Liebe ist die beste Therapie

John Jay Osborne: Liebe ist die beste Therapie, Aus dem Amerikanischen von Jenny Merling, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 288 Seiten, €22,00, 978-3-257-07043-9

„Steve meinte, er hinge an Charlotte. Für sie war er eine Option. Die beiden mussten noch eine ganze Menge darüber lernen, wie man über Liebe spricht, ging Sandy durch den Kopf. Aber sie versuchten es wenigstens.“

Da sitzen die beiden nun in der Paartherapie bei Sandy in San Francisco und wissen an manchen Tagen eigentlich gar nicht so genau, was sie hier eigentlich sollen. Als herauskam, dass Steve nicht nur einmal eine Affäre hatte, setzte ihn Charlotte einfach vor die Tür. Allerdings hat das Paar zwei Kinder, Chris geht in die erste Klasse und Liv in den Kindergarten. Das Haus wurde verkauft und Charlotte lebt nun mit den Kindern in einer Wohnung. Steve hat eine kleine Wohnung bezogen. Beide haben hart um ihre beruflichen Positionen gerungen, wobei Charlotte mit ihrem Anstellung bei der Universität finanziell nicht so gut dasteht. Die Therapeutin Sandy beobachtet die beiden und ihre innere Stimme kann der Leser genauso vernehmen wie die Streitereien des Ehepaares.

In den Gesprächsanalysen, die darauf zielen, die Verstimmungen zwischen den beiden aus dem Weg zu räumen, um Klarheit über eine Scheidung oder keine Scheidung zu schaffen, kommt heraus, dass Charlotte tief gekränkt ist. Steve entschuldigt sich und kann doch nichts ändern.
Charlotte hat sich einen männlichen Tröster gesucht, der allerdings weit weg wohnt und auch noch verheiratet ist. Streitpunkt des Paares sind immer wieder die Kinder, für die Steve sich einfach keine Zeit nimmt und auch keine Verantwortung, laut Charlotte, übernehmen will.
Als er dann aber sein Angeberauto gegen ein Familienauto tauscht und dann auch andere Besuchsregelungen vorschlägt, ist Charlotte überfordert. Steve reduziert seine Arbeitsstunden, beginnt einen privaten Kochkurs bei der attraktiven Gabriella.
Zu gern möchte Charlotte aus Steve einen besseren Menschen machen und ist dann sauer, wenn sie glaubt, es erreicht zu haben und dann schnappt ihn sich eine andere Frau.

Doch wie kann man jemanden wirklich verändern? Wie unglaublich egoistisch sind Paare, die ihre Kämpfe über die Kinder austragen? Wie schwer ist es, sich dem Partner ehrlich zu öffnen?

Charlotte schiebt ihre Gefühle, so hat sie es gelernt, immer beiseite, zeigt sie nie. Sie pocht auf ihre Rechte und bringt die Therapeutin an den Rand des Wahnsinns, denn sie weiß nicht, was Charlotte eigentlich einklagen will. Steve ist ein Mensch, der es gewohnt ist, immer im Mittelpunkt zu stehen und auch hier scheiden sich die Geister.

Verletzungen, Schuldgefühle, Nervenzusammenbrüche, Hass und auch Liebe – alle diese Gefühle tauchen in den Paargesprächen auf. Charlotte will keine Patchworkfamilie, aber sie will auch, dass Steve leidet.
Alle Höhen und Tiefen in einer Paarbeziehung mit Kindern durchleben Charlotte und Steve gemeinsam mit Sandy, die mit den Konflikten der beiden mal konstruktiv, mal auch genervt umgeht. Mag die Ehe auf dem grünen Sessel im Raum dabeisitzen, ob sie für die beiden eine Option ist, bleibt offen. Auf einem guten Weg der Verständigung sind sie allemal.

Wer Kammerspiele und aufwühlende Ehegespräche mag, wird mit John Jay Osbornes Geschichte gut unterhalten.
Niemand erfindet hier etwas Neues und doch faszinieren immer wieder die altbekannten Konflikte und deren Lösungsansätze.

Zu kritisieren wäre der Titel, der wirklich kitschig klingt.

Helle Tage, helle Nächte

Hiltrud Baier: Helle Tage, helle Nächte, FISCHER Krüger Verlag, Frankfurt a.M. 2018, 351 Seiten, €20,00, 978-3-8105-3038-7



„Als Marie später zur Toilette gegangen war, hatte Anna den Zettel herausgefischt. Es war Petters Adresse in Jokkmokk gewesen. Schnell hatte sie den Zettel eingesteckt. So hatte alles begonnen.“

Anna ist die ruhige und vernünftige ältere Schwester von Marie, der wilden, lebensfrohen, die so gern lacht. Beider Mutter Ibba hatte ihr deutscher Vater in der Kriegszeit in Schweden kennengelernt. Ibba ist Samin und stammt aus Lappland. Schwanger folgt die Mutter dem Vater Richtung Süddeutschland und wird ihr Heimatland nie wiedersehen. Obwohl Annas Vater seine Frau sehr liebte, richtig glücklich ist sie in der neuen Umgebung trotz ihrer Kinder, Marie und Anna, nie geworden und schon früh verstorben.
Aus Annas Sicht, sie ist jetzt Anfang 70, also Jahre später, wird die Geschichte erzählt. Auch Marie kam früh bei einem Autounfall, als ihre Tochter Frederike zehn Jahre alt war, ums Leben. Ihr Mann Georg nahm sich das Leben und so wuchs die Kleine bei ihrer Tante Anna auf.
Jetzt ist Frederike einundfünfzig Jahre alt. Sie hat sich einen Kleinbus gekauft, in dem sie auch schlafen kann und bereist die Welt, denn ihre Ehe ist in die Brüche gegangen.
Auch aus ihrer Perspektive nimmt der Leser Anteil am Geschehen.

Anna stellt fest, dass sie schwer erkrankt ist und beschließt, einer lebenslangen Lüge ein Ende zu setzen. Sie schickt Frederike mit einem persönlichen Brief zu Petter Svakko hoch in den Süden von Schweden nach Jokkmokk in Lappland. Geheimnisvoll klingt alles, was Anna erzählt und doch kann sich Frederike keinen Reim auf diese ganze Geschichte machen. Im Briefumschlag an Petter steckt auch ein Brief an sie, was sie jedoch noch nicht weiß.
Spannend und zugleich mit einer ungeheuren Ruhe geschrieben liest sich dieser Roman, der stellenweise poetisch Land und Leute beschreibt, andererseits leider ins Kitschige abrutscht, wenn es heißt:

„Petters Augen und die Augen von Frederike blitzten, ja, sie sprühten vor Energie, und sie waren so tief wie die kristallklaren Seen der Berge Lapplands.“

Und doch, Hiltrud Baier erzählt von einer unerfüllten Liebe, in die zwei Menschen sich hineingesteigert haben. Für den einen war es das Tor zur Welt, für den anderen eine tiefe Sehnsucht, die sowieso nie erfüllt werden konnte. Fast alle Figuren in der Handlung befinden sich an einem Lebensabschnitt, an dem sie wissen, etwas Neues könnte beginnen oder alles könnte enden.

Der positive Ausklang sei trotz vieler Täuschungen vorweggenommen, denn die Reaktion Petters auf den Brief von Anna verblüfft nicht nur Frederike, sondern auch den Leser.

Drei Grazien

Petros Makaris: Drei Grazien, Ein Fall für Kostas Charitos, Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger, Diogenes Verlag, Zürich 2018, 359 Seiten, €24,00, 978-3-257-07041-5



„Die Täter sind keine Terroristen, sondern Nostalgiker, die sich die Vergangenheit zurückwünschen.“

Fast normal wirkt das Leben der Familie Charitos. Kostas und Adriani verleben wie immer im September ihren Urlaub, dieses Mal in der Gegend, wo Adriani aufgewachsen ist. Kontaktfreudig wie sie ist lernt Adriani drei Frauen in ihrem Alter, die schon lang in Pension sind, kennen. Sie verbringen unbeschwerte Tage zusammen, in denen Kostas den Chauffeur für die Frauen spielen darf. Da sich alle vier Frauen wirklich gut verstanden haben und viel zu sagen hatten, versprechen sich die Frauen nach dem Urlaub, sich auch in Athen wiederzusehen. Es wird zu regelmäßigen Treffen in Restaurants oder zu Hause kommen, die Kostas jedoch bald verdächtig vorkommen.

Als Kostas aus dem Urlaub wieder im Kommissariat auftaucht, teilt ihm sein Vorgesetzter und Kriminaldirektor Gikas mit, dass er frühzeitig in Pension gehen wird. Eine Überraschung, zumal Kostas und Gikas nicht gerade die besten Freunde waren, sich aber respektierten. Kostas übernimmt vorübergehend die Leitung und darf sich beim ersten Todesfall gleich mal mit dem Vizepolizeipräsidenten beim Minister einfinden. Der erste Tote, ein amtierender Minister namens Klearchos Rapsanis, ist mit einem Pflanzenschutzmittel ins Jenseits befördert worden. Nichts soll an die Öffentlichkeit gelangen, so die Verabredung. Auch Kostas will diesmal die Füße stillhalten, denn eine Beförderung wäre auch für die Haushaltskasse nicht zu verachten. Aber da wird schon ein Bekennerschreiben im Fernsehen veröffentlicht und alle Taktik ist dahin. Gierig und fettsüchtig war Rapsanis und hätte er die Torte, die eine junge Frau mit Motorrad für ihn abgegeben hat, testen lassen, wäre nichts geschehen. Aber der oder die Mörderin wusste von seiner Fettleibigkeit und seiner unbändigen Esslust. Deutlich wird mit dem Tod des Ministers, dass man es genau auf ihn abgesehen hat, weil er seine Hochschulkarriere und somit auch seine Studenten für das politische Amt im Stich gelassen hat. Doch im Gegensatz zu anderen Ländern lässt Rapsanis seine Arbeit an der Universität nur ruhen, andere müssen seine Lehrtätigkeit übernehmen und wenn er nicht mehr gewählt wird, kehrt er bequem auf seinen Posten zurück. Andere Dozenten und Professoren, so die Verfasser des Bekennerschreibens, hätte niemals für einen kurzen Ausflug in die Politik ihre Arbeit aufgegeben, um dann wieder im warmen Nest auf Kosten anderer zu landen. Angeklagt wird das griechische Universitätswesen, in dem nur noch Bürokraten verwalten, aber leidenschaftliche, fachlich profunde Lehre im Angesicht leerer Kassen nicht mehr stattfindet. Und so wird das nächste Opfer auch ein Staatssekretär sein, der ebenfalls seine Hochschule verlassen hat und das dritte Opfer ein Hochschullehrer, der ebenfalls politisch aktiv war, und nun auf seinen Posten zurückgekehrt ist.

Kostas und seine zwei neuen Kollegen stehen mächtig unter Druck, denn sie fischen im Trüben.
Kein Anhaltspunkt lässt sich festmachen, weder im Privatleben der Opfer, noch in ihrem beruflichen Umfeld.
Zwischendurch kauft sich Kostas wie immer seinen Mokka, telefoniert mit seiner Tochter und ist überglücklich, denn er wird demnächst Großvater.
Unsicher, ob es sich nicht doch um einen terroristischen Anschlag handelt oder nur eine kriminelle Vereinigung hinter all dem steckt, ermittelt Kostas in alle Richtungen. Mit Akribie haben die Täter die Eigenheiten ihrer Opfer studiert und sie in dem Moment erwischt, in dem niemand damit rechnen konnte.
Die kurzzeitigen Ausflüge der Professoren in die politischen Ämter, die man sich allerdings auch mit entsprechenden Freunden sichern muss, werden nun in Athen zur Gefahr, sollte Kostas nicht endlich die zündende Idee haben.

Petros Markaris gibt erst gar nicht vor, dass er eine raffinierte Handlung konstruiert. Er fängt das Alltagsleben der Menschen mit allen möglichen kritischen Seitenhieben in Richtung Moral, Arbeitsethos und Verantwortung ein und fährt und spaziert mit Kostas und seinen Lesern durch die griechische Hauptstadt.
Verfolgt man jedoch die tagesaktuellen Schlagzeilen, dann wird klar, wie vieles doch wirklich im Argen liegt. Das normale griechische Volk wird weiterhin von der Mangelwirtschaft gebeutelt, die Lebensbedingungen verbessern sich nicht und wer seine Wohnung in Athen halten kann, ist ein Glückspilz.

Launen der Zeit

Anne Tyler: Launen der Zeit, Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger, Kein & Aber Verlag, Zürich 2018, 303 Seiten, €22,00, 978-3-0369-5775-3

„ Ihre ganze Kindheit hindurch, hatte sie sich wie eine wachsame, ständig angespannte Erwachsene im Körper eines kleinen Mädchens gefühlt – während es ihr paradoxerweise jetzt gelegentlich so vorkam, als würde hinter ihrem Erwachsenengesicht ein etwa elfjähriges Kind auf die Welt hinausblicken.“

Wenn etwas Willa, und zum Ende des Romans ist sie bereits sechzig Jahre alt, Angst einjagen kann, dann eine wütende Frau. Und das hat mit ihrer Kindheit zu tun. Anne Tyler erzählt zeitversetzt von Willa Drake, die mit ihren Eltern und ihrer Schwester Elaine 1967 in Pennsylvania lebt. Ständig streiten sich die Eltern. Der gutmütige Vater, den Willa sehr liebt, ist den Wutattacken seiner Frau ausgesetzt. Aber Willas Mutter macht auch nicht vor den Kindern halt. Wenn sie ausrastet, dann schlägt sich mit den Gegenständen, die ihr in die Finger kommen, auf die Mädchen ein. Ein Alptraum, besonders dann wenn die Mutter tagelang wegbleibt. Einsam und verunsichert bleibt die Familie zurück. Willa kümmert sich liebevoll um ihre kleine Schwester, auch wenn sie selbst sich nach Geborgenheit und Sicherheit sehnt. Wenn die Mutter dann wieder auftaucht, scheint alles in Ordnung zu sein. Sie ist guter Dinge, singt und tut so als sei nichts geschehen. Mit dieser Unberechenbarkeit und dem Gefühl wirklich arm zu sein, kann Willa kaum umgehen.
Erzählt wird in vier Episoden vom Leben Willas zwischen 1967 und 2017.

Zehn Jahre später absolviert Willa in Illinois mit einem Vollstipendium ein Sprachenstudium. Derek, der unbeschwerte gut aussehende gut betuchte Junge aus Kalifornien hat sich in sie verliebt. Zum ersten Mal trifft er nun auf Willas Eltern und die unbeherrschte Mutter macht Willa die Hölle heiß, da sie heiraten will und somit ihre kostbare Selbstständigkeit aufgeben. Dabei hatte Willa mit dieser schnellen Verbindung zu Derek noch gehadert, denn eigentlich wollte sie ihre Studien beenden. Aber die verletzenden Worte der Mutter bewirken bei Willa eher einen inneren Aufruhr. Auch Elaine ist in ihrer pubertären Phase ein schwieriges Kind.

Das ist Anne Tylers große Stärke, sie erzählt vom ganz normalen Leben, von Familienkonstellationen, Müttern und Söhnen, Ehefrauen und Ehemännern, und lässt doch so vieles offen, dass der Leser mit seinen eigenen Ideen und Vorstellungen füllen kann.
Die Handlung setzt zwanzig Jahre später ein. Willa hat zwei Söhne bekommen, Sean und Ian, hadert mit dem ständig schönen Wetter in Kalifornien und erträgt Dereks aufbrausende wie rechthaberische Art. Diese verursacht dann auch den Autounfall, den er verschuldet und dabei zu Tode kommt. Willa überlebt die verhängnisvolle Fahrt und bleibt, zwar finanziell abgepolstert, aber ohne Lebensinhalt zurück. Sie wird wieder einen dominanten Mann heiraten, der sie aus ihrem vertrauten Umfeld reißt.

Der entscheidende Lebensabschnitt, der sie dazu bringen wird, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, beginnt spät, 2017. Willa sehnt sich nach Enkelkindern, aber ihre Söhne, die sich kaum melden und ihr auch irgendwie auch fremd geworden sind, gehen keine festen Verbindungen ein.
Und dann ruft sie eine gewisse Nachbarin von einer ehemaligen Freundin von Sean an und bittet sie um Hilfe. Denise wurde ins Bein geschossen und ihre neunjährige Tochter, sie ist nicht Seans Kind, braucht Betreuung. Ohne lang nachzudenken, sagt Willa ihre Hilfe zu und steigt ins Flugzeug. Ihr neuer Mann Peter kann sie nicht verstehen, reist aber mit. Beide gelangen in ein heruntergekommenes Haus bei Cheryl, dem leicht verfetteten, ziemlich einsamen, aber auch selbstbewussten Kind von Denise, das richtig gekochtes Essen kaum kennt. Willa fügt sich in die ungewohnte Umgebung, die Peter sofort verabscheut. Langsam entwickelt sich ein gutes Verhältnis zwischen Cheryl und Willa, die in dem Mädchen ab und zu auch sich selbst sieht. Freundlich sind die Nachbarn, kurios die Umstände. Denise ist nicht sonderlich sympathisch und doch findet Willa hier ihre Bestimmung und vielleicht auch eine Aufgabe. Und sie wagt eigene Schritte ohne Peter, der längst abgereist ist.

Zu gern folgt der Leser Willa auf ihrem Weg und hofft mit ihr, dass sie sich ihrer eigenen Fähigkeiten besinnt und selbst die Führung über ihr Leben übernimmt. Hat Willas Mutter ungebremst und voller Härte ihre Unzufriedenheit an ihrer Umgebung ausgelassen, so kanalisiert Elaine, die kaum ein gutes Verhältnis zu Willa hat, ihre Gefühle durch Schroffheit und Desinteresse.
In Willas Leben kann sich alles in verschiedenste Richtungen wenden, wie ein roter Faden jedoch zieht sich Gewalt durch einzelne Phasen.

Wie immer eine ergreifende Geschichte von Anne Tyler, intelligent, feinfühlig und wunderbar geschrieben.

Bretonische Geheimnisse

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Geheimnisse – Kommissar Dupins siebter Fall, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2018, 394 Seiten, €16,00, 978-3-462-05201-5

„Dupin war es selbstverständlich gewohnt, dass ihm während einer Mordermittlung nicht alle Menschen alles von sich aus erzählten, manche Dinge für sich behielten. Aber in diesem Fall war es schon jetzt extrem. Niemand sagte irgendetwas… Und alle waren irgendwie mit allen auf komplizierte Weise verbunden. Auf eine Weise, die Dupin unangenehm war.“

Kommissar Georges Dupin hat sich auf den Betriebsausflug mit seinen drei Mitarbeitern nicht gerade gefreut, zumal seine Lebensgefährtin mit unausgepackten Kisten auf ihn in der neuen Wohnung wartet. Aber was tut man nicht alles für die „Kollektivbildung“, man fährt ins Feenreich, denn nicht nur Großbritannien hat Anspruch auf die Artus-Sage, auch die Bretagne hält an dieser keltisch-bretonischen Legende fest. Bevor die Besichtigung der heiligen Stätten unter den fachkundigen Anleitung von Riwal beginnen kann, muss Dupin im Auftrag eines Pariser Kollegen schnell dem Artus-Kenner und Forscher Dr. Fabien Cadiou, der in der Nähe wohnt, einen dienstlichen Besuch abstatten. Keine gute Idee, denn der Wissenschaftler liegt erschossen in seinem Haus. Aus dem Betriebsausflug wird nun Ermittlungssache, denn Dupin soll auch im Auftrag von Paris den Fall übernehmen. Durch Cadious Tod besteht die Witwe von Gustave Laurent, ein enger Vertrauter von Cadiou, auf die Exhumierung des Leichnams ihres Mannes. Laurent ist der Bruder des Innenministers und ebenfalls Historiker. Die Frage ist: Wurde Laurent bei seinem wissenschaftlichen Aufenthalt in England ermordet oder war es wirklich ein Herzinfarkt?
Dupin und seine Mannschaft müssen sich nun mit äußerst schmallippigen Historikern auseinandersetzen, die sich alle mit der Artuslegende beschäftigen und sich in der Bretagne zu einem Symposium über die aktuellen Ausgrabungen zusammengefunden haben. Nach und nach geschehen nun Morde oder Mordanschläge und immer sind die Opfer Historiker. Dupin begegnen arrogante wie manische Akademiker, die untereinander in Konkurrenz stehen und nichts anderes kennen als ihre Arbeit. Allerdings sind einige unter ihnen familiär verbunden und auch wieder getrennt.

Behelfsweise macht sich Dupin Notizen auf der Citroën – Betriebsanleitung. So lernt er seinen Wagen, der leider schrottreif ist, so richtig kennen. Zu Dupins Kummer soll er ein nigelnagelneues technisch auf dem höchsten Stand befindliches Auto erhalten.

Den Fall erschwert, dass die Frau vom ersten Opfer, Cadiou, auch noch eine Firma gegründet hat, um aus dem Feenreich und den Mysterien rund um die Artuslegende einen Erlebnispark zu gestalten. Dafür gibt es natürlich Befürworter, die die Arbeitsplätze im Auge haben und erbitterte Gegner, die kein Disneyland in ihrer Umgebung dulden. Einer der Wissenschaftler, Paul Ricard, hatte sogar ein positives Gutachten erstellt. Auch er wird im Feenwald erstochen aufgefunden.

So nach und nach zieht Dupin, Nowells Recherchen unterstützen seine Arbeit erheblich, der illustren Akademikerrunde eine relevante Information nach der anderen aus der Nase und langsam schält sich ein Motiv heraus. So haben sich alle für eine hochdotierte Stelle an der Sorbonne am Institut für Artus-Forschung beworben. Und dann wurde auch noch ein wissenschaftlich bedeutender Text, der vor der Artus – Legende erschien, gestohlen. Wissen alle von dem bedeutenden Manuskript? Ahnen sie, was es für die Forschung bedeuten könnte?

Eins ist klar, der Täter befindet sich unter den Altphilologen und Althistorikern. Dupin wird ihn stellen und dann, wie verabredet, seine Kisten auspacken. Allerdings steht da ein lukratives Angebot höchstselbst aus Paris ins Haus. Wie wird sich Dupin entscheiden?

Wie immer unterhaltsam und spannend liest sich dieser Krimi mit sanft-herbem Bretagne-Flair und einem historisch interessanten Ausflug in die geheimnisumwitterte Artus-Welt.

Wenn’s weiter nichts ist

Allison Pearson: Wenn’s weiter nichts ist, Aus dem Englischen von Jörn Ingwersen, Wunderraum bei Goldmann Verlag, München 2018, 600 Seiten, €22,00, 978-3-336-54769-2

„Das mit Jack habe ich für mich behalten. Was gab es da schon zu erzählen? …. Außerdem wollte ich nicht, dass gleich der nächste Fremde in das Leben meiner Kinder trat, während ihr Vater um die Ecke mit Pippi Langstrumpf wohnte. In dieser Phase funktionierte ich nur mit Ach und Krach.“

Kate Reddy hat es bald geschafft. Sie ist so alt wie ein halbes Jahrhundert, sie übersteht dank Hormontherapie und chirurgischem Eingriff ihr Collegetreffen mit vier Kilo weniger Speck auf den Hüften und sie kann sagen, ich arbeite wieder in einem Londoner Büro. Wie es ihr jedoch dabei ergeht, das erfährt nur die Leserin ( Es ist wirklich nur ein dickes Buch für Frauen, sorry Männer.). Und wenn Allison Pearson eines kann, dann vom Alltagsleben einer Frau um die 50 mit trockenem Humor, Wortwitz und sich überschlagender Situationskomik erzählen, dass man beim Lesen oft laut auflacht. Sicher klingen auch dunkle Töne an, aber die gehören zum Familienleben nun mal dazu.

Dem Zeitgeist folgend beginnt die Geschichte auch gleich mit einem Paukenschlag in den sozialen Medien. Tochter Emily, zarte siebzehn Jahre, hat auf Bitten der Freundin Lizzy, ein Belfie von ihrem Hintern per Snapchat gesendet. Aber Lizzy hat, nur versehentlich versteht sich, das Foto bei Facebook verbreitet. Nur wenige Sekunden gibt es wieder ein Gleichgewicht in der Mutter und Tochter – Beziehung, indem Mutter tröstet und Kind getröstet werden möchte. Ansonsten ist die Stimmung zwischen Kate und Emily, deren tägliches Make-up-Tutorial auf Instagram vor der Schularbeit Vorrang hat, eher angespannt und hysterisch aufgeladen. Auch Ben, der 14-jährige Sohn von Kate und Richard, befindet sich in einer schwierigen Phase, in der nur die Playstation eine wirklich entscheidende spielt.

„Ich geb’s auf. Emily ist oben mit ihren Freundinnen, aber sie sprechen nicht miteinander. Ben ist hier unten und spricht mit Freunden, die gar nicht da sind. Sie sind sonst wo, am anderen Ende der Stadt. Die Kinder haben recht: Ich bin von gestern.“

Kate hat nun seit sieben Jahre nicht mehr in ihrem einst lukrativen Finanzjob gearbeitet und um wieder, was unbedingt sein muss, ins Arbeitsleben zurückzufinden, ist die Familie in die Nähe von London in ein 300 Jahre altes Haus gezogen. Richard, ihr Ehemann, hasst das Haus und den neuen Mitbewohner, den anhänglichen süßen Welpen Lenny. Sicher muss das handwerkliche polnische Allroundgenie Pjotr noch vieles bauen, u.a. eine richtige Küche, aber Kate ist zuversichtlich. Der Mut jedoch verlässt sie, wenn sie ihren Kontostand betrachtet. Richard hat seinen Architektenberuf aufgegeben und sich dazu entschieden, sich zwei Jahre unentgeltlich zum Krisenberater umschulen zu lassen. Außerdem macht er eine richtig teure Therapie, um mehr über sich zu erfahren und scheint sich weder für das Haus, noch die Kinder noch irgendetwas, außer sein Rennrad, seine Schulungen und seine neue Kollegin Joley, zu interessieren. Trotz diverser Achtsamkeitsseminare berührt es ihn nicht, dass sein Vater mit der dementen Mutter nicht mehr klarkommt. Nur Kate hat ein Ohr für den Schwiegervater und die kranke Barbara, die sie einst als Schwiegertochter aufgrund ihrer Herkunft eher verachtet hat, aber nun mit geklauten Kreditkarten in Baumärkte fährt, um Kettensägen zu kaufen. Warum Kate ihrem Ehemann all dies nachsieht, liegt vielleicht an ihrer eigenen desolaten Disposition. Sie ist mitten in den Wechseljahren und durchlebt alle Symptome, wie immer sie auch heißen. Sie schwitzt, sie kann nicht gut schlafen, sie hat Stimmungsschwankungen, ihre Gedächtnisleistung nimmt immer mehr ab und und und ….

Leider behauptet ihr Headhunter, dass sie für einen neuen Einstieg ins ernsthafte Arbeitsleben, Lebens- und auch Arbeitserfahrungen hin oder her, zu alt sei. Eine Frechheit, finden nicht nur Kates Freundinnen. Sie manipuliert ihren Lebenslauf und ergattert in ihrer alten Londoner Firma, einem Finanzdienstleister, der schon zweimal den Namen gewechselt hat, einen Job. Ihr Vorgesetzter ist nur ein dreißigjähriger Hipster oder auch „Milchbubi“, der in Kates Augen wenig Ahnung von seinen wahren Aufgaben hat. Aber sie ist in der Probezeit und nur eine Schwangerschaftsvertretung und muss zeigen, was sie als zweiundvierzigjährige Mitarbeiterin kann.

Minutiös arbeitet die englische Journalistin und Autorin Allison Pearson heraus, wie sich Frauen fühlen, die ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein verlieren, wenn sie als gleichberechtigte Partnerin einfach unter Qualifikation nach der Kinderpause arbeiten müssen. Immer geht es ums Geld verdienen, denn Kinder sind nun mal teuer, wenn man ihnen ein glückliches Leben bieten möchte. Kate kann Frauen, wie Lizzys Mutter nur verachten, die dank Geld und Ansehen ihres Mannes den Kopf hoch tragen und auf andere herabschauen. Nichts kann Emily davon überzeugen, dass Lizzy einfach mal eine unsympathische, wohlstandsverwöhnte Ziege ist. Und Kate möchte ihrer Tochter nicht den Stand in der Peergroup verderben.

Kates Arbeits- und Familienleben durchläuft nun Höhen und Tiefen und immer wieder erinnert sie sich an Szenen aus der Vergangenheit, die ihr gute – oder weniger angenehme Erinnerungsmomente verschaffen. Immerhin ist da ja auch noch Jack, der solvente einst wichtige Manager, der ihr einfach zu nah gekommen ist und den sie für die Familie aufgegeben hat.
Kaum befindet sich Kate wieder in London, erhält sie eine E-Mail von ihm.
Gut, dieser Roman ist eine Fiktion, eine unterhaltsame Fiktion von einer Frau, die nicht mehr jung aber auch nicht alt, ihr Leben meistert. Und natürlich wünscht man ihr für ihren Lebensweg einen anderen Mann als diesen lethargischen, egoistischen Richard.

Wirklichkeitsnah getroffen hat die englische Autorin den rasanten Einfall der modernen Medien ins Alltagsleben von Elterngenerationen, für die noch das Fernsehen eine fantastische Erfindung war. Wie sogenannte Freundinnen stutenbissig um sich schlagen, kennen Frauen von klein an. Eltern von Jungen im Teenageralter erkennen in Ben den typischen Vertreter. Wunderbar auch die Beobachtung, dass faule Kinder nicht faul sind, sondern an „Motivationsmangel“ leiden.

So könnte man viele Szenen hervorheben, die exzellent beobachtet, durch den Kakao gezogen werden und doch vom wahren Leben berichten.
Chick-Lit für die Generation 50+ – warum nicht?

Schöne Seelen und Komplizen

Julia Schoch: Schöne Seelen und Komplizen, Piper Verlag, München 2018, 313 Seiten, €20,00, 978-3-492-057738



„Ich spürte wieder, wie gut es tat, bei so einer großen Sache wie damals mit dabei gewesen zu sein. Manchmal fange ich nachträglich richtig zu schwitzen an bei dem Gedanken, ich hätte es verpassen können. In jedem Menschenleben gibt es wahrscheinlich nur ein wirkliches Großereignis.“

Julia Schoch hat eine faszinierende Versuchsanordnung gewählt, sie platzt mitten hinein in die Leben von verschiedenen Teenagern, die alle an die gleiche Potsdamer Schule gehen. Zyklisch, Jahr um Jahr, von 1989 bis 1992 stehen einzelne Szenen für sich, aber es gibt auch Querverbindungen zwischen den Mitschülern.

Es ist Sommer 1989, Lydia Gebauer, Stefanie Kuhn, Kati Viehweg, Franziska Stellmacher und die anderen genießen noch die Ferien oder arbeiten im Park von Sanssouci bevor wieder die Schule und die Abiturzeit an der Kollwitz beginnt. Sie sind sechzehn, siebzehn Jahre alt und berichten recht nüchtern davon, was jeder Jugendliche mit Freunden, den Eltern, der ersten Liebe, den Lehrern aber auch dem sozialistischen System durchlebt. Alexander Wagenthaler, der ganz gut zeichnen kann und eigentlich Geschichte studieren will, setzt sich mit seinem Lehrer auseinander, der ihn mit subtiler Überzeugungsarbeit zu einem längeren Dienst in der Armee überreden will und natürlich auf die Lehrerlaufbahn orientieren. Direktor Simizeck hält wie immer seine ellenlangen Propagandareden. Glauben die einen, alles wird für immer geregelt sein, Schule, Abitur, Studium, Arbeit, Rente, so hoffen die anderen auf Veränderung. In jedes individuelle Leben wird der Leser hineingezogen und er verlässt es auch wieder. Ein Faden wird aufgenommen, aber nicht immer zu Ende gesponnen. Vieles muss er sich puzzleartig zusammensetzen, sich selbst ein Bild von den jungen Erwachsenen machen, denn diese werden ohne Vorwarnung in einen gesellschaftlichen Umbruch hineingeraten. Aus der Perspektive der Jugendlichen wird nun erzählt, wie Mauerfall und Wende sich auf sie und die Erwachsenen, Eltern und Lehrer, auswirken. Direktor Simizeck verschwindet, Verunsicherung macht sich breit, Lehrer brechen im Unterricht zusammen, Schüler geben renitente Antworten, sind aber auch verunsichert.

„Andererseits kann die Viehweg ihre Klappe nicht halten. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt sie den alten Staat. Sie sagt, sie könne nicht verstehen, wie man sich freiwillig für die soziale Unsicherheit entscheiden kann.“

Setzt sich der Alltag der einen einfach fort, bewegt die anderen der Umbruch, die Angst vor der Zukunft, so verharren die anderen in ihren persönlichen ganz privaten Querelen. Alexanders Vater hat seine Stasiakte gelesen und bricht zusammen, ein Lehrer wird von einem LKW überfahren, die Schülerin Vivian Korbus versucht ihrem Leben ein Ende zu setzen. In Erinnerungen, Rückblenden und gegenwärtigen Beschreibungen fächert die Autorin die unterschiedlichen Schicksale auf und beenden sie auch wieder schlagartig. Türen öffnen sich und klappen wieder zu. Zum Ende hin signalisiert die Abiturfeier 1992, diese Generation wird in Freiheit ohne politische Gleichschaltung und propagandistische Drangsalierungen ihren Weg machen können.

Im zweiten Teil des Romans sind fünfundzwanzig Jahre vergangen und um ehrlich zu sein, wird er jetzt erst richtig interessant. Julia Schoch spürt nun den realistischen Lebenswegen der ehemaligen Schüler nach, die alle Mitte vierzig sind. Sie erzählen wie sie leben, was sie bewegt, wie sie die Welt sehen und vor allem, ob sie in der neuen Gesellschaft angekommen sind. Ihre Schule heißt nun Luisengymnasium, an dem Stefanie Kuhn als Lehrerin arbeitet. Sie organisiert ein Klassentreffen, zum dem allerdings nur sieben Ehemalige kommen. Wieder taucht der Leser nur kurzzeitig in die Lebensstationen der Protagonisten ein. Kati Viehweg arbeitet als Soziolinguistin und muss immer wieder erleben, wie wenig ihr alter Vater, der einst in der SED-Kreisleitung gearbeitet hat, sie ernst nimmt. Alexander Wagenthaler reist von einem Historikerkongress zum nächsten, hangelt sich von einem Projekt zum anderen und spürt die innere Distanz zur eigenen Arbeitssituation. Sind die einen weit fort von Potsdam wie Franziska, so sind andere aktiv, wie Rebekka oder desillusioniert wie Ruppert. Sie haben Familie und leben im Reihenhäuschen durch das Erbe der Großmutter, sie betrügen einander, sind geschieden und zutiefst unglücklich durch die Trennung von den Kindern. Sie ärgern sich über den fehlenden Gemeinschaftssinn oder sind die allergrößten Egoisten. Sie stoßen an berufliche und persönliche Grenzen und müssen diese aushalten. Die einen graben den Garten um, die anderen suchen sich ein amouröses Abenteuer, die anderen kämpfen um Sorgerechte und Alimente. Und Alexander sagt:

„Wenn ich meinen geistigen Zustand definieren sollte, würde ich sagen, ich lebe in ständiger Ungeduld und zugleich in großer Erschöpfung. Eine Art angeleintes Pferd, das sich wild galoppierend tiefer und tiefer in den Sand unter ihm arbeitet.“

Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 650 Seiten, €25,00, 978-3-257-06998-3

„Die Welt hatte keinen Platz für ihn.“

Der achtzehnjährige Ukrainer und Jude Boris Sidis kommt am 5. Oktober 1886 in der Neuen Welt an und wirft alles, was er hat, auch sein Geld, einfach fort. Frei sein will er und landet in Manhattan in der Hölle, denn Boris verfügt zwar über Sprachkenntnisse, kennt aber kein englisches Wort und hat nie körperlich hart gearbeitet. Schwer schuften muss er nun, um nicht unterzugehen und er muss viel einstecken. Aber Boris verblüfft den Leser durch seinen enormen Drang nach Bildung, aber auch seine kompromisslose, taktlose und vor allem direkte, ignorante wie ehrliche Art auf Menschen zuzugehen. Absolut kopfgesteuert in allem was er tut, ist er fasziniert von Büchern, er ist ein kluger Mensch und ein begnadeter Lehrer. Eine seiner Schülerinnen ist Sarah Mandelbaum, ebenfalls aus der Ukraine emigriert. Sie ist nie in die Schule gegangen und will trotzdem ihrem harten Los als ungebildete Arbeiterin entfliehen. Sie verliebt sich in Boris, aber dieser sieht sie zuerst nur als sein Versuchsobjekt. Und doch, sie werden heiraten, denn Boris hat sich geschworen, er wird aus dieser Frau eine Akademikerin machen. Sarah wird Medizin studieren und dem unpraktischen Boris, wenn es sein muss, den Kopf zurechtstutzen, denn für ihn hat materielle Sicherheit keinen Wert, für sie, die in Armut leben musste, schon. Als Freigeist, der immer nur nach vorn schaut, hasst er regelmäßige Arbeit. Bei allen Fähigkeiten, die Boris nun im Laufe der Jahre sammelt, entscheidet er sich endlich für den Beruf des Psychologen, nachdem er ein Buch seines Idols, Prof. James, gelesen hat. Er arbeitet in New York am Pathologischen Institut of the New York State Hospitals for the Insane und muss sich auch hier gegen viele Widerstände durchsetzen. Boris überzeugt immer wieder durch seinen klaren Verstand, seine Bildung und vor allem seinen Enthusiasmus, wenn er sich für ein Thema begeistern kann. Auch sein Sohn Billy, eigentlich William James, das Genie, wird alle diese Eigenschaften vom Vater erben. Auch Billy wird zum Forschungsprojekt des Vaters, der mit seiner Erziehungsmethode beweisen will, wie schnell ein Kind lernen kann, wenn es nur gefördert wird. Vom ersten Tag, an dem Billy auf der Welt ist, wird er von Vater und Mutter unterrichtet. Zu diesem Zeitpunkt lallt er noch Babysprache.

„Boris setzte sich eine Pelzkappe auf, wie immer, wenn er bei der abendlichen Konversationsstunde das Russische an der Reihe war. Das sollte William die Ordnung im Kopf erleichtern. Ein Bowlerhut stand für Englisch, eine Baskenmütze für Französisch, ein Filzhütchen für Deutsch und die Pelzkappe eben für Russisch. Diese vier Sprachen waren als Grundlage erst einmal genug, befand Boris. … Man durfte seine Kind nicht durch überhöhte Erwartungen unter Druck setzen.“

Billy wird behandelt wie ein Erwachsener. Es gibt kein Verhätscheln, keine Babysprache und offenbar wenig emotionale Zuwendung. Bereits als Kleinkind ist der Junge ein unausstehlicher, altkluger Besserwisser, der ein enormes Allgemeinwissen angehäuft hat, aber keinen Ball werfen kann.
Er liebt es, Straßenbahn zu fahren, hat aber keine Ahnung, wie man mit Kindern spielt. Boris entwickelt für ihn Spielzeug, mit dem er automatisch auch etwas lernt. Mit seinem trainierten Gehirn, Lügen sind ihm ein Graus, lebt der Junge mit seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner Selbstgewissheit wie ein Autist, der von der Außenwelt und gesellschaftlichen Regeln keine Ahnung hat. Erste erhebliche Einbrüche muss er hinnehmen, als er die Grundschule besuchen muss. Es fehlt ihm an mathematischen Kenntnissen, eine Tatsache, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes krank macht. Sein Vater schließt für ihn die Lücke und entdeckt, wie begabt der Junge auch auf diesem Gebiet ist.

Klaus Cäsar Zehners Sprache ist von großem erzählerischem Reichtum. Atmosphärisch genau und szenisch klar vorstellbar entfaltet er das Leben der Familie Sidis vor den Augen des Lesers. Besonders tragikomisch sind die Momente, in denen der Vater gegen die Regeln des Bildungssystems in den USA Sturm läuft und kein Blatt vor den Mund nimmt und Billy ehrwürdige Herren und deren Aussagen ins Lächerliche zieht. Das Wunderkind durchläuft die Schule, es war nicht anders zu vermuten, mit vielen Kränkungen und Schlägen in nur sieben Monaten. Ständig leben die Lehrer in der Angst, dass Billy inmitten seiner um Jahre älteren Mitschüler, er wechselt wie im Flug die Klassen, ihnen einen Fehler nachweisen könnte. Mit sieben Jahren beginnt Billy, seine ersten wissenschaftlich unterfütterten Bücher zu schreiben, eine neue Sprache zu erfinden, die sogar zu hoch für den Vater ist, und mit elf Jahren wird er sein Harvard Studium aufnehmen. Ein Kind in kurzen Hosen, das vor der Aufnahme in die Uni im Mathematischen Klub vor illustren Professoren über vierdimensionale Körper doziert, ist eine Sensation. Allerdings verfügt Billy auch über gründliche Kenntnisse der Anatomie, Politik, Wirtschaft, Jura, Philologie, Geschichte und Astronomie. Billy wirkt unter all den Studenten, wie das naive Kind, das wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ einfach immer das sagt, was der klare Verstand ihm eingibt, auch in den unpassendsten Momenten.

Billys Hochbegabung zieht auch die Presse an, die über ihn schreibt, aber nicht über die Erziehungsmethode des Vaters, was diesen sehr verärgert. Billy jedoch sieht sich nicht als „Produkt seiner Erziehungsmethode“, er beginnt darüber nachzudenken, was für ein Mensch er sein will. Er stellt Regeln für sein Leben auf, auch moralische und an diesen wird er als Pazifist zu Beginn des 20.Jahrhunderts kläglich scheitern. Zwischenzeitlich arbeitet er als Versicherungsangestellter oder Straßenbahnschaffner und fühlt sich glücklicher als in jeder akademischen Einrichtung. Billy entdeckt seine Zuneigung zu Katzen und sogar entgegen seinen Lebensregeln zu einer Frau, die ihn allerdings nicht liebt. Und er ahnt, warum das Erziehungsprojekt seines Vaters gescheitert ist.

„ Nicht an ihm, William, auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt.“

Immer auf der Flucht vor der Presse, ohne Kontakt zu seiner hartherzigen Mutter, den er abgebrochen hat, scheint William James Sidis Leben einst ohne Erfolg gewesen zu sein. Aber für ihn war es das sicher nicht. 1944, im Alter von 46 Jahren, stirbt William James Sidis an einer Gehirnblutung.

Klaus Cäsar Zehrer zieht den Leser, auch wenn das eine abgedroschene Floskel ist, von der ersten bis zur letzten Seite in die unglaubliche Lebensgeschichte der Familie Sidis hinein. Selten wurde so lebendig und witzig über die Lust an der Bildung erzählt. Stellenweise muss man laut lachen, wenn der kluge Knirps oder auch „Erklärzwerg“ die Erwachsenen unfreiwillig vorführt, stellenweise spürt der Leser aber auch die innere Tragik und Qual des William James Sidis, für den es keine Normalität gab.

„Das perfekte Leben, dachte er lächelnd. Um das perfekte Leben zu führen, muss man sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Das hatte er schon als Heranwachsender gewusst.“

Eins zwei drei Vampir

Nadia Budde: Eins zwei drei Vampir, Pappband, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2018, 20 Seiten, €13,00, 978-3-7795-0585-3

„Launisch fröhlich nett Skelett“

Vor 18 Jahren erschien das sensationelle Bilderbuch „Eins zwei drei Tier“ der noch unbekannten Berliner Illustratorin und Buchmarktdebütantin Nadia Budde. Begeistert wurde es von der Kritik und vor allem von Kindern aufgenommen, die die seltsam schrägen Tierfiguren und holpernden Reimereien liebten. Kein Buch wurde, einmal ins Herz geschlossen, so zerfleddert durch mehrmaliges Durchblättern, mit ins Bett nehmen und herumtragen, wie dieses. Ein absolutes Unikat nach wie vor im Meer der durchaus beachtenswerten Bilderbuchveröffentlichungen in Deutschland.
Übersetzungen des Bilderbuches, z.B. ins Englische, Portugiesische, Koreanische, Französische, Italienische, Polnische, Spanische und Galizische mit gleichem Erzählprinzip, drei Wortgruppen erklingen und dann reimt sich das letzte Wort und wieder beginnen mit dem Wort Reimreihen, deren letztes Wort sich auf ein Wort reimt usw., sind erschienen. Zeit ist ins Land gegangen, neue Bilderbuchprojekte folgten und nun hat Nadia Budde, längst etabliert, wieder nach dem alten Erzählprinzip ein Reimbuch vorgelegt.

Im neuen Pappbilderbuch werden keine Tiere vorgeführt und mit Reimworten ausgestattet, sondern großäugige Gruselfiguren. Skurril und humorvoll reihen sich die Monster von Tarantel über Skelett bis Monster unter dem Bett aneinander. Riesen in unterschiedlicher Bekleidung, Skelette in witzigen T-Shirts, Vampire mit ihren Lieblingseinhörnern und Ungeheuer von damals, gestern und heute entpuppen sich als ganz normale Monster von nebenan.

Die am Computer entworfenen gruseligen Ungeheuer, die am liebsten vor sich hin grinsen, machen Kindern keine Angst, ganz im Gegenteil. Sie regen zum Dichten und Herumblödeln mit Kindern ein.

Wunderbar leicht reihen sich die Wortkaskaden in „Eins zwei drei Vampir“ aneinander und regen dazu an, in den alten Bilderbüchern wieder nach „Eins zwei drei Tier“ zu suchen.

Invisible

Ursula Poznanski, Arno Strohgelb: Invisible, Wunderlich Verlag bei Rowohlt Verlag, Reinbek 2018, 366 Seiten, €14,99, 978-3-499-27092-5


„Aber es muss jemanden geben, der sie alle kennt. Die Opfer, die er tot sehen möchte. Und die Täter, bei denen er genau weiß, wie er sie anpacken muss, um sie zur Weißglut zu bringen.“

Die Hamburger Ermittler Daniel Buchholz und Nina Salomon stehen vor einem Rätsel. In mehreren Fällen tötet ein Mensch einen anderen, auf den er unsäglich wütend ist. Der Täter verspürt kein Unrechtsbewusstsein und ist der Meinung, er habe das Recht den anderen umzubringen oder handele in Notwehr, da dieser ihn bis aufs Blut gemobbt, gestalkt und geärgert hat. Die Täter fliehen auch nicht, sondern warten auf die Polizei. Als ihnen jedoch vor Augen geführt wird, dass das Opfer ihnen nie etwas getan hat, sondern Hassmails von den Tätern selbst geschrieben wurden, versteht niemand mehr, was eigentlich los ist. Buchholz und Salomon suchen verzweifelt nach einem logischen Zusammenhang zwischen den unerklärlichen Taten, zumal die Gefahr besteht, dass diese Tötungsform immer wieder stattfinden kann. Die Stimmung zwischen beiden Kommissaren ist angespannt. Nina Salomon versucht ständig, ihren Partner zum Reden zu bringen. Als Daniel Buchholz sein Schweigen bricht, ist Nina skeptisch. Daniels neue Freundin Isabell, die er kaum kennt, ist schwanger. Angeblich hat sie die Pille genommen, hatte aber dann einen Magen-Darm-Infektion. Daniel weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Als Nina Isabell kennenlernt, hat sie ein ungutes Gefühl. Schnell stellt sich heraus, dass Isabell Daniel angelogen hat. Ihre Schwangerschaft war nur vorgetäuscht. Nach diesem Vertrauensbruch will Daniel keinen Kontakt mehr zu Isabell, die nun Daniel und Nina mit fiesen SMS Nachrichten attakiert.
Innerhalb der Abteilung wurde ein neuer Kommissar, Philipp Hanke, eingestellt, der sich augenscheinlich für Nina interessiert. Daniel mag den neuen Kollegen überhaupt nicht. Jetzt ist es Daniels Bauchgefühl, dass richtig ist. Hanke soll insbesondere Nina überwachen, was er ihr auch irgendwann frech ins Gesicht sagt.

Die Themen dieses Thrillers sind gesetzt. Es geht um Manipulation und Kontrolle, aber auch um Lügen und vor allem um Rache. Wer steckt hinter den fiesen Morden? Ein Arzt tötet seinen Patienten, Leute werden auf dem Zebrastreifen einfach umgefahren, Menschen erschlagen andere auf brutalste Weise. Wie schnell kann ein Mensch wirklich Mordfantasien haben und diese dann auch in die Tat umsetzen? Immer greift doch auch ein Tötungshemmung. Diese scheint, wie auch immer außer Kraft gesetzt worden zu sein. Steckt ein Psychologie hinter all den Taten? Wie kann es sein, dass Menschen sich gegenseitig umbringen und ein Dritter sitzt irgendwo und schaut nur zu.
Ist es ein Mentalist, der seine „Zaubertricks“ auf zynische Weise testet? Doch wie gelangt man an die persönlichen Daten von ganz normalen Bürgern, wie kommt man dermaßen nah an seine Täter und Opfer heran?

Facebook und der muntere Datenhandel lassen grüßen!
Ziemlich aktuell inszeniert das bewährte Autorenduo Arno Strobel, selbst IT-Fachmann, und Ursula Poznanski ein Horrorszenario, dass nicht nur die Ermittler erschauern lässt. Lange wird es im Handlungsverlauf dauern, bis beide eine wahre und brauchbare Spur entdecken und erkennen, was es mit dem „Unsichtbaren“ auf sich hat. Die letztendliche Erklärung und zugleich Aufklärung der perfiden Mordfälle, die doch alle auf ein Geschehnis in der Vergangenheit zurückgehen, bleibt leider etwas dünn und schwer nachvollziehbar. Bleibt doch die Frage, wie lenkbar und gläsern Menschen wirklich sind?

Und doch ist dieses Gedankenspiel, auch im Zuge der weltweiten Manipulationen der Wahlen, nicht so abwegig, wie man vielleicht im ersten Moment glaubt.
Aus zwei Perspektiven erzählen die Autoren ihren Roman und bleiben, wenn es gerade um die privaten Geschichten geht, nah am Leben.