Die Architektur des Knotens

Julia Jessen: Die Architektur des Knotens, Kunstmann Verlag, München 2018, 432 Seiten, €24,00, 978-3-95614-229-1

„Ich möchte meinen Kindern ein Zuhause sein. Ich möchte ein Mensch sein, dessen Türen weit offen stehen, ein lebendiger Mensch. Alle würden behaupten, das ich das war. War ich aber nicht. Nicht so, wie ich es jetzt bin.“

Zu Beginn schaut Yvonne ihren Kindern, John ist acht, Mika vier, beim Spielen zu. Die Jungen erbauen akribisch ihre eigene Stadt mit unterschiedlichsten Spielzeugen. Als Mutter beobachtet Yvonne diese friedliche Zusammenarbeit der beiden, kein hysterisches Weinen von Mika, der sich vom älteren Bruder zurückgedrängt fühlt, keine Überlegenheitsgesten von John. Langsam wird klar, die beiden hecken irgendetwas aus. Nach dem längeren Spiel mit der detailreich ausgeschmückten Stadt beginnt ein enormer Krach, der Yvonnes Mann, Jonas anlockt. Die Jungen zerschlagen lustvoll ihren Aufbau.
Wochen später wird Yvonne die eigene Familie zerstören, denn sie hat für sich registriert, dass sie einfach ihr Leben so nicht weiterführen kann und will. Yvonne ist Ende dreißig und arbeitet als Grundschullehrerin, Jonas teilt sich als Physiotherapeut die Praxis mit Frank, der bald Andrea heiraten wird. Doch warum beschleicht Yvonne dieses depressive Gefühl, diese drängende Sehnsucht nach Veränderung? Fühlt sie sich einsam, unglücklich, kann sie nicht mehr mit Jonas sprechen, ist der Sex nach fünfzehn Jahren Ehe zu langweilig oder gar nicht mehr existent?
Nach außen hin scheint alles in Ordnung, es gibt keine Streitereien, keine Sticheleien.
Durch Yvonnes Gedankenstrom lernt der Leser ihre Sicht kennen, auch Jonas Perspektive wird verdeutlicht.

Als die Familie zu Jonas’ Freund Sven in die Nähe von Kopenhagen fährt, Baby Ella soll getauft werden, beobachtet Yvonne andere Frauen und bemerkt, dass sie sich selbst verloren hat. Durch die immer gleiche Abfolge der Tage, die auf Dauer ermüdend ist, spürt sie, so ihr Gefühl, sich selbst nicht mehr. Sie geht mit Mille, der Frau von Sven, und Peter am Abend noch tanzen und schläft mit Peter, der gut zehn Jahre jünger ist.

Yvonne erzählt Jonas von Peter, alles gerät in eine Schieflage, die Yvonne einerseits befreit, andererseits aber in tiefe seelische Konflikte stürzt, denn sie kann Jonas keine Antworten geben, die ihm helfen, alles zu verstehen. Er kann nicht fassen, dass seine Frau alles infrage stellt und mit diesem Mann, der in Hamburg lebt, immer noch Kontakt hat. Peter führt mit seiner Frau, sie haben keine Kinder, eine offene Beziehung. Doch was bindet Yvonne an Peter, ist es das Körperliche, die Abwechslung? Sie zieht in ein Hotel, überlässt Jonas die Kinder und kann es kaum aushalten, von ihnen getrennt zu sein. Yvonne versucht einer guten Freundin ihre Lage zu erklären, aber es funktioniert nicht. Wenn Yvonne bei den Kindern ist und auf Inge, ihre Schwiegermutter trifft, sieht sie sich mit Vorwürfen konfrontiert, die sie reglos annimmt. Sie weiß selbst nicht, wie sie das Dilemma in ihrer Familie regeln soll. Für sie ist alles offen, für die anderen alles in Unordnung.
Auf der Suche nach dem anderen, dem anderen Lebensmodell hängt Yvonne in der Luft, kauft sich ein Bild, um sich selbst besser kennenzulernen, schläft mit Peter und findet keine Antwort.
Jonas hält nur die Wut auf Yvonne aufrecht. Die Jungen spüren die seltsame Atmosphäre, leiden unter den Abwesenheit der Mutter.

Sprachlich glanzvoll offenbart Julia Jessen den festgezurrten Knoten, den ihre Protagonistin nicht zu zerschlagen vermag. Kann der Leser sie verstehen oder bleibt ihm alles ein Rätsel? Offen sein für Veränderungen als Plädoyer für ein gelungenes Leben. Nicht an dem Gewohnten festhalten, Flüchtlinge unterrichten und etwas tun und nicht nur lamentieren und Reden schwingen, wie Jonas’ Freund Sven, mit dem Yvonne auf der Hochzeit von Frank in einen Streit gerät. Zusammen gehen Jonas und Yvonne auf diese Hochzeit, auch wenn sie kein Paar mehr sind. Dass sich Jonas bereits eine neue Freundin gesucht hat und diese zum Geburtstag seines Sohnes mitbringt, ärgert Yvonne. Aber es ist seine Entscheidung. Julia Jessens Figuren, ihre Beweggründe und Motivationen sind wirklichkeitsnah und doch ambivalent, nicht perfekt und doch konsequent. Ein Roman, der lange nachwirkt und auch befremdet.

Schöne Seelen und Komplizen

Julia Schoch: Schöne Seelen und Komplizen, Piper Verlag, München 2018, 313 Seiten, €20,00, 978-3-492-057738



„Ich spürte wieder, wie gut es tat, bei so einer großen Sache wie damals mit dabei gewesen zu sein. Manchmal fange ich nachträglich richtig zu schwitzen an bei dem Gedanken, ich hätte es verpassen können. In jedem Menschenleben gibt es wahrscheinlich nur ein wirkliches Großereignis.“

Julia Schoch hat eine faszinierende Versuchsanordnung gewählt, sie platzt mitten hinein in die Leben von verschiedenen Teenagern, die alle an die gleiche Potsdamer Schule gehen. Zyklisch, Jahr um Jahr, von 1989 bis 1992 stehen einzelne Szenen für sich, aber es gibt auch Querverbindungen zwischen den Mitschülern.

Es ist Sommer 1989, Lydia Gebauer, Stefanie Kuhn, Kati Viehweg, Franziska Stellmacher und die anderen genießen noch die Ferien oder arbeiten im Park von Sanssouci bevor wieder die Schule und die Abiturzeit an der Kollwitz beginnt. Sie sind sechzehn, siebzehn Jahre alt und berichten recht nüchtern davon, was jeder Jugendliche mit Freunden, den Eltern, der ersten Liebe, den Lehrern aber auch dem sozialistischen System durchlebt. Alexander Wagenthaler, der ganz gut zeichnen kann und eigentlich Geschichte studieren will, setzt sich mit seinem Lehrer auseinander, der ihn mit subtiler Überzeugungsarbeit zu einem längeren Dienst in der Armee überreden will und natürlich auf die Lehrerlaufbahn orientieren. Direktor Simizeck hält wie immer seine ellenlangen Propagandareden. Glauben die einen, alles wird für immer geregelt sein, Schule, Abitur, Studium, Arbeit, Rente, so hoffen die anderen auf Veränderung. In jedes individuelle Leben wird der Leser hineingezogen und er verlässt es auch wieder. Ein Faden wird aufgenommen, aber nicht immer zu Ende gesponnen. Vieles muss er sich puzzleartig zusammensetzen, sich selbst ein Bild von den jungen Erwachsenen machen, denn diese werden ohne Vorwarnung in einen gesellschaftlichen Umbruch hineingeraten. Aus der Perspektive der Jugendlichen wird nun erzählt, wie Mauerfall und Wende sich auf sie und die Erwachsenen, Eltern und Lehrer, auswirken. Direktor Simizeck verschwindet, Verunsicherung macht sich breit, Lehrer brechen im Unterricht zusammen, Schüler geben renitente Antworten, sind aber auch verunsichert.

„Andererseits kann die Viehweg ihre Klappe nicht halten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt sie den alten Staat. Sie sagt, sie könne nicht verstehen, wie man sich freiwillig für die soziale Unsicherheit entscheiden kann.“

Setzt sich der Alltag der einen einfach fort, bewegt die anderen der Umbruch, die Angst vor der Zukunft, so verharren die anderen in ihren persönlichen ganz privaten Querelen. Alexanders Vater hat seine Stasiakte gelesen und bricht zusammen, ein Lehrer wird von einem LKW überfahren, die Schülerin Vivian Korbus versucht ihrem Leben ein Ende zu setzen. In Erinnerungen, Rückblenden und gegenwärtigen Beschreibungen fächert die Autorin die unterschiedlichen Schicksale auf und beenden sie auch wieder schlagartig. Türen öffnen sich und klappen wieder zu. Zum Ende hin signalisiert die Abiturfeier 1992, diese Generation wird in Freiheit ohne politische Gleichschaltung und propagandistische Drangsalierungen ihren Weg machen können.

Im zweiten Teil des Romans sind fünfundzwanzig Jahre vergangen und um ehrlich zu sein, wird er jetzt erst richtig interessant. Julia Schoch spürt nun den realistischen Lebenswegen der ehemaligen Schüler nach, die alle Mitte vierzig sind. Sie erzählen wie sie leben, was sie bewegt, wie sie die Welt sehen und vor allem, ob sie in der neuen Gesellschaft angekommen sind. Ihre Schule heißt nun Luisengymnasium, an dem Stefanie Kuhn als Lehrerin arbeitet. Sie organisiert ein Klassentreffen, zum dem allerdings nur sieben Ehemalige kommen. Wieder taucht der Leser nur kurzzeitig in die Lebensstationen der Protagonisten ein. Kati Viehweg arbeitet als Soziolinguistin und muss immer wieder erleben, wie wenig ihr alter Vater, der einst in der SED-Kreisleitung gearbeitet hat, sie ernst nimmt. Alexander Wagenthaler reist von einem Historikerkongress zum nächsten, hangelt sich von einem Projekt zum anderen und spürt die innere Distanz zur eigenen Arbeitssituation. Sind die einen weit fort von Potsdam wie Franziska, so sind andere aktiv, wie Rebekka oder desillusioniert wie Ruppert. Sie haben Familie und leben im Reihenhäuschen durch das Erbe der Großmutter, sie betrügen einander, sind geschieden und zutiefst unglücklich durch die Trennung von den Kindern. Sie ärgern sich über den fehlenden Gemeinschaftssinn oder sind die allergrößten Egoisten. Sie stoßen an berufliche und persönliche Grenzen und müssen diese aushalten. Die einen graben den Garten um, die anderen suchen sich ein amouröses Abenteuer, die anderen kämpfen um Sorgerechte und Alimente. Und Alexander sagt:

„Wenn ich meinen geistigen Zustand definieren sollte, würde ich sagen, ich lebe in ständiger Ungeduld und zugleich in großer Erschöpfung. Eine Art angeleintes Pferd, das sich wild galoppierend tiefer und tiefer in den Sand unter ihm arbeitet.“

Eins zwei drei Vampir

Nadia Budde: Eins zwei drei Tier, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1999 /
Eins zwei drei Vampir, Pappband, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2018, 20 Seiten, €13,00, 978-3-7795-0585-3

„Launisch fröhlich nett Skelett“

Vor 18 Jahren erschien das sensationelle Bilderbuch „Eins zwei drei Tier“ der noch unbekannten Berliner Illustratorin und Buchmarktdebütantin Nadia Budde. Begeistert wurde es von der Kritik und vor allem von Kindern aufgenommen, die die seltsam schrägen Tierfiguren und holpernden Reimereien liebten. Kein Buch wurde, einmal ins Herz geschlossen, so zerfleddert durch mehrmaliges Durchblättern, mit ins Bett nehmen und herumtragen, wie dieses. Ein absolutes Unikat nach wie vor im Meer der durchaus beachtenswerten Bilderbuchveröffentlichungen in Deutschland.
Übersetzungen des Bilderbuches, z.B. ins Englische, Portugiesische, Koreanische, Französische, Italienische, Polnische, Spanische und Galizische mit gleichem Erzählprinzip sind erschienen. Und so funktioniert das Erzählprinzip, drei Worte, die irgendwie zusammen passen, erklingen und das vierte Wort reimt sich irgendwie auf das dritte Wort, Seitenwechel, mit dem letzen Wort beginnt wieder eine Reimreihe, deren letztes Wort sich wieder auf das dritte Wort reimt usw..

Zeit ist ins Land gegangen, neue Bilderbuchprojekte und Lehraufträge folgten und nun hat Nadia Budde, längst auf dem Markt etabliert, wieder nach dem alten und bewährten Erzählprinzip ein Reimbuch vorgelegt.

Im neuen Pappbilderbuch werden keine Tiere vorgeführt und mit Reimworten ausgestattet, sondern großäugige Gruselfiguren. Skurril und humorvoll reihen sich die Monster von Tarantel über Skelett bis Monster unter dem Bett aneinander. Riesen in unterschiedlicher Bekleidung, Skelette in witzigen T-Shirts, Vampire mit ihren Lieblingseinhörnern und Ungeheuer von damals, gestern und heute entpuppen sich als ganz normale Monster von nebenan.

Die am Computer entworfenen gruseligen Ungeheuer, die am liebsten vor sich hin grinsen, machen Kindern keine Angst, ganz im Gegenteil. Sie regen zum Dichten und Herumblödeln mit Kindern ein.

Wunderbar leicht reihen sich die Wortkaskaden in „Eins zwei drei Vampir“ aneinander und regen dazu an, erneut das Bilderbuch “Eins zwei drei Tier“ wieder aufzuschlagen.

All die Jahre

J. Courtney Sullivan: All die Jahre, Aus dem Englischen von Henriette Heise, Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, München 2018, 464 Seiten, €22,00, 978-3-552-06366-2

„ Ihr Leben lang hatte ihre Schwester sie zähmen wollen, hatte versucht, sie für die Welt zurechtzumachen. Nora hatte einen dummen Mann geheiratet, den sie nicht liebte. Wieso machte die Tatsache seiner Existenz aus ihr eine bessere Mutter, als Theresa es für ihren Sohn war?“

Ende der 1950er Jahre reisen die beiden Schwestern, Nora ist einundzwanzig und Theresa siebzehn von Irland in die USA. Früh haben sie ihre Mutter verloren und so kümmerte sich Nora immer um die lebensfrohe, ja fast wilde Theresa, die einen hellen Verstand hat. Sie hofft, in Amerika eine gute Ausbildung zu bekommen. Für Nora jedoch bedeutet die Ausreise die Heirat mit Charlie, ihrem ehemaligen Nachbarn. Beide Mädchen arbeiten sofort nach ihrer Ankunft in Boston in einer Strickfabrik, Theresa macht Abendkurse und geht mit Begeisterung tanzen. Nora bereut ihr Vorhaben, den albernen Charlie, den sie nicht liebt, zu heiraten. Aber dann wird Theresa schwanger, bekommt ihr Kind bei den Nonnen und Nora muss wieder Verantwortung übernehmen. Sie heiratet, täuscht mit ihrer Kleidung eine Schwangerschaft vor und nimmt Theresas Kind zu sich.
Patrick ist ein Schreibaby und fordert alle Aufmerksamkeit ein. Theresa weiß längst, dass der Kindesvater verheiratet ist und selbst ein Baby hat. Im Streit mit Nora verlässt Theresa ihren Sohn und hofft auf eine mögliche Eigenständigkeit in der Zukunft, um ihr Kind letztendlich doch zu sich zu nehmen.

In der Rahmenhandlung des Romans, der zum Teil im Jahr 2009 spielt, erzählt J. Courtney Sullivan von Patrick, der mit fünfzig Jahren alkoholisiert mit dem Auto gegen eine Mauer fährt. Immer hat sich Nora um Patrick, ihren Lieblingssohn, am meisten gegrämt. Ihre eigenen Kinder, John, Britney und Brian, haben nie verstanden, warum die so strenge Mutter den so aus der Art geschlagenen Patrick so sehr umsorgt hat. Immer wurde bei den Raffertys alles unter den Teppich gekehrt. Nie gab es gute Gespräche, immer ging es nur ums Sparen, was die Leute sagen und die Angst der sorgenvollen Mutter.
Als Nora ihre Schwester, die nun fast fünfzig Jahre im Kloster in Vermont lebt, anruft, um ihr zu mitzuteilen, dass ihr Sohn tot ist, weiß niemand in der Familie von diesem Geheimnis. Mag Patrick etwas gemerkt haben, so wird nicht klar, was er wirklich wusste.
Bedrückend ist das Schweigen in der Familie. Nie hat sich John mit seinem älteren Bruder verstanden, nie ist zu Nora durchgedrungen, dass ihre Tochter Bridget lesbisch ist und was in ihrem jüngsten Sohn Brian, der eine tragische Sportlerkarriere hinter sich hat und nun wieder bei der Mutter lebt, vorgeht, bleibt ihr verschlossen.
Zwischen den Schwestern wird es kein klärendes Gespräch geben. Im Ausklang des Romans deutet es sich an, aber man weiß es nicht. Für Nora, die alle Bürden auf sich genommen hat, hat sich Theresa eigennützig aus dem Staub gemacht und in den tröstenden Schoß der Kirche begeben. Sie hat sie mit all ihren Problemen allein gelassen. Auch wenn die Iren in den Familien zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen, so bleibt Nora, die sich um alle noch so fernen Verwandten sorgt und kümmert und niemanden an sich heranlässt, völlig allein.

J. Courtney Sullivans Thema ist immer die Familie und ihre Verwerfungen. Der Reiz der Lektüre besteht zum einen in der unterhaltsamen wie lebensnahen Darstellung der einzelnen Familienmitglieder und ihrer Geschichten. Es geht ums Auswandern, aber auch enge gesellschaftlich-moralische Zwänge in der irischen Community in den 1960er Jahren. Zum anderen blickt der Leser in den gegenwärtigen Alltag der Kinder von Nora, die ehrlich befreit ihr aktives Leben führen können und doch immer wieder auf Widerstand in der eigenen Familie stoßen. So hat John mit seiner Frau Julia ein chinesisches Kind adoptiert. Nora ist der festen Meinung, man müsse Maeve nie sagen, woher sie eigentlich stamme. Bridget möchte mit ihrer bildschönen Freundin Natalie ein Baby per Samenspende austragen, wagt es aber nicht, der Mutter davon zu erzählen. Dass Patrick zeitweilig der beste Kunde in seiner eigenen Bar war, ist kein Geheimnis. Er ist in dieser Familiengeschichte, die schillerndste Figur, der als widersprüchlicher Charakter kaum zu fassen ist.
Wie immer schreibt J. Coutney Sullivan berührend ohne je sentimental zu werden und wählt die unterschiedlichsten Erzählperspektiven, um ihren Figuren und deren Lebenswegen nah zu sein.

Lied der Weite

Kent Haruf: Lied der Weite, Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 384 Seiten, €24,00, 978-3-257-07017-0

„Also, sagte Harold. Ich weiß, wie ich drüber denke. Was meinst du, was wir mit ihr machen sollen? Wir nehmen sie auf, sagte Raymond.“

Klar sind die Worte der Figuren in Kent Harufs Roman aus dem Jahr 1999, klar und unmissverständlich. Wenn die beiden alten, raubeinigen Junggesellen Harold und Raymond McPheron, die weit vom Ort entfernt auf ihrer Ranch leben, etwas sagen, dann ist das wie in Stein gemeißelt. Sie nehmen das siebzehnjährige schwangere Mädchen, das von ihrer hartherzigen Mutter vor die Tür gesetzt wurde, auf. Als die Lehrerin Maggie Jones mit ihrem Ansinnen bei den beiden Kuhbauern vor der Tür steht, erstarren diese zuerst zu Salzsäulen. Nicht der Gedanke, was mögen die anderen im Ort Holt, eine fiktive Stadt östlich der Rocky Mountains, denken, bewegt die beiden, sondern die Frage, können sie mit einer jungen Frau und ihrem Baby umgehen.

Viktoria spürt die Unsicherheit der alten Männer, sie leidet unter ihrer Schweigsamkeit und findet doch einen Weg, um mit ihnen klarzukommen. Als dann aber Dwayne, der attraktive Kindesvater, der sich vor vielen Monaten einfach so aus dem Staub gemacht hatte, auftaucht, folgt sie ihm ohne sich umzusehen. In der kleinen Wohnung in Denver jedoch fühlt sie sich nicht Zuhause. Sie ist einsam, wenn Dwayne in die Fabrik fährt. Sie verabscheut die Partys mit ihrem Drogen- und Alkoholkonsum, die Dwayne so liebt und sie empfindet nichts mehr für ihre große Liebe, die der Realität nicht standhält.

Parallel zu der Geschichte um die schwangere Victoria erzählt Kent Haruf unaufgeregt und mit Lakonie von weiteren Personen aus Holt. Da ist der Lehrer Tom Guthrie, der von seiner Frau Ella, die es fort zieht, schon lang allein gelassen wurde, und nun mit seinen kleinen Söhnen Ike und Bobby den Alltag bestehen muss. Drangsaliert wird Tom von den Eltern eines widerwärtigen Schülers, der einfach nur faul glaubt als guter Basketballspieler im Schulalltag durchzukommen. Tom muss sich beschimpfen lassen und er muss erfahren, wie sich der miese Schüler an seinen kleinen Söhnen rächt.

Drastisch offenbart Kent Haruf sexuelle Erfahrungen, die Kinder wie Jugendliche durchleben. Er berichtet von einsamen Menschen, von zerrütteten Ehen, von unverschämten, ungebildeten Farmern, die wenig Achtung vor anderen Menschen empfinden.
Richtig Sorgen jedoch machen sich die beiden McPherons, die glücklich sind als Victoria aus Denver zurückkehrt und sich auch nicht nach der Geburt von Dwayne überreden lässt, ihren Heimatort zu verlassen.

Der amerikanische Autor Kent Haruf ist immer ganz nah an seinen Figuren, er vermag es unterhaltsam und dialogreich, ohne zu psychologisieren und zugleich einfühlsam, vom einfachen Leben der Menschen auf dem Land zu berichten. Bodenständig und ohne moralische Scheuklappen helfen die einen, selbstgefällig und dümmlich versuchen die anderen, ihre Interessen durchzudrücken. Es ist der Minikosmos, der im Kleinen das große Ganze spiegelt und zum Nachdenken anregt. Wie würden wir uns verhalten, wo wären die Grenzen des Erträglichen erreicht? Antworten werden nicht geliefert, aber Fragen aufgeworfen.

Die Eishexe

Camilla Läckberg: Die Eishexe, Aus dem Schwedischen von Katrin Frey, List Verlag, Berlin 2018, Seiten, 745 Seiten, €22,00, 978-3-471-35107-9

„Sie war dreizehn Jahre alt, und ihr Leben war vorbei, bevor es angefangen hatte. Es war alles eine Lüge. Manchmal sehnte sie sich nach der Wahrheit, aber sie wusste, dass ihr diese niemals über die Lippen kommen würde. Dafür war sie zu überwältigend. Sie hatte alles zerstört.“

Alles beginnt mit einem schrecklichen Mord in dem kleinen Ort Fjällbacka. Die vierjährige Nea, eigentlich Linnea Berg, wird nach einen überwältigenden Suchaktion am Waldsee gefunden. Bereits vor dreißig Jahren wurde hier die vierjährige Stella von dem gleichen Mann tot entdeckt, der nun auch Nea aufspürte. Damals gestanden die dreizehnjährige Marie und ihre Freundin Helen den Mord an Stella, widerriefen aber die grausige Tat nach gut einer Woche. Da nicht schuldfähig, steckte das Jugendamt Marie in eine Pflegefamilien und Helen durfte nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Familie zurück. Mit achtzehn Jahren heiratet sie einen Freund der Familie, James, einen Blauhelmsoldaten, der vom Alter her ihr Vater sein könnte und sie zieht sogar in ihren Heimatort zurück. Marie wird Schauspielerin in Hollywood und dreht genau jetzt in Fjällbacka einen Film über Ingrid Bergmann. Marie ist ungewollt schwanger geworden und ihre Tochter Jessie, jetzt dreizehn Jahre alt, freundet sich ausgerechnet mit Helens Sohn Sam an. Sanna, die Schwester der kleinen Stella, hat ebenfalls eine Tochter, Vendela. Diese mobbt mit ihren Freunden Basse und Nils Sam in der Schule.
In der Nähe des Ortes wurde eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet. Karim, er hatte als Journalist in Syrien gearbeitet, wohnt mit seiner Familie in einem kleinen Häuschen. Zwar leben die Flüchtlinge in Sicherheit, ihren inneren Frieden jedoch finden sie nicht, denn sie spüren die Ablehnung und den Hass der schwedischen Bevölkerung.

Erica Falck, die bekannte Schriftstellerin und ihr Mann, der Polizist Patrik Hedström, stehen in Folge 10 dieser Reihe nicht wie sonst im Mittelpunkt der Handlung. Zwar arbeitet Erica an einem Buch, noch einer von zu vielen Zufällen in der Handlungsführung in diesem Roman, über den Mord an Stelle im Jahre 1985, aber sie ist nicht so in den Fall involviert wie sonst. Sie muss sich um ihre Zwillinge und Maja kümmern und bemerkt doch immer wieder, dass sie nicht die gute Mutter ist, die sie eigentlich sein möchte. Patrik ermittelt und muss wie schon oft die Fehler seines Vorgesetzten Mellberg ausbügeln. Die Handlung dieses Romans spaltet sich in viele verschiedene Konflikte auf, zum einen sind dort die beiden Kindsmorde. Der an Stella bleibt aktuell, weil der damalige Ermittler Leif Hermansson an der Schuld von Marie und Helen zweifelte, allerdings bereits aus dem Leben durch Selbstmord schied. Erica wird herausfinden, dass Leif ermordet wurde.
Zum anderen geraten die Flüchtlinge durch den Zorn der Rassisten und eine dumpfe Falle ins Visier der Polizei. Das Haus von Kamir wird angezündet und seine Frau kommt in den Flammen zu Tode.
Noch eine Mordermittlung. Dann beobachtet der Leser mit zunehmendem Unbehagen die hinterhältigen, fiesen Attacken der Jugendlichen über Snapchat, die auf Sam und Jessie zielen. Die Rache der beiden Außenseiter Sam und Jessie dagegen wird grausam sein. Und zu all diesen Handlungssträngen baut die schwedische Autorin dann noch einen Blick zurück in die Jahre 1671 und 1672, in denen durch einen Schwesternzwist zwischen Britta und Elin, die ebenfalls eine vierjährige Tochter hat, ein Hexenprozess in Gang gerät.

Die wohl erfolgreichste schwedische Autorin, nach Aussagen des Verlages, versucht viele angedeutete Konflikte psychologisch zu untermauern, z.B. die Sehnsucht von Sam, der sich aus Protest schminkt und einfach nur gut schießen kann, von seinem Vater anerkannt zu werden, die Einsamkeit von Jessie, deren egozentrische Mutter nur ihre Schauspielerinnenkarriere im Kopf hat oder den seelischen Zustand von Helen, die abgemagert in ihren täglichen Läufen den Erinnerung davonrennt. Camilla Läckberg versucht zu viele Themen in diesem zugegeben voluminösen Band unterzubringen, den historischen Hexenprozess, die Flüchtlingskrise, den Missbrauch der sozialen Medien, Kindsmorde und Massenmord durch Amoklauf und dazu noch viele persönliche Konflikte der allzu bekannten Figuren der Krimireihe.

Leider wirken die Szenen, die sich mit der Lage der Flüchtlinge auseinandersetzen zu eindimensional und voller Klischees und nicht nur diese. Mag Karim in seiner Heimat unter Folter andere Menschen verraten haben, bleibt er doch mit der Familie in Schweden das Opfer eines Mobs, der gegen die sogenannten „Gutmenschen“ agiert. Zu viele handelnde Figuren, denen zu viele Zufälle passieren und die in zu viele extreme Konflikte verwickelt sind, bevölkern auf gut 750 Seiten die Handlung, die am Ende auf eine Katastrophe zurast.
Wer Fan dieser Reihe um Erica und Patrik ist, wird sicher bis zum Ende aushalten, zumal auch Ericas Schwester Anna wieder einen Cliffhanger liefert und auch Martin, ein Kollege von Patrik eine neue Liebe kennenlernt.

Wachtraum

Susanne Scholl: Wachtraum, Residenz Verlag, Wien 2017, 219 Seiten, €22,00, 978-3-7017-1681-4

„Wie man jede nur erdenkliche Ausrede gefunden hatte, um die Juden zu Halsabschneidern und insgesamt verlogenen, widerlichen Figuren zu degradieren. Natürlich sagte sie sich als erwachsene Historikerin, dass man das nicht mit dem Heute vergleichen dürfe. Aber es fiel ihr neuerdings immer schwerer, die Vorfälle des Jetzt von denen des Damals zu trennen.“

Als Kind führt Lea ein unbeschwertes Leben in Wien. Je älter sie wird, um so mehr verkehrt sich dieses Lebensgefühl in Hass, Hass auf die Menschen und auch auf die eigene Hilflosigkeit, mit der sie vor den Trümmern ihrer Familie steht. Aus verschiedenen Perspektiven blättert die Autorin Susanne Scholl die Geschichte der jüdischen Familie von Lea auf. Betrachtet werden die Erlebnisse von Fritzi, Leas Mutter, von Lea, von Simon, Mimi und Harry, die Kinder von Lea und Albert, von Hanna, Malvine, Fritzis Freundinnen und von Leas Träumen.

Fritzi, eigentlich Friederike, bestimmt mal mehr mal weniger Leas Entwicklung. Sie scheint eine fröhliche, manchmal exzentrische und dann wieder völlig verängstigte, depressive Frau zu sein. Sie erzählt ihrer Tochter die „Gruselgeschichten“, die alle einen wahren Hintergrund haben. Als Jugendliche konnten Fritzi und ihre Schwester Lollo nach England reisen, zum einen um der Hitlerdiktatur zu entfliehen, zum anderen um dort als billige Arbeitskräfte tätig zu werden. Die Schwestern ahnen nicht, dass sie ihre Eltern nie wieder sehen werden. Mit Theo kehrt Fritzi nach Wien zurück, bekommt Lea und muss nun mit dieser Vergangenheit, all den Erinnerungen und Verlusten, die so gern totgeschwiegen werden, klarkommen. Lea hört den Frauen, auch Erna, die eine eintätowierte Nummer auf ihrem Unterarm trägt, zu und beschließt Geschichte zu studieren.
Geschichten um Geschichten werden über Menschen berichtet, die unsägliches Leid durch die Judenverfolgung erlebt haben. Die Folgen dieser brutalen Eingriffe in Familien, Freundschaften und Liebesbeziehungen sind oftmals Depressionen, Vereinsamung oder auch Suizid.

Lea und Albert finden sich und gründen eine Familie. Fritzi lamentiert, Mutter und Tochter streiten sich heftig, um dann schnell wieder per Telefon den Familienfrieden herzustellen, als Lea drei Kinder bekommt. Simon, Mimi und Harry entwickeln sich in völlig unterschiedliche Richtungen, werden Manager, Ärztin und Lehrer oder später Fotograf. Sie spüren die Ängste der Mutter und Großmutter und mischen sich, außer Simon, der zum Außenseiter in der Familie wird, in die tagesaktuelle Flüchtlingskrise ein. Lea arbeitet indes an ihrer Dissertation über die Frauen beim Aufstand im Warschauer Ghetto.
Mimi verliebt sich in den Afghanen Farid, den Lea in ihr Herz schließt und den der oftmals wortkarge Albert mit Skepsis betrachtet. Farid wird nach sieben Jahren, sein Aufenthaltsstatus ist ungeklärt, abgeschoben. Auch wenn Mimi alles versucht, um Farid zu heiraten, scheitert dies in Europa und in Afghanistan.
Simon, der nun eine große Familie in Deutschland hat, leider mag niemand seine Frau Gerlinde, will in die USA gehen. Mimi wird im Sudan arbeiten und Harry, der so innig geliebte Sohn von Lea, lebt als Fotograf in Paris. Ihn kann die Mutter, hier wird sie Fritzi immer ähnlicher, einfach nicht loslassen, zum Ärger von Albert, der so hoffte, dass Harry nach seinem Mathematikstudium als Lehrer arbeiten wird. Als Harry von einem Musikkonzert im Bataclan berichtet, ahnt der Leser, was geschehen wird.

Die Handlungen wandeln zeitlich zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dabei überfrachtet Susanne Scholl ihre bedrückende Familiengeschichte, die sich über ein Jahrhundert hinzieht, mit allzu vielen tragischen Frauen- wie Männerschicksalen, ob nun in Europa oder Asien. Dem „Zeitgeist“ folgend werden Juden in der Nazizeit wie Vieh hingeschlachtet, Flüchtlinge heute diffamiert und zu Kriminellen abgestempelt. Durch die individuellen Personen, wie Hanna, Malvina, Farid oder Harry und deren tragische Lebensgeschichten, die die österreichische Autorin schildert, berührt sie den Leser, differenziert gängige Ansichten und wühlt ihn auf, wenn er sich darauf einlässt. Stellenweise kann man einfach nicht mehr weiterlesen, da die geballte Fülle an Tragik nicht auszuhalten ist.
Am Ende wird Lea, der alles viel zu nah gekommen ist, ohne Rückhalt dastehen und nicht mehr wissen, wohin sie eigentlich gehört.

Little Santa – Der kleine Weihnachtsmann

Yoko Maruyama: Little Santa – Der kleine Weihnachtsmann, minedition, Zürich 2017, 32 Seiten, €14,95, 978-3-86566-317-7

„Ich habe ein kleines Geheimnis: Mein Vater ist der Weihnachtsmann. Der echte Weihnachtsmann.“

Super, denken bestimmt viele, der hat es gut. Im Garten spielen das ganze Jahr die Rentiere und das Haus ist voller Spielsachen. Doch am Heiligen Abend sind die Räume leer und niemand zu Hause, kein Papa, denn er muss ja auf der ganzen Welt die Geschenke verteilen. Und so sieht man den Sohn des Weihnachtsmannes an einem großen Tisch ganz allein sitzen.
In diesem Jahr möchte der kleine Junge, der diese Geschichte auch erzählt, unbedingt den Weihnachtsabend mit dem Vater gemeinsam verbringen. Doch dann geschieht ein Unglück und der Weihnachtsmann verstaucht sich den Fuß und sein Sohn muss einspringen. Kein Weihnachtsmannkostüm passt ihm, aber das ist doch gar nicht so wichtig. Auf jeden Fall reist der kleine Weihnachtsmann nun mit dem riesigen Schlitten und den Rentieren, die den Weg zum Glück kennen, zu den Kindern.

Minimalistisch und nur auf das Kind und den Weihnachtsgedanken konzentriert zeichnet Yoko Maruyama stimmungsvolle Landschaften, durch die der Schlitten rauscht. In der Stadt angekommen, erkennt der Junge, wie anstrengend diese Nachtarbeit ist. Und dann, als fast alles getan ist, stößt der Junge doch an seine Grenzen. Aber da ist Papa mit krankem Fuß an seiner Seite und alles wird gut.

Wunderbares Bilderbuch für die Festtage, an denen das Zusammensein wichtiger ist als alles andere.

Bikos letzter Tag

Saskia Hula, Eva Muszynski ( Ill.): Bikos letzter Tag, Klett Kinderbuch, Leipzig 2017, 32 Seiten, €14,00, 978-3-95470-164-3

„ Und dann kam Herrchen zu ihm
und legte ihm den Arm um den Hals.
Und mit dem Arm seine ganze Traurigkeit.“

Nicht alle Bilderbuchgeschichten erzählen von fröhlichen und unbeschwerten Tagen mit den Haustieren, die die Kinder lieben. In Sasia Hulas Erzählung über den alten Hund Biko dreht sich alles um Verlust, Schmerz und das traurige Ende einer Beziehung zwischen Mensch und Tier. Und es werden sicher Tränen fließen, wenn kleine Leser Seite um Seite verstehen, dass Biko nicht so wie früher durch die Gegend springen kann und nicht mehr der große Aufpasser sein kann. Als Biko noch jung war, spielte er mit dem Vater der Familie, bei dem er nun wohnt. Er liebt die Kinder seines Herrchens und ist ihr Beschützer. Aber jetzt möchte er lieber auf seiner dicken Decke liegen und schlafen, denn die Beine und alle Knochen tun ihm weh. Der Leser ahnt der Abschied ist nah.

In den Zeichnungen von Eva Muszynski spiegeln sich alle Gefühle und Empfindungen des alten Hundes, der ein Gesicht wie ein alter Mann hat. Qualvoll ist auch die Trauer des Vaters anzusehen, der seinen Hund von klein an kennt. Er und sein älterer Sohn umarmen Biko beim Tierarzt zum letzten Mal und man sieht den Vater nur von hinten. An seiner Körperhaltung ist der ganze Schmerz zu erkennen.
Die Familie, und das spürt der Hund, entbindet ihn seiner Verantwortung. Sie werden jetzt aufeinander aufpassen und ihn in bester Erinnerung behalten.

„Denn wenn es wirklich so war,
dann konnte Biko endlich schlafen.
Ganz lang.“

Der stille Schlaf als friedliche Erlösung von allen qualvollen Schmerzen ist ein wunderbarer Trost für alle, die sich von ihren Tieren verabschieden müssen. Auch wenn Biko nichts sagen, kaum noch hören kann, weiß er immer, was die anderen ihm vermitteln wollen.
Warm und beruhigend sind die Farben, in denen die Illustratorin diese Geschichte bebildert hat, sparsam und eindringlich die Worte, die Saskia Hula gefunden hat, um von Biko zu erzählen.

Wie ein springender Delfin

Mark Lowery: Wie ein springender Delfin, Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2017, 219 Seiten, €12,99, 978-3-499-21775-3

„Das ganze ist ein totales Desaster. Ich hab bloß versucht, das Richtige zu tun, und jetzt ist alles kaputt. Was hab ich getan? Meine Schultern zittern, meine Finger graben sich in meine Augen, und ich fang an zu schluchzen.“

Charlie ist das Sorgenkind der Familie, das Frühchen, das fünfzehn Wochen eher auf die Welt gekommen ist. Immer wieder hing sein Leben an einem seidenen Faden, immer wieder hat er sich wie durch ein Wunder durchgekämpft und nun sorgen sich alle um ihn. Aber Charlie ist trotz Lernproblemen und Hyperaktivität eine Frohnatur, voller Charme und Witz. Martin, sein drei Jahre älterer Bruder, liebt ihn sehr und wenn Charlie froh ist, dann ist er es auch. Am glücklichsten war Charlie als er während eines Urlaubes einen Delfin in der Bucht von St. Bernards in Cornwall gesehen hat. Lang hatte die Familie für diesen Urlaub gespart.

Und nun, gute vierzehn Monate später, sind Charlie und der dreizehnjährige Marty erneut auf dem Weg zum Delfin, allerdings ohne Wissen der Eltern. Weit ist der Weg bis nach Cornwall, mehrmals müssen die Jungen umsteigen und dabei kann Marty nur eine Fahrkarte für sich selbst kaufen, da er wie seine Familie nicht viel Geld hat. Aber noch einmal soll Charlie seinen Delfin sehen und dieses Gefühl von Freiheit spüren.
Doch im Laufe der Reise geht so einiges schief und immer wenn Charlie um einen Keks aus der Dose bittet, vertröstet Marty ihn auf die Ankunft. Zwischendurch schreibt er sehr persönliche Gedichte in sein grünes Heft, das ein Lehrer ihm geschenkt hat.
Und dann trifft Marty ein Mädchen mit seltsamen Utensilien und blauen Haaren. Sie, die eigentlich niemandem mehr vertrauen wollte, schließt sich Marty an und bemerkt, dass er ein Geheimnis hütet. Bereits mehrmals wurde Martys Namen über den Bordfunk des Zuges ausgerufen, doch warum nur sein Name? Und was befindet sich wirklich in der Keksdose?

Marty hat sich zu dieser Abschiedstour mit seinem Bruder, dessen Stimme er in seinem Inneren immer noch hört, entschieden.
Während der Lektüre fragt man sich, warum Marty sich auf diese elend lange Fahrt mit dem hippeligen Bruder, der manchmal nicht zu bändigen ist, überhaupt einlässt. Er liebt ihn und er ist nie eine Last für ihn, das spricht für Marty, der mit seiner Reise auch ein Ziel verfolgt. Er hofft, dass die Eltern ihm nachreisen und einiges geklärt wird.
Dieser Roman vermittelt dem Leser Geheimnisse, aber auch wie es ist, um einen Menschen zu trauern.

Mark Lowry hat einen berührenden Roman geschrieben, dessen Geschichte den Leser lang nicht löslässt.