Wo die Geschichten wohnen

Sam Winston, Oliver Jeffers (Ill.): Wo die Geschichten wohnen, Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit, Mixtvision Verlag, 44 Seiten, €14.90, 978-3-95854-092-7



„Ich bin ein Kind der Bücher. Ich komme aus einer Welt voller Geschichten und treibe auf meiner Fantasie.“

Ein feingliedriges Mädchen schwebt auf einem Floss mit weißem Segel, ein leeres Papier, über eine See aus Geschichten im ersten Doppelbild. Alles was das Mädchen sagt, ist auch wortwörtlich so gemeint und im Bild dargestellt. Sie sitzt auf einem Floss und die Beine baumeln im Wasser voller Wörter. Wenn das Mädchen übers Meer fährt, dann auf Geschichten, z.B. „Gullivers Reisen“ oder „Der Graf von Monte Christo“. Das Spiel mit der Topografie beherrscht dieses Bilderbuch von Anfang an. Das Mädchen trifft einen Jungen, den sie für die Geschichten und Märchen noch begeistern muss. Sie fällt mit ihm, der etwas ängstlich ist, in einen Wörtertunnel begleitet vom Text aus „Alice im Wunderland“.
Keine Frage, dieses Bilderbuch ist eine Hommage auf die Literatur, gegen die rationale Erwachsenenwelt voller Fakten und Tatsachen. Und so heißt es:

„Das ist unsere Welt, wir haben sie aus Geschichten gebaut.“

Beginnt die Geschichte mit einem leeren Blatt, so endet sie in einer Explosion voller Geschichten, die die Erde zum Drehen bringt.

Keine Frage, Leute, die Bücher machen, werden dieses Buch lieben – denn es geht ja ums Lesen mit allen Sinnen, mit Haut und Haaren. Manchmal wird man das Gefühl jedoch nicht los, dass es doch ein bisschen über die Köpfe der Kinder hinweggeht. Oliver Jeffers spielt ja gern mit typischen Erfahrungen, die Kinder so machen. Vielleicht sollten junge Leser auf den Schlusssatz und Schlüssel für alles – „FANTASIE IST FREI“ – allein kommen.

Tanz der Tiefseequalle

Stefanie Höfler: Tanz der Tiefseequalle, Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2017, 189 Seiten, €12,95, 978-3-407-82215-4



„Jemand müsste mich aus der Gefangenschaft in diesem unförmigen Körper herausschälen, so wie man an einer alten Kartoffel nicht nur die Schale, sondern auch die gummiartig weich gewordene äußere Hälfte ihres Körpers wegschält, bis das noch das frische Innere zum Vorschein kommt.“

Sie nennen ihn die Tiefseequalle oder den Panzer, sie sind nie fein in ihren Ausdrucksweisen und sie quälen ihn mit fiesen lauten, wie gezischten Bemerkungen. Nikolaus, der gern Niko genannt wird, erträgt dieses fiese Mobben und er weint schon lange nicht mehr. Ja, er ist richtig fett und er hat sich einen emotionalen Schutzschild zugelegt. Der dickleibige Außenseiter flieht in seine Tagesträume, in denen er für sich Dinge erfindet, die sein Dicksein zum Positiven wenden. Aber Niko hat auch Freunde, den dicken Osman und den hektischen Little und er hat eine feste Stimme und schöne Augen, das bemerkt seine Mitschülerin Sera. Sera, das Mädchen mit dem ebenmäßigen Gesicht, den glänzenden schwarzen Haaren, gehört zur Clique der angesagten Schüler in ihrer 8. Klasse. Marko, schlecht in Mathe und Deutsch, aber ein Sportlertyp und Macho hat ein Auge auf Sera geworfen. Auf der Klassenfahrt werden sie sicher ein Paar.

Aus den Perspektiven von Niko und Sera erzählt Stefanie Höfler eine feine Freundschaftsgeschichte, ja vielleicht sogar zarte Liebesgeschichte. Das bleibt in der Schwebe. Niko lebt bei seiner „Großmama“, wie er sie nennt. Sera wird er erzählen, dass seine Eltern tot sind. Aber das ist nicht die Wahrheit. Sie haben ihn einfach bei der Oma abgegeben und sind für ihn nur noch Fremde. Sera wird ein Bild vom achtjährigen Niko sehen, da ist er nicht fett, da ist er einfach nur glücklich. Damit die Oma nicht traurig ist, isst Niko alles, was ihm vorgesetzt wird.

Niko hat beschlossen, dass er sich nicht vor der Klassenfahrt drückt. Dass diese drei Tage für ihn eine Tortur mit Besuchen im Schwimmbad und Klettergarten werden, ist klar. Als die Nachtwanderung ansteht, ist er ziemlich gefrustet. Doch dann hilft Niko der verzweifelten Sera, die von Marko brutal begrapscht wird. Beim Tanzabend spürt Sera, das Marko Lügen über sie in die Welt gesetzt hat. Aus Trotz, aber auch Dankbarkeit fordert Sera Niko zum Tanzen auf. Plötzlich beginnen die Klassenkameraden Niko, der einfach nur mit einem Mädchen tanzt, aufs übelste zu beschimpfen. Sera hält es nicht aus. Niko und sie verbringen die Nacht außerhalb der Herberge, reden miteinander und fahren dann einfach nach Hause.

Alle wenden sich von Sera ab, sogar ihre beste Freundin. Das Mobben findet kein Ende, aber Sera ist stark genug, diesen Druck auszuhalten. Zu gern würde Niko mit seiner Supernikobrause seinen Körper verlassen, ihn austauschen, sich verändern.
Doch wer ist dieser Junge eigentlich, der manchmal selbstironische Witze reißt? Nur Sera beginnt langsam, hinter die Fassade zu schauen. Sie recherchiert über Fettleibigkeit im Netz und wird doch nicht fündig. Immer mehr wird für Sera und den Leser klar, es geht nicht darum, wie jemand aussieht, es geht darum, wer er ist!

Erzählt wird diese wunderbare Geschichte aus der nüchtern reflektierenden Sicht von Niko und aus Seras Blickwinkel, eher emotional in fast gesprochener Sprache.

Jedes fünfte Kind in Deutschland ist zu dick und oftmals in der Kinderliteratur sind die fetten Kinder auch die fiesen, die andere quälen. Stefanie Höfler jedoch lässt einen Jungen erzählen, wie er sich fühlt.

„Ich hätte gern, dass alles bleiben kann, wie es ist. Dass ich bleiben kann, wie ich bin, und dass es trotzdem besser wird für mich.“

Abgrund

Bernhard Kegel: Abgrund, Mare Verlag, Hamburg 2017, 384 Seiten, €22,00, 978-3-86648-251-7

„Er war wütend gewesen, drohte vor Wut fast zu platzen, Wut auf all die ach so erwachsenen Reinharts in der Wissenschaft, die nur an ihre Karriere dachten, ihr Fähnchen in den Forschungswind hängten und immer weitermachten, als sei nichts geschehen; Wut auf die Öffentlichkeit, die einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollte, dass die Welt auf den Abgrund zuraste; auf die Politik, die angesichts der Jahrtausendaufgabe, sich dieser Entwicklung zu stellen, komplett versagte.“

Anne Detlefsen und Hermann Pauli haben sich spät in ihrem Leben gefunden. Sie ist leitende Kriminalkommissarin in Kiel und er anerkannter Meeresbiologe. Ihr erster gemeinsamer Urlaub auf den Galápagosinseln sollte trotz anstrengender Schiffsreise und nicht gerade bequemem Quartier in der Charles-Darwin-Station ein Abenteuer werden. Zum dem wird es allerdings, als Hermann auf eine Haiart beim Tauchen stößt, die ihn arg ins Grübeln versetzt. Umgeben von jungen Wissenschaftlern fühlt sich Anne ein bisschen fremd, zumal ihr Liebster mit zwei Kollegen aufs Meer hinausgefahren ist, um nach diesem ungewöhnlichen Hai zu suchen. Bernhard Kegel erzählt mal aus Hermanns, dann wieder aus Annes Perspektive. Als promovierter Biologe weiß Bernhard Kegel auch wovon er schreibt, denn im Mittelpunkt steht natürlich, wie kann es nicht anders sein, der bedenkliche Zustand der Flora und Fauna, der Klimawandel und der menschliche Drang nach Profit zu streben. Wenn David, ein junger attraktiver Biologe die Korallenbestände sieht, dann packt ihn die Wut. Dabei versuchen die staatlichen Institutionen große Teile des Meeres zu schützen, die Fischer in Schach zu halten und den Tourismus nicht mehr als nötig auszuweiten. Doch vielen Wissenschaftlern und Naturschützern geht es wirklich zu weit, sie beklagen die Auswüchse des Tourismus.

Als Hermann Anne allein lässt, geschieht vieles gleichzeitig. Die berühmteste und traurig anzusehende Schildkröte Lonesome Georg verstirbt plötzlich, ein Vulkan bricht aus und eine Tsunamiwelle setzt sich in Bewegung. Anne erfährt wie fragil die Unterstützung für die Darwin-Forschungsstation ist. Brandanschläge auf Segelboote, auch mit Verletzten und Toten, häufen sich und scheinen auf einen Täter hinzuweisen.

Und dann demonstrieren die jungen Wissenschaftler auch noch öffentlich gegen das Tiersterben, was die Polizei nicht einfach so hinnehmen kann, denn die Fischer liefern sich mit den Forschern eine Prügelei. Dabei lernt Anne Inspektor Jorge Nunez kennen, die in Münster ausgebildet wurde. Er zieht sie bei seinen Ermittlungen zu den Brandanschlägen zu Rate und da Hermann sich über die verabredete Zeit hinaus auf See befindet, kann sie auch ein bisschen arbeiten, zumal Jorge sehr charmant ist.

Steht der Kriminalfall bald im Vordergrund der Geschichte, so berichtet Bernhard Kegel auch immer wieder, und das sehr unterhaltsam und nicht allzu ausschweifend, von Darwins Forschungen auf dem Galápagosarchipel, aber auch von derzeitigen Arbeiten. Neben der Defaunation thematisiert er Beobachtungen, die die Veränderungen der Tierarten betreffen. Bei aller Kritik an der Förderung des Tourismus und gleichzeitigen Zerstörung der Natur versucht der Autor, für alle Seiten gute Argumente zu finden. Dass ein Wissenschaftler nicht klaglos zusehen kann, wenn eine Tierart endgültig ausstirbt, die biologische Vielfalt ihren Preis zahlen muss und nicht nur die Korallenriffe ein trauriger Anblick sind, versteht jeder Leser. Aber legt man deswegen Brände? Anne kann es nicht glauben und sucht verzweifelt nach Beweisen, um einen der vorstürmenden Angeklagten zu entlasten.
Spannende Lektüre über einen zwar weit entfernten, beim Thema Umwelt aber sehr nahen, wunderschönen Flecken der Erde.

Das Leben nach Boo

Neil Smith: Das Leben nach Boo, Aus dem Amerikanischen von Brigitte Walitzek, Verlag Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2017, 413 Seiten, €24,00, 978-3-89561-496-5

„Ruhe in Frieden.“

1979, Boo ist ein Nerd, ein wissenschaftlich interessiertes Kind, ein Außenseiter und in gewisser Weise auch etwas autistisch. Er fasst nicht gern andere Menschen an, aber er liebt seine Eltern. Für sie schreibt er, aus seiner Perspektive, dieses Buch und erzählt von seinem Leben nach dem Tod. Oliver, auch Boo genannt, weil er sehr helle Haut und weiße hochstehende Haare wie ein Geist hat, landet im Himmel. Hier versammeln sich alle toten amerikanischen 13-Jährigen für 50 Jahre, um dann wieder erneut zu verschwinden. Alle leben in einer riesigen Stadt, sie fahren mit dem Fahrrad durch die Gegend, haben keine Schule, keine Telefone, keine Tiere und auch keine naturwissenschaftlichen Bücher, was Boo, der im Moment seines Todes gerade das Periodensystem aufsagt, ärgert. Boo glaubt, er sei vor seinem Spind durch sein Loch im Herz gestorben. Allerdings stellt sich heraus, dass er von einem sogenannten Gunboy erschossen wurde. Auch Johnny aus seiner Schule, der Junge, der friedlich ist und gern zeichnet, wurde zeitgleich erschossen. Die Jungen freunden sich an und beginnen ihren Mörder zu suchen. In Gedankenströmen erinnert sich Boo an seine qualvolle Schulzeit, in der mehrere Jungen ihm das Leben zur Hölle gemacht haben. Johnny war da eher die Ausnahme, um so tragischer ist, dass sich plötzlich herausstellt, das Johnny der Junge ist, der in der Schule um sich geschossen haben soll.
Ein ziemlich dummes Mädchen, auch sie landet im Himmel bezeugt, dass sie genau weiß, dass nur zwei Jungen bei der Schießerei zu Tode gekommen sind.
Kinder unter sich ahmen die Erwachsenen nach oder handeln brutal bis zum Äußersten. Keine Frage, das klingt nach „Der Herr der Fliegen“. Und doch ist dieses Buch von Neil Smith keine Imitation, denn in seinem Buch dreht sich die Geschichte eher um Depressionen, Freundschaft, Verzweiflung, Schuld und Vergebung, nur diesmal im Himmel.
Dabei ist absurd und seltsam, dass Boo erst nach dem Tod normalen Kontakt zu Gleichaltrigen bekommt, um sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen. Auch wenn diese Geschichte völlig irreal ist, berührt sie, denn die beiden Jungen, Johnny und Boo, verbindet vieles und eins ganz besonders. Was das ist, versteht man erst ganz am Schluss.

Hugo und die Dämonen der Nacht

Bertrand Santini: Hugo und die Dämonen der Nacht, Aus dem Französischen von Edmund Jacoby, Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2017, 224 Seiten, €15,00, 978-3-946593-24-9

„ Ein lebloser Körper! Der Körper eines Kindes. Der Körper eines Kindes, das auf dem Rücken trieb. Der Aufdruck auf dem T-Shirt kam ihm bekannt vor. Als er näher hinsah, stellt Hugo fest, dass das, was er da betrachtete, sein eigener Leichnam war.“

Hugo lebt mit seinen Eltern, die Mutter ist auf dubiose Weise durch ihre Jugendbuchreihe berühmt und reich geworden, auf einem großzügigen Grundstück an der Küste, in der Nähe von Marseille. Sein 12. Geburtstag steht vor der Tür und alles läuft prima, sogar Onkel Oskar, mit dem der Junge scherzen kann, ist angereist.
Hugo spielt mit seinem Hund gern auf dem Friedhof, der neben dem Anwesen liegt. Allerdings bilden sich neuerdings dunkle Pfützen auf dem Grundstück aus und das heißt, hier könnte das schwarze Gold, Erdöl, gefördert werden. Doch Hugos Eltern haben kein Interesse daran, zumal eine seltene Pflanze auf dem Grundstück und dem Friedhof, dem Ort des Vergessens, blüht. Die Dorfbewohner sind jedoch nicht an einem Naturschutzgebiete interessiert, sondern an Geld. Und so zerstören irgendwelche Leute die Pflanzen, die Polizei und der Bürgermeister sind entsetzt, aber das war es dann auch schon. In der Nacht vor seinem Geburtstag erwacht Hugo und wird von einem maskierten Mann mit einem Messer gejagt, er stürzt die Küste hinab und ist tot. In Windeseile wandelt nun diese real begonnene Geschichte in einen Schauerroman, der einem Bühnenstück ähnelt und sofort wird Shakespeare zitiert, der einst meinte, man solle mehr Furcht vor den Lebenden als den Toten haben.

Hugo ist nun ein Geist unter der illustren Gruppe uralter Geister, die auf dem Friedhof wie in einem Vampirfilm hausen. Sie können keinen Kontakt zu den Menschen aufnehmen, aber sie sind in der Lage zu fliegen und durch Wände zu gehen. Als Cornelius, einer der Untoten, mit Hugo einen Flug über sein Anwesen macht, muss der Junge miterleben, wie seine Eltern ermordet werden. Die Geister leiden mit Hugo und versuchen, ihm das „neue Leben“ möglichst leicht zu machen.

Hugo ist nun hin- und hergerissen. Durch seine Sterbeurkunde weiß er, dass er ein Doppelgänger ist. Er ist nicht richtig tot, denn der Körper existiert noch, aber der Geist ist müde. Die Untoten wissen, dass sie Hugos Leben und auch sich selbst retten sollten, denn ohne ihn werden die gierigen Dorfbewohner den Friedhof für die Erdölförderung zerstören. Andererseits lauern die Zombies in den Tiefen des Geisterfriedhofs und sehnen sich danach, die Menschen zu fressen. Viel Potential zum Gruseln und vor allem für ungeahnte Wendungen!

In einer ausgewogenen Balance zwischen komischen und schockierend tragischen Szenen versteht es Bertrand Santini, einen absolut spannenden Roman für Kinder zu erzählen. So streiten sich die Untoten gern und Bruder Lustick, ein Mönch aus dem 16. Jahrhundert, verdrängt immer wieder, dass er tot ist und nicht der lebendige Friedhofswächter. Der französische Autor hat eine Vorliebe für schräge Geschichten und Figuren, immerhin stammen aus seiner Feder so wunderbare Bücher wie „Der Yark“ und „Jonas und der mechanische Hai“. Keine Frage, dass dieser Roman nur gut ausgehen kann und vielleicht ist ja auch nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Gar nichts von Allem

Christian Duda: Gar nichts von Allem, Beltz & Gelberg, Weinheim 2017, 159 Seiten, €12,95, 978-3-407-82213-0

„Meine Sätze sind nämlich Gedanken, und ich bin noch viel zu jung, um alle Gedanken zu Ende zu denken.“

Der zwölfjährige Magdi schreibt 1975 für seinen Nachhilfelehrer 35 sogenannte Berichte über sein Alltagsleben. Ungefiltert und aus dem Bauch heraus erzählt der Junge über seine Tage mit den drei Geschwistern, den Eltern, der Schule, den Freunden und vor allem auch den ersten körperlichen Veränderungen. Eine unauffällige Kindheit und doch ist sie etwas anders, denn Magdis Vater ist Araber, Chef, Ausländer, Pascha und vor allem ein Mensch, der seine Kinder verprügelt. Magdis Mutter ist Deutsche, eine Katholikin, „Kartoffel“ nennt er sie, die ganz traditionell für den Haushalt zuständig ist. Sie verteilt ebenfalls Kopfnüsse, wenn ihr etwas nicht passt. Sie hat Angst vor dem Ehemann und das spüren auch die Kinder. Mit den Eltern wird nicht viel geredet, die Kinder haben zu funktionieren. Und wenn das nicht passiert, dann wird nachgeholfen. Drei Kinder gehen aufs Gymnasium und wenn Magdi das erzählt, dann glaubt ihm niemand. Seinem Aussehen nach, und das ist ein weit verbreitetes Vorurteil, muss er in die Hauptschule gehen. Die Familie hat wenig Geld und für die individuellen Wünsche der Kinder schon gar nicht. Magdi liebt die Fernsehprogramme, er mag Dick und Doof, die Serien Bonanza und Daktari. Er wünscht sich, dass Mohammed Ali seinen Vater k.o. schlägt. Der Vater. Nicht nur Magdi hasst ihn, auch sein Bruder, der sich Joe nennt. Magdi wird vom Vater so stark verprügelt, dass er mit seinem verletzten Gesicht nicht in die Schule gehen kann. Zu Hause langweilt er sich. Magdi ist in der vorpubertären Phase, die Jungen lachen über den dicken Busen der Lehrerin, sie sind albern und verspielt. Aber Magdi darf das laut Eltern nicht, sie haben kein Verständnis für die Lebenswelt ihrer Kinder.

Magdis Erzählungen wirken authentisch und der locker leichte Ton liest sich wunderbar, dabei ist im Leben des Junges vieles nicht besonders komisch. Er macht sich Gedanken mit seinen Freund Rino Gedanken über Religionen, Ungerechtigkeiten in der Schule, den Tod, die Mädchen und Boxer. Doch Rino, der einzige Mensch, dem Magdi anvertrauen kann, wie schrecklich sein Vater ist, ist von der Schule geflogen und nun in einem Internat. Die Probleme in Magdis Familie werden nicht über die Herkunft des Vaters erklärt, denn schlagende Väter gibt es in allen Ethnien.

Möglicherweise ist Magdis Geschichte auch autobiografisch angelehnt oder nachempfunden, denn Christian Duda hieß ursprünglich Ahmet Ibrahim el Said Gad Elkarim und in seinen biografischen Angaben steht, er war Österreicher, Ägypter und ist jetzt Deutscher, aber auch Moslem und Katholik.

Good as gone – Ein Mädchen verschwindet. Eine Fremde kehrt zurück.

Amy Gentry: Good as gone – Ein Mädchen verschwindet. Eine Fremde kehrt zurück., Aus dem amerikanischen Englisch von Astrid Arz, C. Bertelsmann Verlag, München 2017, 317 Seiten, €12,99, 978-3-570-10323-4

„Und das ist, der einzigen Augenzeugin zufolge, die Geschichte, wie ich in einer Nacht meine Tochter – nein, meine beiden Töchter, einfach alles – verloren habe.“

Das ist der Alptraum jeder Familie, ein Kind verschwindet und kein Lebenszeichen oder Leichnam wird gefunden. Und das ist das einzige, was sich Anna, die Mutter der entführten Julie wünscht. Sie möchte ihre Tochter wenigstens begraben. Vor acht Jahren hat ein Unbekannter die 13-jährige Julie einfach so aus dem Haus der Whithakers mit einem vorgehaltenen Messer mitgenommen. Ihre jüngere Schwester Janie saß zum Zeitpunkt der Tat wie gebannt im Schrank. Erst nach drei Stunden traut sie sich, ihre Eltern zu informieren. Da ist klar, dass laut Polizeierfahrung die ersten Spuren getilgt sind und das Kind bereits tot sein könnte. Anna kann, auch wenn Janie erst zehn Jahre alt war, ihrer Tochter nicht verzeihen. Für Anna ist Julie das makellose Kind, dass sich, und das will die Mutter nicht sehen, bereits auf den letzten Fotos so sehr verändert hat. Das Verhältnis zwischen Anna und Janie ist jedenfalls völlig zerrüttet und so studiert die Tochter auch so weit weg von Huston wie sie nur kann. Als sie in den Sommerferien die Eltern besucht, steht plötzlich eine dehydrierte, abgemagerte junge Frau vor der Tür. Es ist Julie.

Amy Gentry konzentriert sich in ihrer Geschichte nun auf das Beziehungsgeflecht zwischen den Familienmitgliedern. Die Außenwelt mit Presserummel und Polizeiarbeit spielt keine Rolle. Erstaunlich ist, wie schnell Julie über ihren Missbrauch durch den Mann, der sie entführt hat, sprechen kann. Sie wurde angeblich als Teenager an andere Männer verkauft und als Sexsklavin in Mexiko gehalten. Als sie zu alt war und sozusagen ausgesourct werden soll, kann sie ihrer Hinrichtung entfliehen.
Alle sind glücklich über Julies Rückkehr, auch Janie, die bemerkt, dass Julie eine Handy hat, von dem sie ihren Eltern und der Polizei nichts erzählt hat. Die Handlung eskaliert als die beiden Schwestern lang ausbleiben und nicht erreichbar sind. Anna schiebt alle schuld auf Janie und ohrfeigt sie. Aber zu diesem Zeitpunkt ist der Leser nicht mehr sicher, ob Julie die wahre vermisste Tochter der Whithakers ist.
Als sich der Privatdetektiv, Alex Mercado, bei Anna meldet, hat diese bereits bemerkt, dass Julie nie zur ihren Therapiestunden fährt. Durch den ehemaligen Polizisten, der damals noch im Dienst war, als Julie verschwand, erfährt Anna nun, dass die Polizei ganz generell nie nach vermissten Kindern gesucht hat. Doch kann sie das glauben, sie die sich so auf die Polizei verlassen hat? Mercado jedoch hat eine Spur zu einem kindlichen Leichnam gefunden. Und er hat Julie auf einem Youtube Video entdeckt, da nennt sie sich Gretchen. Was ist, wenn Julie gar nicht entführt wurde, sondern einfach nur weggelaufen ist? Aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt die amerikanische Autorin ihre absolut spannende und sprachlich anspruchsvolle Handlung, mal erzählt Anna, dann wieder Julie, aber es geht auch um Karen, Charlotte, Vi oder Gretchen. Wer steckt hinter all diesen Identitäten?
Wer ist Julie, so sie es denn ist, heute? Kennt eine Mutter ihr Kind, dass plötzlich als 21-Jährige vor der Tür steht? All diese Fragen spielt der Kriminalroman durch und das durchaus plausibel und enorm fesselnd geschrieben.

Das letzte Bild der Sara de Vos

Dominic Smith: Das letzte Bild des Sara de Vos, Aus dem Englischen von Sabine Roth, Ullstein Verlag, Berlin 2017, 345 Seiten, €20,00, 978-3-550-08187-3

„Sie kann es nicht fassen, dass beide Gemälde fast ein halbes Jahrhundert hindurch nebeneinander existiert haben sollen, ein Planet und sein Trabant.“

Im November 1957 wird aus dem New Yorker Penthouse des wohlhabenden Patentanwalts Marty de Groot das einzige Gemälde von Sara de Vos gestohlen. „Am Saum des Waldes“ ist bereits seit dreihundert Jahren im Besitz der Familie, die aus den Niederlanden stammt. Ersetzt wurde es klammheimlich durch eine exzellente Kopie. Allerdings ahnt die Restauratorin und Doktorandin Ellie Shipley, die aus Sydney kommt, nichts von diesen kriminellen Machenschaften. Ihr Spezialgebiet ist das Goldene Zeitalter der niederländischen Barockmaler, speziell der Frauen. Als kaum anerkannte Außenseiterin, die auch noch mit sich und ihrer Arbeit hadert, spürt die sechsundzwanzigjährige Frau eine innere Genugtuung als sie es schafft, eine wirklich gute Fälschung an ihre Auftraggeber abzuliefern. Allerdings wundert es die Künstlerin, das sie nur ein Foto von dem Bild sehen kann und dass es offensichtlich irgendwo über einem Bett hängt.

In verschiedenen Zeitebenen erzählt Dominic Smith nun von Marty, Ellie, aber auch Sara de Vos. Und er geht kaum fünfzig Jahre in der Handlung weiter und berichtet von einer Ausstellung in Sydney, in der nun diese beiden Bilder, Original und Kopie, aus Leiden und New York ankommen werden. Inzwischen lebt und lehrt Ellie als Kunstprofessorin in Australien und kuratiert sogar diese Ausstellung. Lebenslang begleitet Ellie dieses Bild „Am Saum des Waldes“ und seine Geschichte. Jetzt kann es sie ihre wissenschaftliche Karriere und ihren Ruf kosten. Marty, hoch in den achtzigern, bringt sein Bild von Sara de Vos, also das Original, selbst nach Sydney, denn er will sich mit Ellie endlich aussprechen.

Marty und Rachel de Groot ist es nicht vergönnt, Kinder zu bekommen. Marty vermutet, dass dieser tragische Moment in seiner Ehe auch mit der Winterlandschaft über dem Bett zu tun haben könnte. Zum einen ist er ziemlich ungehalten darüber, dass jemand sein Bild ausgetauscht hat, zum anderen spürt er, dass seine Frau plötzlich wieder auflebt und Freude am Leben hat.

Szenenwechsel ins 17. Jahrhundert: Sara de Vos, eine ausgebildete Stilllebenmalerin, verliert in Amsterdam durch die Pest ihr einziges Kind. Ihr Mann, ein Landschaftsmaler, gerät in die Schuldenfall und wird von der Lukasgilde ausgeschlossen. Sara kann sich in ihrem Schmerz nur helfen, indem sie ihr Kind in einer Winterlandschaft zeichnet. Als Saras Mann sie verlässt, begibt sich die Malerin nach Heemstede, um die Schuld der Familie bei Cornelis Groen abzuarbeiten. Sie malt für ihn wieder Landschaftsbilder.

Marty de Groot beauftragt einen Privatdetektiv herauszufinden, wer sein Bild kopiert hat. So lernt er Ellie unter falschem Namen kennen und verbringt immer mehr Zeit mit ihr. Er ist fasziniert von dieser jungen enthusiastischen Frau und gerät zwischen dem Wunsch sie zu enttarnen und seinen Gefühlen für sie in einen Gewissenskonflikt.

Dominic Smith zeichnet ein atmosphärisch genaues Bild von der Gesellschaft um 1650, dass man meint, man stehe neben den Figuren mitten im 17. Jahrhundert. Er hat ein gutes Gespür für seine fiktionalen Figuren ( Sara de Vos hat nie gelebt, aber zwanzig andere niederländische Barockmalerinnen schon ), schreibt lebendige Dialoge und unterhält seinen Leser mit faszinierenden Beschreibungen der Malkunst. Parallelen zwischen Ellie und Sara, die sich beide in ihrer Zeit verkannt fühlen, sind nicht zu übersehen. Schnell wechselt der Autor, der ebenfalls in Australien geboren wurde, die Schauplätze und Zeiten, ist mal bei Sara, dann wieder bei Marty und Ellie und schlägt einen geschickten Spannungsbogen über Jahrhunderte hinweg. Dominic Smith nimmt seinen Leser auf dieser Reise zwischen Kunst und Leben komplikationslos mit und unterhält ihn ausgezeichnet.

Barney Kettles bewegte Bilder

Kate de Goldi: Barney Kettles bewegte Bilder, Aus dem Englischen von Ingo Herzke, Königskinder Verlag, Hamburg 2017, 424 Seiten, €18,99, 978-3-551-56032-2



„Wusste er das mit der Kamera? Wusste er, dass Barney, wenn er sie in der Hand hielt, an ihr herumnestelte, sich dahinterstellte, sie anhob und in den Sucher schaute, von wunderbarem Selbstbewusstsein und Optimismus erfüllt wurde? Es war wie bei Popeye mit dem Spinat. Oder wie Asterix und seine Gallier, wenn sie Miraculix’ Zaubertrank nahmen. Wenn er die Kamera hatte, wurde Barney mutig und optimistisch; er hatte das Gefühl, alles sei möglich.“

Seinen ersten Film drehte Barney Kettle, da war er neun Jahre alt. Nicht sein Opus Magnum, aber immerhin. Kettle Production sah nun drei Jahre später einer rosigen Zukunft entgegen, wäre da nicht die lästige Schule, die so viel Zeit in Anspruch nimmt und Barneys Mutter, die immer wieder Ordnung in das Leben ihres Sohnes bringen will. Barney und seine ein Jahr jüngere Schwester Ren mit der großen Brille, auch genannt Schrägstrich, sind das perfekte Team, wenn es um Organisation, Planung und den Dreh eines Films geht. Gut da waren auch noch die Kinder aus der High Street, aber sie wollten lieber ein Eis essen als als hart arbeitende Schauspieler einen Film drehen. Da konnte Barney echt zum Diktator werden, wenn alle plötzlich losrennen.

Und wieder sitzen Bruder und Schwester in der heißen Weihnachtszeit in Neuseeland im Café Coralie und suchen nach einer Inspiration für einen neuen Streifen. Immerhin hat die Nordinsel-Oma für ein gutes Equipment gesorgt. Großeltern haben irgendwie viel mehr Verständnis für die wahren Interessen als Eltern. Barney liest sich so einiges an und spürt aber auch, dass das Festhalten an grauer Theorie ihn nicht so richtig weiterbringt. Kurz und gut, die beiden haben einen fantastischen Einfall, der nächste Film wird ein Dokumentarfilm über die High Street, in der Barney mit seiner Familie wohnt, ein Film über die Menschen und ganz unterschiedlichen Läden. Zum Glück fallen da auch die lästigen Schauspieler weg und Barney kann sich auf das reale Leben und die Interviews konzentrieren. Aber auch das ist mit Erwachsenen nicht so einfach, die manchmal auf eine simple Frage eine ellenlange Antwort geben müssen und plötzlich sich ganz anders darstellen als sie wirklich sind. Der Arbeitstitel des Films heißt: „Die Unerzählte Geschichte“.

Nach anfänglichen Problemen laufen die Dreharbeiten. Am schönsten ist es wie immer im Comicladen von Albert Anderson oder in Deidres Friseurladen, in dem immer irgendetwas passiert. Nebenher spielen Barney und Ren auch noch Detektiv, denn immer häufiger beklagen die Ladenbesitzer, dass ihnen Dinge gestohlen wurden. Und die beiden Kreativen bekommen von einer unbekannten Person Comics in Umschlägen zugesandt und wissen einfach nicht, was das soll.
Barney ist auch schon ziemlich unglücklich, denn der Schulunterricht naht. Dabei soll der Film laut Rens gnadenloser Planung Ostern fertig sein. Und wieder muss sich der junge Filmregisseur mit einer neuen Lehrerin auseinandersetzen, die er sofort befragt, welcher Film ihr Lieblingsfilm ist. Aber die Neue ist clever. Sie gibt Barney freie Zeiten für sein Projekt und will im Gegenzug, dass er mit einem Mitschüler Mathe nachholt.

Mit trockenem Humor und vor allem kleinen Referenzen an bekannte Comics, Graphic Novels und Filme erzählt Kate de Goldi von der Leidenschaft des Filmemachens. Ihre Hauptfiguren, Barney und Ren, bestechen durch ihre Ernsthaftigkeit, Neugier und vor allem den Willen, etwas wirklich Vorzeigbares zu produzieren. Mögen da manchmal die Künstlerlaunen des Regisseurs im Wege stehen, gearbeitet wird hart und konzentriert. Und als die Kinder aus der High Street mitbekommen, das Barney an einem neuen Werk feilt, klagen sie ihre Mitarbeit gleich ein. Die High Street als internationaler Mikrokosmos unterschiedlichster Menschen mit ihren Eigenarten, die friedlich miteinander leben, berührt beim Lesen von Seite zu Seite, denn alle mögen Barneys Projekt und möchten einfach nur mitmachen ohne zu ahnen, dass ihnen ein Unglück bevorsteht.

Kate di Goldi schreibt mitreißend und berührend von den Ereignissen in der High Street und ihren liebenswerten Figuren. Sie beansprucht den Leser und gibt doch so viel zurück, denn Barney und auch Ren sind so lebendige Erfindungen, dass man denkt,sie seien echte Menschen.

Seit du bei mir bist

Nicholas Sparks: Seit du bei mir bist, Aus dem Amerikanischen von Astrid Finke, Heyne Verlag, München 2017, 572 Seiten, €19,99, 978-3-453-26877-7

„Wieder wünschte ich mir, sie glücklich zu machen, aber dass mir das nicht gelang, hatte ihre Miene deutlich gezeigt. Denn nicht nur Wut hatte ich darin gesehen. Sondern auch Verachtung.“

Nur aus der ganz persönlichen Sicht von Russel Green erzählt Bestsellerautor Nicholas Sparks vom Lebensalltag einer amerikanischen Kleinfamilie in Charlotte, North Carolina. Russel und die überaus attraktive Vivian lernen sich kennen und heiraten 2007. Ein Jahr nach der Eheschließung ist Vivian schwanger. So schnell hatte Russel nicht erwartet Vater zu werden, aber nun ist es geschehen. Sicher würden sie, wenn Vivians Gehalt als PR-Frau wegfällt, finanziell etwas kürzer treten müssen. Aber Vivian denkt gar nicht daran, wieder arbeiten zu gehen. Sie widmet sich in allem ihrer Tochter, die auch noch London heißt. Das Kind muss kaum aus den Windeln heraus, Klavier spielen, Ballettunterricht nehmen, einen Kunstkurs besuchen und vor allem Tennis spielen. Volles Programm und voller Muttereinsatz für den Nachwuchs.

Russel kümmert sich darum allerdings erst als klar wird, dass er als Vater auch seinen Beitrag leisten musst. Als er seinen gut bezahlten Job in der Werbeagentur aufgibt, um seinem Rausschmiss zuvorzukommen, macht er sich mit wenig Erfolg selbstständig. Zu diesem Zeitpunkt, London ist bereits fünf Jahre alt, scheint seine Ehe und alles was nach außen dringt, fantastisch zu laufen. Ein Haus, zwei Autos, schicke Klamotten. Doch Vivian ist launisch, unzufrieden und irgendwie kaufsüchtig. Jeder Streit mit ihr endet in Türen schlagen, tagelangem Schweigen und halbherzigen Versöhnungen. Russel und Vivian führen keine richtigen Gespräche mehr, sie leben nebeneinander her und tauschen sich nicht mehr aus. Nicht anders kann man erklären, dass Vivian trotz schwindendem Bankkonto immer noch wie eine Weltmeisterin einkauft und behauptet, es seien Sonderangebote. Russel jedoch ist verzweifelt, was er auch beruflich unternimmt, er findet keine Kunden.

Vivian, auch hier keine Absprachen, bewirbt sich um eine Arbeit, bekommt diese auch und überlässt nun die Betreuung Londons ihrem Mann.
Russel erzählt parallel zu den Geschehnissen in der Ehe, auch von seiner Familie und seinen Erinnerungen an seine Kindheit. Er liebt seine Eltern mit ihren Eigenarten, liebt seine lesbische Schwester Marge und mag deren Lebensgefährtin Liz. Russel weiß, dass Vivians Eltern seine nicht achten und dass er auch nicht der rechte Schwiegersohn für ihre Tochter ist.
Für Russel, und das wird sich auch im Laufe der Handlung herausstellen, ist die große Schwester Marge die wichtigste Bezugsperson.
Nach und nach finden Russel und Vivian keine Worte mehr für ihr Zusammenleben. Er macht natürlich alles falsch, wenn er London betreut und sie ist die hart arbeitende Ehefrau, die die Familie ernährt und keine Kritik hören möchte.
Wie London all das verkraftet, wird in den ausführlichen Szenen zwischen Vater und Kind genauestens geschildert.

Aber nicht nur die Ehe von Russel wird den Bach hinuntergehen, es wird ihn noch viel härter treffen als geahnt.

Wenn Nicholas Sparks eine Familiengeschichte und das Scheitern einer Ehe voller Klischees konstruiert, dann liest sich das unterhaltsam und doch extrem eindimensional, denn der Leser erfährt nur, was Russel, die Hauptfigur denkt und wie er die Geschehnisse bewertet. Ist Vivian eine nur manipulative, egoistische Ehefrau? Ist Russel, was die Freiberuflichkeit anbelangt, einfach nur naiv? Wächst die Beziehung zu seinem Kind wirklich nur über das Gewähren von Fastfood und Dingen, die Mama nicht erlaubt? Der amerikanische Autor unterhält, keine Frage, und doch sind seine Figuren eher holzschnittartig in ihrer Charakterisierung und Handlungsweise gezeichnet. Nichts in dieser Geschichte kann den Leser überraschen. Oder will Sparks einfach nur das Leben abbilden? Mit Trennungen, Krankheiten, Hochs und Tiefs?
Allerdings schlägt Russel nicht wirklich auf dem Boden auf, weder finanziell noch existenziell, und er muss sich auch nicht aufrappeln, denn alles nimmt ihm wie immer seine ältere Schwester Marge ab, auch wenn es das letzte ist, was sie für ihn tun kann. Ärgerlich oder raffiniert ist dieser kitschige Buchtitel „Seit du bei mir bist“. Gut, man weiß, was man bekommt.