Eine Insel für uns allein

Sally Nicholls: Eine Insel für uns allein, Aus dem Englischen von Beate Schäfer, Deutscher Taschenbuch Verlag, Reihe Hanser, München 2017, 241 Seiten, €12,95, 978-3-423-64028-2

„Du bist echt ein guter Bruder“, sagte ich. Er tätschelte mir den Kopf. „Umso besser“, meinte er. „Du bist nämlich eine Teufelsschwester direkt aus der Hölle.“ Aber ich bin ziemlich sicher, dass es als Kompliment gemeint war.

Die zwölfjährige Holly Theresa Kennet lebt mit ihren Brüdern in einem Multikulti-Viertel in London. Ihre Eltern sind gestorben und so kümmert sich der zwanzigjährige Bruder Jonathan um den kleinen Davy und Holly. Die Familie hat nicht viel Geld und lebt in einer kleinen Wohnung über einer Frittenbude. Die Ersparnisse der Mutter sind aufgebraucht, Jonathan hat sein Studium aufgegeben und jobbt nun in einem Café. Aber Holly ist guter Dinge, hat gute Freunde und sagt ungefiltert immer, was sie denkt. Wenn sie erwachsen ist, dann wird sie sich um die Umwelt kümmern und was macht es dann schon, wenn sie heute in einer völlig vermüllten Wohnung lebt. Gemeinsam stehen die drei Geschwister zusammen und sogar den ersten BH für die Schwester kaufen sie zusammen im Billigkaufhaus. Diesen Familiengedanken hegen allerdings nicht die engsten Verwandten der drei Waisen. Eine Tante in Neuseeland finden Holly und Davy nicht gerade sympathisch und ihre reiche Tante Irene scheint so nach und nach paranoid geworden zu sein. Als sie stirbt, wird klar, dass die Kinder ihren Schmuck erben sollen, doch niemand, nicht mal der unausstehliche, geizige Onkel Evan ahnt, wo seine Frau in ihrer Umnachtung Geld, Papiere und besagten Schmuck deponiert hat. Und so beginnt eine ungewöhnliche Schatzsuche.

All diese Geschehnisse, so lässt Sally Nicholls ihre Leser glauben, schreibt Holly auf. Ihr hatte die Tante im Krankenhaus ein Fotoalbum in die Hand gedrückt. Das Mädchen weiß, diese Tante überlegt sich alles, was sie tut und bingo, Holly muss die Orte in den Bildern identifizieren, um herauszufinden, wo der Schatz sein könnte. Dieser Schmuck würde ihrer kleinen Familie viel Kummer ersparen, zumal sie einen Wasserschaden in der Wohnung verursacht haben und Davys Kaninchen Sebastian eine OP benötigt, die Jonathan aber nicht bezahlen kann. Das Jugendamt unterstützt die Familie, aber im Grunde reicht es nicht hinten und nicht vorne. Abenteuerlich ist diese Suche nach der Erbschaft, die die drei Kennys bis nach Schottland und auf die Orkney Inseln führt. Allerdings haben die Kinder nicht mit der Hinterhältigkeit ihres Onkels gerechnet.

Aber eigentlich geht es nicht nur um das seligmachende Geld, es geht um die tiefe Zuneigung zwischen den Geschwistern, ihre enge Verbundenheit, ihren Zusammenhalt und das gemeinsame Erleben.
Eine wunderbare, warme Geschichte, in der denjenigen geholfen wird, die zu ihrem Recht kommen müssen, die bestraft werden, die einfach nicht den Hals voll bekommen.

Das geträumte Land

Imbolo Mbue: Das geträumte Land, Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2017, 432 Seiten, €22,00, 978-3-462-04796-7

„Wenn sie das Kabelfernsehen und Internet abmelden und sich Zweitjobs besorgen mussten, würden sie das tun, Und wenn sie hungrig zu Bett gehen mussten, würden sich auch das tun. Sie würden alles in ihrer Macht Stehende tun, um in Amerika bleiben zu können. Und Liomi die Möglichkeit zu geben, in Amerika aufzuwachsen.“

Amerika ist das Land ihrer Träume. Jende Jonda aus Kamerun ist mit der finanziellen Hilfe seines Cousins Winston und einem Touristenvisum nach New York gekommen. Als Mann ohne richtige Ausbildung schafft er es, dass seine Frau Neni und sein siebenjähriger Sohn Liomi ebenfalls einreisen können. Neni hat ambitionierte Ziele, sie will ihren Collegeabschluss machen und Pharmazie studieren. Nebenher arbeitet sie als Altenpflegerin. Die kleine Familie hat in Kamerun keine Zukunft, zumal Nenis Vater sich für seine Tochter einen wohlhabenden Mann wünscht. Aber Jende und Neni lieben sich sehr und werden sich gemeinsam eine Zukunft aufbauen. Sie heiraten und stellen einen Asylantrag. Allerdings treffen sie auf einen Winkeladvokaten, der eine erlogene Leidensgeschichte für sie konstruiert, die vor Gericht kaum standhalten kann. Als die Handlung einsetzt, hat Jende wieder durch Winstons Vermittlung, eines Anwalts an der Wall Street, ein Vorstellungsgespräch beim Investmentbanker Clark Edwards, der einen Chauffeur sucht. Jende, der zwar eine Arbeitserlaubnis, aber noch nicht die richtigen Papiere hat, bekommt die gut bezahlte Stelle und ist überglücklich.

Aus der Sicht der Familie Jonda erzählt die Amerikanerin Imbolo Mbue, ebenfalls eine Migrantin aus Kamerun, von deren Zeit in den USA. Als Gegenpol zu den Jondas blickt der Leser auch in die Lebenswelt der extrem reichen Familie Edwards. Jende hört die Telefonate, die Clark Edwards führt, Neni arbeitet zeitweilig im Sommer als Haushälterin bei Cindy Edwards. Sie versucht als frustrierte Ehefrau, die zu viel Alkohol trinkt und verkrampft an ihrem gesellschaftlichen Status arbeitet, die Familie zusammenzuhalten, aber ihr ältester Sohn bricht sein Jurastudium ab und geht nach Indien und ihr Mann vergräbt sich in seinen Geschäften. Als Lehman Brothers, bei der Clark arbeitet, in die Schieflage gerät, Jendes Asylantrag abgelehnt wird und er um seinen Job fürchtet, Neni wieder schwanger ist und Trost in der Religion sucht, kippt mit der Wirtschaftskrise 2008 die Geschichte ins Tragische.

Imbolo Mbue stellt im Handlungsverlauf die verschiedenen Lebensmuster ihrer Protagonisten gegenüber. So erhält Jende, der im reichen Amerika lebt, ständig Anrufe von seiner Familie, die um finanzielle Hilfe bittet. Einmal hört Cindy Edwards mit und steckt ihm Geld zu. Als jedoch Jendes Vater stirbt, kann auch er aus der Ferne nichts tun, nur Geld für die Beerdigung schicken. Neni umgibt sich schnell mit afrikanischen Freundinnen, die ebenfalls am Existenzminimum in Harlem leben.

Je schwieriger die Situation der Jondas wird, um so mehr dringen die alten Geschlechterrollen durch. Jende, auch wenn es in Nenis Interesse ist, trifft alle Entscheidungen, die seine Frau zu akzeptieren hat. Aber Neni hat in den USA gelernt, sich selbst zu behaupten, nicht mehr in dieser dienenden wie abhängigen Position zu verharren. Und so eskalieren die Konflikte zwischen den Eheleuten und Jende behauptet sich mit Worten und Gewalt. Der Traum von einem neuen freien Leben endet für Neni bereits in New York.

Mag das Thema Migration mit allen Konflikten aktuell sein, in keiner Szene zeichnet die Autorin Imbolo Mbue ihre Figuren und deren Konflikte eindimensional. Die Exilgeschichte ist glaubwürdig und so sehr man mit den Jondas mitfiebert, so schnell ist klar, wie chancenlos diese Familie in der Fremde ist. Imbolo Mbues lebendig und dialogreich geschriebenem Roman kann man sich kaum entziehen, denn die geschilderten Menschen überzeugen mit ihren Schwächen und Stärken, ihren Wünschen und Hoffnungen.

Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 255 Seiten, €14,99, 978-3-551-58370-3

„ Und irgendwann, ehe ich einschlafe, habe ich es begriffen: Ich bin doch verliebt. In meine beste Freundin. Und habe nicht die winzigste Chance auf der Welt.“

Der zwölfjährige Anton Albertsen mit den großen Ohren hat es nicht leicht. Immerhin befindet er sich in seiner ersten wahren Lebenskrise, und wenn er zu Hause die Tür öffnet, liegt da nur ein Zettel vom Vater ( die Mutter ist bei einem Unfall ums Leben gekommen ) mit dem Hinweis auf die Tiefkühlpizza. Seit Anton weiß, dass er sein Leben einem gerissenen Kondom verdankt, freut er sich nicht sonderlich auf seinen Schulvortrag über Verhütung. Die einzige, die Anton wirklich zuhört, ist Ine, seine beste Freundin. Und wenn Anton das richtige Familienleben betrachten möchte, lädt er sich bei seinem besten Freund Ole ein. Hier befindet sich die Kleidung schön ordentlich zusammengelegt im Wäscheschrank, der Staub liegt nicht meterdick auf den Möbeln, es gibt ordentliches Essen, wie z.B. Zimtschnecken und niemand muss die Elektrikerin holen, weil man die Stromrechnung nicht bezahlt hat. Antons Vater, Pål, Vertreter für Ferienhaustoiletten, ist nicht gerade eine Frohnatur und besonders liebevoll ist er auch nicht. Er arbeitet entweder lang oder liegt vorm Fernseher. Ine und Anton beschließen, dass Pål unter Menschen muss. Sie melden ihn gleich mal, bei einem Strickkurs an und schon hat er eine Frau kennengelernt, die dicke, mannstolle Ulla. Allerdings ist Anton von dieser Bekanntschaft nicht gerade hingerissen, dabei haben Ine und Anton mit Hilfe von diversen Frauenzeitschriften Antons und Påls Wohnung ( Wenn man nur Kerzen anzündet, sieht man nicht so den Dreck im Zimmer. ) so richtig gemütlich gemacht.

Und Anton und Ine beraten über die besten Tipps, ebenfalls aus den Zeitschriften, um Eltern, die sich nicht mehr lieben, wieder verliebt ineinander zu machen. Angeblich hat eine Cousine von Ine da so ihre Probleme. Aber eigentlich ist dem Leser schnell klar, dass Ines Eltern gemeint sind. Nur Anton steht wie immer auf dem Schlauch. Dabei kennen sich Anton und Ine seit dem Kindergarten und sind zusammen auf dem Brett von Baum zu Baum immer höher balanciert. Und doch verändert sich so vieles zwischen ihnen. Ine balzt mit dem blödesten Jungen in der Klasse und steht gar nicht mehr zu Anton, der in Rasierwasser gebadet hat, um gut zu riechen. Und dann fragt auch noch Ole beim Spiel „Wahrheit oder Pflicht“ vor allen, ob Anton in Ine verknallt ist. Ja, gut Freunde sollen ehrlich sein, aber Anton kann es einfach nicht sagen.

Um Ulla loszuwerden, entwirft Anton einen Annonce für seinen Vater, die er an allen möglichen schwarzen Brettern verteilt. Zu blöd, dass die Frauen nun bei ihm zu Hause anrufen, denn Pål denkt natürlich, dass die Frauen sich für seine Hüttentoiletten und sechs Meter lange Urinablaufschläuche interessieren, denn dafür hatte auch er eine Annonce aufgegeben.

Beim Lesen dieses Buches gibt es viel zu lachen, denn einige Situationen, in die Anton oder Pål ganz unfreiwillig rutschen, sind wirklich komisch. Und dann wieder sind da die wunderbar ernsten Momenten, wenn Anton seinem Vater wirklich helfen will, wiedermal an seiner Freundschaft zu Ine zweifelt oder Ole alles gut meint und trotzdem das Falsche sagt. Mit viel trockenem Humor erzählt die Norwegerin Gudrun Skretting vom Alltagsleben von Pubertierenden, die so nach und nach Neuland betreten. Aber auch die Erwachsenen zeigen auf sympathische Weise ihre Schwächen in dieser unterhaltsamen Geschichte.

Nachts in meinem Haus

Sabine Thiesler: Nachts in meinem Haus, Heyne Verlag, München 2017, 512 Seiten, €19,99, 978-3-453-26969-9

„Und plötzlich nahmen all die aberwitzigen Idee Kontur an. Was Tom in Wirklichkeit nie gewagt hätte, trieb René nun auf einmal voran. Und irgendwann würde es kein Zurück mehr geben. Das wurde Tom in diesem Moment klar, und er überlegte, ob er den Zug nicht vielleicht doch lieber aufhalten sollte. Er wusste es einfach nicht.“

Tom Simon ist eigentlich ein Glückspilz, er hat durch seine letzte Scheidung ein Geldvermögen geerbt und lebt nun mit der klugen, attraktiven Fernsehproduzentin Charlotte sorgenfrei in einem einsam gelegenen Haus in der Nähe von Hamburg. Als Kunstmaler ist er ziemlich erfolgreich, er hat eine Villa auf Sylt und einen illustren Freundeskreis. Ja, aber dann bringt er seine geliebte Frau bei ziemlich stürmischem Wetter zum Flughafen und hat nichts besseres zu tun, als seine Geliebte namens Leslie, die Ehefrau seines besten Freundes René, anzurufen. Sie treffen sich im Haus von Tom. Dies ist der erste Fehler einer Kette nun folgender falscher Entscheidungen, die am Ende zu einem blutigem Drama zwischen allen Beteiligten führen wird.

Als Tom in der Nacht Geräusche hört, greift er zu seiner Harpune unter dem Bett, denn in der Umgebung wurden Einbrecher gefasst und schießt auf den angeblichen Eindringling. Tom tötet seine Ehefrau, deren Flug abgesagt wurde. In heller Aufregung ruft er seinen Anwalt und besten Freund René an und bittet um seine Hilfe. Der allerbeste Freund wird, als er den Ohrring seiner Frau unter dem Bett findet, nun zu Toms ärgstem Feind. Allerdings vertraut Tom René und folgt seinem Plan ohne zu wissen, wie hinterhältig dieser ihn in die Falle lockt.

Tom flieht nach Italien, nach Cimessa und wohnt nun im Haus von René. Die Polizei sucht Charlottes Ehemann, denn er hat ihr angeblich die Hände auf dem Rücken gefesselt und sie offensichtlich umgebracht. Toms größtes Problem ist, dass er seine Kreditkarte nicht benutzen kann und von Renés finanziellen Zuwendungen abhängig ist. Leslie ruft Tom an, besucht ihn wie René und muss sich nun entscheiden, auf wessen Seite sie sich schlagen will. Klar ist, dass Tom mehr Geld hat und René durch die Investition in einen falschen Fond, sowieso in prekären Schwierigkeiten steckt.

Inzwischen hat der Leser, immerhin hat Sabine Thiesler einen backsteindicken Krimi geschrieben, Commissario Donato Neri kennengelernt. Er ist mit seinen Gedanken eher bei seiner Frau als bei der Arbeit. Sie hat sich einen neuen Liebhaber gesucht und will unbedingt mit ihm leben. Aber auch hier spielen finanzielle Erwägungen ein
Rollen. Der entnervte, eifersüchtige und ziemlich kopflose Neri lernt sogar Tom kennen und die beiden verstehen sich ganz gut.

Für Tom jedoch wird die Luft immer dünner, er fühlt sich einsam in dem italienischen Kaff. Als René, Tom hat längst durchschaut, dass sein Freund es auf sein Geld abgesehen hat, aber er vertraut doch Leslie, auf die Idee kommt, dass Tom für Tod erklärt werden müsste, um an sein Vermögen zu gelangen, schmieden die beiden „guten Freunde“ einen teuflischen Plan. Und sie werden fündig. In Siena treffen sie auf einen deutschen Hippie, der Tom ziemlich ähnlich sieht und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Sabine Thiesler, bekannt durch ihre Bühnenstücke und Drehbücher für Fernsehkrimis, erzählt auf gut 500 Seiten einen spannenden Plot über die Brüchigkeit von Freundschaft und Abgründe, in die unbescholtene Bürger stürzen können. Sie weiß, keine Frage, kurzzeitig zu unterhalten. Als Autorin legt sie nicht viel Wert auf skurrile Besonderheiten ihrer Figuren. Zwar pendelt sie zwischen Hamburg und der Toscana hin und her, aber das gehört zur Handlung. Ihr Commissario Neri, der nicht gerade erfolgreich in diesem Fall mitarbeitet, ist kein Unbekannter für diejenigen, die gern Krimis von Sabine Thiesler lesen.

Sprachlich gefällig baut die Autorin auf schnelle Dialoge und treibt die Handlung eher durch die Aneinanderreihung von filmreifen Szenen zwischen den doch sehr eindimensionalen Protagonisten voran. Innere differenzierte Seelenzustände oder gar ausführliche Beschreibungen von Situationen, Gegenständen oder Landschaften sind nicht ihre Sache. Niveau – Vorabendprogramm!

Der Nachtgärtner

Terry & Eric Jan: Der Nachtgärtner, Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2017, 48 Seiten, €14,95, 978-3-946593-03-4

„Am Ende war gar nicht mehr zu sehen, dass der Nachtgärtner je im Grimlochweg gewesen war. Aber die Menschen in der kleinen Stadt waren nie mehr wie früher.“

Wie von Zauberhand beobachtet William vom Waisenhaus aus die Veränderungen in seiner Straße, die nicht gerade schön zu bezeichnen ist. Aus den Bäumen jedoch entstehen über Nacht wundersame Tiere, z.B. Hasen, Katzen oder Dinosaurier. Und auf den Bäumen versammeln sich dann auch gleich alle möglichen Tiere, die passen. Katzen thronen auf dem Katzenbaum, bunte Vögel auf dem Baum des Papageis. Auf dem Drachenbaum lassen die Kinder ihre Papierdrachen steigen. Seltsam altmodisch sind die Menschen gekleidet und durch die Attraktionen in ihrem Ort aufgeschlossener, fröhlicher und gesellig.

William ist fasziniert von all den Verwandlungen, die über Nacht passieren und so entdeckt er auch den geheimnisvollen Mann, der mit seinen Utensilien durch den Park streift und die Bäume fantasievoll beschneidet. An seiner Seite erlebt er die märchenhafte Veränderung der Bäume im Park. Von Seite zu Seite beleben die Bäume, die als fantasievolle Figuren erscheinen das Lebensgefühl der Menschen. Von grauen Tönen wechseln die Illustrationen zu farbigen Bildern, in denen auch die Menschen, egal welcher Herkunft, glücklicher aussehen. Besonders eindrucksvoll leuchten die beschnittenen Bäume dann im Herbst. Mag im Winter der Zauber vorbei sein, das Lebensgefühl der Menschen hat sich nicht verändert.

Diese warmherzige Geschichte von der Verwandlung der Menschen stammt aus den Federn der kanadischen Brüder und Künstler Fan. Die Erzählung und die Illustrationen, die fein gestrichelt mit Graphitstift und mit Tusche ausgemalt wurden, ergänzen sich wunderbar. Keine Frage, dieses Bilderbuch ist ein Eyecatcher in jeder Sammlung, auch für Erwachsene Bilderbuchliebhaber.

Willkommen in der unglaublichen Welt von Frank Banning

Julia Claiborne Johnson: Willkommen in der unglaublichen Welt von Frank Banning, Aus dem amerikanischen Englisch von Teja Schwaner und Iris Hansen, Aufbau Taschenbuch, Berlin 2016, 416 Seiten, € 12,99, 978-3-7466-3266-7



„ Frank hatte die merkwürdige Art zu reden, als würde er von einem in mittlerer Entfernung aufgestellten Teleprompter ablesen. Er schob seine Hand in meine und schenkte mir das strahlend vertrauensselige Lächeln eines kleinen Kindes, ein Lächeln, das die Herzen der Zyniker in Werbespots für Grußkarten erweichen lässt und uns glauben macht: Ja, eine Grußkarte kann die Welt versöhnen, eine Familie nach der anderen.“

Aber so heil und wunderbar ist die Welt nicht. Alice Whitley, die Ich-Erzählerin, wird mit ihren 24 Jahren in einen seltsamen Haushalt von New York nach Kalifornien geschickt, um sich um die Schreibarbeit einer ziemlich bekannten Autorin zu kümmern. Sie soll und muss endlich ihren Roman schreiben. Einst in jungen Jahren als „Fräuleinwunder“ durch nur einen schmalen Roman bekannt und wohlhabend geworden, überkam M.M.Banning eine ausgewachsene Schreibblockade. Doch nun sind die angelegten Gelder im Orkus verschwunden und die Autorin muss mit ihren Mitte 50 endlich wieder etwas leisten. Im Grunde ist dem Verleger egal, ob es ein literarische Knaller wird, denn verkaufen wird sich das Buch so und so, ob es nun etwas taugt oder nicht. Alice’ Aufgabe ist es aber nicht nur, die Fortschritte der Autorin zu begutachten und dem Verleger möglichst oft Bericht zu erstatten, sie soll sich auch um den neunjährigen Sohn kümmern. Und hier beginnen die Probleme. Nein, eigentlich schon früher, denn besagte Autorin, Mimi, ist nicht gewillt, Alice als Assistentin zu akzeptieren. Ihr Sohn Frank ist da zugänglicher, auch wenn er sich nicht altersgemäß benimmt. Er liebt die Zeit zwischen 1930 und 1940 und so kleidet er sich auch wie ein Gentleman. Seine Begeisterung für die Filme mit James Cagney oder Fred Astair führen nicht dazu, dass er in der Schule oder in seiner Wohngegend Freunde gewinnt. Als Alice Frank in Ausstellungen mitnimmt, rast er nur so durch die Räume, bekommt aber vieles mit. Der Grund, Frank stiehlt alles, was ihn fasziniert. Frank redet künstlich, schreit, wenn jemand ihn oder seine Sachen berührt und ist doch so zerbrechlich liebenswert, wie jedes Kind.

Alice hat es nicht einfach, denn Mimi ignoriert sie einfach, verkriecht sich den ganzen Tag in ihrem Zimmer und scheint, laut klappernd auf der Schreibmaschine etwas zu Wege zu bringen. Da noch Ferien sind, versucht Alice mit Frank endlich mal aus dem Haus zu kommen. Doch seine Panik vor der Außenwelt ist, keine Frage, von Mimi geschürt und gepflegt. Auch Mimi verlässt nie das Haus, scheint auch keine Kontakte zu pflegen. In ihrer Beziehung zu ihrem Sohn hat sie für ihn Luftschlösser gebaut, die mit der realen Welt nicht übereinstimmen. Er denkt, er sieht aus wie der kleine Prinz und benimmt sich auch so. Als die Schule dann wieder beginnt, gewinnt Alice einen wahren Blick in Franks schrecklichen Alltag. Tausende Informationen, mehr oder weniger gehaltvoller Natur, mit denen sogar Erwachsene möglicherweise überfordert wären, spuken durch Franks Kopf.

„In seinem riesigen Gehirn war so viel Wissen, dass er von Zeit zu Zeit etwas davon rauslassen musste, weil sonst sein Kopf explodieren würde, wie der seines Großvaters.“

Und so wird der Junge in der Schule, schon seines Aussehens und Sprechens wegen, gemobbt. Franks Fantasie jedoch sprudelt ebenfalls über und so denkt er sich eine Freundin aus, mit der er Zeit verbringt. Als Alice dies erkennt, ist sie dem seltsamen Kind schon längst verfallen. Das einzige männliche Vorbild, fast kaum wird über Franks Vater gesprochen, ist ein Hüne namens Xander. In ihn verguckt sie die gute Alice und weiß doch, dass das ein Fehler ist.

Ob Mimi mit ihrem Buch fertig wird, spielt bald keine Rolle mehr, denn Alice widmet all ihre Zeit und Gedanken dem unergründlichen Frank und seinen Problemen mit der Außenwelt, die immer größer werden.

„Frank hatte zwei Mammis. Ehrlich gesagt, hätte der Junge ein ganzes Dutzend brauchen können.“

Nur mit Humor und Einfühlungsvermögen kann sie mit der Situation klarkommen und so liest sich auch dieser kurzweilige Roman, bei dem man mehr als einmal schmunzeln muss. Allerdings lacht man nicht über die fiktiven Figuren, sondern eher über die Beschreibungen der Autorin und ihrer Sichtweise.

„Immer wenn man den Kleinen am liebsten vor Wut erwürgt hätte, hatte er eine Überraschung parat, die einem den Wind aus den Segeln nahm.“

Frank passt einfach nicht in diese Welt und nicht nur er spürt dies genau. Eine wundersame Geschichte voller Kapriolen und Wendungen, unterhaltsam, originell und sicher filmreif.

Die Zeitungsfrau

Veit Heinichen: Die Zeitungsfrau, Commissario Laurenti in schlechter Gesellschaft, Piper Verlag, München 2016, 352 Seiten, €20,00, 978-3-492-05758-5

„Der gefährlichste Ort der Welt war die Familie. Spannungen wurden ungehemmt hineingetragen und eskalierten.“

Da wirft ein junger Mann einen Molotowcocktail auf die Questura und bittet förmlich darum, endlich festgenommen zu werden. Er will unbedingt dem Zugriff seiner besitzergreifenden Mutter entfliehen und seine Ruhe haben. Die spinnen die Italiener, könnte man denken und haben keine anderen Probleme, aber weit gefehlt. In Veit Heinichens neuem Laurenti – Krimi stehen Flüchtlinge in langen Schlangen an, um sich registrieren zu lassen, Korruption, Geldwäsche und Kriminalität blühen und der Commissario wird aus dem Urlaub zurückgeholt, denn eine Explosion im Sporthafen erinnert an die kriminelle Handschrift von Diego Colombo, der sich allerdings 1991 selbst bei einem Ablenkungsmanöver in die Luft gesprengt hat. Ein Lastkraftwagenfahrer und Familienvater war allerdings im Hafen zur falschen Zeit am falschen Ort und so muss Laurenti die Ermittlungen aufnehmen. Auch Diego Colombo hatte zu Lebzeiten einen Toten auf dem Gewissen, aber nie konnte Laurenti ihm etwas nachweisen, was ihn bis heute wurmt. Colombo war ein galanter Dieb, der eigentlich aus Argentinien stammte und zu Beginn des Falklandkrieges nach Italien zu Verwandten floh. Bestohlen hat er immer nur die Wohlhabenden, die über wertvolle Gemälde verfügten. Allerdings geriet er in die Fänge des korrupten Polizisten der Guardia di Finanza, Lino La Rosa, der ihn erpresste und letztendlich auch verriet. Als Colombo angeblich starb, war seine Frau, Teresa Fonda, schwanger. Seit gut 25 Jahren führt sie nun ihren kleinen Kiosk und ist die „Zeitungsfrau“, die mit ihrer Schönheit die männlichen Kunden bezirzt. Auch Laurenti ist nicht immun gegen ihre Reize. Allerdings bleibt er auch skeptisch, denn Teresa hat drei Kinder, die auffällig Diego Colombo ähneln und so bleibt die Vermutung, das er immer noch am Leben ist. Auch kann eine alleinstehende Mutter mit einem Kiosk finanziell nicht so gut dastehen. Sie muss über weitere Einnahmen verfügen und beste Kontakte zur Justiz. Als Colombo verstarb, entschied sich die hochschwangere Teresa seinen Widersacher zu töten. Allerdings hat sie La Rosa mit dem Auto nur schwer verletzt und für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt. Die minderjährige Tochter La Rosas, Daria Bono, muss sich nun um ihren biologischen Vater kümmern, der sich erst zu ihr bekannte, als er eine Pflegerin benötigte. Für Daria und ihr Schicksal hätte man Mitleid haben können, wäre sie nicht zu einer berechnenden wie bitterbösen Frau geworden. Lino La Rosa hatte in seinem beruflichen Leben, ohne entsprechende Konsequenzen, betrügen und erpressen können. Auch Darias Eltern gehörten zu den Leidtragenden, allerdings tötete Darias geliebter Vater ihre Mutter, als er von dem Verhältnis zu La Rosa erfuhr. Daria Bono ist nun Anfang 40 und führt als Verwalterin ein Altersheim. Wenn in ihrem Haus wohlhabende Pensionäre sterben, geht sie brav zur Beerdigung mit ihrem Malteser Hund Gulasch, währenddessen ihre kleinkriminellen Helfershelfer das Erbe der Toten beiseite schaffen.

Die Explosion im Triester Freihafen soll die Polizei nun auf die Spur von Daria Bono, La Rosa und beider Rechtsanwalt Carfi führen, die dort ihr Diebesgut verstecken. Proteo Laurenti zeigt, ehe er Gutachter beauftragt, seiner Frau, einer Kunstexpertin, die gefundenen Schätze, die Bilder alter Meister, die auf gar keinen Fall Fälschungen sind.

Bei dieser vertrackten Geschichten ist der Leser manchmal dem Commissario ein Stückchen voraus. Er weiß, dass Daria Bono glaubt, den wahren Diego Colombo gefunden zu haben. Dieser Raffaele Maran ist allerdings der Geliebte von Teresa, die immer wieder in ihren Zeitungsstapeln Kopien von Bildern findet, die einst Diego gestohlen hat. Nicht unbedingt ängstlich fühlt sie sich doch bedroht und vertraut sich Laurenti an. Dieser beginnt nun mit seiner routinierten Polizeiarbeit, d.h. mit Befragungen und Durchsuchungen und gerät an hartgesottene Gauner, die jegliches Gefühl, auch für die eigenen Familienmitglieder, längst verloren haben.
So sagt La Rosa spöttisch zu Laurenti:

„Was interessiert mich Kunst? Alte Bilder sind die einzige stabile Wertanlage, die im letzten Vierteljahrhundert nie verloren hat, während Immobilien, Wertpapiere, Rohstoffe und Beteiligungen riesige Einbußen verzeichneten.“

Laurenti jagt im 9. Band nun seinem Phantom hinterher, täuscht sich in Teresa Fonta und sorgt sich um seine eigenen Kinder. Livia hat sich in einen deutschen Anwalt und Besserwisser verliebt, Marco sucht sich keine Arbeit als Koch und Barbara zieht um die Häuser und überlässt ihre kleine Tochter seiner Schwiegermutter.
Wie immer spielt Triest als Dreh- und Angelpunkt zwischen Balkan und Westeuropa eine Hauptrolle in diesem spannenden Fall. Seit zwanzig Jahren lebt Veit Heinichen in der Hafenstadt und schaut bei seinem Plot hinter die Fassaden der noblen Gesellschaft.
Veit Heinichens Romane sind um Längen literarischer und vom Handlungsaufbau tiefgründiger und komplexer als die Venedig-Romane von Donna Leon. Doch wer Italien, das gute Essen und unterhaltsame Krimis liebt, kann je nach Lust und Laune mit beiden Autoren glücklich werden.

Rechts blinken, links abbiegen

Dorthe Nors: Rechts blinken, links abbiegen, Aus dem Dänischen von Frank Zuber, Verlag Kein & Aber, Zürich 2016, 192 Seiten, €20,00, 978-3-0369-5747-0

„Sie steht mitten im Leben, Sonja, eine erwachsene Frau, aber sie traut sich nicht, zu Jytte zu gehen. Irgendetwas verschließt sich so fest, dass sie glaubt, sie werde gespalten. Sie weiß, dass sie sich reif und erwachsen benehmen sollte, aber sie will um alles in der Welt nicht mit ihrem Verrat konfrontiert werden.“

Sonja Hansen ist aus ihrem Kindheitsort Jütland nach Kopenhagen gezogen und arbeitet hier freiberuflich als Übersetzerin. Sie steht in der Mitte ihres Lebens, ist 42 Jahre alt und lebt allein. Immerhin übersetzt sie die Krimis des ziemlich bekannten Autors Gösta Svensson und doch ist Sonjas Leben irgendwie aus der Spur geraten. Um endlich andere Wege einzuschlagen, nimmt Sonja Fahrstunden, aber diese dauern nun bereits ziemlich lang. Sonja ist einfach nicht in der Lage, die Gangschaltung zu betätigen. Ihre allzu beherzte Fahrlehrerin, Jytte, erzählt während der ziemlich teuren Fahrstunden von ihren privaten Problemen, legt für Sonja die Gänge ein und herrscht sie an, wenn sie einen Fehler macht. Hilflos wie ein Kind fühlt sich Sonja dieser Frau ausgeliefert. Sie findet auch keine Worte, um ihre Rechte als Fahrschülerin einzufordern. Alles geht in die falsche Richtung und darauf weist auch der Titel des Buches „Rechts blinken, links abbiegen“ hin. Um ihre Verspannungen endlich loszuwerden und ihren Frust auf Jytte, geht sie zu Ellen und lässt sich massieren. Immer wieder ruft Sonja ihre Schwester Kate an, die mit Mann und ihren zwei Söhnen ein intaktes Familienleben führt. Aber jedes Mal, wenn Sonja anruft, scheint Kate an einer imaginären Supermarktkasse zu stehen. Scheinbar haben sich beide Schwestern wenig zu sagen.

Dorthe Nors erzählt von einer durchaus sympathischen Figur, die ständig um sich selbst kreist und irgendwie neben dem beruflichen kein richtiges Leben zu führen scheint. Mittlerweile kann Sonja auch nicht mehr die brutalen Exzesse ihres Krimiautors ertragen, die sie in Worte fassen muss. Worte gehen Sonja verloren, wenn sie mit anderen Menschen zu tun hat. Sie drückt sich immer mehr vor neuen Begegnungen und scheint einfach nicht die richtige Schaltung für ihr Leben zu finden.

Stellenweise liest sich der Roman tragikomisch, stellenweise spürt man aber auch die Einsamkeit, innere Leere und Hilflosigkeit der Hauptfigur in einer pulsierenden europäischen Stadt. Sprachlich zieht die dänische Autorin den Leser schnell in Sonjas Geschichte hinein und fesselt ihn, wenn er sich auf diese Frau und ihr Großstadtleben einlassen möchte.

Das Haus der verlorenen Seelen

Britta Bolt: Das Haus der verlorenen Seelen, Aus dem Englischen von Heike Schlatterer, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016, 320 Seiten, €22,00, 978-3-455-40563-7

„Womöglich war sein Talent, Puzzleteile zusammenzusetzen, den richtigen Abschluss für eine Geschichte zu finden, hier gar nicht gefragt. Vielleicht hatten die beiden Morde überhaupt nichts miteinander zu tun.“

Britta Bolt, ist das Pseudonym des Autorenduos Britta Böhler aus Freiburg und Rodley Bolt aus Südafrika. Die beiden leben seit 1991 in Amsterdam und haben einen neuen Typ Ermittler erfunden: Pieter Posthumus, genannt PP, ist weder Detektiv, noch Polizist. Eigentlich ist er für anonyme, einsame Tote in Amsterdam zuständig. Aber er wird durch seine Freundin Anna in einen Ermittlungsfall hineingezogen, in dem es zwar um Menschen am Rand der Gesellschaft geht, aber ihm persönlich wohlbekannte.
In der Nähe vom Dolle Hund, dem Lokal von Anna, liegt das Gästehaus von Marloes Vermolen, einer Frau mit einem großen Herzen. Sie nimmt Gestrandete auf, die sich aus dem Rotlichtmilieu zurückziehen wollen, drogenabhängig sind oder einfach nur Zuwendung brauchen. Die sogenannten besseren Bürger der Gegend rümpfen die Nase über Marloes, finden sie verrückt. Auch Anna weiß, das Marloes immer etwas durcheinander ist, nicht zusammenhängend redet und doch mag sie sie.

Als Zig, einer der Bewohner des Gästehauses, ein osteuropäischer Stricher und ehemaliger Loverboy, der Mädchen in die die Prostitution gezwungen hat, in seinem Blut, offenbar erschlagen, gefunden wird, beginnt für Posthumus die Recherche. Eigentlich sollte er sich ja aus den Fällen der Amsterdamer Polizei zurückhalten, aber Anna wird ihn bitten, denn Marloes wurde als Hauptverdächtige festgenommen.

Alles steht auf der Kippe in der Wohngegend rum um den Dollen Hund. Die Stadt versucht Immobilien zurückzukaufen, um in diesem Areal schicke Wohnungen zu bauen. PP erinnert sich, dass der Moldawier Zig Kontakt zu Tony, einem ebenfalls Loverboy aus Osteuropa, aus Polen, hatte. Tony ist gewaltsam ums Leben gekommen und PP war für den Nachlass zuständig. Besteht zwischen den beiden Todesfällen nun ein Zusammenhang oder nicht? Außerdem entdeckt Posthumus, und hier schließt sich der Kreis, ein Gemälde von Zig, der die niederländischen Klassiker nachahmte. Allerdings sind die Motive nicht dem Original eins und zu eins ähnlich, sondern immer ein paar Sekunden danach als Bild festgehalten. Auch Tony hatte so ein Bild in seiner Wohnung.

Anna engagiert sich gegen den Widerstand der anderen Nachbarn für Marloes und registriert verzweifelt, dass die Anwältin nichts für ihre Mandantin unternimmt. Die Zeit sitzt Pieter Posthumus im Nacken, denn Marloes psychologisches Gutachten bestärkt ihre Schuldfähigkeit. Hinter den Kulissen jedoch versucht eine Kiezgröße, die Fäden zu ziehen. Henk de Kok engagiert das Muttersöhnchen Marty. Er wohnt mit seinen 32 Jahren immernoch bei der Mutter und arbeitet unter ihrer herrischen Aufsicht im Fleischerladen. Marty wittert die Chance sich aus den Fängen der Mutter zu lösen und ihr zu beweisen, was er kann. Marty soll nun für de Kok, die Anwältin von Marloes dazu bringen, dass sie ihr Haus verkauft.
Doch dann bricht ein Brand im Dollen Hund aus und Anna und ihr derzeitiger Freund und Musiker Paul, den Pieter nicht sonderlich schätzt, werden verletzt.
Anna bittet Pieter, sie hat sich bereits aus dem Krankenhaus entlassen, sich etwas um Paul zu kümmern, da sie für Marloes da sein muss. Als Pieter in Pauls Wohnung ein paar Sachen zusammensucht, fällt sein Blick auf ein Foto, das Foto seiner minderjährigen Tochter.
Wie immer spielt Amsterdam die Hauptrolle in diesem spannenden Fall, den Pieter, auch auf Bitte des Kommissars Flip de Boer, lösen wird.

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte, Aus dem Französischen von Doris Heinemann, Dumont Buchverlag, Köln 2016, 348 Seiten, €23,00 , 978-3-8321-9830-5

„L. konnte besser als jede andere mein Stimmung, meine Sorgen erraten, sie schien eine Vorherkenntnis der Ereignisse zu haben, die mich betrafen. Sie hatte auf mich einen Einfluss, den keine meiner Freundinnen je gehabt hatte.“

Die Ich-Erzählerin dieses Romans scheint die Autorin selbst zu sein. Doch endet L., die Freundin, von der die Ich-Erzählerin akribisch genau in diesem Roman berichtet, ihre Manuskripte als Ghostwriterin für Politiker, Schlagersternchen oder Schauspielerinnen mit „ Ende* “, ein persönliches Zeichen der wahren Autorin. Auch dieser Roman endet mit „ Ende* “. Wer hat nun diesen Roman geschrieben, die ominöse L. oder Delphine de Vigan? Kann es sein, dass jemand sein Leben aus Episoden aus Romanen selbst erdichtet und diese dann präzise genau weitererzählt? Die Autorin hat L. jedes Wort geglaubt, weil sie es wollte und ihr vertraut hatte.

Alles beginnt mit dieser entscheidenden Begegnung nach der Buchmesse. Die Autorin hat einen sehr persönlichen Roman über ihre Mutter veröffentlicht. Er heißt „Das Lächeln meiner Mutter“ ( Rezension ebenfalls auf dieser Homepage ). L. und sie kommen ins Gespräch, sie sind sich sympathisch. Dabei fällt auf, dass die Autorin L. als äußerst perfekte Frau mit starken Ansichten wahrnimmt und sich selbst in den Schatten stellt. War sie doch als Kind recht schüchtern und ist auch heute nicht besonders erfreut, wenn sie vor Publikum reden soll. Alles an L. fasziniert die Autorin und nach jeder Begegnung, scheint sie ein bisschen zu schrumpfen. Sie verliert sich selbst in dieser immer intensiver werdenden Beziehung. Als die Sprache darauf kommt, was die Autorin demnächst als neues Buch beginnen wird, entbrennt eine heftige Auseinandersetzung. L. glaubt, gute Literatur kann nur diejenige sein, die aus dem wahren Leben schöpft. Allerdings erhält die Autorin von einem anonymen Schreiber hasserfüllte Briefe, die mit der Schreibmaschine geschrieben wurden. Er kritisiert sie, da sie persönliche Themen öffentlich gemacht hat. Er beleidigt sie und unterstellt ihr, sie sei mit einem berühmten Literaturkritiker nur zusammen, weil sie sich davon Vorteile verschaffe. Auch auf ihrer Facebook-Seite tummeln sich fiese Anschuldigungen.
In der Zeit als die Autorin L. kennenlernt, geschehen in ihrem Leben viele Umbrüche. Ihre Zwillinge machen Abitur und verlassen das Nest. Ihr Freund Francois ist ständig unterwegs und wird L. nie begegnen, zumal diese auch in Andeutungen schlecht über die Beziehung zwischen der Autorin und Francois spricht. L. scheint wie ein Seismograph auf alle Stimmungen der Autorin zu reagieren und vermag auch das zu sagen, was der andere hören will. Sie allein weiß um die Geheimnisse ihrer besten Freundin, nachdem sie alle anderen Freunde ausgebootet hat.

Sind es die inneren Zweifel, die die Autorin nicht aussprechen kann und einer anderen Person in den Mund legen muss? Ist es ein Spiel mit Identitäten, die man annehmen kann und wieder ablegen? Steckt hinter allem ein Gedankenspiel über den Prozess des Schreibens und seine Qualen? Mag sein, denn die Autorin kann nicht mehr schreiben. Wenn sie sich dem Computer nähert oder einen Stift in die Hand nimmt, fangen ihre Hände an zu zittern. Nur L. kennt dieses schreckliche Geheimnis der Autorin, dass sie vor allen kaschieren muss, vor der Familie und ihrer Lektorin.

Hier springt L. ein. Sie gewinnt die Oberhoheit über das Leben der Autorin. Schreibt Mails für sie, arbeitet an einem Vorwort in ihrem Namen und tritt sogar in einer Diskussion als sie auf. Sie nähert sich in ihrem Äußeren immer mehr der Autorin an. Verliert angeblich ihre Wohnung, zieht bei ihr ein. Die Leben der beiden Frauen überlagern sich, zumal L. auch noch behauptet, sie würden sich vom Lyzeum her kennen. L. macht sich für die Autorin unentbehrlich und letztendlich steuert die Geschichte auf eine Katastrophe zu, als die Autorin endlich ihr neues Thema gefunden hat – das wahre Leben von L..

Delphine de Vigan umkreist alle inneren Fragen, die sich eine Bestsellerautorin stellt, die aus dem eigenen Leben für ihr Schreiben schöpft. Wie weit darf man gehen? Was ist die Wahrheit beim Schreiben und wie viel offenbart man als Schreibender wirklich von sich? Faszinierend liest sich dieses Psycho-Spiel zwischen den Frauen, den Identitäten oder doch auch nicht. ‘Der Film„ Die üblichen Verdächtigen“ mit Kevin Spacey kommt nicht nur der Autorin in den Sinn, wenn man dieses Buch über Doppelgänger, Identitätenklau und öffentliche Zurschaustellung liest.