Gott, hilf dem Kind

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind, Aus dem Englischen von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 208 Seiten, €19,95, 978-3-498-04531-9

„Ich war keine schlechte Mutter, glaubt mir, aber vielleicht habe ich meinem einzigen Kind ein paar schmerzhafte Dinge zugemutet, weil ich es schützen musste. Weil ich musste. Weil Hautfarbe eben nicht gleich Hautfarbe ist. Erst konnte ich unter all dem Schwarz nicht erkennen, wer sie eigentlich war, und konnte sie nicht einfach liebhaben. Aber ich liebe sie. Ich glaube, sie versteht das jetzt. Glaube ich jedenfalls.“

Luna Ann Bridewells Mutter Sweetness, deren Haut zwar dunkel ist aber nicht zu dunkel, hofft, dass ihr pechschwarzes Kind, als es in den 1990er Jahren geboren wird, nicht gedemütigt wird. Sweetness erzieht ihre Tochter hartherzig streng. Sie selbst stammt aus einer Dienstbotenfamilie, deren Angehörige den Weißen in der Badewanne durchaus den Rücken schrubben mussten, aber dieselbe Bibel zu berühren wie ihre farbigen Diener, das kam für die Dienstherren nicht in Frage. Sweetness hat in ihrer Kindheit und Jugend gelernt, mit Diskriminierung und Rassismus umzugehen. Erstaunlich ist, dass die Mutter sich für ihr Kind schämt und auch der Vater das Kind nicht annehmen kann. Das Kind ist Sweetness peinlich, sie berührt es nicht gern, sie straft das brave Mädchen mit Lieblosigkeit und Distanz. Zwar schickt der Vater, der die Familie verlassen hat, Geld, aber das Leben der beiden Frauen ist nicht einfach. Lula Ann wird sich später Bride nennen, sie arbeitet als erfolgreiche kreative Geschäftsfrau in der Kosmetikindustrie und sie wird sich strahlend Weiß kleiden, wie eine Braut. Niemand schaut sie mit Abscheu an, so wie sie es angeblich als Kind erfahren musste. Jetzt ist sie ein Hingucker, eine reiche, attraktive Frau, deren Freund Booker, ebenfalls geprägt durch ein traumatisches Erlebnis, sie von heute auf morgen mit einem demütigenden Satz verlassen hat.

„Du bist nicht die Frau, die ich will.“

Ihn wird sie suchen. Seitdem Booker sie verlassen hat, verliert sie nicht nur an Gewicht. Ihre Periode bleibt aus, ihre Brüste verschwinden. Aus Bride wird wieder Lula Ann, aus der stolzen jungen Frau das verletzliche kleine Mädchen. Aber außer ihr scheint das niemand zu bemerken. Drastisch liefert sich die junge Frau einer Kindheitserinnerung aus, die voller Gewalt durch ihre ehemalige Erzieherin Sofia in ihr Leben zurückkehrt.

Erneut thematisiert die über 80-jährige Nobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem Roman Ausgrenzung, Rassismus und Frauenschicksale und sie lässt ihre weiblichen Figuren, Sweetness, Bride, ihre Freundin Brooklyn, das Mädchen Rain und das Monster Sofia, aus ihren ganz persönlichen Perspektiven erzählen. Entstanden ist eine kraftvolle, dynamische wie verrätselte Erzählung, die in ihrer Verknappung dem Leser so einiges aufbürdet und die man langsam lesen muss, um sie wirklich zu verstehen.

Alles über Beziehungen

Doris Knecht: Alles über Beziehungen, Rowohlt Verlag Berlin, Berlin 2017, 288 Seiten, €22,85, 978-3-87134-168-7

„Viktor war irritiert, was er nicht sein wollte, dieser ganze Scheiß mit den Weibern, das alles lenkte ihn schrecklich ab. Er sollte das lassen. Er sollte endlich erwachsen werden und ein treuer Ehemann im ganz altmodischen Sinne. Wieso konnte er das nicht einfach sein?“

Viktor Kirchner ist ein getriebener Mann, zum einen steigt er mit seiner angeblichen Sexsucht gern den Frauen nach, zum anderen liebt er seine Lebenspartnerin Magda, die nun endlich nach drei Töchtern ( noch zwei Töchter stammen aus zwei vorangegangenen Beziehungen ) und langen Jahren Zusammenleben geheiratet werden möchte. Viktor wird bald 50, er ist als Intendant beruflich mit seinem Festival in Wien erfolgreich und da sollte doch auch das Private geregelt sein. Aber daran verschwendet der Lebemann keinen Gedanken, denn für ihn läuft alles prima. Magda verdient gut, kümmert sich um die Kinder, das Sozialleben der Familie und sein Wohlergehen. Er hat seine Verabredungen, trifft auch bedingt durch seine Arbeit genug willige Frauen und findet sich selbst einfach wunderbar. Dass die Frauen ihn vielleicht nicht so umwerfend positiv sehen könnten, darauf kommt der gute Viktor nicht eine Sekunde. Witzigerweise hat er sich sogar in Therapie begeben, um für viel Geld in fünfzig Minuten Absolution und eine Diagnose zu hören, die ihn in seinem Tun sogar bestätigt. Dabei sieht der Raucher Viktor mit seinem Bluthochdruck und dem Faible fürs Fahrradfahren gar nicht besonders aus, ein Durchschnittstyp, dessen größte Angst es ist, unscheinbar zu sein.

„Sie fand ihn eigentlich gar nicht so toll. Bisschen schwammig, insgesamt, konturlos, bisschen angepasst und mutlos, sowohl was seine Ansichten betraf, seine politische Haltung, seine Ideen, sein Werk, als auch in seiner Männlichkeit.“

Natürlich sagt ihm das Helen nicht, die Anwältin und Freundin von Magda. Als sie sich nach zweimaligem Anlauf endlich von ihrem Mann Paul lösen kann, ist das wie eine Befreiung. Viktor ist der „Kuchen“, den sie sich gönnt für alle Demütigungen. Am wohlsten fühlt sich Viktor allerdings mit Frauen, die in festen Beziehungen leben. Trennt sich eine, ist Viktor ziemlich schnell unerreichbar. Nicht so bei Helen.

Alles beginnt mit einer seltsamen SMS von Lisbeth, einer abgelegten Geliebten. Viktor wundert sich kurz, verschwendet keinen Gedanken mehr an ihre Worte oder Telefonate und wendet sich der neuen Geliebten zu, die ihm per SMS eine Absage schickt. Folgt der Leser zu Beginn dem selbstverliebten, entlarvenden Gedankenstrom des Viktor Kirchner, so kommen nun Geliebte von ihm zu Wort, die ihre Sicht der Dinge erklären und ihr Fremdgehen begründen.

Es ist der gnadenlose Blick auf alle Figuren, die Doris Knecht beschreibt. Ob Mann oder Frau, vielleicht nicht Magda, aber alle kommen nicht gut weg. Sind es die falschen Selbstbildnisse, die seltsamen Erwartungen oder auch der Drang, jemand zu sein, ob nun im wahren Leben oder bei Facebook.

„Diese scheiß sozialen Medien ruinierten die Leute, die größten Dummköpfe hielten sich wegen ein paar Likes für große Intellektuelle, glaubte auf einmal, sie hätten eine politische Haltung, weil sie eine politische Statusmeldung likten von Leuten, die sich das trauen, während sie selber nichts konnten als erigierte Däumchen drücken. Jeden Blödsinn, der ihnen gerade einfiel, schrieben die Leute hinein, sie reagierten ihre Wut ab und ließen sich komplett gehen.“

Auch für Viktor ist dieses Facebook eine Gefahr, aber eigentlich sucht er auch diesen Nervenkitzel, bis zu dem Moment, wo wirklich, dank Lisbeths SMS, alles auffliegt und der gute Viktor in den Abgrund stürzt. Naja, nicht ganz, da ist ja immer noch die unkomplizierte Josi.
Will man das wirklich alles über diesen hohlen „Hobbit“ Viktor wissen und über Frauen, die ihre eigenen Beziehungen durch ein Fremdgehen mit Viktor aufpeppen müssen?

„Es ist meistens der Alltag, der Beziehungen und Ehen ruiniert, und Josi und Viktor hatten keinen, also. Es war easy, so gesehen.“

Sicher ist das keine neue Erkenntnis, und doch schreibt die einfach exzellente Beobachterin des Alltags, Doris Knecht, in ihrer fast schnoddrigen, unverblümten Sprache wie nebenbei von tiefen Konflikten, Einsichten und Konsequenzen in Beziehungen. Was kann man ertragen, wo ist die Grenze? Ins Herz schließen kann der Leser den geilen Viktor auf gar keinen Fall, Platz wäre da schon eher für die Frauen um ihn herum.

Mehr Schwarz als Lila

Lena Gorelik: Mehr Schwarz als Lila, Rowohlt Verlag, Berlin 2017, 251 Seiten, €19,95, 978-3-8713-4175-5



„Ich sage verschwunden, aber eigentlich weiß ich, dass Paul gegangen ist. Wegen mir, wegen dir, wegen uns.“

Die 17-jährige Alex ist die Erzählerin dieser Geschichte, in der drei Jugendliche und ein junger Referendar die Hauptfiguren sind. Alex und Paul sind dicke Freunde, später gesellt sich Ratte mit den Rastas zu ihnen. Kompromisslos, anders, einfach nicht normal wollen sie sein. Alex trägt immer Schwarz bis hin zum Pyjama. Die drei empfinden sich als Familie, sie gehen mit der ängstlichen Ratte zum Zahnarzt, sie tauschen ihre Musik von Deep Purple, Pink Floyd, Bob Dylan, van Morrison aus, übernachten gemeinsam im Garten auch wenn es noch so kalt ist, erfinden Spiele, die „Stell dir vor“ oder „Ist mir doch egal“ heißen. Paul schenkt Alex ein Notizbuch, in die das sie ihre Oxymora schreibt, er liest Seneca und das nicht nur für den Latein Leistungskurs. Alex hat ihre Mutter früh verloren und Paul lebt mit einem behinderten Bruder und fühlt sich zeitweilig einsam in der eigenen Familie. Ratte liebt ihren fordernden und manchmal peinlichen Vater und entdeckt ihre Liebe zu F., einer Schulkameradin, die Alex einfach nur blöd findet.

Doch dann verändert sich in dieser Dreierkonstellation schleichend etwas. Ein „Du“ erscheint im Gedankenstrom der Protagonistin. Dieses Du ist der neue Referendar, Herr Spitzing, vielleicht zehn Jahre älter als die Jugendlichen, aber jung genug, um ihnen noch nah zu sein. Sie nennen ihn Johnny und verbringen Zeit mit ihm. Keine gute Idee, wie die älteren Kollegen signalisieren. Und schnell wird klar, dass Alex Hals über Kopf in den jungen Johnny verknallt ist, jedoch spürt, dass er diese Gefühle nicht erwidert.

Alles beginnt mit Pauls Verschwinden und der Andeutung eines Fotos, dass im Netz kursiert. Ein Kuss vor dem Galgen in Auschwitz.

Souverän und lebendig erzählt Lena Gorelik diese Geschichte über Freundschaft, Vergebung, Suche, Liebe und vor allem Schuld, in der Alex, Paul und Ratte Grenzen überschreiten, einander helfen und doch auch verletzen, indem sie Fragen stellen, deren Antworten zu weh tun, um sie auszusprechen.

Esthers Tagebücher

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher, Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Reprodukt Verlag, Berlin 2017, 56 Seiten, €20,00, 978-3-95640-118-3

“Meine beste Freundin in der Schule ist Eugénie. Eugénie hat großes Glück, die ist richtig reich. Sie hat schon das iPhone 6. Und zu Hause hat sie ein iPad, einen Rechner und einen Fernseher. Wenn ich überhaupt ein iPhone hätte, auch nur das 4er, was wäre ich da glücklich. Aber ich bin arm.”

Der in Paris lebende Riad Sattouf, aufgewachsen ist er in Libyen und Syrien, hat sich die Geschichten von der Tochter eines Freundes angehört. Diese Erzählungen dienten ihm als Vorbild für seinen großformatigen Comicband „Esters Tagebücher“, denen noch neun Bände folgen sollen.
Alles beginnt im Jahr 2014, da ist Esther neun Jahre alt. Sie lebt in einer intakten Familien in Paris, sie hat einen älteren Bruder, Antoine, mit dem sie ein Zimmer teilen muss und natürlich Papa und Mama. Der Vater ist Fitnesstrainer, die Mutter arbeitet bei der Bank. Das Mädchen geht auf eine Privatschule und berichtet aus ihrer Sicht von ihrem Alltag, ihren Freundinnen, der Schule, ihrem grässlichen Bruder und ihrem allergrößten Wunsch – einem iPhone. Sie liebt Disney-Märchenfilme und ihren Vater.

Pro Seite sind fast durchgehend ganz klassisch, immer 12 Panels mit ausführlichen Textpassagen zu sehen und pro Seite wird ein Thema behandelt, das Esther bewegt – es geht um Jungs, die doof sind, Zoff mit den Freundinnen, Popsänger, Weihnachten, Ärger mit dem Bruder, aber auch Rassismus, Homosexualität, Geheimnisse, Konflikte in der Schule mit reichen Kindern,Träume, es geht um den brutalen Angriff auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, Nationalismus, angesagte Jungs oder die Schwangerschaft der Mutter. Esther wird mit der Welt der Erwachsenen konfrontiert, aber Riad Sattouf bleibt immer ganz nah beim Kind. Er lässt Esther reden und die Geschehnisse auf ihre ganz eigene Weise bewerten. Das klingt manchmal naiv und auch völlig unlogisch, aber immer ehrlich und authentisch.

“Zwei Papas, das ist ja schrecklich! Stellt euch nur mal vor! Beide sind nie zuhause wegen der Arbeit, keiner kann kochen, niemand räumt auf … Aber wenn man so drüber nachdenkt, was soll so schlimm daran sein, homosexuell zu sein? Keine Ahnung, woher das kommt.”

Esther kann so gar nichts mit den Ereignissen um die Satirezeitschrift anfangen, an diesem Tag interessiert sie eher, ob ihre Freundin sie mag oder nicht. Auch gleichaltrige Kinder, die diesen Comic lesen, verstehen nicht, worum es auf dieser Seite geht. Kein Problem, denn wenn sie Fragen hätten, würden sie sich noch an die Eltern wenden.
Faszinierend ist, dass natürlich Mädchen beim Lesen gern Esthers Rolle übernehmen und schnell Parallelen zwischen sich und der Comicfigur finden.

Esther wird mit großen Augen gezeichnet, immer tauchen rote oder gelbe Farbtupfer auf, wenn etwas Emotionales passiert, Esther sich aufregt oder Angst hat. Durchgängig ist dieser Comic sehr textlastig, denn der Leser erfährt nicht nur Esthers Gedanken, sondern auch in der Bildmitte der Panels Dialoge und kleine Szenen zwischen den handelnden Figuren.

Und so wird diese Comic-Reihe, die sich über zehn Jahre erstrecken soll, auch ein Porträt einer Generation, die mit den sozialen Medien, neuer Technologie und großen sozialen Unterschieden groß wird.

Die Götter sind los

Maz Evans: Die Götter sind los, Aus dem Englischen von Ilse Rothfuss, Chicken House im Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 335 Seiten, €14,99, 978-3-551-52090-6



„ Am Montagmorgen musste Elliot zugeben, dass es sich gelohnt hatte, einen Kuhstall voller Unsterblicher auf dem Hof zu beherbergen.“

Der zwölfjährige Elliot Hooper wohnt nicht unweit von Stonehenge auf einem mittlerweile etwas heruntergekommenen Hof und ahnt nicht, was alles auf ihn zukommen wird. Allerdings hat er schon genug eigene Sorgen, immerhin steht er kurz vor einem Schulrauswurf, seine Mutter ist offensichtlich dement und wenn er nicht bis nächsten Freitag 20000 Pfund bezahlen kann, steht er samt Mutter auf der Straße. Da schwirrt aus den Himmelsgefilden, genauer gesagt dem Elysium das Sternbild Jungfrau, kurz Virgo, mit ihren 1946 Jahren auf die Erde. Völlig verbürokratisiert ist der Zodiak-Rat und Virgo hat einfach keine Lust mehr auf die langweiligen Regeln, Vorschriften und ihren Job als Hüterin des Büromittelschrankes. Flugs schnappt sie sich das Unsterblichkeitselixier und will es als kurzes Abenteuer nur mal schnell dem Gefangenen 42 bringen. Der allerdings sitzt in Stonehenge seit gut 2000 Jahren, verbannt von Zeus. Als Elliot Virgo den Ort zeigt und den Gefangenen, der Elliot die Heilung seiner Mutter verspricht, auch noch berührt, nimmt das Unheil seinen Lauf. Keinen geringeren als Thanatos, den König der Dämonen, haben die beiden nun freigelassen. Virgo ahnt, dass das großen Ärger geben wird und ihr Handbuch Was ist was? wird ihr nicht helfen.
Elliot reist nun mit Virgo und Charon, der ja eigentlich die Seelen der Toten in die Unterwelt fährt, auf seinem Boot durch die Welten der Unsterblichen.

„War ein guter Broterwerb – die Toten wurden immer mit einer Münze im Mund begraben, als Lohn für die Überfahrt. Das macht heute niemand mehr. Liegt vermutlich am bargeldlosen Zahlverkehr.“

Nachdem sich Virgo vom Zodiak-Rat in den Boden gestampft wurde, kommt sie mit Hilfe von Hermes mit seinem iGod und Apps und Elliot auf die Idee, vielleicht bei Zeus mal nachzufragen, wie sie Thanatos finden könnte. Dieser ist natürlich mit seiner x-ten Hochzeiten auf der Erde beschäftigt. Alle Unsterblichen, auch seine Töchter Aphrodite und Athene, leben unter den Menschen, die eine betreibt etwas Ähnliches wie einen Schönheitssalon und die andere lehrt an der Universität. Der gute Zeus mit seinem dicken Bauch hat wenig Einfluss auf seine Töchter, nur Elliot gelingt es mit einem Trick, die beiden für seine Sache zu entflammen. Mittlerweile hat Thanatos seinen Bruder Hypnos gefunden, der als Multimillionär auf Erden lebt und will von ihm die Chaos-Steine zurück, die er im Auftrag des Zeus verschwinden ließ. Hätte Thanatos die Steine, wäre die Macht auf seiner Seite. Elliot ist immer noch dabei, da er hofft, durch den Erdenstein zu Geld zu kommen, um wenigstens den Hof zu retten.

Am Ende sitzen die Götter bei Elliot in der Scheune und beraten sich. Inzwischen kümmert sich Demeter um den Anbau von Bananenpflanzen, eine typisch englische Frucht.

Trotz Magie, der Prophezeiungen des Orakels von Delphi, Elliot könnte den Tod des Thanatos verursachen, dem skandalösen Auftritt der Queen und den schlechten Umgangsformen der Götter, die sich dauernd streiten müssen, kommt die Geschichte zu keinem Ende, denn der Band „Die Götter sind los“ ist der erste Teil der Chaos-Geschichte.

Ein paar Dinge klären sich zum Glück am Ende zum Guten, immerhin muss Elliot mit seiner Mutter nicht den Hof verlassen. Witzig jedoch ist diese Geschichte über die unsterblichen Sternbilder und Götter mit ihren Lastern allemal, zumal ihnen alles Menschliche nicht fremd ist, wie langweilige Versammlungen, Absprachen, die nie eingehalten werden oder elend lange Streitereien.
Erwachsene Leser amüsieren sich sicherlich bei all den Anspielungen auf die moderne Welt, Kinder vielleicht auch.

Hugo und die Dämonen der Nacht

Bertrand Santini: Hugo und die Dämonen der Nacht, Aus dem Französischen von Edmund Jacoby, Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2017, 224 Seiten, €15,00, 978-3-946593-24-9

„ Ein lebloser Körper! Der Körper eines Kindes. Der Körper eines Kindes, das auf dem Rücken trieb. Der Aufdruck auf dem T-Shirt kam ihm bekannt vor. Als er näher hinsah, stellt Hugo fest, dass das, was er da betrachtete, sein eigener Leichnam war.“

Hugo lebt mit seinen Eltern, die Mutter ist auf dubiose Weise durch ihre Jugendbuchreihe berühmt und reich geworden, auf einem großzügigen Grundstück an der Küste, in der Nähe von Marseille. Sein 12. Geburtstag steht vor der Tür und alles läuft prima, sogar Onkel Oskar, mit dem der Junge scherzen kann, ist angereist.

Hugo spielt mit seinem Hund gern auf dem Friedhof, der neben dem Anwesen liegt. Allerdings bilden sich neuerdings dunkle Pfützen auf dem Grundstück aus und das heißt, hier könnte das schwarze Gold, Erdöl, gefördert werden. Doch Hugos Eltern haben kein Interesse daran, zumal eine seltene Pflanze auf dem Grundstück und dem Friedhof, dem Ort des Vergessens, blüht. Die Dorfbewohner sind jedoch nicht an einem Naturschutzgebiete interessiert, sondern an Geld. Und so zerstören irgendwelche Leute die Pflanzen, die Polizei und der Bürgermeister sind entsetzt, aber das war es dann auch schon. In der Nacht vor seinem Geburtstag erwacht Hugo und wird von einem maskierten Mann mit einem Messer gejagt, er stürzt die Küste hinab und ist tot. In Windeseile wandelt nun diese real begonnene Geschichte in einen Schauerroman, der einem Bühnenstück ähnelt und sofort wird Shakespeare zitiert, der einst meinte, man solle mehr Furcht vor den Lebenden als den Toten haben.

Hugo ist nun ein Geist unter der illustren Gruppe uralter Geister, die auf dem Friedhof wie in einem Vampirfilm hausen. Sie können keinen Kontakt zu den Menschen aufnehmen, aber sie sind in der Lage zu fliegen und durch Wände zu gehen. Als Cornelius, einer der Untoten, mit Hugo einen Flug über sein Anwesen macht, muss der Junge miterleben, wie seine Eltern ermordet werden. Die Geister leiden mit Hugo und versuchen, ihm das „neue Leben“ möglichst leicht zu machen.

Hugo ist nun hin- und hergerissen. Durch seine Sterbeurkunde weiß er, dass er ein Doppelgänger ist. Er ist nicht richtig tot, denn der Körper existiert noch, aber der Geist ist müde. Die Untoten wissen, dass sie Hugos Leben und auch sich selbst retten sollten, denn ohne ihn werden die gierigen Dorfbewohner den Friedhof für die Erdölförderung zerstören. Andererseits lauern die Zombies in den Tiefen des Geisterfriedhofs und sehnen sich danach, die Menschen zu fressen. Viel Potential zum Gruseln und vor allem für ungeahnte Wendungen!

In einer ausgewogenen Balance zwischen komischen und schockierend tragischen Szenen versteht es Bertrand Santini, einen absolut spannenden Roman für Kinder zu erzählen. So streiten sich die Untoten gern und Bruder Lustick, ein Mönch aus dem 16. Jahrhundert, verdrängt immer wieder, dass er tot ist und nicht der lebendige Friedhofswächter. Der französische Autor hat eine Vorliebe für schräge Geschichten und Figuren, immerhin stammen aus seiner Feder so wunderbare Bücher wie „Der Yark“ und „Jonas und der mechanische Hai“. Keine Frage, dass dieser Roman nur gut ausgehen kann und vielleicht ist ja auch nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Sommerkind

Monika Held: Sommerkind, Eichborn Verlag, Köln 2017, 222 Seiten, €20,00, 978-3-8479-0626-1



„Alle verband das Ungeheuerlichste, was es gibt: Sie haben mit dem Tod gekämpft und gewonnen. Sie haben einen Sieg errungen, der niemanden wirklich glücklich macht.“

Wie verläuft das Leben eines Jugendlichen, dessen Geschwisterkind in seiner unmittelbaren Nähe durch einen Unfall in eine Koma gefallen ist? Malu, das Sommerkind, wird nie ein normales Leben führen können. Ab dem Moment wo der fünfzehnjährige Kolja die sieben Jahre jüngere Schwester Malu nicht vor dem Schwimmen am Abend im Freibad abhält, verändert sich alles. An diesem Abend sitzt er auf einer Bank. Ragna, in die er verliebt ist, kommt vorbei, geht ins Meer schwimmen. Erst ihre Frage nach Malu lässt die beiden aufhorchen und das Kind aus dem Schwimmbad retten. Doch zu spät, das Gehirn ist bereits geschädigt.

Gut fünfundzwanzig Jahre später geht Ragna ganz persönlich im Rahmen eines Forschungsprojektes einer bestimmten Frage nach. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Topografie der Kindheit, dem Verlauf des Lebens und dem Wohnort in den letzten Lebensjahren?
Ist es wirklich so, dass Menschen an die Orte ihrer Kindheit zurückkehren? Als Ragna ihre Erinnerungen durchgräbt, taucht plötzlich dieser blonde Junge mit den grauen Augen und dem schönen Namen Kolja auf. Sie erinnert sich an diesen tragischen Abend mit ihm und seiner Schwester Malu und doch fehlt ihr der Teil nach dem Unfall.

Monika Held erzählt aus zwei Blickwinkeln. Ragna ist die Ich-Erzählerin, aus Koljas Sicht berichtet ein Erzähler aus der Er-Perspektive. Der Leser folgt nun zeitversetzt Kolja wie Ragna.
Der Junge fühlt sich schuldig an dem Unfall seiner Schwester. Die Eltern bringen es wirklich fertig, besonders die Mutter, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, er habe die Verantwortung für das Schicksal seiner Schwester. Zur Strafe muss er Malu im Krankenhaus, die Eltern sind von der See in den Süden gezogen, zweimal die Woche besuchen. Kolja, ein begabter, nun in sich gekehrter Junge, reagiert mit Abwehr auf die Schwester. Er widmet seine Liebe eher einem kleinen Jungen, den die Mutter vom Wickeltisch hat fallen lassen. Von der Mutter kaum beachtet, bleibt das Kind mit seinem Schmerz allein.

„Die leise Höflichkeit dieses Hauses war wie Gehen auf dünnem Eis.“

Der Vater sucht sich eine neue Frau, ein neues Leben und zeugt ein neues Kind. Der Sohn fühlt sich verraten. Ein Zuhause findet Kolja bei Max, einem fröhlichen Jungen, der auf der Station seinen Cousin besucht und langsam ahnt, dass er schwul ist. Kolja kann diese Empfindung nicht teilen, braucht aber den Jungen fürs eigene Überleben. Das dumpfe Schweigen der Eltern ist die größte Belastung für den Jungen, dessen Schwester nie wieder die alte sein wird.

„Ich bin krank vor Neid auf alle Kinder, die von ihren Eltern geliebt werden…“

heißt es an einer Stelle. Da hatte Kolja, der sich als Abiturient mit Autoren befasst hat, die Selbstmord begangen haben, bereits in die Tiefe gestürzt. Er überlebt den Suizidversuch und wird später seine Doktorarbeit ebenfalls dem Suizidthema in der klassischen Literatur widmen.

Ragna sucht nun nach und nach die Leute aus dem Umfeld von Kolja, der wieder an die Nordsee zurückgekehrt ist, auf, um sich langsam ihren Erinnerungen zu nähern. Sie trifft sich mit Max, der nun keinen Kontakt mehr mit Kolja hat, sie durchlebt schwere Stunden mit Koljas emotionsloser Mutter und Malu, dem Sommerkind, das in seiner eigenen Welt lebt. Aber Ragna kommt bei ihren Recherchen und der eigenen Geschichte einfach nicht weiter.

„ Ich brauche den erwachsenen Kolja, um zu verstehen, warum ich mich an das Stück Leben, das ich verloren habe, nicht erinnern kann.“

Schmerzlich klar erzählt Monika Held in einer wunderbar literarischen Sprache von Menschen in Extremsituationen und wie sie diesen mit Schuldzuweisung, Flucht oder auch Aufopferung begegnen. Atemlos beim Lesen folgt man Ragnas Suche, aber auch Koljas einsamem Weg durch die Untiefen des Lebens. Beide werden sich auf der Hallig begegnen, aber da ist der Leser nicht mehr anwesend, den vieles, nicht alles, ist zwischen den Zeilen bereits gesagt.

Billie – Abfahrt 9:42

Sara Kadefors: Billie – Abfahrt 9:42, Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger , Urachhaus, Köln 2017, Seiten, €14,90, 978-3-8251-5111-9

„Zu Hause gehört mir nur die Ecke, in der mein Bett steht. Ich habe noch nie einen Schreibtisch gehabt. Außerdem herrscht bei der Familie Persson eine ganz komische Stimmung. Als träten alle in einer Fernsehsendung auf. Ich wünsche mir, dass die Kameras ausgeschaltet werden und alle wieder sie selbst sind.“

Billie ist es gewohnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie ist zwar erst zwölf Jahre alt, aber sie kennt keine Regeln, keine Strukturen und schon gar keine Vorschriften. Emotionen erlebt sie nur in ihren Fernserien. Als Pflegekind kommt Billie zur Familie Persson. Es ist schon eine Umstellung von Stockholm ins ruhige, kleine, sehr übersichtliche Bokarp zu reisen. Dabei soll der Aufenthalt bei den Perssons nur vorübergehend sein, so lange wie sich Billies Mutter, die krank und extrem übergewichtig ist, sich wieder um sie kümmern kann. Billie ist ein frohes Kind, sie trägt Dreadlocks und singt gern lauthals vor sich hin. Bei der Familie Persson allerdings ist alles so still, die Räume sind kalt und die Atmosphäre nicht echt. Es gibt klare Regeln für die Kinder Tea, Alvar und Billie. Man fragt, wenn man vom Tisch aufstehen möchte, man meldet sich ab, es wird nicht viel ferngesehen, es gibt Familiennachmittage und Ausflüge. Billie will sich anpassen, sich einordnen, nicht auffallen. Und doch spürt sie, sie muss sich verbiegen. Sie bemerkt auch, dass die Eltern sich sorgen, wenn z.B. Tea nicht pünktlich nach Hause kommt. Aber was in den Kindern wirklich vor sich geht, scheint niemanden zu interessieren. Auf recht stille Weise wird alles richtig gemacht, denn natürlich isst man keine Chips, sondern Obst. Es werden Bücher gelesen und nicht nur im Internet gechattet. Mutter Petra, sie ist Pfarrerin, will es allen recht machen. Vater Mange erzählt ständig irgendwelche Dinge, die niemanden interessieren. Billie weiß nicht mehr, was eigentlich normal ist. Ihr Verhalten oder das was sie den anderen vorspielt? Doch dann gelangt sie hinter das Geheimnis dieser Familie. Und beginnt Klartext zu reden und verändert einiges.

In Sara Kadefors Geschichte von Billie ist nicht das Pflegekind die Ursache für die Konflikte, sondern seine „normale Umgebung“, die ihm gut tun soll, ist das Problem.
Es wird geschwiegen und nicht geredet, es werden Regeln aufgestellt, nur um der Regeln willen. Billie erkennt dies und will doch keine Streitereien provozieren.
Aus Billies Sicht erzählt die schwedische Autorin Sara Kadefors vom Leben auf dem Land, von Menschen, die Verluste nicht verarbeitet haben und anderen Gutes tun wollen.

Wie das Mädchen Billie dann jedoch von innen heraus ihrer Pflegefamilie hilft, liest sich wohltuend und nicht einen Moment sentimental oder überkonstruiert.

Pusteblumentage

Rebecca Westcott: Pusteblumentage, Aus dem Englischen von Barbara Lehnerer, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017, 207 Seiten, €12,95, 978-3-423-76165-9

„ Sie sagt ja immer, dass Kinder heutzutage schneller erwachsen werden – ich glaube, da hat sie recht, denn ich würde so was nie im Leben in mein Tagebuch schreiben. Wenn ich eins hätte. Habe ich aber nicht, denn ich traue Mum nicht – bestimmt würde sie es lesen und ausrasten, wenn sie etwas entdeckt, das ihr nicht gefällt.“

Eigentlich wollte ich kein Kinderbuch mehr lesen, in dem das Thema Tod penetrant im Mittelpunkt steht. Aber bei „Pusteblumentage“ hat mich die Geschichte durch ihren schwungvollen Erzählton sofort gefesselt. Auch wenn man als Leser lang vor der zwölfjährigen Liz ahnt, dass ihre Mutter Rachel sterben wird, beobachtet man doch mit Vergnügen, wie Mutter und pubertierende Tochter sich aneinander abarbeiten. Nicht umsonst gibt Rachel der Tochter ihre Tagebücher, versucht ihr das Kochen, obwohl sie eine lausige Köchin ist, beizubringen oder nötigt Liv, sich einen BH zu kaufen, obwohl nicht die Spur von Brüsten bei ihr zu sehen sind. Der Leser glaubt zu wissen, warum die Mutter all dies tut und möchte Liv so gern wachrütteln.Sie hat an der Tür gelauscht und denkt nun, die Eltern wollen sich trennen. Dabei hat doch Liv selbst gerade Liebeskummer und könnte ihre Freundin Alice auf den Mond schießen. Mit Isaac kann Liv nicht sprechen. Zwar ist ihr Bruder drei Jahre älter als sie, aber sie fühlt sich oft als die große Schwester. Isaac hat Asberger und das heißt, er lebt in seiner ganz eigenen Welt, in der möglichst alle Regeln eingehalten werden müssen und nichts sich verändern darf. Liv hält gern wie ihr Vater die Welt in Fotografien fest. Mit der Krankheit der Mutter jedoch, die Eltern sagen es den Kindern endlich, bleibt nichts mehr so wie es war, nichts lässt sich mehr festhalten.

Es ist schon mutig von der Mutter der Tochter, ihre Aufzeichnungen aus den 1980er Jahre zu geben. Liv liest mit immer mehr Interesse in den Tagebüchern und erkennt, wie nah sich doch Mädchen im gleichen Alter sind und wie fern ihr doch manche Zeilen sind, die die Mutter als Teenager aufgeschrieben hat.

Berührend erzählte realistische Familiengeschichte – über den Tod, aber vor allem über das Leben!

Erna und die drei Wahrheiten

Anke Stelling: Erna und die drei Wahrheiten, cbt in der Verlagsgruppe Random House, München 2017, Seiten, € 12,99, 978-3-570-16458-7



„Wahrheit Nummer eins: Misch dich ein, sonst bist du schuld, wenn etwas Schlimmes passiert.
Wahrheit Nummer zwei: Halt dich raus, sonst bist du schuld, wenn jemand rastet – daraufhin was Schlimmes passiert.
Wahrheit Nummer drei: Geh davon aus, dass egal, was du tust, du der Arsch bist. Weil es Richtig oder Falsch nicht gibt beziehungsweise die Grenze, die es trennt, leider fließend ist. Was für ein Irrsinn!“

Die elfjährige Erna, die ihren Namen wirklich blöd findet, – Emma ist viel schöner, auch wenn viel zu viele Mädchen so heißen -, hat es nicht leicht. Sie wohnt in einem Gemeinschaftshaus, wo zwischen den Nachbarn alles besprochen werden soll und sie geht in eine Gemeinschaftsschule, in der auch die Schüler ziemlich viele Konflikte eigenständig regeln müssen. Doch was fängt man als Kind mit so viel Freiheit an und wie geht man mit den ständigen Kompromissen um, die gefunden werden müssen, um miteinander klarzukommen?

Um sich die Welt zu erklären, versucht Erna einzelnen Wörtern und deren Bedeutung auf den Grund zu kommen. Sie diskutiert mit ihrer Mutter, die sie Annette nennt und spürt auch die Veränderungen, die sich einstellen, wenn sie an ihre Freundinnen denkt. Rosalie aus dem Haus war lang ihre beste Freundin bis sie es nicht mehr war. Auch Annette hat sich mit Leuten aus dem Haus, aus den verschiedensten Gründen, verkracht. Rosalie hat die Suche nach Kompromissen und Gerechtigkeit für sich geklärt. Sie belügt ihre Eltern, wenn diese etwas konsequent durchsetzen wollen. Und sie hat wenig Lust immer alles für alle zu machen. Warum soll sie einen Film sehen, den auch die kleinen Kinder im Haus sehen wollen? Warum ist das Baumhaus verwaist, weil die Kinder und Eltern es nicht hinbekommen, alles gemeinsam zu veranstalten. Gerechtigkeit, Kompromisse, Verantwortung für die Gemeinschaft, Rücksichtnahme, aber auch Egoismus – große Worte.

Erna quält sich auch mit der falschen Rücksichtnahme, die den Kindern auferlegt wurde. Warum müssen alle in der Klasse auf Mattis, der sowieso macht, was er will, Acht geben? Seine dummen Sprüche und seine Aggressivität vergiften das Klima in der Klasse, seine Verhalten bringt Erna in arge Gewissenskonflikte. Wann ist man eine Petze, wann soll man die Wahrheit sagen? Immer wenn Erna sich einmischt, hat sie das Gefühl, die anderen Mädchen in der Klasse mögen sie nicht mehr. Und dann sind da noch Ernas angebliche dicke Schenkel, der falsche Trost der Eltern und ein Junge, der Erna Rätsel aufgibt.

Es sind diese Beobachtungen des Kindes, die andere Kinder bei der Lektüre sicher auch beschäftigen werden. Bereits in „Bodentiefe Fenster“ hatte Anke Stelling ihr Leben in einem Gemeinschaftshaus im Prenzlauer Berg mit allen Vor- und Nachteilen beleuchtet. Jetzt betrachtet sie aus der Kindersicht die Konflikte, die sich einstellen, wenn alle es allen recht machen wollen und nicht können, wenn einzelne ihre Anliegen in den Vordergrund schieben und sich dann doch aus der Gemeinschaft entfernen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht aber auch Ernas Verhältnis zu ihrer Mutter, die immer alles besprechen will und letztendlich im entscheidenden Moment, auch aus Überforderung oder Hilflosigkeit, nicht auf der Seite ihres Kindes steht. Sicher kann man vieles erklären, aber wo sind die Grenzen, wenn es um Kompromisse geht? Wie ehrlich sind die Lehrer den Kindern wirklich gegenüber? Erna durchschaut auch hier, dass die Lehrer eine Maske der Toleranz tragen, die schnell abgenommen wird, wenn es darum geht, wer wirklich das Sagen hat.
Am liebsten würde Erna auf ein Gymnasium mit klaren Regeln gehen, wo nicht alles mit allen besprochen wird.

An Ernas Seite, die im Laufe der Geschichte zu vielen Erkenntnissen gelangt, durchlebt der Leser eine Alltagsgeschichte, die zum Nachdenken anregt. Eines jedoch ist seltsam in einem Buch, in dem die Bedeutung von Worten so wichtig ist und das ist die Verwendung des Wortes „rasten“. Rasten steht ja eigentlich für ausruhen, pausieren oder einkehren. Bei Anke Stelling wird es immer dann benutzt, wenn jemand ausrastet, also die Nerven verliert. Das irritiert beim Lesen und ist inhaltlich nicht nachvollziehbar.