem jüngeren Bruder Kian 1993 aus dem Iran flieht. Nilous Mutter ist in die Fänge der Sittenpolizei im Iran geraten und beschließt, sie muss das Land verlassen. Baba, der rothaarige und temperamentvolle Vater von Nilou, arbeitet als Zahnarzt und bleibt mit der Hoffnung, der Familie nach einer gewissen Zeit folgen zu können.

Dreißig Jahre später setzt die Handlung ein. Nilou ist eine anerkannte Anthropologin mit französischem Pass, die in Amsterdam an der Universität lehrt und in der Forschung arbeitet. Ihr Mann Guillaume, ein Franzose, ernährt die Familie durch seine Arbeit als Rechtsanwalt. Beide werden in eine größere eigene Wohnung ziehen.
Aus der personalen Perspektive erzählt Dina Nayeri nun in Erinnerungen, kurzen Umkreisungen bestimmter Treffen und Alltagsepisoden vom Leben dieser getrennten Familie.

Nilous Mutter lebt mit den Kindern zuerst in den USA, in Oklahoma. Die Tochter hat gelernt sich anzupassen und doch braucht sie bis heute eine „eigene Parzelle“, einen kleinen Raum für sich, in dem sie ihre Sachen deponiert und sich zurückziehen kann. Tief in ihr hat sich eingebrannt, dass sie keine Almosen annehmen kann, sie hasst den Gedanken dankbar sein zu müssen. In den USA bezeichnete man sie als „das Kind aus Vorderasien“, dass sich jedoch mit hervorragenden Leistungen und einem eisernen Willen seinen Platz erkämpft. Auch Kian findet eine Bestimmung, er wird Koch und ist an allen möglichen, auch persischen Rezepten interessiert.

Immer wieder wirft die Autorin die Frage der Identität auf, denn die Erinnerungen Nilous an den Vater, den sie mehrmals treffen wird, und an die Heimat blitzen ab und zu auf, sind aber eigentlich mehr als verschüttet. Immer öfter fragt sie sich, wer sie eigentlich ist? Bei einigen Auseinandersetzungen mit Gui, ihrem Mann, entstehen ernsthafte Probleme, die er nicht verstehen kann. So wirft er einfach ein Gewürzglas, dass Nilous Oma ihr geschickt hatte, in den Müll, ohne zu ahnen, welche Gefühle und Erinnerungen seine Frau damit verbindet. Als Nilou sich in Amsterdam einer Gruppe von iranischen Flüchtlingen anschließt, beginnt sie sich mit dem Schicksal dieser Menschen, die in den Niederlanden den Gegenwind durch die Partei des Geert Wilders ertragen müssen, auseinanderzusetzen. Dabei ist Nilou in keinster Weise emotional involviert, sie kann keine Zeit vergeuden, hält sich streng an Fakten, dabei analysiert sie ihr Verhalten den Migranten gegenüber und die Veränderungen auch in der Sprache. Immer mehr Bedeutung erlangen aber auch die erzählten Geschichten und Gedichte aus dem Iran für Nilou, denn ihr Vater ist zwar ein großer und anstrengender Lügner, aber auch ein fantasievoller Erzähler. Der Westen erscheint den iranischen Flüchtlingen als frostiger und ungastlicher Boden, nur durch ihre gegenseitigen Erzählungen können sie die eigene Trostlosigkeit, das Warten und die Ungewissheit überdecken. Auch Nilou ahnt, dass ihr Vater getrennt von der Heimat nie Fuß fassen würde. Schnell versteht der Leser, welche Unterschiede nicht nur in den Mentalitäten, aber auch im Blick auf das Leben an sich, zwischen Inländern und Migranten herrschen.

Bei der ersten Begegnungen mit dem Vater ist Nilou vierzehn Jahre alt. Bereits jetzt spürt sie die Entfremdung. Auch in den kommenden Treffen wird klar, der Vater wird nicht aus dem Iran ausreisen. Zu sehr hängt er an seinen Drogen, am Opiumkonsum, von dem er auch bei seinen Aufenthalten in London, Madrid oder Istanbul nicht lassen kann. Von der Mutter getrennt heiratet der Vater noch zwei Mal und wird nicht glücklich. Immer wieder soll der Vater nun Nilous Mann kennenlernen, aber Termine verhindern Gui und Nilou erkennt, dass sie sich auch für den fremden Vater schämt. Aber dann lässt der Vater alles hinter sich und macht sich auf den Weg nach Europa, eine Entscheidung, die Nilous Leben verändern wird.

Dina Nayeri verarbeitet in ihrem Roman Autobiografisches und Fiktives, indem sie viele eigene Erlebnisse schildert, einiges erfindet, sich aber auch an wahren Geschehnissen mit Flüchtlingen, z.B. in den Niederlanden orientiert. Nah an ihrer Hauptfigur Nilou verfolgt der Leser das Leben einer Familie, die zerrissen ist und trotzdem nicht voneinander lassen kann. Wie und wo schlage ich als Migrant Wurzeln, welche Möglichkeiten haben Menschen auf der Flucht überhaupt, was prägt sie und bestimmt ihr künftiges Dasein?
Fast tagesaktuell ist dieser Roman, denn wenn es ein Thema gibt, das die Politik momentan beschäftigt, dann ist es der Umgang mit den geflüchteten Menschen und ihre Zukunft in Europa.

Gefährten

Christina Hesselholdt: Gefährten, Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, Carl Hanser Berlin, Berlin 2018, 448 Seiten, €25,00, 978-3-446-26042-9

„Ich würde mich gern noch einmal im Leben verlieben dürfen, nur ein einziges Mal; mich vom Leben erobern lassen und den Abgrund spüren.“

Die Gefährten, Alma, Kristian, Alwilda, Edward, Charles und Camilla, stehen in der Mitte des Lebens, sie leben in Kopenhagen, haben sich eingerichtet, scheuen eher Konflikte und müssen sie doch erleben. Für sie halten die kommenden Jahre eher Krankheiten, körperliche Veränderungen und Einsamkeit bereit. Als Intellektuelle reisen sie durch England, um die Häuser von Wordsworth und seiner Schwester Dorothy, der Brontë-Schwestern, von Virginia Woolf und Sylvia Plath zu besuchen. Alma beschreibt ihre Eindrücke und spürt gleichzeitig ihre Handlungsunfähigkeit, ihren Dämmerzustand, in dem sie eigentlich ihren Mann Kristian nicht mehr ertragen kann. Und doch kann sie sich nicht trennen bis sie sich durchringt, den Schritt zu tun und sich wie im freien Fall befindet. Das stabile, glückliche Leben in der Zweierbeziehung scheint allen nicht gegeben und das zieht sich wie ein Faden durch die Handlung, denn Alwilda war mit Edward liiert und auch Charles und Camilla werden sich trennen. Nicht ganz so leicht ist der Einstieg in diesen doch handlungsarmen Roman, der jedoch vieles aufgreift, was erfahrene Leser und politisch denkende Menschen beschäftigt.

Alle Figuren der dänischen Autorin Christina Hesselholdt kommen ausufernd aber sprachlich durchaus aufregend zu Wort, erzählen in Monologen von ihren Tagesereignissen, ihren Beobachtungen, ihrer Lektüre, ihrer Einstellung zum Dasein und der Furcht vor dem Tod. Fast hilflos dem Leben gegenüber wirkt Edward, der nun wieder im Haus seiner Eltern lebt und sich einen Hund anschafft. Als seine hochbetagten Eltern ihren Sohn zum Essen eingeladen hatten, konnte dieser nicht ahnen, dass sie sich beide getötet hatten und von ihm gefunden werden wollten.
Camilla geht mit ihrem Mann in den Puff und treibt Milieustudien, man ist in Belgrad und besucht Buchmessen, veröffentlicht Bücher, ist belesen. Finden sie die Kraft eher in der Freundschaft, so nervt Alwilda eher die Wehleidigkeit und Unentschlosssenheit Almas, die bei ihr nach der Trennung untergekommen ist. Was bleibt ist aber letztendlich die Freundschaft, die alle mehr oder weniger verbindet. Ein Auf und Ab der Paarbeziehungen wechselt mit den Beobachtungen und Erinnerungen an Tage wie dem 11. September 2001 oder Reflexionen über die Bücher von Virginia Woolf und Sylvia Plath, deren Domizile Camilla und Alma als hingebungsvolle Fans heimsuchen. Auch Iris Murdoch, Thomas Bernhard, Vladimir Nabokov und John Fowles. Abgelaufen ist das Modell der heilen Familie, in der es das Elternpaar bis zum seligen Ende schafft und Kindern, die die Eltern betrauern. Bestand jedoch haben die Gefährten, die alles ja auch irgendwie kennen und verstehen.

Heimat

Nora Krug: Heimat. Ein deutsches Familienalbum, Penguin Verlag, München 2018, 288 Seiten, €28,00, 978-3-328-60005-3

„Wir lernten nichts über die Geschichte unserer Heimatstadt. Wir lernten keine einzige Strophe unserer Nationalhymne. Wir lernten keine alten Volkslieder. Wir taten uns schwer mit der Bedeutung des Wortes HEIMAT.“

Nora Krug reiste als Studentin von Berlin in die USA und blieb. Ihre erste Begegnung in New York muss sie tief erschüttert haben, denn sie lernte eine Frau kennen, die im Konzentrationslager war und die eine Aufseherin „sechzehn Mal im letzten Moment aus der Gaskammer geholt hatte“.
Wie reagiert man auf so einen Menschen? Fühlt man sich als Deutsche im Ausland schuldig oder denkt man, man hat mit der Vergangenheit des eigenen Landes ja gar nichts zu tun?

In einem Interview sagte Nora Krug: „Wenn man im Ausland lebt und auch über lange Zeit im Ausland lebt, dann nimmt man ganz natürlich sein Heimatland aus einer ganz neuen Perspektive wahr und man wird ja jeden Tag konfrontiert mit der Kultur anderer Menschen und muss dann immer wieder für sich überlegen: ‘Wer bin ich eigentlich?’ Dabei ist mir natürlich aufgefallen, dass viel mehr an mir deutsch ist als ich das vielleicht vorher erahnt hätte. Ich habe auch manche Dinge an Deutschland mehr vermisst, als ich mir das immer so vorgestellt hatte, gleichzeitig aber, wenn ich nach Deutschland zurückkomme, um meine Familie zu besuchen, meine Eltern zu besuchen, merke ich dann immer wieder, dass ich hier doch auch nicht mehr so ganz reinpasse“.

Ausgehend von diesen Gedanken recherchierte die Künstlerin Nora Krug nach zwölf Jahren in den USA die Geschichte ihrer Familie im Zweiten Weltkrieg und zeichnete diese nach. Entstanden ist ein illustriertes farbiges Tagebuch über Deutschland, das zeigt, wie stark die Frage nach Schuld und Unschuld das Heimatgefühl prägt. Ihren klar gezeichneten und handgeschriebenen Bildergeschichten fügt Nora Krug mit Fotografien, Archiv- und Flohmarktfunden zu einem völlig neuen Ganzen zusammen.

Interessant ist der Katalog deutscher Dinge, der das Buch durchzieht. An erster Stelle steht Hansaplast, gefolgt vom Kleber Uhu, Brot, Wärmflasche oder Wald.

Seltsam wirkt auf Nora Krug ihr plötzliches Interesse für Römergläser, Kuckucksuhren und Korkenzieher mit Weinrebengriff, die sie in Deutschland nie besitzen wollte. Die Distanz treibt seltsame Blüten.

„Und dennoch – je länger ich fort bin, desto mehr entgleitet mir das Bewusstsein von meiner deutschen Identität. Meine Heimat ist ein Echo, ein Wort, das einst in die Berge gerufen und seither vergessen worden ist. Ein unverständlicher Widerhall.“

Nora Krug geht weit in ihrer Familiengeschichte zurück und erzählt die Geschichte der fast anonymen Masse der Mitläufer und sagt:
„Und dann ist mir bei der Arbeit an dem Buch immer mehr bewusst geworden, dass gerade das das ist, was mich interessiert, also die Mitläufer, diejenigen, die sich praktisch in der Grauzone des Krieges befinden, weil man deren Schuld beziehungsweise Unschuld viel schwieriger nur nachweisen kann. Das ist genau das, was mich interessiert: Wie geht man mit sowas um? Es ist sehr leicht als in Deutschland lebender Deutscher oder lebende Deutsche zu sagen, die meisten haben mitgemacht, die meisten waren Mitläufer, mehr ist dazu nicht zu sagen, aber es ist mehr dazu zu sagen, weil jeder Mensch, jeder Mitläufer auch Entscheidungen getroffen hat, die er oder sie vielleicht nicht hätten treffen müssen oder Dinge getan hat oder auch Dinge nicht getan hat, die sie oder er hätte tun können, die vielleicht geholfen hätten. Mein Ziel war es, konkrete Fragen zum Leben meines Großvaters zu stellen und mir ganz genau zu überlegen: Hätte er die Entscheidung wirklich treffen müssen, die er getroffen hat?“

Vielleicht ist dieses deutsche Familienalbum, dass weder ein Comic noch eine Graphic Novel ist, das richtige Buch zur richtigen Zeit, ein Werk gegen den aufkeimenden Nationalismus nicht nur in Deutschland, offenen Rassismus und unfassbare Judenfeindlichkeit.

Was ist, kann nicht verschwinden

Amalia Rosenblum, Was ist, kann nicht verschwinden, Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2018, 374 Seiten, €16,95, 978-3-407-75430-1



„Das war schön, das war logisch. Das unterschied mich von all den unlogischen Leuten um mich herum.“

Lilly lebt mit ihren Eltern in Tel Aviv, sie ist eine hochbegabte Schülerin und in ihren Ferien löst sie eine schwierige Matheaufgabe nach der anderen. Der Roman von Amalia Rosenblum beginnt mit einem Paukenschlag. Lillys Eltern werden sich trennen. Kaum verkündet, zieht der Vater, der als Bäcker arbeitet, auch schon aus. Lilly, die aus der Ich-Perspektive erzählt, flippt nicht aus, tobt nicht wie eine typisch Pubertierende. Sie sieht den Kummer ihrer Mutter und während die beiden das Sederfest in einer Pension feiern wollen, läuft so einiges schief. Die Mutter schluckt zu viele Tabletten, die sie müde machen, und Lilly entdeckt ein Schaf, das zu alt nun zum Schlachter soll. Kurzerhand nimmt Lilly das Schaf einfach im großen Wagen der Mutter mit in die Stadt.
Sie versteckt es zuerst in ihrem Zimmer und dann bei der vor einem halben Jahr verstorbenen Großmutter im Haus. Seltsam ist, dass Lilly mit dem Schaf sprechen kann, wackelt es mit dem rechten Ohr, dann sagt es ja, wackelt es mit dem linken Ohr, dann heißt die Antwort nein. Lillys Freundinnen sind alle in den Ferien unterwegs. Natürlich möchte das Mädchen, dass ihre Eltern wieder zueinanderfinden, aber der Graben zwischen den beiden, scheint sehr tief zu sein.

Dann trifft Lilly auf Sohar, der die Schule geschmissen hat und nun bei einem Tätowierer arbeitet.
Seine Schwester kümmert sich ab und zu um das Schaf und sorgt als Verkäuferin in einem Bio-Markt für Futter. Immer mehr Geheimnisse offenbaren sich Lilly, auch wenn sie mit ihren Eltern zur Familientherapeutin geht. Nach und nach wird es immer schwieriger ein Schaf vor allen geheim zu halten, aber Lilly möchte einfach nicht, dass es geschlachtet wird. Sie isst kein Fleisch mehr und Milch mag sie auch nicht.

Trotz Facebook und allen möglichen anderen sozialen Medien hat sich Lilly ein Schaf als Gesprächspartner gesucht, dass einfach gut zuhören kann und nicht widerspricht. Sicher bemühen sich die Eltern von Lilly um die Tochter, sie wissen, dass die Trennung ein schwerer Einschnitt ist und doch scheinen Vater wie Mutter, schon eigene Wege zu planen.
Lilly spürt, dass sie Sohar doch mehr mag als gedacht und sie will ihm helfen, doch noch einen Schulabschluss zu machen. Lillys Leben steht auf dem Kopf, sie hat ein Schaf am Hals, sie belügt ihre Eltern und sie setzt sich mit ihren Gefühlen auseinander, ob es sich nun um Sohar handelt oder die neue Familienkonstellation.

Amalia Rosenblum erzählt von einer Protagonistin, dass sich in einer schwierigen Lage befindet. Mit ihrem Verstand und ihrer mathematischen Hochbegabung kann sie die seelischen Probleme nicht lösen und ihre Eltern wieder vereinen schon gar nicht. Ihr emotionaler Ausbruch lässt nicht lang auf sich warten, aber auch die Eltern müssen ihre Konflikte miteinander austragen.
Im Hintergrund spielt die moderne israelische Gesellschaft eine Rolle, was der junge Leser kaum bemerken würde, gäbe es nicht andere Feiertage und ein Gespräch über eine Schutzraum und den Iran.