Gemischte Gefühle

Katherine Heiny: Gemischte Gefühle, Aus dem amerikanischen Englisch von Marion Hertle, Tempo im Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2018, 350 Seiten, €15,99, 978-3-455-40624-5



„Audra änderte sich nie, dachte Graham. Untreue, Krankheit, Hausgäste, Naturkatastrophen, das Ende der Welt – auch wenn das alles über sie hinwegfegen würde, sie wäre immer noch da, würde frisch aussehen wie eine Blume und sich fragen, ob noch Blaubeer-Muffins übrig waren. Das war zugleich das Beste und das Schlechteste an ihr.“

Seit zwölf Jahren ist Graham, aus dessen Sichtwinkel erzählt wird, mit Audra in zweiter Ehe verheiratet. Er ist gut fünfzehn Jahre älter als seine einundvierzigjährige Frau. Audra arbeitet als freie Grafikerin und er in der medizinischen Forschung. Beide haben einen zehnjährigen Sohn Matthew und leben in Manhattan. Audra ist im Gegensatz zu Graham äußerst kontaktfreudig und immer wenn Graham die Tür zu seinem Apartment öffnet, fragt er sich, wer heute wieder als Hausgast in der Familie lebt. Mal ist es eine Bekannte von Audra, deren Mann gerade eine sogenannte Kreativpause einlegt oder viel eher eine neue Freundin hat, mal ist es der Hausportier, dessen zahlreiche Anverwandte seine kleine Wohnung in Anspruch nimmt. Als dann auch noch Opa Stan mit seinem sabbernden Hund und seinem Enkel Noah, endlich ein gleichaltriger Freund für Matthew, in der Wohnung wohnen, ist Graham schon sehr an seiner Toleranzgrenze angelangt. Opa Stan benötigt viel Aufmerksamkeit und kann es gar nicht dulden, wenn jemand einfach nur eine Zeitung lesen möchte. Auch Audras beste Freundin Lorelei wohnt im Haus. Durch eine Erbschaft nimmt Matthew wieder Kontakt zu seiner Ex-Frau Elspeth auf, die mittlerweile einen Freund hat. Audra lädt natürlich beide gleich mal zum Essen ein, dabei hatte Graham Elspeth verlassen, um mit Audra zu leben. Beide Frauen sind völlig verschieden, zumal Elspeth sehr auf klinische Sauerkeit achtet und als Person unnahbar zu sein scheint.

Wenn Graham seine Frau, der nichts aber auch gar nichts peinlich ist, im Gespräch mit anderen Menschen beobachtet, dann fühlt er sich irgendwie ausgeschlossen. Andererseits kommentiert er jede Szene mit einem herrlich trockenen Humor.
Sehr viel Ausdauer und vor allem Geduld benötigt Graham, wenn es um seinen Sohn Matthew geht, der offenbar an Asperger leidet. Matthew redet nicht gern, er isst nie bei fremden Leuten und wenn sich seine Eltern an die ersten Jahre mit ihm erinnern, dann wurde viel geschrien und es dauerte seine Zeit, ehe Audra und Graham hinter Matthews Geheimnisse kamen. Matthew liebt nichts so sehr wie Origami und so darf der Vater den Sohn am Sonntagmorgen zu einem Origami-Club fahren. Dort lernt er ebenfalls ziemlich durchgeknallte Leute, wie z.B. Clayton kennen. Dass der Junge nur mit Erwachsenen befreundet ist, die irgendwelche Papiere falten, macht den Eltern schon Sorgen. Und bei einem Gespräch über Politik mit Clayton gehen Graham folgende respektlose Gedanken durch den Kopf.

„…. wobei er sich fragte, ob es überhaupt möglich ist, dass ein Origami-Club in irgendeiner Form politisch sein konnte. Was sollten Sie tun, eine Flotte Papierflieger falten und Libyen angreifen?“

Später wird Matthew einen Freund finden, allerdings sorgt Derek ständig für Ärger. So fand der Informatiklehrer im Unterricht auf Dereks und Matthews Computer im Verlauf harte Pornoseiten.
Es geschieht viel in dieser kleinen Gemeinschaft, es wird eingekauft, gekocht, ein bisschen gestritten und gestorben. Mal ist Graham eifersüchtig, mal hat er wieder Geheimnisse vor Audra, die neuerdings glaubt, schwanger zu sein. Möchte er in Audras Gegenwart manchmal im Erdboden versinken, so erheitert sie ihn auch.

„Audra las nie Zeitung, sah sich noch nicht mal die Nachrichten an. Nordkorea könnte die gesamte morgenländische Küste bombardieren und sie würde nichts erfahren, ehe es nicht jemand in Facebook erwähnt.“

Auch wenn Graham bei Elspeth ab und zu neuerdings kocht und die Ruhe genießt, um dann wieder mit Audra ein paar kleine Katastrophen zu überstehen, ist das Leben doch einfach nur herrlich. Und als klar wird, dass Matthew mit den verrückten Origami-Leuten keine Zeit mehr verbringen will, fällt Audra und Graham mehr als ein Stein vom Herzen.

Ganz normale Menschen mit all ihren seltsamen Abgründen und sympathischen Zügen, davon erzählt die amerikanische Autorin Kathrine Heiny. Wunderbar unterhaltsam seziert sie das Leben von allen möglichen Seiten und auf jeden Fall darf man auf ihre kommenden Romane gespannt.

Ein schönes Paar

Gert Loschütz: Ein schönes Paar, Schöffling & Co., Frankfurt a.M. 2018, 240 Seiten, €22,00, 978-3-89561-156-8

„Ich erkannte sofort ihre Schrift, die, anders als seine, unregelmäßig war, flatterig, mit nach allen Seiten hin wegkippenden Buchstaben. Hielt man seine in gestochen klarer Schrift abgefassten Briefe daneben, glaubte man, in ihm einen Mann der schnellen, klaren Entschlüsse zu haben, jemanden, der genau wusste, was er wollte, während man sie für unsicher und leicht beeinflussbar hielt. Dabei war es genau umgekehrt.“

In nur kürzester Zeit sterben die Eltern des Ich-Erzählers Philipp Karst, der als Fotograf seinen Lebensunterhalt verdient. Als genauer Beobachter interessiert an Stätten, die zerfallen und ohne Menschen auskommen müssen, spürt der Erzähler nun dem Schicksal seiner Eltern nach.

Als sich Georg und Herta getrennt haben, da war Philipp noch ein Teenager. Nie hat er verstanden, wie es zu dieser stillen, fast lautlosen Entzweiung der Eltern kam, worin die wahren Ursachen lagen. Nach der Trennung verließ die Mutter über eine lange Zeit den Ort Tautenburg, in dem auch der Vater lebte. Sie schrieb an den Sohn Karten, ohne je ihre eigene Adresse zu vermerken. Fast stumm verliefen auch die wenigen Begegnungen mit der Mutter.

In Zeitsprüngen erinnert sich Philipp an die Lebensstationen der Eltern. Eigentlich stammen Philipps Eltern aus dem brandenburgischen Plothow, sie lernen sich im Krieg kennen und heiraten als glückliches Paar, dass nun endlich mit dem Sohn im Frieden leben kann. Doch dem Vater droht die Verhaftung und er flieht in den Westen. Herta folgt dem Ehemann mit dem Sohn. Jetzt könnte alles gut werden, die Welt steht ihnen offen. Niemand hätte zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass diese Ehe dem Ende entgegen geht.

Im Nachlass des Vaters findet Philipp eine Kamera, die der Auslöser für die tragischen Ereignisse und die Trennung der Eltern war. Bruchstückhaft konfrontiert der Autor den Leser mit Leerstellen, die dieser selbst zusammensetzen muss.
Es geht um eine Unterschlagung, um die Inhaftierung des Vaters, das Fremdgehen der Mutter, den Schmerz des Sohnes. Sorgsam kümmert sich der Vater um den Sohn, unternimmt mit ihm Spritztouren und beantwortet seine Fragen, wenn er kann. Die Mutter ist ein Tabuthema, die Karten, die sie schreibt, ein Rätsel.
Dass die Eltern aber doch bis an ihr Lebensende in Kontakt bleiben, auch wenn die Distanz mal größer und mal kleiner ist, berührt und schließt einen Kreis.

Gert Loschütz umkreist ein nicht gerade spektakuläres Familienleben und doch schreibt er so eindringlich und meisterhaft von Gefühlen und Gedanken, dass man einfach fasziniert von seinen Figuren immer weiterlesen muss.

Wenn’s weiter nichts ist

Allison Pearson: Wenn’s weiter nichts ist, Aus dem Englischen von Jörn Ingwersen, Wunderraum bei Goldmann Verlag, München 2018, 600 Seiten, €22,00, 978-3-336-54769-2

„Das mit Jack habe ich für mich behalten. Was gab es da schon zu erzählen? …. Außerdem wollte ich nicht, dass gleich der nächste Fremde in das Leben meiner Kinder trat, während ihr Vater um die Ecke mit Pippi Langstrumpf wohnte. In dieser Phase funktionierte ich nur mit Ach und Krach.“

Kate Reddy hat es bald geschafft. Sie ist so alt wie ein halbes Jahrhundert, sie übersteht dank Hormontherapie und chirurgischem Eingriff ihr Collegetreffen mit vier Kilo weniger Speck auf den Hüften und sie kann sagen, ich arbeite wieder in einem Londoner Büro. Wie es ihr jedoch dabei ergeht, das erfährt nur die Leserin ( Es ist wirklich nur ein dickes Buch für Frauen, sorry Männer.). Und wenn Allison Pearson eines kann, dann vom Alltagsleben einer Frau um die 50 mit trockenem Humor, Wortwitz und sich überschlagender Situationskomik erzählen, dass man beim Lesen oft laut auflacht. Sicher klingen auch dunkle Töne an, aber die gehören zum Familienleben nun mal dazu.

Dem Zeitgeist folgend beginnt die Geschichte auch gleich mit einem Paukenschlag in den sozialen Medien. Tochter Emily, zarte siebzehn Jahre, hat auf Bitten der Freundin Lizzy, ein Belfie von ihrem Hintern per Snapchat gesendet. Aber Lizzy hat, nur versehentlich versteht sich, das Foto bei Facebook verbreitet. Nur wenige Sekunden gibt es wieder ein Gleichgewicht in der Mutter und Tochter – Beziehung, indem Mutter tröstet und Kind getröstet werden möchte. Ansonsten ist die Stimmung zwischen Kate und Emily, deren tägliches Make-up-Tutorial auf Instagram vor der Schularbeit Vorrang hat, eher angespannt und hysterisch aufgeladen. Auch Ben, der 14-jährige Sohn von Kate und Richard, befindet sich in einer schwierigen Phase, in der nur die Playstation eine wirklich entscheidende spielt.

„Ich geb’s auf. Emily ist oben mit ihren Freundinnen, aber sie sprechen nicht miteinander. Ben ist hier unten und spricht mit Freunden, die gar nicht da sind. Sie sind sonst wo, am anderen Ende der Stadt. Die Kinder haben recht: Ich bin von gestern.“

Kate hat nun seit sieben Jahre nicht mehr in ihrem einst lukrativen Finanzjob gearbeitet und um wieder, was unbedingt sein muss, ins Arbeitsleben zurückzufinden, ist die Familie in die Nähe von London in ein 300 Jahre altes Haus gezogen. Richard, ihr Ehemann, hasst das Haus und den neuen Mitbewohner, den anhänglichen süßen Welpen Lenny. Sicher muss das handwerkliche polnische Allroundgenie Pjotr noch vieles bauen, u.a. eine richtige Küche, aber Kate ist zuversichtlich. Der Mut jedoch verlässt sie, wenn sie ihren Kontostand betrachtet. Richard hat seinen Architektenberuf aufgegeben und sich dazu entschieden, sich zwei Jahre unentgeltlich zum Krisenberater umschulen zu lassen. Außerdem macht er eine richtig teure Therapie, um mehr über sich zu erfahren und scheint sich weder für das Haus, noch die Kinder noch irgendetwas, außer sein Rennrad, seine Schulungen und seine neue Kollegin Joley, zu interessieren. Trotz diverser Achtsamkeitsseminare berührt es ihn nicht, dass sein Vater mit der dementen Mutter nicht mehr klarkommt. Nur Kate hat ein Ohr für den Schwiegervater und die kranke Barbara, die sie einst als Schwiegertochter aufgrund ihrer Herkunft eher verachtet hat, aber nun mit geklauten Kreditkarten in Baumärkte fährt, um Kettensägen zu kaufen. Warum Kate ihrem Ehemann all dies nachsieht, liegt vielleicht an ihrer eigenen desolaten Disposition. Sie ist mitten in den Wechseljahren und durchlebt alle Symptome, wie immer sie auch heißen. Sie schwitzt, sie kann nicht gut schlafen, sie hat Stimmungsschwankungen, ihre Gedächtnisleistung nimmt immer mehr ab und und und ….

Leider behauptet ihr Headhunter, dass sie für einen neuen Einstieg ins ernsthafte Arbeitsleben, Lebens- und auch Arbeitserfahrungen hin oder her, zu alt sei. Eine Frechheit, finden nicht nur Kates Freundinnen. Sie manipuliert ihren Lebenslauf und ergattert in ihrer alten Londoner Firma, einem Finanzdienstleister, der schon zweimal den Namen gewechselt hat, einen Job. Ihr Vorgesetzter ist nur ein dreißigjähriger Hipster oder auch „Milchbubi“, der in Kates Augen wenig Ahnung von seinen wahren Aufgaben hat. Aber sie ist in der Probezeit und nur eine Schwangerschaftsvertretung und muss zeigen, was sie als zweiundvierzigjährige Mitarbeiterin kann.

Minutiös arbeitet die englische Journalistin und Autorin Allison Pearson heraus, wie sich Frauen fühlen, die ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein verlieren, wenn sie als gleichberechtigte Partnerin einfach unter Qualifikation nach der Kinderpause arbeiten müssen. Immer geht es ums Geld verdienen, denn Kinder sind nun mal teuer, wenn man ihnen ein glückliches Leben bieten möchte. Kate kann Frauen, wie Lizzys Mutter nur verachten, die dank Geld und Ansehen ihres Mannes den Kopf hoch tragen und auf andere herabschauen. Nichts kann Emily davon überzeugen, dass Lizzy einfach mal eine unsympathische, wohlstandsverwöhnte Ziege ist. Und Kate möchte ihrer Tochter nicht den Stand in der Peergroup verderben.

Kates Arbeits- und Familienleben durchläuft nun Höhen und Tiefen und immer wieder erinnert sie sich an Szenen aus der Vergangenheit, die ihr gute – oder weniger angenehme Erinnerungsmomente verschaffen. Immerhin ist da ja auch noch Jack, der solvente einst wichtige Manager, der ihr einfach zu nah gekommen ist und den sie für die Familie aufgegeben hat.
Kaum befindet sich Kate wieder in London, erhält sie eine E-Mail von ihm.
Gut, dieser Roman ist eine Fiktion, eine unterhaltsame Fiktion von einer Frau, die nicht mehr jung aber auch nicht alt, ihr Leben meistert. Und natürlich wünscht man ihr für ihren Lebensweg einen anderen Mann als diesen lethargischen, egoistischen Richard.

Wirklichkeitsnah getroffen hat die englische Autorin den rasanten Einfall der modernen Medien ins Alltagsleben von Elterngenerationen, für die noch das Fernsehen eine fantastische Erfindung war. Wie sogenannte Freundinnen stutenbissig um sich schlagen, kennen Frauen von klein an. Eltern von Jungen im Teenageralter erkennen in Ben den typischen Vertreter. Wunderbar auch die Beobachtung, dass faule Kinder nicht faul sind, sondern an „Motivationsmangel“ leiden.

So könnte man viele Szenen hervorheben, die exzellent beobachtet, durch den Kakao gezogen werden und doch vom wahren Leben berichten.
Chick-Lit für die Generation 50+ – warum nicht?

Die Lichter unter uns

Verena Carl: Die Lichter unter uns, S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 318 Seiten, €20,00, 978-3-10-397363-1

„Es gab Menschen, die änderten ihr Leben aus Liebe. Es gab Menschen, die änderten es, weil sie einer plötzlichen Berufung folgten. Es gab die, die es aus Angst änderten, oder aus Wut.“

Anna befindet sich mit ihrer Familie, Ehemann Jo, der zehnjährigen Tochter Judith und dem jüngeren Sohn Bruno, in der zweiten Urlaubswoche in Taormina. Es ist Herbst und am gleichen Ort verbrachten Anna und Jo vor zwölf Jahren ihre Hochzeitsreise. Die Hamburger Familie wohnt nicht in einem komfortablen Hotel, sondern in einer nicht gerade schönen Ferienwohnung. Die Verlängerung des Sommers schleppt sich so dahin, Anna ist nicht sonderlich glücklich, die Finanzlage der Familie ist angespannt, Judith total auf den Vater, der ständig mit seinem Smartphone spielt, fixiert. Anna ist maßlos genervt von Judiths vorpubertären Ausrastern. Natürlich ist Anna keine Hausfrau, sondern freiberufliche Journalistin, deren Aufträge jedoch minimal sind. Jo arbeitet in einer Werbeagentur und hangelt sich ohne finanzielle Sicherheit von Projekt zu Projekt, dabei scheint es so zu sein, als sähe sich der Agenturchef nach Käufern um. Dabei lebt die Familie in der mit der Hilfe von den Eltern finanzierten Eigentumswohnung immer leicht über ihre Verhältnisse.

Sprachlich anziehend beschreibt Verena Carl das Innenleben von Anna, die ihr Lebenskonzept durchdenkt, ihre Arbeit, ihre zunehmenden Rundungen an Po und Hüfte, ihre steigende Unzufriedenheit und Müdigkeit. Als sie im Restaurant Alexander von Leppin, seine junge Freundin Zoe und seinen Sohn Fabian beobachtet, ist sie von der Ausstrahlung der drei, speziell Alexanders fasziniert. Mit dem Gefühl unsichtbar zu sein, denkt Anna, dass diese wohlhabenden Personen ein besseres, ja viel glücklicheres Leben führen müssten. Zum ersten Mal fragt sie sich, wen sie da eigentlich geheiratet hat und warum ihr das nie wichtig war. Als Judith während eines Ausflugs nicht auf Bruno acht gibt, scheint sich ein Unglück anzubahnen.

„Sie wusste, was Judith von ihr erwartete. Was jeder von ihr erwartete, was eine gute Mutter zu tun hatte. Die Arme ausbreiten, so weit, dass sie darin Platz hatten, die reuige Tochter, der verlorene Sohn, der gute Vater. Alles streicheln und liebkosen, was ihr unter die Hände kam, lachen, fluchen, dankbar sein. Sie streckte die Hand aus und reichte Judith das glatte, verschlossene Päckchen.“

In dem kurzen Schlusssatz, dieser Geste liegt alles, was Anna fühlt und ausdrücken kann. Und das ist die Schreibkunst dieser Autorin, sie erzählt und lässt Lücken einfach offen. Der Leser ist gefragt und ahnt, was in den Figuren vor sich geht.

In einer zweiten Erzählebene schaut der Leser dann in Alexanders Alltag und erfährt, dass der Zweiundfünfzigjährige durchaus nicht nur gesundheitliche Probleme hat. Seine Frau Katharina ist verstorben, die neue schwangere viel jüngere Frau Zoe hat hinter seinem Rücken ein Verhältnis mit seinem Sohn Fabian, der längst nicht mehr zur Uni geht und in der Angst lebt, der Vater könnte ihm die Schecks sperren.
Als Anna mit Alexander am Pool ins Gespräch kommt, wechselt wieder die Perspektive und der Leser erfährt, was Zoe über Anna und ihre Familie denkt.
Immer wieder dreht sich in den einzelnen Szenen alles um die Beziehungen zwischen Vater und Sohn, zwischen Alexander und Fabian, die z.B. eine Vulkantour unternehmen und kläglich scheitern.

Alle Figuren sind bei Verena Carl an dem Punkt angekommen, an dem sie sich im Moment noch unaufgeregt fragen, führen wir wirklich das Leben, das wir führen wollen. Antworten werden nicht gegeben, aber Denkanstöße.

Auf immer verbunden

Domenico Starnone: Auf immer verbunden, Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018, 171 Seiten, €18,00, 978-3-421-04807-3

„Da überkam mich die Angst, sie könnte jetzt, wo nichts mehr an Ort und Stelle war, in dem Chaos auf etwas von mir stoßen, das sie betrüben und verletzen würde.“

Erzählt wird die Geschichte einer zerbrochenen Ehe aus drei Perspektiven, zum einen schreibt die Ehefrau, Vanda, Briefe an ihren untreuen Mann Aldo, der sie nach zwölf gemeinsamen Jahren für eine jüngere, schönere und lebensfrohere Frau verlassen hat. Lidia ist beneidenswerte neunzehn Jahre alt, als Aldo ihr an der Universität begegnet. Vier Jahre werden die beiden in Rom leben. Zum anderen kommt Aldo zu Wort, nachdem er wieder nach Neapel zurückgekehrt und bei Vanda und den Kindern eingezogen ist.

Nach einem längeren Urlaub, Vanda und Aldo sind nun im Rentenalter, kehren sie in eine völlig zerwühlte Wohnung zurück. Im dritten Teil erinnert sich Tochter Anna an die Zeit als der Vater die Familie verlassen hat und sie trifft sich mit Sandro, ihrem fünf Jahre älteren Bruder in der Wohnung der Eltern.

Die Einbrecher haben alles wahllos aus den Schränken gerissen und so stößt Aldo auf die Briefe, die Vanda ihm geschrieben hat. Sie war damals extrem verzweifelt, denn sie konnte nicht verstehen, warum ihr Mann ihr den Rücken gekehrt hat. Sie schiebt die Kinder vor, sie hofft und sie leidet und sie beginnt sich zu verändern. Aus der Hausfrau, die das Geld zusammenhält, wird eine missgelaunte Frau, die ihre eigenen beruflichen Wege geht. Nachdem Aldo wieder in der Familie lebt, Lidia hat ihm klar gemacht, dass sie ihn nie so braucht wie er sie, hat er Angst vor Vandas Stimmungsschwankungen, ihrem Befehlston, ihren sarkastischen Bemerkungen, ihrer Lieblosigkeit. Um sich an seine wundervolle Zeit mit Lidia zu erinnern, hat er die Polariods, auf denen sie zu sehen ist, aufgehoben. Nur diese Erinnerungen spenden ihm Lebensfreude und innere Wärme. Beim Aufräumen der Wohnung stellt sich heraus, dass der Einbrecher genau diese Fotos mitgenommen hat, die Perlenkette seiner Frau jedoch nicht.
Diese Familie ist innerlich völlig zerstört und zerrissen, eine emotionale Bindung zwischen Vanda und Aldo existierte vielleicht in den Anfangszeiten. Als Vanda einen Selbstmordversuch unternimmt, schaltet Aldo auf Desinteresse und gibt ihr kein Zeichen.
Zurückgekehrt ist er dann 1978 angeblich der Kinder wegen, aber diese spüren als Erwachsene zu ihren Eltern nicht die geringste Zuneigung. Ganz im Gegenteil, wenn man Anna zuhört, läuft es einem kalt den Rücken herunter. Sie ist der Meinung, die Eltern schulden den Kindern höchstens eine finanzielle Zuwendung. Sie hasst Kinder und Sandros Beziehungen scheinen auch nicht von Dauer zu sein, obwohl er vier Kinder in die Welt gesetzt hat.

Domenico Starnone erzählt eine bittere Geschichte, die durch die fantastische Komposition einen tiefen Blick in die Gedankenwelt der Familienmitglieder gewährt und den Leser sofort in diese völlig kaputten Beziehungskonstellationen hineinzieht. Als sich Aldo 1974 mit seinen vierunddreißig Jahren aus dem Staub macht, seiner Rolle als Ehemann und Ernährer entflieht, sich sozusagen aus den Zwängen der Ehe als Institution befreit, bleibt trotz neuer Ideen der 68er Bewegung die Frau mit den Kindern zurück. Mag die bezaubernde Lidia zuerst ein Abenteuer gewesen sein, so gehen Aldos Gefühle doch tiefer. Er vergisst alles, seine angetraute Frau und seine Kinder. Wenn der Leser Vandas Briefe liest, Aldos Gedanken vernimmt als er die Wohnung aufräumt und dann noch die raffgierigen Kinder hört, dann schwinden die Sympathien des Lesers für alle vier.
Mögen alle auf immer verbunden sein, doch um welchen Preis verdeutlichen die Selbstzeugnisse der drei Erzähler.

Lost in Fuseta

Gil Ribeiro: Lost in Fuseta, Spur der Schatten, Ein Portugal-Krimi, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 389 Seiten, €14,99, 978-3-462-05124-7



„Lost plante immer alles haarklein im Voraus. Unvorhergesehenes brachte ihn mitunter aus dem Takt. Dass er aber augenscheinlich nach und nach alle Werke des portugiesischen Nationalheiligen Fernando Pessoa las, rechnete Carlos ihm hoch an.“

Sie sind im portugiesischen Fuseta, dort wo sich nicht allzu viele Touristen hin verirren, ein gutes Gespann: Leander Lost, der deutsche Austauschpolizist mit Asperger und die beiden Sub-Inspektoren der Polícia Judiciáraia, Graciana Rosado, die wie Holly Hunter aussieht und Carlos Esteves, der ständig irgendetwas futtern muss. Alle haben sich an Leander Losts Stärken wie Schwächen gewöhnt, z.B. nicht lügen zu können und sie schätzen seinen analytischen Geist. Ihn hingegen stört nicht, wenn Graciana wie eine Verrückte Auto fährt. Nach dem ersten gemeinsamen Fall ist nun die Stelle des Vorgesetzten frei und niemand hofft, dass der allseits verhasste spanische Kollege, Miguel Duarte, den Posten bekommt. Aber die Leitung wird zum Glück einer Frau, allerdings auch mit spanischen Wurzeln, übertragen. Cristina Sobral ist couragiert und Frau genug, um Miguel Duartes Charmeoffensiven zu widerstehen.

Parallel zu den Ereignissen in der Polizeibehörde wird der Leser Zeuge von einer Geiselnahme durch drei Männer mit gestohlenen Identitäten. Wie das Verschwinden der Polizistin, Teresa Fiadeiro, die zuletzt mit Lost in Kontakt stand, dazu passt, bleibt lang im Ungewissen.
Als die Suche im Parkhaus, wo ihr Wagen steht, endet, ahnen viele bald, dass Teresa ermordet wurde. Der Täter hat sich genau den Platz ausgesucht, wo zwar ein Schatten von der Kamera erfasst wird, aber nicht die Person. Verzwickt ist dieser Fall, der nur durch Losts Kombinationsfähigkeit langsam in Fahrt kommt und der nebenbei auch noch ganz rational seine Fortpflanzung mit Teresas Tochter Eva, ebenfalls eine Autistin, plant.

Cristina Sobral beauftragt als erste Amtshandlung Miguel Duarte mit der Bewachung der Journalistin Flores Yola aus Angola, die in Fuseta das Grab ihres Vaters besuchen wollte. Ihr Weg führt sie eigentlich nach Lissabon, wo sie im Außenministerium einen wichtigen Vortrag halten soll, in dem es um Korruption, die Geschichte und das Erbe des Kolonialismus geht. Und hier kommt die Spur der Schatten ins Spiel, die As Sombras. Sie sind ein Überbleibsel der Geheimpolizei, deren Ziel die Vertretung portugiesischer Interessen ist. Wer diese Leute sind und wie sie illegal operieren, davon erzählt der Roman. Letztendlich soll ein Anschlag im unbedeutenden Fuseta auf Flores Yola über die Bühne gehen. Niemand rechnet jedoch mit dem kreativen Polizistentrio, dass relativ schnell hinter den Identitätendiebstahl der Kriminellen gelangt und den Zusammenhang zum Mord an der Polizistin, die kurz vor ihrem Tod Albert Camus Roman „Die Pest“ in einem Buchladen abholt, telefonisch bestellt von einer Männerstimme, der zu den Kriminellen gehört.

Vielschichtig, absolut spannend und sprachlich anspruchsvoll ist dieser Krimi, gute intelligente Unterhaltung!

Kühn hat Ärger

Jan Weiler: Kühn hat Ärger, Piper Verlag, München 2018, 394 Seiten, €20,00, 978-3-492-05757-8



„Kühn verstand in diesem Moment, was Amir Bilal unter diesen Menschen gefühlt haben musste, denn Amir war arm. Und dann plötzlich Teil dieses unfassbaren Wohlstands. Und am Ende tot.“

Sicher kann es nicht gut gehen, wenn ein jugendlicher Kleinkrimineller mit Migrationshintergrund sich in ein extrem wohlhabendes gleichaltriges Mädchen verliebt. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich gerade in München schreien zum Himmel und die gesellschaftliche Distanz könnte sicher zum Problem werden, wenn Julia van Hauten nicht so sozial eingestellte Eltern hätte. Allerdings ist es leicht, sich einen ausgezeichneten und dazu noch super teuren Geschmack zu leisten, wenn mehr als genug Geld verfügbar ist und immer vorhanden sein wird. Immerhin vererben die Wohlhabenden ihr Vermögen an der Steuer vorbei, alles im legalen Rahmen, an die Kinder, da können diese noch nicht mal laufen. So erben die Kinder ihr Vermögen sozusagen im Schlaf, wogegen die Normalsterblichen ihr Geld erarbeiten und jährlich versteuern müssen.
Wie das funktioniert, diese Information lässt Jan Weiler seinem Kriminalkommissar Martin Kühn auf einem Brunch der Münchner Highsociety zukommen. Zu diesem Zeitpunkt ist der arme Amir schon längst tot. Brutal erschlagen wurde er wahrscheinlich von einer Gruppe von Tätern, davon erzählt sein geschundener und gefolterter Körper.

Das Thema Geld zieht sich durch diesen Roman, denn in einem zweiten Fall erpresst jemand den Supermarkt. Dass diese Person möglicherweise aus dem verseuchten Wohngebiet stammt, in dem auch Kühn und seine Familie lebt, scheint auf der Hand zu liegen. Ein Konflikt über die Altlasten zwischen den Einwohnern, Kreditgebern und der Baubehörde zieht sich nun seit dem ersten Band über Martin Kühn durch die Handlung. Klar ist, dass die Leute in der Siedlung auf einer Giftdeponie leben. Die Schadstoffe ziehen langsam in die Wände ein und drücken den Wert der Häuser. Die geprellten Bewohner der Weberhöhe, das Wohngebiet wurde nach einem mittlerweile nachgewiesen nicht gerade menschenfreundlichen Nazi benannt, wissen, dass ihre Häuser eigentlich abgerissen werden müssten. Aber die Bauträgerfirma weigert sich beharrlich, die Verantwortung und die Kosten für den Missstand zu übernehmen. Schuld an allem, sei das Wetter. Hätte es nicht geregnet, wären die Stoffe sicher nicht nach oben gespült worden. Wie Jan Weiler diese absurde Argumentationskette der Verantwortlichen dem Leser nahebringt, ist mehr als tragisch als tragisch komisch.

Martin Kühn jedenfalls steht gleich zu Beginn des Romans vor dem Spiegel in seinem Eigenheim ohne Wert und fragt sich wiedermal, wer er eigentlich ist. Nach seiner Zeit in der Reha wegen Burnouts soll er sich wieder in die Arbeit stürzen und scheint irgendwie doch mutlos. Immerhin traut er sich nicht zum Arzt und das mag intuitiv für Kühn auch einen Grund haben. Und doch, er hat nun zwei Fälle zu bearbeiten. Bei der Erpressungsgeschichte wird er als Bewohner der Weberhöhe mit hinzugezogen, denn der vergiftete Joghurt des Erpressers führte nun zum Tod des sechzehnjährigen Mädchens, das diesen aus Langeweile gegessen hatte.

Können die einen mit ihrem Geld gedanken- und verantwortungslos alle Probleme zukleistern, so sind die anderen bei der Finanzierung ihres kleinen Lebens sofort am Limit, wenn etwas Unvorhergesehenes eintritt.

Kühn agiert in diesem Roman auf verschiedenen Baustellen, beruflich dreht sich alles um die Morde an zwei Jugendlichen, privat glaubt er, von seiner Frau betrogen zu werden und unterstellt ihr sogar ein Verhältnis mit dem ortsansässigen Aufwiegler und Nazi Norbert Leitz.

Mit einem guten Augen für gesellschaftliche Diskurse, die gerade die Populisten auf den Plan rufen und aktuelle Konflikte erzählt Jan Weiler eine unterhaltsame Geschichte, die leicht ironisch gebrochen, nicht an Brisanz verliert. Die lapidare Floskel, Geld allein macht nicht glücklich, könnte hier als Motto über allem stehen.

Nachsommer

Johan Bargum: Nachsommer, Aus dem Schwedischen von Karl-Ludwig Wetzig, mareverlag, Hamburg 2018, 142 Seiten, €14,99, 978-3-86648-260-9

„Es war natürlich eine Ausflucht. Ich habe einfach noch immer eine Heidenangst vor ihm wie seit jeher.“

Die Mutter von Olof und Carl liegt im Sterben. Sie will unbedingt in das Landhaus zurück, wo auch ihr Mann vor vielen Jahren gestorben ist. Onkel Tom, der Freund und Liebhaber der Mutter, der auch die Jungen hat aufwachsen sehen, informiert Olof. Er muss nun den um zwei Jahre jüngeren Bruder Carl in den USA anrufen. Seit gut zehn Jahren haben die Geschwister keinen Kontakt mehr.
Olof, der sich in Zeitsprüngen an seine Kindheit erinnert, fällt dieser Anruf schwer. Wenn sich Carl äußert, dann sind alle seine Worte in einem Kommandoton, leicht gereizt, unsympathisch. Als die Familie am Flughafen ankommt, ist klar, dass Carl in gut einer Woche wieder zurückfliegen will.
Als gäbe er seiner Mutter, so Olofs Gedanken, nur eine Woche zum Sterben.
Obwohl Carl der Jüngere ist, scheint er derjenige zu sein, der immer genau wusste, wie er sich gegen den älteren Bruder durchsetzen kann, wie er genauestens seine Karriere plant, die in Finnland nicht vorangehen kann. In den Augen der Mutter war Carl der Liebling und Olof derjenige, der die Schuld nie auf den kleinen Bruder schieben durfte. Olof erinnert sich an Kraftproben zwischen den Brüder, in denen er immer der unterlegene war. Hatte Olof sich bereits auf den Weg zu einer geisteswissenschaftlichen Karriere aufgemacht, so strauchelte er doch und blieb liegen.

In der Strandvilla leben nun alle unter einem Dach, zum einen Olof, Onkel Tom, die Mutter und die Diakonisse Schwester Heidi, zum anderen Carl mit seiner Frau Klara und den Söhnen Sam, zwölf Jahre und Sebastian, acht Jahre. Den hyperaktiven Sebastian schließt nur Heidi in ihr Herz, die anderen beobachten nur mit Erstaunen, wie der Junge in Kürze alles kurz und klein schlägt.
Auch Carl bedrängt alle mit seinen Umbauplänen und seinem Aktionismus.

Zwischen Olof und Carl herrscht eine ablehnende Stille und Anspannung. Im milden Spätsommer scheinen alle auf den Tod der Mutter, die sich in ihrer maßlosen Anhänglichkeit ihrem jüngeren Sohn gegenüber recht seltsam verhalten hat, zu warten. Olof sieht nun seine Schwägerin Klara wieder. Mit ihr hatte er eine kurze heftige Affäre, nach der sich Klara endgültig für Carl und die USA entschieden hatte. Olof hat nicht um sie gekämpft. Er hat wieder vor dem jüngeren Bruder gekuscht, sich klein gemacht, sich verleugnet.

„Anstatt sie zu überreden, zu bitten, sie einzuschließen, zu entführen, zu rauben, habe ich mich hinter einer Rüstung aus Feigheit, Angst und Konvention versteckt.“

Voller Melancholie umkreist der finnisch-schwedische Autor Johan Bargum die letzten Tage der Mutter. Mit wenigen aufgeladenen Sätzen und kurzen Szenen aus der Kindheit der Jungen charakterisiert er seine Figuren und verdeutlicht dem Leser die offenen Konflikte, die nie gelöst werden. Sogar bei der Testamentseröffnung wird der schmerzlich abwesende Carl von der Mutter übervorteilt, obwohl dieser eher glaubte, er sei enterbt. Bitter klingt diese Geschichte, in der die Familie ohne Bindungen und Gefühle wie ein Kartenhaus zusammenfällt.

Ein Sommer in Sommerby

Kirsten Boie: Ein Sommer in Sommerby, Oetinger Verlag, Hamburg 2017, 320 Seiten, €10,99, 978-3-96052-050-4

„Sie hat einen liederlichen Haushalt, und sie lässt ihre Enkel Sklavenarbeit machen, und zu kleinen Kindern ist sie grausam, denkt Martha. Komisch, dass es trotzdem ganz schön hier ist.“

Die zwölfjährige Martha und ihre beiden kleinen Brüder müssen von einem Tag zum anderen in diesem Sommer zu Oma Inge, zu einer fremden Frau, die sie noch nie gesehen haben. Warum Marthas Mutter, die nun in New York im Krankenhaus liegt, mit ihrer Mutter keinen Kontakt hat, wissen weder Mikkel, noch Mats noch Martha. Von Hamburg aus fahren die Kinder mit der besten Freundin der Mutter zur Oma, die auf einer einsamen Landzunge weit entfernt von der Stadt Sommerby wohnt. Nicht gerade begeistert schaut die Oma, die sogar mit einer Flinte bewaffnet ist, als die vermeintlichen Eindringlinge auf ihrem Grundstück stehen. Ruppig ist die Oma, burschikos und direkt.
So müssen die Kinder am ersten Abend ihre Pellkartoffeln selbst mit einem Messer schälen. Martha, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist erbost über die Kinderarbeit, die hier eingefordert wird. Als sie dann auch noch bemerkt, dass in Omas altem Haus weder ein Internetanschluss, noch ein Telefon oder ein Fernseher zu finden ist, sinkt die Stimmung. Martha muss weit auf die Wiese hinauslaufen, um endlich einen Handyempfang zu haben. Sie will doch endlich von Papa erfahren, wie es der Mama geht. Mikkel und Mats jedoch stört das alles nicht, sie lieben die Hühner, Gänse und den Kater. Sie pflücken mit der Oma Himbeeren oder Erdbeeren und später dann Sauerkirschen. Oma Inge verdient ihr Geld mit dem Verkauf von selbstgemachten Marmeladen und Weihnachtsgänsen, was zu erheblichen Komplikationen mit dem harmoniesüchtigen Stadtkind Mikkel führen wird. Dabei hat die Oma natürlich recht, wenn sie klar sagt, dass Tiere auch dazu da sind, dass man sie isst. Eine Bilderbuchoma ist Oma Inge auf keinen Fall, sie verjagt die süßen Rehe im Garten und beseitigt die Nacktschnecken. Aber das Leben bei der Oma ist voller Abenteuer, zumal ein mieser Maklertyp ständig versucht, der Oma ihr Land abzuschwatzen, mal mit Schmeicheleien, mal mit Drohungen.

Die Kinder jedenfalls genießen die Natur, das Meer und die Geschichten am Abend, die Martha den Jungen, um die sie sich ja kümmern soll, vorliest. Als die Oma an einem Hexenschuss leidet, fahren die drei sogar allein mit dem Boot zum Dorf, um dort die Marmeladengläser zu verkaufen. Nie hätten ihre Eltern das erlaubt und noch nie hat ihnen jemand so viel zugetraut, wie die Oma. So macht sie sich keine Sorgen darum, ob Mats mit seinen vier Jahren nicht ins Wasser fallen könnte. Sie gibt den Kindern Messer in die Hände, Martha darf Boot fahren und sogar mit der Sense im Garten arbeiten und Mikkel hilft der Oma, wo er nur kann, auch wenn die Hühnereier voller Kacke sind.
Keines der Kinder hätte je geglaubt, dass die Sommerzeit bei der Oma, die keine Gutenachtküsse verteilt, keine Naschis im Schrank hat, sich aber entschuldigt, wenn sie einen Fehler gemacht hat, so fantastisch sein könnte. Martha erkennt, dass ihre Freundin Isolde vielleicht die größten Abenteuer auf den Malediven erlebt, aber ihr Sommer zu Hause ist genauso wunderbar, auch wenn sie ihn nicht pausenlos posten kann und will. Natürlich klärt sich noch, warum es von Oma Inges Haus keinen Weg mehr in Richtung Sommerby gibt und die Tochter und der Schwiegersohn den Kontakt zu ihr abgebrochen haben.

Kirsten Boie konstruiert in ihrer spannenden Sommergeschichte ein überzeugendes Gleichgewicht vielleicht eher für die Eltern zwischen den aktuellen Themen unserer Zeit, die da sind Überbetreuung der Kinder versus Freiheit, Nutzung digitaler Medien versus Wertefragen. Können sich Kinder einen Tag ohne Fernsehen, Tablet oder Smartphone nicht mehr vorstellen, so zeigt diese unterhaltsame Geschichte, wie leicht die Tage auch ohne den elektrischen Kram und sogar Buntstifte vergehen. Wie gut es ist, wenn nicht jederzeit ein besorgter Erwachsener neben Kindern steht und jemand ihnen auch mal etwas zutraut. Kinder müssen nicht in Watte gepackt werden, sie können mithelfen, Anteil nehmen und lernen, wie das wahre Leben wirklich funktioniert. Sie können Geschichten lesen und sich ihre eigenen Gedanken machen. Und sie können verstehen, dass Menschen an ihrem Zuhause hängen und es auch für siebenstellige Beträge nicht hergeben.
Kirsten Boie findet genau das richtige Maß, sie erzählt für Kinder immer im Rahmen ihrer Vorstellungskraft, nichts wird unnötig dramatisiert oder verdammt und doch bleibt es aufregend, sogar der Alltag.
Wie in jedem guten Kinderbuch rundet sich die Geschichte am Ende zum Guten hin ab und das muss auch so sein. Aber die Beschreibung der Tage und Wochen bei Oma Inge sind voller Kanten und Konflikte, die ausgetragen werden und den Kindern die Augen über vieles öffnen, was sie ohne ihre Oma nie erfahren hätten.

Lars, mein Freund

Iben Akerlie: Lars, mein Freund, Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger, Deutscher Taschenbuch Verlag, Reihe Hanser, München 2018, 252 Seiten, €12,95, 978-3-423-64039-8



„Ich will nicht, dass ich selbst mit hineingezogen werde. Mir wäre am liebsten, das Problem würde sich von alleine lösen, alles würde sich auf magische Weise klären und in Luft auflösen, ohne dass ich auch nur einen Finger krummmachen oder auch nur Stellung beziehen müsste.“

Als die Schule wieder beginnt, teilt die Klassenlehrerin, Frau Nielsen, den Schülern sogenannte Patenkinder zu. Amanda, Sari und Kay sind Freunde und freuen sich auf die neuen Erstklässler.
Aus Amandas Sicht wird diese Geschichte erzählt, die für junge Leser sicher sehr viel Diskussionsstoff enthält. Amanda ist unsterblich in Adam verliebt, aber der hat nichts besseres zu tun, als sie mit Sprudelwasser nass zu spritzen. Allerdings kühlt das Amandas Liebe nur ein bisschen. Stocksteif steht sie vor Adam und bekommt einfach keinen Ton heraus, wenn sie aufgeregt ist. Sari und Kay sind sauer auf ihre nervigen Mitschüler, aber auch auf Anna und Christina, die nur rumgackern und alle Leute fotografieren oder filmen.

Als Frau Nielsen Amanda eröffnet, dass sie sich, weil sie schon so verständig und reif sei, um den neuen Mitschüler mit Down-Syndrom kümmern soll, möchte das Mädchen am liebsten im Erdboden versinken. Sie hasst es, Aufmerksamkeit zu erregen, sie möchte einfach nur in der Masse der Schüler untergehen. Klar ist, Amanda fürchtet sich gemobbt zu werden. Warum ihre Klassenlehrerin sie ausgewählt hat, bleibt fraglich. Sari reagiert auf Lars, den behinderten Jungen, ganz natürlich und normal. Amanda kann sich nicht wehren, nicht gegen ihre Gefühle und auch nicht gegen die Entscheidungen von Erwachsenen.

Als sie Lars dann kennenlernt, ist alles gar nicht so schlimm. Sie schreibt ihm einen Brief, geht mit ihm einmal die Woche nach Hause und ist fasziniert von seiner Spielfreude. Lars ist ein großer Harry-Potter-Fan und Zauberformelerfinder. Amanda mag auch Bent, Lars Vater. In der Schule jedoch zeigt sich Amanda nie mit Lars, denn sie spürt, auch die unsichere Frau Nielsen hat keine Ahnung, wie sie mit Lars umgehen soll.
Als Amanda bemerkt, dass Anna und Christina immer wieder Lars filmen und sich über ihn totlachen, ist sie verunsichert. Sie greift nicht ein. Tief in ihrem Inneren möchte sie zu den coolen Mädchen in der Klasse, die nur mit ihren Smartphones spielen, dazugehören.
Und dann entdecken Amanda und Sari, dass ihr Freund Kay von den beiden Mädchen eine SMS bekommt. Es geht um einen Blog, der retardedmuch heißt. Sari will sofort die Lehrerin informieren, denn auf dem Blog machen sich die Mädchen und alle die Zugang dazu haben über Lars und seine Behinderung lustig. Amanda jedoch möchte nicht, dass Lars von den fiesen Attacken der Mädchen erfährt. Sie spricht sie mit großer Überwindung an und plötzlich dreht sich das Blatt und Amanda selbst gibt Anna und Christina Blödelfotos von sich und Lars. Allerdings hat sie sich herausgeschnitten. Wenn das kein Verrat an ihrer Freundschaft zu Lars ist? Die Rache folgt auf dem Fuße. Die Mädchen bauen die Fotos in eine Lehrerpräsentation mit ein und stellen Amanda als die schlimmste Mobberin der Schule hin.

Amanda erzählt alles ihrer Lehrerin und nun ist sie nicht nur die Mobberin, sondern auch noch die Petze. Alle distanzieren sich von dem Mädchen, die Lehrerin kassiert die Handys ein und die beteiligten an der Website über Lars müssen regelmäßig mit einer Sozialarbeiterin sprechen. Lars jedenfalls ist zutiefst enttäuscht von seiner vermeintlichen Freundin. Sie hat sich durch ihre Angst vor den Urteilen der anderen selbst in die Isolation getrieben. Niemand redet mehr mit ihr. Ein paar Strafen werden ausgesprochen, aber Anna und Christina lachen nur darüber. Sie haben nicht das geringste Unrechtsbewusstsein, ganz im Gegenteil. Nur Amanda leidet schrecklich, dabei war sie gar nicht mal die Anführerin. Wie kann sie ihren Fehler wieder gut machen? Wie kann sie Lars’ Vertrauen wiedergewinnen? Amanda traut sich nicht, Sari anzusprechen, nur zu Kay bekommt sie wieder Kontakt. Beide überlegen sich, wie sie Lars davon überzeugen kann, dass es ihr leidtut. Amanda muss ihre Angst überwinden und sich in einer öffentlichen peinlichen Zurschaustellung so richtig blamieren, denn nur so, das ist der Plan, kann eine Entschuldigung glaubwürdig sein.

Diese lebensnahe Schulgeschichte berührt ungemein, denn aus Amandas Sicht wird klar, wie Gruppendynamik in Klassen funktioniert und wie schwer es ist, sich mit Courage gegen den Strom zu stellen. Lars hat genug Selbstbewusstsein, um zu erkennen, dass er durchaus etwas Besonderes ist. Er hat in der Klasse nichts zu lachen, denn niemand, später allerdings Adam, wendet sich ihm wirklich zu.

10 000 Kinder in Norwegen haben diese Geschichte von Lars und Amanda zu ihrem Lieblingsbuch erkoren.

Eine Frage habe ich mir Betrachten des Buchcovers sofort gestellt, warum zeigt der Verlag keinen Jungen mit Down-Syndrom? Niemand ahnt, wenn er den Waschzettel nicht liest, wer wirklich im Zentrum dieser durchaus nicht harmlosen Freundschaftsgeschichte steht.