Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht, Aus dem Amerikanischen von pociao, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 208 Seiten, €20,00, 978-3-257-06986-0



„Worüber willst du denn reden?
Ich würde gern wissen, was du denkst?
Worüber?
Darüber, hier zu sein. Wie es sich inzwischen anfühlt. Über Nacht hierzubleiben, meine ich.
Mittlerweile halte ich es ganz gut aus, sagte er. Es fühlt sich normal an.
Normal?
Ich will dich nur auf den Arm nehmen.
Das weiß ich. Sag mir die Wahrheit.
Die Wahrheit ist: Es gefällt mir. Es gefällt mir sehr.“

Ein kleiner Ort, irgendwo in Colorado. Zwischen Ulmen und Ahorn stehen die beiden Häuser von Addie Moore und Louis Waters. Nur ein Haus trennt die beiden, die eigentlich nicht viel voneinander wissen. Beide haben über siebzig Jahre gut gelebt und sind durch Höhen und Tiefen gegangen. Sie haben ihre Lebenspartner verloren, ihre Kinder wohnen nicht in ihrer Nähe. Sie pflegen ihre Häuser, ihre Gärten und sind doch einsam. Er trifft sich mit alten Männern beim Bäcker, sie fährt mit der alten Ruth, ihrer Nachbarin, zum Einkauf.

Wie lebendig die beiden noch sind, wird klar, als Addie eines Tages zu Louis geht und ihm einen verwegenen Vorschlag macht. Sie möchte gern, dass er an ihrer Seite einschläft und sie vorher reden. Sie will nicht mehr abends allein sein.
Beide scheren sich nicht um das Getratsche im Ort und sind eigentlich nur bedrückt über die distanzlose Art ihrer Kinder. Holly, die Tochter von Louis, findet es nur peinlich und Gene, der Sohn von Addie, glaubt, dass Louis auf das Geld seiner Mutter aus ist.

Abends im Bett erzählen die beiden sich entscheidende Momente aus ihrem Leben. So berichtet Louis von seiner Affäre mit Tamara, seiner gleichförmigen Ehe mit Diane, seiner Leidenschaft für die Poesie, seinen Träumen. Addie erlebt in ihrer Erzählung noch einmal den frühen Tod ihrer Tochter Connie, die noch ein Kind war als sie starb. Sie spricht über Gene, ihren von ihrem Mann Carl ungeliebten Sohn und alle Veränderungen auch in ihrer Ehe, den der Unfalltod des Kindes verursacht hatte.
Dieses intime Reden in der Dunkelheit bringt die beiden immer näher zusammen.
Als dann Gene seinen sechsjährigen Sohn Jamie zur Großmutter bringt, weil er gravierende Ehe- und Existenzprobleme hat, kümmern sich Addie und Louis um den verängstigten Jungen. Doch Gene betrachtet nach wie vor die Beziehung seiner Mutter zu dem fremden Mann als abartig. Dabei entsteht gerade zwischen Louis und Jamie ein Vertrauensverhältnis. Sie spielen Baseball, Louis kommt auf die Idee, dem Jungen einen Hund zu schenken. Die Ablehnung Genes, der mit seiner Frau wieder einen Neuanfang starten will, Louis gegenüber vergiftet das Verhältnis der beiden alten Menschen, die sich bereits auch körperlich näher gekommen sind. Addie und Louis erzählen sich vom Tod ihrer Partner und ihren eigenen Ideen vom Jenseits. Nichts ist schöner als diese würdevolle Annäherung zweier erfahrener Menschen, die allerdings nicht allein auf einer Insel leben.

Addie ist innerlich völlig zerrissen und zutiefst von ihrem Sohn enttäuscht, aber sie will den Kontakt zu ihrem Enkel nicht verlieren, den Gene unterbrechen wird, wenn die Mutter sich nicht fügt. Als sie sich die Hüfte bricht, kehrt sie nicht mehr in ihr Haus zurück. Doch Louis lässt sich nicht einfach so bei Seite schieben.

Kent Haruf erzählt in einer wunderbar einfachen wie feinfühligen Sprache von der unsentimentalen und doch berührenden Annäherung zweier alter Menschen, die für sich ein neues Lebensgefühl entdecken. Es fällt nicht schwer sind Jane Fonda und Robert Redfort in einem geplanten Film nach dieser Buchvorlage, laut Information des Verlages, vorzustellen.

Lost in Fuseta

Gil Ribeiro: Lost in Fuseta, Ein Portugal-Krimi, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 387 Seiten, €14,99, 978-3-462-04887-2



„Leander Lost wusste selbstverständlich sehr genau um seine Position unter Menschen. Sein Platz war am Rand. War es immer gewesen, würde es immer bleiben, ganz gleich, welche Anstrengungen er unternahm, wie viele unangenehme und auch leidvolle Situationen er absichtlich durchlief, um aus dem Schmerz der Erfahrungen zu lernen.“

Der Autor Gil Ribeiro alias Holger Carsten Schmidt hat sich für einen sehr besonderen Kriminalkommissar entschieden. Sein extrem blasser Leander Lost, der kaum blinzelt, zählt in bestimmten Situationen mit Leidenschaft Ecken, stammt aus Hamburg, ist Linkshänder, starrt die Leute an und nach nur wenigen Seiten ahnt der Leser, dieser Mann ist Autist. Als „Alemao“ landet Leander Lost dank eines europäischen Austauschprogramms in Lissabon und später dann in Fuseta an der Ostalgarve. Seine portugiesischen Mitstreiter sind schon etwas verunsichert als sie den Deutschen zum ersten Mal treffen. Zum Glück beginnt auch gleich der erste Fall mit einer Leiche, ebenfalls ein Alemao. Markus Conrad wollte mit seiner Frau eine Bar in Fuseta betreiben, aber alles ging schief, die Ehe scheiterte und Conrad eröffnete eine auch nicht gerade erfolgreiche Privatdetektei. Allerdings muss er einer Sache auf der Spur gewesen sein, die vielleicht doch von größerer Bedeutung war. Leander Lost jedenfalls klärt seine Kollegen darüber auf, dass sie nicht in Englisch mit ihm radebrechen müssen, er beherrscht die Landessprache. Losts schnelle Kombinationsgabe jedoch führt dann dazu, dass er im Büro des Ermordeten auf einen Einbrecher, einen Illegalen aus Gambia, schießen muss und zeitgleich auf seinen Kollegen Carlos Esteves. Ein Eklat. Lost darf seine Koffer packen und den Heimweg antreten. Allerdings bemerken Graciana Rosado, ebenfalls in Losts Team, und ihre Schwester Soraia Losts ungewöhnliches fotografisches Gedächtnis und seine Unfähigkeit zu lügen, klare Indizien für Asperger Patienten.

Mit Leander Lost hat sich die Polizei in Fuseta für einen etwas schwierigen Kollegen entschieden, aber dafür kann Lost, bei allem Unverständnis für Ironie oder menschliche Gefühle, zur Lösung des ersten Falles beitragen. Bei der Schießerei im Büro von Conrad, ein Brand wurde gelegt, lagen Fotos auf dem Schreibtisch, an die sich Lost gut erinnern kann. Sie führen die Polizeibeamten zu den Wasserwerken, die von einem privaten Investor gekauft wurden. Seltsamerweise sind die Preise für Wasser nicht gestiegen. Und doch scheint die schnelle Lösung des Falles in sieben Tagen mit den Machenschaften der neuen Inhaber zu tun zu haben und mit korrupten Polizisten, die natürlich nicht aus Portugal stammen.

Einen Kommissar, der nicht lügen kann, eine bisher noch unbekannte Gegend an der Algarve, die noch nicht von Touristen überrannt wird und interessante Frauenfiguren kombiniert Gil Ribeiro zu einem aufregenden Lesevergnügen, das gern fortgesetzt werden kann. Witzig ist wie immer der Blick der Portugiesen auf die Deutschen und das Bemühen von Klischees, die sowieso nie stimmen.

„Alemaos waren pünktlich und aßen bevorzugt dort, wo sie große Portionen erhielten, und nicht dort, wo es gutes Essen gab. Sie sparten beim Trinkgeld und beim Lob. … Die Deutschen waren stolz auf ihre Autoindustrie. Und sie waren Europameister im Nörgeln.“

Herz auf Eis

Isabelle Autissier: Herz auf Eis, Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig, Mare Verlag, Hamburg 2017, 224 Seiten, €22,00, 978-3-86648-256-2



„ Und überhaupt, wer könnte die Geschichte schon verstehen? Nur wer monatelang an Pinguinfleisch genagt hat, kann ermessen, was es heißt, die eigene Haut zu retten.“

Fern des Pariser Alltags gehen Louise und Ludovic, beide um die 30, auf Abenteuersuche. Bis ans Ende der Welt reisen sie und landen auf einer Insel, einem Naturschutzgebiet, mit einer verlassenen Walfangstation. Seit fünf Jahren kennt sich das Paar, er ist das verwöhnte Einzelkind, das mit Charme und Lebensfreude sich überall durchmogelt und sie eine eher ängstliche, nüchterne, aber durch die Liebe zu Ludovic doch starke Person. Um Ludovic nicht zu enttäuschen, beteiligt sich Louise, die passionierte Bergsteigerin, am Atlantiktörn mit dem Schiff Jason, geplant von den Antillen über Patagonien nach Südafrika und dann vielleicht noch weiter über den Indischen Ozean. Doch als beiden Weltenbummler die Insel Stromness, auf der Pinguine, Robben und See-Elefanten leben, betreten, gerät alles außer Kontrolle. Das Wetter schlägt um und als die beiden mit dem Beiboot nicht zu ihrem Schiff gelangen, übernachten sie in der Station. Am kommenden Morgen ist das Beiboot noch da, die Jason allerdings nicht mehr. Mit zwei Äpfeln und ein paar Müsliriegeln sitzen die beiden fest und sehen auch keine Chance auf Rettung. Ein harter Überlebenskampf über acht Monate beginnt, den Isabelle Autissier schonungslos und detailreich im Präsens beschreibt.

Neben Schuldzuweisungen und Auseinandersetzungen plagen sich die beiden der wilden Natur nun ausgelieferten mit der Nahrungssuche, die sich mit einfachsten Mitteln auf die Tiere vor Ort konzentriert. Zum Glück hat die Bergsteigerin wie immer ein Feuerzeug dabei und doch hilft dieses nicht gegen Rattenschwärme und ekligem Essen. Die Robinsonade bringt beide zwischen Verzweiflung, Angst und Hass an ihre Grenzen. Als Louise sich allein auf den Weg zur Forschungsstation macht, lässt sie den geschwächten und völlig antriebslosen Ludovic zurück.

„Dieses jämmerliche Dasein mit all den Entbehrungen hat nicht nur ihren Wohlstand zunichtegemacht. Die Angst hat das Allerwichtigste zerstört: ihre Gefühle, ihre Menschlichkeit. Völlig bloß steht sie da, besessen einzig von dem Drang zu überleben, nicht anders als irgendeins der Tiere, die sie täglich sieht.“

Als Louise nach geraumer Zeit, sie hat Lebensmittel gefunden, zurückkehrt, ist ihr Lebensgefährte tot.

Der Journalist Pierre-Yves liest von der glücklichen Rettung einer jungen Französin von der Insel Stromness. Er weiß, diese Story ist Gold wert. Und so beginnt er seine Kontakte spielen zu lassen. Er trifft Louise und managt ab diesem Zeitpunkt ihr Leben, denn alle möglichen Medien stürzen sich nun auf ihre außergewöhnliche Geschichte. Doch Louise völlig traumatisiert, plagt sich mit ihrer Schuld Ludovic gegenüber.

Diesen inneren Kampf und Louises zunehmende Freude an ihrer Medienpräsenz beschreibt die französische Autorin sprachlich absolut fesselnd. Durch die wechselnden Perspektiven gewinnt die Geschichte über zwei Menschen zwischen beruflichem Alltag und Sicherheit und den Auseinandersetzungen auf der Insel mit gnadenloser Kälte, Hunger und Panik vor dem unausweichlichen Tod eine ungeheure Sogkraft. Louises Rückkehr in die Zivilisation jedoch wird für sie zum Martyrium und führt zu erneutem Umdenken. „Herz auf Eis“ klingt etwas trivial, trifft aber letztendlich doch Louises inneren Konflikt.

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, Aus dem Englischen von Stephan Kleiner, Verlag Hanser Berlin, Berlin 2017, 960 Seiten, €28,00, 978-3-446-25471-8

„Er war müde, er war so müde. Es verlangte ihm so viel Energie ab, die Scheusale auf Abstand zu halten. Manchmal stellte er sich vor, wie er sich ihnen ergab und sie ihn mit ihren Klauen und Schnäbeln und Krallen zudeckten und hackten und zwickten und rupften, bis er verschwunden war, stellte sich vor, das er es zuließ.“

Vier Freunde treffen sich auf dem College: Willem wird ein gefeierter Schauspieler, JB avanciert zum Künstler, Malcolm arbeitet erfolgreich als Architekt und Jude wird ein angesehener Prozessanwalt. Alle vier haben keine einfachen Kindheiten hinter sich, stehen unter Erwartungsdruck, den sie sich selbst auferlegen oder Familienmitglieder ihnen suggerieren. Wie und warum die vier sich so gut verstehen, bleibt offen, wie so vieles in diesem Roman, der so dick ist wie ein Ziegelstein. Vom Marketing ausführlich beworben wird das Buch von Hanya Yanagihara, einer amerikanischen Autorin und Journalistin, 42 Jahre alt, in allen Zeitungen und Sendungen, mal euphorisch, mal kritisch ablehnend, besprochen. Keine Frage, es ist eine zunehmende Qual, mal begonnen, das Buch zu Ende zu lesen, denn die Handlung umkreist aus verschiedenen Erzählperspektiven die Lebensgeschichte von Jude, eine schwierige undurchsichtige Figur, die pausenlos leidet. Er ist der Hochbegabte von allen, der Attraktivste und vor allem der Geheimnisvollste. Als Säugling, gefunden neben einer Mülltonne, als Kind von Männern missbraucht, die ihn eigentlich beschützen sollten, taucht er dann in diesem College auf, in dem die jungen Männer sich kennenlernen. Alle müssen sich, außer Malcolm, da aus wohlhabendem Hause, finanziell abmühen. Judes Vergangenheit ist nie Gesprächsthema, dass er jedoch massive persönliche Probleme hat, weiß nicht nur sein Vertrauensarzt Andy. Jude zieht ein Bein nach, ritzt sich immer wieder, bis hin zu so tiefen Einschnitten, dass man vermutet, er wolle sich umbringen. Phasenweise wird er nicht mehr laufen können. Was ihm Schreckliches geschehen ist, erfährt der Leser nach und nach. Und Jude sucht sich Männer, die ihn zutiefst demütigen, fast totschlagen und er wird nichts unternehmen. Als er mit Willem, dem gefeierten Leinwandstar, endlich zusammenkommt, eigentlich waren sie nur Freunde, entspannt sich die Lage für ihn. Auch die Freundschaft zu seinem Professor Harold wird immer wieder auf die Probe gestellt. Judes Erlebnisse in der Vergangenheit haben ihn verunsichert, er ist, trotz beruflichem Erfolg, sich seiner nie sicher. Er kann nicht verstehen, warum Harold und seine Frau ihn adoptieren wollen und somit sehr schätzen. Jude lehnt jede Form von Therapie ab, kann keine Form von Hilfe annehmen, zerstört nach und nach sich selbst.
Immer wieder kreuzen sich im Lauf von drei Jahrzehnten die Wege der vier Männer, deren Lebensstandard sich erhöht, die Wohnungen werden größer, sie entzweien sich, verlieben sich auch ineinander und kommen tragisch zu Tode. Im Hintergrund spielt noch New York eine Rolle, aber die Erzählungen, die konzentrisch um Jude kreisen, spiegeln immer nur das Private wider, nie Berufliches oder gar das Zeitgeschehen. Überrascht ist man sicher, über die Konzentration der Autorin auf die männliche Psyche und Sprachlosigkeit. Sie durchzieht wie ein roter Faden den umfangreichen Roman. Vor dem inneren Auge des Lesers entfalten sich Lebenspanoramen, die zum größten Teil Schicksale von homosexuellen Männern offenbaren. Nur Malcolm wird heiraten und ein eher bürgerliches Leben führen.
Der vielbeschworene Sog, der den Leser in den Roman zieht, wird nach und nach aber auch zur Qual, denn die Geheimnisse um Jude, physische und psychische Gewalt, brutalste Exzesse, aber auch Liebe füllen melodramatisch die fast tausend Seiten. Steigen alle eindimensional gezeichneten Freunde in den Olymp ihres Ruhms, so enden sie auch tragisch. Zwischendurch fragt man sich schon als Leser und auch Kritiker, warum Hanya Yanagihara sich so an dieser Jude-Figur, die durch alle Höllen gegangen ist, festklammert, warum so ein Hype um diese fast 1000 seitigen Roman veranstaltet wird. Diese Art der Literatur, deren Erzählfluss ab und zu auch völlig unrealistisch und allzu gefühlig ist, muss einen schon ziemlich fesseln, um ans Ende zu gelangen. Sie kann vereinnahmen, aber auch abschrecken.

Eine Insel für uns allein

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein, Aus dem Englischen von Beate Schäfer, Deutscher Taschenbuch Verlag, Reihe Hanser, München 2017, 241 Seiten, €12,95, 978-3-423-64028-2

„Du bist echt ein guter Bruder“, sagte ich. Er tätschelte mir den Kopf. „Umso besser“, meinte er. „Du bist nämlich eine Teufelsschwester direkt aus der Hölle.“ Aber ich bin ziemlich sicher, dass es als Kompliment gemeint war.

Die zwölfjährige Holly Theresa Kennet lebt mit ihren Brüdern in einem Multikulti-Viertel in London. Ihre Eltern sind gestorben und so kümmert sich der zwanzigjährige Bruder Jonathan um den kleinen Davy und Holly. Die Familie hat nicht viel Geld und lebt in einer kleinen Wohnung über einer Frittenbude. Die Ersparnisse der Mutter sind aufgebraucht, Jonathan hat sein Studium aufgegeben und jobbt nun in einem Café. Aber Holly ist guter Dinge, hat gute Freunde und sagt ungefiltert immer, was sie denkt. Wenn sie erwachsen ist, dann wird sie sich um die Umwelt kümmern und was macht es dann schon, wenn sie heute in einer völlig vermüllten Wohnung lebt. Gemeinsam stehen die drei Geschwister zusammen und sogar den ersten BH für die Schwester kaufen sie zusammen im Billigkaufhaus. Diesen Familiengedanken hegen allerdings nicht die engsten Verwandten der drei Waisen. Eine Tante in Neuseeland finden Holly und Davy nicht gerade sympathisch und ihre reiche Tante Irene scheint so nach und nach paranoid geworden zu sein. Als sie stirbt, wird klar, dass die Kinder ihren Schmuck erben sollen, doch niemand, nicht mal der unausstehliche, geizige Onkel Evan ahnt, wo seine Frau in ihrer Umnachtung Geld, Papiere und besagten Schmuck deponiert hat. Und so beginnt eine ungewöhnliche Schatzsuche.

All diese Geschehnisse, so lässt Sally Nicholls ihre Leser glauben, schreibt Holly auf. Ihr hatte die Tante im Krankenhaus ein Fotoalbum in die Hand gedrückt. Das Mädchen weiß, diese Tante überlegt sich alles, was sie tut und bingo, Holly muss die Orte in den Bildern identifizieren, um herauszufinden, wo der Schatz sein könnte. Dieser Schmuck würde ihrer kleinen Familie viel Kummer ersparen, zumal sie einen Wasserschaden in der Wohnung verursacht haben und Davys Kaninchen Sebastian eine OP benötigt, die Jonathan aber nicht bezahlen kann. Das Jugendamt unterstützt die Familie, aber im Grunde reicht es nicht hinten und nicht vorne. Abenteuerlich ist diese Suche nach der Erbschaft, die die drei Kennys bis nach Schottland und auf die Orkney Inseln führt. Allerdings haben die Kinder nicht mit der Hinterhältigkeit ihres Onkels gerechnet.

Aber eigentlich geht es nicht nur um das seligmachende Geld, es geht um die tiefe Zuneigung zwischen den Geschwistern, ihre enge Verbundenheit, ihren Zusammenhalt und das gemeinsame Erleben.
Eine wunderbare, warme Geschichte, in der denjenigen geholfen wird, die zu ihrem Recht kommen müssen, die bestraft werden, die einfach nicht den Hals voll bekommen.

Das geträumte Land

Imbolo Mbue: Das geträumte Land, Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2017, 432 Seiten, €22,00, 978-3-462-04796-7

„Wenn sie das Kabelfernsehen und Internet abmelden und sich Zweitjobs besorgen mussten, würden sie das tun, Und wenn sie hungrig zu Bett gehen mussten, würden sich auch das tun. Sie würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um in Amerika bleiben zu können. Und Liomi die Möglichkeit zu geben, in Amerika aufzuwachsen.“

Amerika ist das Land ihrer Träume. Jende Jonda aus Kamerun ist mit der finanziellen Hilfe seines Cousins Winston und einem Touristenvisum nach New York gekommen. Als Mann ohne richtige Ausbildung schafft er es, dass seine Frau Neni und sein siebenjähriger Sohn Liomi ebenfalls einreisen können. Neni hat ambitionierte Ziele, sie will ihren Collegeabschluss machen und Pharmazie studieren. Nebenher arbeitet sie als Altenpflegerin. Die kleine Familie hat in Kamerun keine Zukunft, zumal Nenis Vater sich für seine Tochter einen wohlhabenden Mann wünscht. Aber Jende und Neni lieben sich sehr und werden sich gemeinsam eine Zukunft aufbauen. Sie heiraten und stellen einen Asylantrag. Allerdings treffen sie auf einen Winkeladvokaten, der eine erlogene Leidensgeschichte für sie konstruiert, die vor Gericht kaum standhalten kann. Als die Handlung einsetzt, hat Jende wieder durch Winstons Vermittlung, eines Anwalts an der Wall Street, ein Vorstellungsgespräch beim Investmentbanker Clark Edwards, der einen Chauffeur sucht. Jende, der zwar eine Arbeitserlaubnis, aber noch nicht die richtigen Papiere hat, bekommt die gut bezahlte Stelle und ist überglücklich.

Aus der Sicht der Familie Jonda erzählt die Amerikanerin Imbolo Mbue, ebenfalls eine Migrantin aus Kamerun, von deren Zeit in den USA. Als Gegenpol zu den Jondas blickt der Leser auch in die Lebenswelt der extrem reichen Familie Edwards. Jende hört die Telefonate, die Clark Edwards führt, Neni arbeitet zeitweilig im Sommer als Haushälterin bei Cindy Edwards. Sie versucht als frustrierte Ehefrau, die zu viel Alkohol trinkt und verkrampft an ihrem gesellschaftlichen Status arbeitet, die Familie zusammenzuhalten, aber ihr ältester Sohn bricht sein Jurastudium ab und geht nach Indien und ihr Mann vergräbt sich in seinen Geschäften. Als Lehman Brothers, bei der Clark arbeitet, in die Schieflage gerät, Jendes Asylantrag abgelehnt wird und er um seinen Job fürchtet, Neni wieder schwanger ist und Trost in der Religion sucht, kippt mit der Wirtschaftskrise 2008 die Geschichte ins Tragische.

Imbolo Mbue stellt im Handlungsverlauf die verschiedenen Lebensmuster ihrer Protagonisten gegenüber. So erhält Jende, der im reichen Amerika lebt, ständig Anrufe von seiner Familie, die um finanzielle Hilfe bittet. Einmal hört Cindy Edwards mit und steckt ihm Geld zu. Als jedoch Jendes Vater stirbt, kann auch er aus der Ferne nichts tun, nur Geld für die Beerdigung schicken. Neni umgibt sich schnell mit afrikanischen Freundinnen, die ebenfalls am Existenzminimum in Harlem leben.

Je schwieriger die Situation der Jondas wird, um so mehr dringen die alten Geschlechterrollen durch. Jende, auch wenn es in Nenis Interesse ist, trifft alle Entscheidungen, die seine Frau zu akzeptieren hat. Aber Neni hat in den USA gelernt, sich selbst zu behaupten, nicht mehr in dieser dienenden wie abhängigen Position zu verharren. Und so eskalieren die Konflikte zwischen den Eheleuten und Jende behauptet sich mit Worten und Gewalt. Der Traum von einem neuen freien Leben endet für Neni bereits in New York.

Mag das Thema Migration mit allen Konflikten aktuell sein, in keiner Szene zeichnet die Autorin Imbolo Mbue ihre Figuren und deren Konflikte eindimensional. Die Exilgeschichte ist glaubwürdig und so sehr man mit den Jondas mitfiebert, so schnell ist klar, wie chancenlos diese Familie in der Fremde ist. Imbolo Mbues lebendig und dialogreich geschriebenem Roman kann man sich kaum entziehen, denn die geschilderten Menschen überzeugen mit ihren Schwächen und Stärken, ihren Wünschen und Hoffnungen.

Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 255 Seiten, €14,99, 978-3-551-58370-3

„ Und irgendwann, ehe ich einschlafe, habe ich es begriffen: Ich bin doch verliebt. In meine beste Freundin. Und habe nicht die winzigste Chance auf der Welt.“

Der zwölfjährige Anton Albertsen mit den großen Ohren hat es nicht leicht. Immerhin befindet er sich in seiner ersten wahren Lebenskrise, und wenn er zu Hause die Tür öffnet, liegt da nur ein Zettel vom Vater ( die Mutter ist bei einem Unfall ums Leben gekommen ) mit dem Hinweis auf die Tiefkühlpizza. Seit Anton weiß, dass er sein Leben einem gerissenen Kondom verdankt, freut er sich nicht sonderlich auf seinen Schulvortrag über Verhütung. Die einzige, die Anton wirklich zuhört, ist Ine, seine beste Freundin. Und wenn Anton das richtige Familienleben betrachten möchte, lädt er sich bei seinem besten Freund Ole ein. Hier befindet sich die Kleidung schön ordentlich zusammengelegt im Wäscheschrank, der Staub liegt nicht meterdick auf den Möbeln, es gibt ordentliches Essen, wie z.B. Zimtschnecken und niemand muss die Elektrikerin holen, weil man die Stromrechnung nicht bezahlt hat. Antons Vater, Pål, Vertreter für Ferienhaustoiletten, ist nicht gerade eine Frohnatur und besonders liebevoll ist er auch nicht. Er arbeitet entweder lang oder liegt vorm Fernseher. Ine und Anton beschließen, dass Pål unter Menschen muss. Sie melden ihn gleich mal, bei einem Strickkurs an und schon hat er eine Frau kennengelernt, die dicke, mannstolle Ulla. Allerdings ist Anton von dieser Bekanntschaft nicht gerade hingerissen, dabei haben Ine und Anton mit Hilfe von diversen Frauenzeitschriften Antons und Påls Wohnung ( Wenn man nur Kerzen anzündet, sieht man nicht so den Dreck im Zimmer. ) so richtig gemütlich gemacht.

Und Anton und Ine beraten über die besten Tipps, ebenfalls aus den Zeitschriften, um Eltern, die sich nicht mehr lieben, wieder verliebt ineinander zu machen. Angeblich hat eine Cousine von Ine da so ihre Probleme. Aber eigentlich ist dem Leser schnell klar, dass Ines Eltern gemeint sind. Nur Anton steht wie immer auf dem Schlauch. Dabei kennen sich Anton und Ine seit dem Kindergarten und sind zusammen auf dem Brett von Baum zu Baum immer höher balanciert. Und doch verändert sich so vieles zwischen ihnen. Ine balzt mit dem blödesten Jungen in der Klasse und steht gar nicht mehr zu Anton, der in Rasierwasser gebadet hat, um gut zu riechen. Und dann fragt auch noch Ole beim Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ vor allen, ob Anton in Ine verknallt ist. Ja, gut Freunde sollen ehrlich sein, aber Anton kann es einfach nicht sagen.

Um Ulla loszuwerden, entwirft Anton einen Annonce für seinen Vater, die er an allen möglichen schwarzen Brettern verteilt. Zu blöd, dass die Frauen nun bei ihm zu Hause anrufen, denn Pål denkt natürlich, dass die Frauen sich für seine Hüttentoiletten und sechs Meter lange Urinablaufschläuche interessieren, denn dafür hatte auch er eine Annonce aufgegeben.

Beim Lesen dieses Buches gibt es viel zu lachen, denn einige Situationen, in die Anton oder Pål ganz unfreiwillig rutschen, sind wirklich komisch. Und dann wieder sind da die wunderbar ernsten Momenten, wenn Anton seinem Vater wirklich helfen will, wiedermal an seiner Freundschaft zu Ine zweifelt oder Ole alles gut meint und trotzdem das Falsche sagt. Mit viel trockenem Humor erzählt die Norwegerin Gudrun Skretting vom Alltagsleben von Pubertierenden, die so nach und nach Neuland betreten. Aber auch die Erwachsenen zeigen auf sympathische Weise ihre Schwächen in dieser unterhaltsamen Geschichte.

Nachts in meinem Haus

Sabine Thiesler: Nachts in meinem Haus, Heyne Verlag, München 2017, 512 Seiten, €19,99, 978-3-453-26969-9

„Und plötzlich nahmen all die aberwitzigen Idee Kontur an. Was Tom in Wirklichkeit nie gewagt hätte, trieb René nun auf einmal voran. Und irgendwann würde es kein Zurück mehr geben. Das wurde Tom in diesem Moment klar, und er überlegte, ob er den Zug nicht vielleicht doch lieber aufhalten sollte. Er wusste es einfach nicht.“

Tom Simon ist eigentlich ein Glückspilz, er hat durch seine letzte Scheidung ein Geldvermögen geerbt und lebt nun mit der klugen, attraktiven Fernsehproduzentin Charlotte sorgenfrei in einem einsam gelegenen Haus in der Nähe von Hamburg. Als Kunstmaler ist er ziemlich erfolgreich, er hat eine Villa auf Sylt und einen illustren Freundeskreis. Ja, aber dann bringt er seine geliebte Frau bei ziemlich stürmischem Wetter zum Flughafen und hat nichts besseres zu tun, als seine Geliebte namens Leslie, die Ehefrau seines besten Freundes René, anzurufen. Sie treffen sich im Haus von Tom. Dies ist der erste Fehler einer Kette nun folgender falscher Entscheidungen, die am Ende zu einem blutigem Drama zwischen allen Beteiligten führen wird.

Als Tom in der Nacht Geräusche hört, greift er zu seiner Harpune unter dem Bett, denn in der Umgebung wurden Einbrecher gefasst und schießt auf den angeblichen Eindringling. Tom tötet seine Ehefrau, deren Flug abgesagt wurde. In heller Aufregung ruft er seinen Anwalt und besten Freund René an und bittet um seine Hilfe. Der allerbeste Freund wird, als er den Ohrring seiner Frau unter dem Bett findet, nun zu Toms ärgstem Feind. Allerdings vertraut Tom René und folgt seinem Plan ohne zu wissen, wie hinterhältig dieser ihn in die Falle lockt.

Tom flieht nach Italien, nach Cimessa und wohnt nun im Haus von René. Die Polizei sucht Charlottes Ehemann, denn er hat ihr angeblich die Hände auf dem Rücken gefesselt und sie offensichtlich umgebracht. Toms größtes Problem ist, dass er seine Kreditkarte nicht benutzen kann und von Renés finanziellen Zuwendungen abhängig ist. Leslie ruft Tom an, besucht ihn wie René und muss sich nun entscheiden, auf wessen Seite sie sich schlagen will. Klar ist, dass Tom mehr Geld hat und René durch die Investition in einen falschen Fond, sowieso in prekären Schwierigkeiten steckt.

Inzwischen hat der Leser, immerhin hat Sabine Thiesler einen backsteindicken Krimi geschrieben, Commissario Donato Neri kennengelernt. Er ist mit seinen Gedanken eher bei seiner Frau als bei der Arbeit. Sie hat sich einen neuen Liebhaber gesucht und will unbedingt mit ihm leben. Aber auch hier spielen finanzielle Erwägungen ein
Rollen. Der entnervte, eifersüchtige und ziemlich kopflose Neri lernt sogar Tom kennen und die beiden verstehen sich ganz gut.

Für Tom jedoch wird die Luft immer dünner, er fühlt sich einsam in dem italienischen Kaff. Als René, Tom hat längst durchschaut, dass sein Freund es auf sein Geld abgesehen hat, aber er vertraut doch Leslie, auf die Idee kommt, dass Tom für Tod erklärt werden müsste, um an sein Vermögen zu gelangen, schmieden die beiden „guten Freunde“ einen teuflischen Plan. Und sie werden fündig. In Siena treffen sie auf einen deutschen Hippie, der Tom ziemlich ähnlich sieht und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Sabine Thiesler, bekannt durch ihre Bühnenstücke und Drehbücher für Fernsehkrimis, erzählt auf gut 500 Seiten einen spannenden Plot über die Brüchigkeit von Freundschaft und Abgründe, in die unbescholtene Bürger stürzen können. Sie weiß, keine Frage, kurzzeitig zu unterhalten. Als Autorin legt sie nicht viel Wert auf skurrile Besonderheiten ihrer Figuren. Zwar pendelt sie zwischen Hamburg und der Toscana hin und her, aber das gehört zur Handlung. Ihr Commissario Neri, der nicht gerade erfolgreich in diesem Fall mitarbeitet, ist kein Unbekannter für diejenigen, die gern Krimis von Sabine Thiesler lesen.

Sprachlich gefällig baut die Autorin auf schnelle Dialoge und treibt die Handlung eher durch die Aneinanderreihung von filmreifen Szenen zwischen den doch sehr eindimensionalen Protagonisten voran. Innere differenzierte Seelenzustände oder gar ausführliche Beschreibungen von Situationen, Gegenständen oder Landschaften sind nicht ihre Sache. Niveau – Vorabendprogramm!

Der Nachtgärtner

Terry & Eric Jan: Der Nachtgärtner, Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2017, 48 Seiten, €14,95, 978-3-946593-03-4

„Am Ende war gar nicht mehr zu sehen, dass der Nachtgärtner je im Grimlochweg gewesen war. Aber die Menschen in der kleinen Stadt waren nie mehr wie früher.“

Wie von Zauberhand beobachtet William vom Waisenhaus aus die Veränderungen in seiner Straße, die nicht gerade schön zu bezeichnen ist. Aus den Bäumen jedoch entstehen über Nacht wundersame Tiere, z.B. Hasen, Katzen oder Dinosaurier. Und auf den Bäumen versammeln sich dann auch gleich alle möglichen Tiere, die passen. Katzen thronen auf dem Katzenbaum, bunte Vögel auf dem Baum des Papageis. Auf dem Drachenbaum lassen die Kinder ihre Papierdrachen steigen. Seltsam altmodisch sind die Menschen gekleidet und durch die Attraktionen in ihrem Ort aufgeschlossener, fröhlicher und gesellig.

William ist fasziniert von all den Verwandlungen, die über Nacht passieren und so entdeckt er auch den geheimnisvollen Mann, der mit seinen Utensilien durch den Park streift und die Bäume fantasievoll beschneidet. An seiner Seite erlebt er die märchenhafte Veränderung der Bäume im Park. Von Seite zu Seite beleben die Bäume, die als fantasievolle Figuren erscheinen das Lebensgefühl der Menschen. Von grauen Tönen wechseln die Illustrationen zu farbigen Bildern, in denen auch die Menschen, egal welcher Herkunft, glücklicher aussehen. Besonders eindrucksvoll leuchten die beschnittenen Bäume dann im Herbst. Mag im Winter der Zauber vorbei sein, das Lebensgefühl der Menschen hat sich nicht verändert.

Diese warmherzige Geschichte von der Verwandlung der Menschen stammt aus den Federn der kanadischen Brüder und Künstler Fan. Die Erzählung und die Illustrationen, die fein gestrichelt mit Graphitstift und mit Tusche ausgemalt wurden, ergänzen sich wunderbar. Keine Frage, dieses Bilderbuch ist ein Eyecatcher in jeder Sammlung, auch für Erwachsene Bilderbuchliebhaber.

Willkommen in der unglaublichen Welt von Frank Banning

Julia Claiborne Johnson: Willkommen in der unglaublichen Welt von Frank Banning, Aus dem amerikanischen Englisch von Teja Schwaner und Iris Hansen, Aufbau Taschenbuch, Berlin 2016, 416 Seiten, € 12,99, 978-3-7466-3266-7



„ Frank hatte die merkwürdige Art zu reden, als würde er von einem in mittlerer Entfernung aufgestellten Teleprompter ablesen. Er schob seine Hand in meine und schenkte mir das strahlend vertrauensselige Lächeln eines kleinen Kindes, ein Lächeln, das die Herzen der Zyniker in Werbespots für Grußkarten erweichen lässt und uns glauben macht: Ja, eine Grußkarte kann die Welt versöhnen, eine Familie nach der anderen.“

Aber so heil und wunderbar ist die Welt nicht. Alice Whitley, die Ich-Erzählerin, wird mit ihren 24 Jahren in einen seltsamen Haushalt von New York nach Kalifornien geschickt, um sich um die Schreibarbeit einer ziemlich bekannten Autorin zu kümmern. Sie soll und muss endlich ihren Roman schreiben. Einst in jungen Jahren als „Fräuleinwunder“ durch nur einen schmalen Roman bekannt und wohlhabend geworden, überkam M.M.Banning eine ausgewachsene Schreibblockade. Doch nun sind die angelegten Gelder im Orkus verschwunden und die Autorin muss mit ihren Mitte 50 endlich wieder etwas leisten. Im Grunde ist dem Verleger egal, ob es ein literarische Knaller wird, denn verkaufen wird sich das Buch so und so, ob es nun etwas taugt oder nicht. Alice’ Aufgabe ist es aber nicht nur, die Fortschritte der Autorin zu begutachten und dem Verleger möglichst oft Bericht zu erstatten, sie soll sich auch um den neunjährigen Sohn kümmern. Und hier beginnen die Probleme. Nein, eigentlich schon früher, denn besagte Autorin, Mimi, ist nicht gewillt, Alice als Assistentin zu akzeptieren. Ihr Sohn Frank ist da zugänglicher, auch wenn er sich nicht altersgemäß benimmt. Er liebt die Zeit zwischen 1930 und 1940 und so kleidet er sich auch wie ein Gentleman. Seine Begeisterung für die Filme mit James Cagney oder Fred Astair führen nicht dazu, dass er in der Schule oder in seiner Wohngegend Freunde gewinnt. Als Alice Frank in Ausstellungen mitnimmt, rast er nur so durch die Räume, bekommt aber vieles mit. Der Grund, Frank stiehlt alles, was ihn fasziniert. Frank redet künstlich, schreit, wenn jemand ihn oder seine Sachen berührt und ist doch so zerbrechlich liebenswert, wie jedes Kind.

Alice hat es nicht einfach, denn Mimi ignoriert sie einfach, verkriecht sich den ganzen Tag in ihrem Zimmer und scheint, laut klappernd auf der Schreibmaschine etwas zu Wege zu bringen. Da noch Ferien sind, versucht Alice mit Frank endlich mal aus dem Haus zu kommen. Doch seine Panik vor der Außenwelt ist, keine Frage, von Mimi geschürt und gepflegt. Auch Mimi verlässt nie das Haus, scheint auch keine Kontakte zu pflegen. In ihrer Beziehung zu ihrem Sohn hat sie für ihn Luftschlösser gebaut, die mit der realen Welt nicht übereinstimmen. Er denkt, er sieht aus wie der kleine Prinz und benimmt sich auch so. Als die Schule dann wieder beginnt, gewinnt Alice einen wahren Blick in Franks schrecklichen Alltag. Tausende Informationen, mehr oder weniger gehaltvoller Natur, mit denen sogar Erwachsene möglicherweise überfordert wären, spuken durch Franks Kopf.

„In seinem riesigen Gehirn war so viel Wissen, dass er von Zeit zu Zeit etwas davon rauslassen musste, weil sonst sein Kopf explodieren würde, wie der seines Großvaters.“

Und so wird der Junge in der Schule, schon seines Aussehens und Sprechens wegen, gemobbt. Franks Fantasie jedoch sprudelt ebenfalls über und so denkt er sich eine Freundin aus, mit der er Zeit verbringt. Als Alice dies erkennt, ist sie dem seltsamen Kind schon längst verfallen. Das einzige männliche Vorbild, fast kaum wird über Franks Vater gesprochen, ist ein Hüne namens Xander. In ihn verguckt sie die gute Alice und weiß doch, dass das ein Fehler ist.

Ob Mimi mit ihrem Buch fertig wird, spielt bald keine Rolle mehr, denn Alice widmet all ihre Zeit und Gedanken dem unergründlichen Frank und seinen Problemen mit der Außenwelt, die immer größer werden.

„Frank hatte zwei Mammis. Ehrlich gesagt, hätte der Junge ein ganzes Dutzend brauchen können.“

Nur mit Humor und Einfühlungsvermögen kann sie mit der Situation klarkommen und so liest sich auch dieser kurzweilige Roman, bei dem man mehr als einmal schmunzeln muss. Allerdings lacht man nicht über die fiktiven Figuren, sondern eher über die Beschreibungen der Autorin und ihrer Sichtweise.

„Immer wenn man den Kleinen am liebsten vor Wut erwürgt hätte, hatte er eine Überraschung parat, die einem den Wind aus den Segeln nahm.“

Frank passt einfach nicht in diese Welt und nicht nur er spürt dies genau. Eine wundersame Geschichte voller Kapriolen und Wendungen, unterhaltsam, originell und sicher filmreif.