Billie – Abfahrt 9:42

Sara Kadefors: Billie – Abfahrt 9:42, Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger , Urachhaus, Köln 2017, Seiten, €14,90, 978-3-8251-5111-9

„Zu Hause gehört mir nur die Ecke, in der mein Bett steht. Ich habe noch nie einen Schreibtisch gehabt. Außerdem herrscht bei der Familie Persson eine ganz komische Stimmung. Als träten alle in einer Fernsehsendung auf. Ich wünsche mir, dass die Kameras ausgeschaltet werden und alle wieder sie selbst sind.“

Billie ist es gewohnt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie ist zwar erst zwölf Jahre alt, aber sie kennt keine Regeln, keine Strukturen und schon gar keine Vorschriften. Emotionen erlebt sie nur in ihren Fernserien. Als Pflegekind kommt Billie zur Familie Persson. Es ist schon eine Umstellung von Stockholm ins ruhige, kleine, sehr übersichtliche Bokarp zu reisen. Dabei soll der Aufenthalt bei den Perssons nur vorübergehend sein, so lange wie sich Billies Mutter, die krank und extrem übergewichtig ist, sich wieder um sie kümmern kann. Billie ist ein frohes Kind, sie trägt Dreadlocks und singt gern lauthals vor sich hin. Bei der Familie Persson allerdings ist alles so still, die Räume sind kalt und die Atmosphäre nicht echt. Es gibt klare Regeln für die Kinder Tea, Alvar und Billie. Man fragt, wenn man vom Tisch aufstehen möchte, man meldet sich ab, es wird nicht viel ferngesehen, es gibt Familiennachmittage und Ausflüge. Billie will sich anpassen, sich einordnen, nicht auffallen. Und doch spürt sie, sie muss sich verbiegen. Sie bemerkt auch, dass die Eltern sich sorgen, wenn z.B. Tea nicht pünktlich nach Hause kommt. Aber was in den Kindern wirklich vor sich geht, scheint niemanden zu interessieren. Auf recht stille Weise wird alles richtig gemacht, denn natürlich isst man keine Chips, sondern Obst. Es werden Bücher gelesen und nicht nur im Internet gechattet. Mutter Petra, sie ist Pfarrerin, will es allen recht machen. Vater Mange erzählt ständig irgendwelche Dinge, die niemanden interessieren. Billie weiß nicht mehr, was eigentlich normal ist. Ihr Verhalten oder das was sie den anderen vorspielt? Doch dann gelangt sie hinter das Geheimnis dieser Familie. Und beginnt Klartext zu reden und verändert einiges.

In Sara Kadefors Geschichte von Billie ist nicht das Pflegekind die Ursache für die Konflikte, sondern seine „normale Umgebung“, die ihm gut tun soll, ist das Problem.
Es wird geschwiegen und nicht geredet, es werden Regeln aufgestellt, nur um der Regeln willen. Billie erkennt dies und will doch keine Streitereien provozieren.
Aus Billies Sicht erzählt die schwedische Autorin Sara Kadefors vom Leben auf dem Land, von Menschen, die Verluste nicht verarbeitet haben und anderen Gutes tun wollen.

Wie das Mädchen Billie dann jedoch von innen heraus ihrer Pflegefamilie hilft, liest sich wohltuend und nicht einen Moment sentimental oder überkonstruiert.

Pusteblumentage

Rebecca Westcott: Pusteblumentage, Aus dem Englischen von Barbara Lehnerer, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2017, 207 Seiten, €12,95, 978-3-423-76165-9

„ Sie sagt ja immer, dass Kinder heutzutage schneller erwachsen werden – ich glaube, da hat sie recht, denn ich würde so was nie im Leben in mein Tagebuch schreiben. Wenn ich eins hätte. Habe ich aber nicht, denn ich traue Mum nicht – bestimmt würde sie es lesen und ausrasten, wenn sie etwas entdeckt, das ihr nicht gefällt.“

Eigentlich wollte ich kein Kinderbuch mehr lesen, in dem das Thema Tod penetrant im Mittelpunkt steht. Aber bei „Pusteblumentage“ hat mich die Geschichte durch ihren schwungvollen Erzählton sofort gefesselt. Auch wenn man als Leser lang vor der zwölfjährigen Liz ahnt, dass ihre Mutter Rachel sterben wird, beobachtet man doch mit Vergnügen, wie Mutter und pubertierende Tochter sich aneinander abarbeiten. Nicht umsonst gibt Rachel der Tochter ihre Tagebücher, versucht ihr das Kochen, obwohl sie eine lausige Köchin ist, beizubringen oder nötigt Liv, sich einen BH zu kaufen, obwohl nicht die Spur von Brüsten bei ihr zu sehen sind. Der Leser glaubt zu wissen, warum die Mutter all dies tut und möchte Liv so gern wachrütteln.Sie hat an der Tür gelauscht und denkt nun, die Eltern wollen sich trennen. Dabei hat doch Liv selbst gerade Liebeskummer und könnte ihre Freundin Alice auf den Mond schießen. Mit Isaac kann Liv nicht sprechen. Zwar ist ihr Bruder drei Jahre älter als sie, aber sie fühlt sich oft als die große Schwester. Isaac hat Asberger und das heißt, er lebt in seiner ganz eigenen Welt, in der möglichst alle Regeln eingehalten werden müssen und nichts sich verändern darf. Liv hält gern wie ihr Vater die Welt in Fotografien fest. Mit der Krankheit der Mutter jedoch, die Eltern sagen es den Kindern endlich, bleibt nichts mehr so wie es war, nichts lässt sich mehr festhalten.

Es ist schon mutig von der Mutter der Tochter, ihre Aufzeichnungen aus den 1980er Jahre zu geben. Liv liest mit immer mehr Interesse in den Tagebüchern und erkennt, wie nah sich doch Mädchen im gleichen Alter sind und wie fern ihr doch manche Zeilen sind, die die Mutter als Teenager aufgeschrieben hat.

Berührend erzählte realistische Familiengeschichte – über den Tod, aber vor allem über das Leben!

Erna und die drei Wahrheiten

Anke Stelling: Erna und die drei Wahrheiten, cbt in der Verlagsgruppe Random House, München 2017, Seiten, € 12,99, 978-3-570-16458-7



„Wahrheit Nummer eins: Misch dich ein, sonst bist du schuld, wenn etwas Schlimmes passiert.
Wahrheit Nummer zwei: Halt dich raus, sonst bist du schuld, wenn jemand rastet – daraufhin was Schlimmes passiert.
Wahrheit Nummer drei: Geh davon aus, dass egal, was du tust, du der Arsch bist. Weil es Richtig oder Falsch nicht gibt beziehungsweise die Grenze, die es trennt, leider fließend ist. Was für ein Irrsinn!“

Die elfjährige Erna, die ihren Namen wirklich blöd findet, – Emma ist viel schöner, auch wenn viel zu viele Mädchen so heißen -, hat es nicht leicht. Sie wohnt in einem Gemeinschaftshaus, wo zwischen den Nachbarn alles besprochen werden soll und sie geht in eine Gemeinschaftsschule, in der auch die Schüler ziemlich viele Konflikte eigenständig regeln müssen. Doch was fängt man als Kind mit so viel Freiheit an und wie geht man mit den ständigen Kompromissen um, die gefunden werden müssen, um miteinander klarzukommen?

Um sich die Welt zu erklären, versucht Erna einzelnen Wörtern und deren Bedeutung auf den Grund zu kommen. Sie diskutiert mit ihrer Mutter, die sie Annette nennt und spürt auch die Veränderungen, die sich einstellen, wenn sie an ihre Freundinnen denkt. Rosalie aus dem Haus war lang ihre beste Freundin bis sie es nicht mehr war. Auch Annette hat sich mit Leuten aus dem Haus, aus den verschiedensten Gründen, verkracht. Rosalie hat die Suche nach Kompromissen und Gerechtigkeit für sich geklärt. Sie belügt ihre Eltern, wenn diese etwas konsequent durchsetzen wollen. Und sie hat wenig Lust immer alles für alle zu machen. Warum soll sie einen Film sehen, den auch die kleinen Kinder im Haus sehen wollen? Warum ist das Baumhaus verwaist, weil die Kinder und Eltern es nicht hinbekommen, alles gemeinsam zu veranstalten. Gerechtigkeit, Kompromisse, Verantwortung für die Gemeinschaft, Rücksichtnahme, aber auch Egoismus – große Worte.

Erna quält sich auch mit der falschen Rücksichtnahme, die den Kindern auferlegt wurde. Warum müssen alle in der Klasse auf Mattis, der sowieso macht, was er will, Acht geben? Seine dummen Sprüche und seine Aggressivität vergiften das Klima in der Klasse, seine Verhalten bringt Erna in arge Gewissenskonflikte. Wann ist man eine Petze, wann soll man die Wahrheit sagen? Immer wenn Erna sich einmischt, hat sie das Gefühl, die anderen Mädchen in der Klasse mögen sie nicht mehr. Und dann sind da noch Ernas angebliche dicke Schenkel, der falsche Trost der Eltern und ein Junge, der Erna Rätsel aufgibt.

Es sind diese Beobachtungen des Kindes, die andere Kinder bei der Lektüre sicher auch beschäftigen werden. Bereits in „Bodentiefe Fenster“ hatte Anke Stelling ihr Leben in einem Gemeinschaftshaus im Prenzlauer Berg mit allen Vor- und Nachteilen beleuchtet. Jetzt betrachtet sie aus der Kindersicht die Konflikte, die sich einstellen, wenn alle es allen recht machen wollen und nicht können, wenn einzelne ihre Anliegen in den Vordergrund schieben und sich dann doch aus der Gemeinschaft entfernen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht aber auch Ernas Verhältnis zu ihrer Mutter, die immer alles besprechen will und letztendlich im entscheidenden Moment, auch aus Überforderung oder Hilflosigkeit, nicht auf der Seite ihres Kindes steht. Sicher kann man vieles erklären, aber wo sind die Grenzen, wenn es um Kompromisse geht? Wie ehrlich sind die Lehrer den Kindern wirklich gegenüber? Erna durchschaut auch hier, dass die Lehrer eine Maske der Toleranz tragen, die schnell abgenommen wird, wenn es darum geht, wer wirklich das Sagen hat.
Am liebsten würde Erna auf ein Gymnasium mit klaren Regeln gehen, wo nicht alles mit allen besprochen wird.

An Ernas Seite, die im Laufe der Geschichte zu vielen Erkenntnissen gelangt, durchlebt der Leser eine Alltagsgeschichte, die zum Nachdenken anregt. Eines jedoch ist seltsam in einem Buch, in dem die Bedeutung von Worten so wichtig ist und das ist die Verwendung des Wortes „rasten“. Rasten steht ja eigentlich für ausruhen, pausieren oder einkehren. Bei Anke Stelling wird es immer dann benutzt, wenn jemand ausrastet, also die Nerven verliert. Das irritiert beim Lesen und ist inhaltlich nicht nachvollziehbar.

Blutrosen

Monika Feth: Blutrosen, cbt, München 2017, 505 Seiten, €17.99, 978-3-570-16315-3

„Dann war Mikael mit seiner besitzergreifenden, erstickenden Liebe gekommen und hatte sie zu seiner Gefangenen gemacht. Und das war sie heute noch, seine Gefangene. Eingesperrt in einem Leben voller Angst.“

Romy arbeitet als Volontärin bei einer Kölner Zeitung und hat scheinbar bei ihrem Chef Greg ein Stein im Brett. Wie kann es sein, dass jemand mit so wenig Berufserfahrung sich dem Thema Frauenhäuser in Köln widmen kann? Nun gut, es ist ein Jugendroman und hier müssen die Protagonisten nicht allzu alt sein, der Plot soll spannend sein und nicht allzu kompliziert. An diese Maximen hält sich die erfahrene Autorin Monika Feth.

Romy lernt Fleur, die im Frauenhaus lebt, kennen und die 19-Jährige öffnet sich einer völlig fremden Person, damit nicht andere Mädchen den gleichen Fehler begehen wie sie. Fleur ist von zu Hause abgehauen, da der Stiefvater ihr auf die Pelle gerückt ist und die Mutter ihr einfach nicht glauben wollte. Sie hatte vom Leben auf der Straße genug und blieb trotz anfänglicher Bedenken bei Mikael, einem jungen Mann, dessen Eifersucht maßlos wurde. Immer wieder hat er sie von Frauenhaus zu Frauenhaus aufgespürt. Auch hier in Köln hat er sie gefunden und als eine Sozialarbeiterin ihn vor dem Haus entdeckt und eine Foto macht, musste sie ihr Leben lassen.

Ein personeller Erzähler widmet sich mal Romys Leben, dann schwenkt er zu Mikael über. Romy führt aber auch noch Tagebuch und sogar Fleur zeichnet ihre Erfahrungen auf. Als Kriminalhauptkommissar Bert Melzig die Ermittlungen aufnimmt, weiß der Leser, es wird noch mehr Morde geben.
Romy stellt Fleur, die sich nach dem Tod der Sozialarbeiterin nicht mehr sicher fühlt, nichts ahnend ihre Wohnung zur Verfügung und zieht zu Ingo, einem Journalistenkollegen und ihrer neuen Liebe.
Keine Frage, dass Mikael Fleur wieder findet und bestrafen will.

Richtig Spannung nimmt dieser routiniert geschriebene Roman mit seinen eindimensional gezeichneten Figuren nie auf, denn alles ist vorhersehbar, das erfolgreiche Stalking, die Ängste der Frauen, die Liebesstory von Romy, der Showdown mit der Polizei. Psychologisch kaum nachvollziehbar, denn zu einfach gestrickt, agieren die Figuren wie an unsichtbaren Fäden. Die Widersprüchlichkeiten, die Menschen nun mal ausmachen, kommen nie zum Tragen. Unglaubwürdig und unrealistisch dargestellt ist die Arbeit in der Zeitungsredaktion und ärgerlich ist, dass Monika Feth immer wieder zu wirklich kitschigen Formulierungen von der ersten bis zu letzten Seite neigt, wenn es um Gefühle geht: „Hier kam seine Seele zur Ruhe. Hier war sie zu Hause.“
Die Fans ihrer Romane scheinen darüber hinwegzusehen.

Die Stute

Mary Gaitskill: Die Stute, Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Sorge, Klett-Cotta Verlag, 540 Seiten, €25,00, 978-3-608-98109-4



„Mir schien, dass sie aggressiv mir gegenüber war. So wie sie mit ihrer Mutter umgegangen war, als sie zu der Aufführung gekommen waren, so wie sie sich auf subtile Art auf die Seite der großen blonden Frau in dem Stall gestellt und ihre Mutter ausgeschlossen hatte. Velvet wusste alles über Schwäche und Macht, und es war, als würde sie auf meinen wunden Punkt drücken, einfach um zu sehen, was passierte.“

Ginger geht langsam auf die Fünfzig zu, sie leidet unter ihrer Kinderlosigkeit und keine richtige Frau zu sein. Als sie Paul, er hat eine Tochter aus erster Ehe, bei den Anonymen Alkoholikern kennenlernt, verlieben sich die beiden. Paul arbeitet als Dozent in einer Kleinstadt nördlich von New York. Ginger malt, würde sich aber selbst nie als Künstlerin bezeichnen. Mit dem Gedanken spielend, dass sie ein Kind adoptieren könnten, melden sie sich für ein Ferienprogramm einer Hilfsorganisation an, um ein Kind aus einem Armenviertel in New York für vierzehn Tag aufzunehmen. Velvet ist elf als sie Ginger und Paul kennenlernt. Sie lebt mit ihrer Mutter Silvia, die für den Lebensunterhalt der Familie schuftet, und dem kleinen Bruder beengt in einer kleinen Wohnung. Für Ginger ist das Mädchen aus der Dominikanischen Republik mit ihrem krausen Haar einfach nur bezaubern schön und Velvet begeistert sich fürs Reiten und den Stall, den Ginger ihr gezeigt hat. Noch schüchtern, beginnt Velvet sich langsam an die neue Umgebung zu gewöhnen. Erste Konflikte entstehen als Ginger versteht, Velvets Mutter spricht oder vielmehr brüllt nur Spanisch, dass das Mädchen nicht reiten darf. Die Beziehung zwischen Velvet und ihrer Mutter ist seltsam angespannt, zum einen liebevoll, zum anderen gewalttätig, denn Silvia kann sich nur lautstark verständigen oder mit dem Gürtel, mit dem sie gnadenlos auf den jungen Körper ihrer Tochter eindrischt.

Der hinterhältige Sohn Dante steht daneben und lacht, wenn seine Schwester verprügelt wird. Sylvia, als Mutter, die ihre Kinder nicht beschützen kann und in einem Land lebt, dessen Sprache sie nicht mal beherrscht, muss mit ihren Enttäuschungen fertig werden. Für Velvet beginnt mit dem Kontakt zu Ginger nun eine Zerreißprobe. Zum einen möchte sie der Mutter, die nie etwas Gutes für die Tochter will und ständig behauptet, sie sei schlecht, alles recht machen, zum anderen sehnt sie sich nach ihrem störrischen und unberechenbaren Pferd Fugly Girl. Velvet lügt, wenn es sein muss, sie wird in der Schule gemobbt, sie lebt in einer Umgebung voller Gewalt. Ginger jedoch hat sich in das Mädchen verliebt und weiß, dass sie ihr nie so nahe sein kann, wie sie es sich wünscht. Sie kann Velvet einiges ermöglichen, aber sie ist nicht ihre Familie. Ihr Mann Paul versucht Ginger diese Distanz klarzumachen, aber Ginger verschließt sich jeglichem rationalen Denken.
Immer wieder besucht Velvet Ginger und es stellt sich heraus, dass sie eine exzellente Reiterin sein könnte, die sogar hören kann, was die Pferde zu sagen haben. Die Bindung an das nicht zähmbare Pferd stärkt Velvets Handeln und Denken und ihre innere Freiheit, wenn sie reiten darf. Aber Velvet gerät, um anderen zu imponieren, in Schlägereien, sie bringt keine guten Noten nach Hause, auch wenn Ginger mit ihr am Telefon die Hausaufgaben macht. Je mehr Ginger das Kind an sich binden will, um so problematischer wird für Velvet die eigene Familie und ihr Umfeld.

Ginger muss Velvet auch klarmachen, dass sie ihre Eskapaden nicht zahlen kann, auch wenn sie als Weiße vielleicht etwas mehr Geld hat als ihre Mutter. Doch Ginger lenkt ein, versucht Velvet an sich zu ziehen, schickt der Mutter trotz allem Geld, will das ihre Familie in ihre Gegend zieht und hofft sehr, dass das Mädchen sogar bei einem Turnier mitreiten könnte. Dabei bemerkt Ginger, die auch heimlich und aus Verzweiflung um das Kind einen Drink nimmt, nicht, dass ihr Mann eine Affäre hat und die beiden sich voneinander entfernen.

Mary Gaitskill lässt ihre Figuren, Ginger, Velvet, Paul und Silvia aus ihrer Sicht von den Geschehnissen erzählen. Dabei achtet sie nicht sonderlich auf die Figurensprache, denn Velvets Erklärungen sind manchmal einfach zu erwachsen. Und doch liest sich dieser Roman absolut spannend, denn er erzählt direkt und ungeschminkt von verzweifelten, nicht unbedingt sympathischen Menschen in realen Lebenssituationen, deren Konflikte verständlich und nachvollziehbar sind.

The Couple Next Door

Shari Lapena: The Couple Next Door, Aus dem Englischen von Rainer Schumacher, Lübbe Verlag, Köln 2017, 349 Seiten, €15,00, 978-3-7857-2585-6



„Es hätte ein Verbrechen ohne Opfer werden sollen.“

Die Entführung eines Säuglings ist das perfideste Verbrechen, das man Eltern antun kann. Als Anne und Marco Conti nach Mitternacht von einem kleinen Fest bei den Nachbarn zurückkehren, liegt ihre sechs Monate alte Tochter Cora nicht mehr in ihrem Bettchen. Dabei hatten die Eltern doch ein Babyfon dabei, sie haben jede halbe Stunde nach dem Baby geschaut, Anne hat es gestillt – und nun diese Katastrophe. Eigentlich sollte ein Babysitter kommen, aber dieser hatte kurzfristig abgesagt. Anne gibt Marco die Schuld am Verschwinden der Tochter. Sie hätte Cora mit ins Nachbarhaus nehmen sollen, aber die attraktive Cynthia, die den ganzen Abend schamlos mit Marco geflirtet hatte, wollte ein Essen nur mit Erwachsenen. Eins ist klar, es kann nur eine Entführung sein, denn Annes Eltern sind Millionäre.

Detective Rasbach beobachtet in aller Ruhe Anne und Marco. Er ahnt, dass es viele Geheimnisse in dieser Familie gibt, aber nicht nur hier. Die Presse belagert das Haus, nachdem Anne und Marco völlig verzweifelt sich an die Entführer gewandt haben, die sich einfach nicht melden. Seit Cora auf der Welt ist, funktioniert die Ehe der Contis nicht mehr besonders gut. Anne leidet an einer postnatalen Depression, sie fühlt sich fett und unbeachtet. Marco hat seine Softwarefirma gegen die Wand gefahren und kann seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Zwischen Annes arroganten Eltern, Alice ist kalt wie ein Fisch und Stiefvater Richard genießt seine Überlegenheit, und dem ungeliebten Schwiegersohn sind die Spannungen nicht zu übersehen, zumal die Eltern alles bezahlt haben, das Haus in der exzellenten Wohngegend und den Kredit für Marcos Firma.

Aber auch Anne hat etwas vor ihrem Mann verborgen, sie neigt in Stresssituationen zu Gewalt und kann sich aber im Nachhinein an nichts erinnern. Auch das Nachbarpärchen könnte zur Täterfindung beitragen, wenn sie die Aufzeichnungen der Kamera an ihrem Haus der Polizei zur Verfügung stellen würden.

Shari Lapena erzählt ihre rasant komponierte und spannend erzählte Krimihandlung aus unterschiedlichen Perspektiven. Geschrieben im Präsens scheint es so zu sein, als sei man zeitgleich bei den Ereignissen dabei. Und sie gewährt dem Leser einen Wissensvorsprung. Was der Polizist Rasbach ahnt, weiß der Leser bereits und kann beobachten, wie sich die Geschehnisse weiter entwickeln. In überraschend blitzschnellen Wendungen steigert sich die Handlung, ein Mord geschieht und wieder werden die Karten neu gemischt, denn bis hierher dachte der Leser, er ist über alles im Bilde. Sicher spielen Emotionen bei Kindesentführungen eine Rolle, aber in dieser Geschichte ahnt man schnell, dass dem Kind nichts geschehen wird. Sympathisch sind die Figuren von Shari Lapena kaum, Mitleid jedoch kann man mit ihnen haben.

Heute leben wir

Emmanuelle Pirotte: Heute leben wir, Aus dem Französischen von Grete Osterwald, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2017, 287 Seiten, €20,00, 978-3-10-397211-5



„Verschwinden, ja das hätte er gekonnt. Aber er wollte bleiben. Jeanne hätte gern glauben mögen, dass es um ihretwillen war. Aber es war Renée, die ihn im Netz behielt. Sie schien ihn verzaubert zu haben. Sie hatte ihn in den Tod gelockt. Denn die Amerikaner würden ihn mitnehmen und erschießen.“

Seit ihrem dritten Lebensjahr wird das Waisenkind Renée mit den schwarzen funkelnden Augen von Person zu Person weitergegeben. Die einen helfen aus Mitleid, die anderen, weil sie nicht wissen, was sie mit dem Kind tun sollen und die letzten, weil sie das Mädchen und seinen Kraft mögen. Es sind die letzten Kriegstage in den Ardennen. Zur Zeit lebt das jüdische Kind, das seine Eltern verloren hat, bei Bauern. Sie haben Angst vor Entdeckung und den Deutschen und bringen das Kind dem Pfarrer. Auch dieser ist hilflos und übergibt die Kleine, die nun bereits sechs oder sieben Jahre alt ist, an zwei amerikanischen Soldaten. Er kann nicht wissen, dass diese Soldaten Deutsche einer Eliteeinheit sind und nur Feinduniformen tragen, um sich zu tarnen.
Klar ist nun, dass sie das Kind ermorden werden, denn jüdisches Leben hat in ihrer Ideologie keinen Wert.

Immer wieder wechselt der französische Autor die Perspektiven. Mal liest man die Gedanken von Renée, dann wieder die von Matthias, dem SS-Offizier. Er sieht das Kind und schießt nicht auf das Mädchen, sondern auf seinen Kameraden. Warum er dies tut und weshalb er im Laufe der Geschichte noch mehrmals für Renéé töten wird, bleibt im Ungewissen. Dieses Kind fasziniert Matthias, der eigentlich nur zur Tötungsmaschine geworden ist, seine aufrechte Art, sein unkindliches Verhalten scheinen in Matthias Vatergefühle zu wecken. Auch wenn er Renée, für die er Hasen schießt, um ihr gegen die Winterkälte Handschuhe zu fertigen, bei französischen Bauern wieder abgibt, kehrt er doch zurück und wird sie beschützen. Er will in den Norden mit ihr und muss doch bleiben, mal krankheitsbedingt, mal um sich zu tarnen. Vor den US-amerikanischen Soldaten kann er sich als Kanadier ausgeben, um sich über die letzten Kriegstage zu retten.
Renée kennt nur das Leben in der Defensive. Sie weiß, sie muss sich verstecken, sie darf nicht laut mit den anderen Kindern spielen, nichts erzählen. Dabei holen sie die Erinnerungen ein und sie sieht sich wieder im Kohlenberg, in den sie sich vergraben hat, um nicht von den Deutschen abgeholt zu werden. Andere Kinder, deren Gesichter sie schmerzlich vor Augen hat, hatten nicht dieses Glück.
Als dann Matthias wahre Identität, durch eine nur kleine unachtsame Geste, enthüllt wird, verhören ihn die US-Amerikaner, die ebenfalls ihre brutale Seite an der Zivilbevölkerung ausleben. Aber Matthias hilft seine Eliteausbildung und so kehrt er zu Renée zurück, wird mit ihr fliehen und vielleicht irgendwo ein gutes Leben führen.

„Matthias war schon nicht mehr in der Lage, ihr böse zu sein. Dieses Kind flößte ihm Kraft ein, eine Lebensenergie, eine neue Lust aufs Dasein, die ihn mitrissen und stärker beherrschten als alles, was er bis dahin für die Antriebskräfte seiner Existenz gehalten hat: der Kampfrausch, die unmittelbare Gefahr, die Risikobereitschaft und die Todesangst.“

Die Großeltern von Emmanuelle Pirotte waren Helden, denn sie haben ein jüdisches Kind versteckt. Die Geschichte eben jener Großeltern hat die Belgierin zu ihrem ersten Roman inspiriert.

All die verborgenen Dinge

Sarah Moore Fitzgerald: All die verborgenen Dinge, Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel, KJB, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2017, 234 Seiten, €14,99, 978-3-7373-5197-3



„Er ging mir ständig durch den Kopf. Der Junge, der im Wohnwagen lebte. Der Junge mit den Pferden. Der Junge, der um Mitternacht ein großes Feuer machte und auf einem Autoreifen über den Fluss schwang, vor und zurück, und dabei laute, unverständliche Schreie ausstieß. Dieser Junge, von dem alle sagten, er tauge nichts.“

Ned Buckley ist ein Junge, der selten in die Schule kommt und irgendwie auf alle abweisend, ja fast arrogant und trotzdem anziehend wirkt. Nur Brendan Kirby, der Tratschkönig der Klasse, redet schlecht über den geheimnisvollen Jungen, der Minty ständig durch den Kopf geht. Sie ist die Erzählerin dieser Geschichte, die in Irland spielt.
Minty ahnt nicht, dass Ned mit seiner Großmutter in einem Wohnwagen am reißenden Strom, dem sogenannten Nettlebog lebt. Hier sind seine Pferde untergebracht, mit denen er im Ort allerdings für Unruhe gesorgt hat. Zum verbotenen Strom zieht es auch Minty, die von ihren Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Natürlich hat sie bemerkt, dass ihre Eltern ständig Zoff haben und es nicht mal in einem Raum miteinander aushalten. Als Mintys Vater dann nach ihrem Geburtstag auszieht, eskaliert nicht nur der Streit zwischen den Eltern, Minty fühlt sich auch von ihrer Mum und ihrem Dad behandelt wie ein Kleinkind. Ihre Mutter flieht in hektischen Aktionismus, wird Veganerin und spielt ihr vor, dass sie jetzt so richtig glücklich ist und ihr Vater lädt sie als Blumenmädchen zu seiner übereilten Hochzeit mit der ziemlich jungen, blonden Lindy ein. Minty schweigt zu allem und doch kocht sie innerlich. Als sie jedoch Neds Großmutter trifft und sich bei ihr ausweinen kann, wird ihr Blick klarer. Und dann lernt sie endlich den wahren Ned kennen und bemerkt, dass der Junge weder verschlossen noch arrogant ist. Ned trainiert hart für das Ballyross-Rennen und er hat ein Geheimnis, er kann nicht lesen. Minty hilft Ned nun bei den Schularbeiten und er lässt sie mit Phoebe reiten und etwas entdecken, was sie nie vermutet hätte.

„Ich konnte Phoebe reiten; ich wusste, wie sie sich bewegte und worauf sie reagierte; und ich bekam ein Gespür für ihren Mut und wie ich diesen Mut an die Oberfläche holen konnte – Gran war der festen Überzeugung, dass ich ein Pferdemensch bin, eine geborene Reiterin.“

Durch die Freundschaft zu Ned verändert sich für Minty vieles. Sie wagt es endlich, ihren Eltern klar zu sagen, was sie denkt und sie bemerkt, die aufgesetzte Feindschaft gegen den Außenseiter Ned, der die anderen in der Klasse, aber auch die Erwachsenen, mit seiner ungestümen, manchmal auch gesetzlosen Art verunsichert. Sie weiß, dass Ned nicht kriminell ist und seine temperamentvolle Lehrerin Serena Serralunga aus Siena weiß das auch, allerdings wird es sie die Stellung kosten.

Vielleicht hätte man auf die Gegenüberstellung von italienischem Freigeist und Traditionsbewusstsein gegen irländische Engstirnigkeit und Provinzialismus verzichten können. Aber gut, die Freundschaftsgeschichte, in der es um Mut, Selbstbewusstsein, aber auch Ziele im Leben und Offenheit geht, liest sich ganz wunderbar und bereichert jeden jungen Leser sicher. Und, keine Frage, dies ist ein Buch für Pferdefans und die, die es noch werden wollen.

Der Sommer, in dem ich die Bienen rettete

Robin Stevenson: Der Sommer, als ich die Bienen rettete, Aus dem Englischen von Bettina Münch, Rowohlt Verlag Rotfuchs, Reinbek bei Hamburg 2017, 250 Seiten, €16,99, 978-3-49921782-1

„O Mann! An meinen Schultern ragten Flügel aus Drahtgewebe in die Luft. Das Kostüm sah bekloppt aus. Nein, ich sah bekloppt aus. Wie eine Kreuzung aus Hummel und Riesenmarshmallow.“

Es ist schon ein Kreuz, da trennt Jade, die wachsame und energiegeladene Mutter des zwölfjährigen Wolf, ihren Müll, sorgt sich um den Klimawandel, isst kein Fleisch, nichts Süßes, zieht ihr eigenes Obst und Gemüse und doch wird die Welt in gar nicht langer Zeit verhungern. Ihr Sohn hat mit seinem besten Kumpel Duncan ein Referat über das Bienensterben ausgearbeitet. Und dieser Vortrag ist nun schuld, dass die gesamte Patchworkfamilie sich quer durch Kanada auf den Weg machen wird, um die Menschen vor Pestiziden und vor allem den Weltuntergang zu warnen.

Wolf erzählt diese Geschichte und kann nicht fassen, dass er bald als dicke Drohne in den Straßen von Kanada die Erde retten wird und seine Mutter mit ihren Jonglierkünsten Aufklärungsarbeit leistet. Vor allem postet seine Mutter die Aktion. Absolut peinlich. Sicher sehen die fünfjährigen Halb- und Zwillingsschwestern von Wolf in ihren Bienenkostümen süß aus, vielleicht macht es ihnen Spaß den gesamten Sommer in einem alten Van, der auch noch bemalt ist wie eine Biene, durch die Gegend zu fahren, aber Wolf und seine fünfzehnjährige Stiefschwester Violet wollen einfach nur abtauchen. Hinzu kommt noch, dass beide ihre Schule früher beenden müssen. Curtis, der Vater der Mädchen, hält sich im Hintergrund. Und so kommt es, dass sich Wolf um die kleinen Schwestern kümmern muss. Er ist es, der bemerkt, dass Whisper nicht mehr spricht und sich im Gegensatz zur pausenlos plappernden Saffron vor allem ängstigt. Gegen alles, was Jade sagt, schießt Violet mit scharfen Worten und sie erzwingt, dass ihr Freund Ty auf der Reise dabei ist.
Allerdings findet die Fahrt, die ein ziemliches Desaster ist, bereits frühzeitig ein Ende, denn der Ford-Kleinbus hat seinen Geist aufgegeben. Wolf hat keine Lust mehr, die Wutanfälle von Whisper, die ebenfalls ihr Kostüm hasst, zu ertragen. Sie spricht kein Wort, nässt im Schlaf das Bett ein und ist totunglücklich. Immer wieder versucht er, mit der Mutter zu reden, die alles in den großen Zusammenhang stellt. Natürlich kann das kleine Familienproblem mit dem Weltsterben nicht mithalten. Fanatisch pocht die Mutter auf ihre Rettungsaktion und sieht nicht, welche Bedürfnisse ihre Kinder haben. Natürlich möchten die Zwillinge lieber schwimmen gehen als niedlich in der Gegend herumzustehen. Violet hat längst beschlossen abzuhauen. Auch wenn sie in allem so selbstsüchtig ist, sorgt sie sich doch um die Mädchen und den Bruder. Wolf ist hin- und hergerissen, er weiß, wie wichtig der Mutter diese Reise ist und wie sehr sie seine Unterstützung braucht, aber er kennt auch die Reaktion anderer Menschen, die die Aktion mehr als abgefahren, um nicht zu sagen, verrückt finden.
Ty, Violet, Wolf und die beiden Mädchen, die natürlich keine Ahnung haben, was wirklich los ist, kratzen alles Geld zusammen und steigen in den nächsten Bus nach Nelson, um dort bei der Großmutter unterzutauchen, die Violet zuletzt vor sieben Jahren gesehen hat.

Auf beeindruckende Art erzählt die kanadische Autorin Robin Stevenson aus der Perspektive von Wolf über so genannte „Gutmenschen“ und deren Konflikte. Auch wenn die Mutter die Gutmütigkeit ihres Sohnes ausnutzt, ihm einfach zu viel Verantwortung zuschiebt, kann der Junge endlich am Ende der Geschichte über seine Sorgen reden und den Finger in die Wunden legen. Wie soll im Große alles gut laufen, wenn schon mal die kleinen Dinge nicht funktionieren? Warum muss er sich pausenlos um die Mädchen kümmern, wenn es da einen anwesenden Vater gibt, Curtis? Warum wird nicht verstanden, dass Violet und er die Schule beenden wollen? Warum sollen sich Fünfjährige um die durchaus auch ehrenwerten Probleme der Erwachsenen sorgen?

Robin Stevenson hält die Balance zwischen dem Ernst der Geschichte, die Sorge um die Natur, die wissenschaftlichen Infos über das Leben der Bienen, aber auch der Komik und der Kraft der Kinder, die ihre Bedürfnisse gegen die engstirnigen Erwachsenen durchsetzen.

Schüsse im Schnee

Leena Lehtolainen: Schüsse im Schnee, Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara, Kindler Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 381 Seiten, €16.99, 978-3-463-40687-9



„In den letzten Tagen hatte ich bemerkt, dass sich Lovisa gegenüber Raimos Kindern ganz anders verhielt als gegenüber Johannes. Es war, als ob sie die Nachkommen ihres Neffen verabscheute, sich aber nach Kräften bemühte, es nicht zu zeigen.“

Bei ihrem neuen Auftrag soll sich die Personenschützerin Hilja Ilveskero um die 92-jährige Industrierätin Lovisa Johnson kümmern. Getarnt als Sekretärin, die die Memoiren der alten Dame aufzeichnet, wohnt Hilja nun kurz nach Weihnachten auf dem einsam gelegenen Gut Loberga Gard. Bereits auf dem Weg durch die Wälder, in denen eigentlich nicht gejagt werden darf, wird auf Hilja geschossen. Hilja wirft jedoch so schnell nichts um, sie ist korrekt, zeigt wenig Emotionen und ist professionell distanziert. Schnell wird klar, dass Lovisa sich bedroht fühlt, nicht von den Jägern, die illegal auf ihrem Land Wild schießen. Sie mutmaßt, dass ein Familienmitglied ihr nach dem Leben trachtet. Dabei sind in dieser Familie nicht wenige durch Unfälle oder Unglücke ums Leben gekommen. Vier Großnichten und Großneffen sind noch da: Johannes, ein altruistischer Arzt, Aurora, eine selbstverliebte wie überspannte Heilpraktikerin mit sensorischen Kräften, Raisa, eine harte Businessfrau und Sampo, ein gescheiterter Polizist, der nun bei einem Securitydienst arbeitet.
Ganz diffizil sind die Angriffe auf die energische, in ihrem Leben auch ohne Mann erfolgreiche Geschäftsfrau. Mal wurde ein Ball auf der Treppe liegengelassen, mal wurden seltsame Pralinen geschickt. Die Polizei geht den Vermutungen eher halbherzig nach. Echtes Vertrauen schenkt die Hausherrin ihrer serbischen Haushaltshilfe Dunja, die bereits seit 15 Jahren für sie arbeitet und ihrem angeblichen Lieblingsneffen Johannes. Im Laufe der Geschichte wird sich jedoch herausstellen, dass er viel mehr als das ist. Als Johannes vier Jahre alt war, ist er ins Eis eingebrochen. Seine Mutter, die ihn retten wollte, ist bei dem Versuch ertrunken. Johannes wird die Hälfte des Erbes erhalten und die anderen drei den übrigen Anteil.

Hilja begibt sich auf ihren Beobachtungsposten und beginnt das Haus und ihre Auftraggeberin nach und nach abzusichern. Immer wieder spürt und hört sie von den Anverwandten latent ausländerfeindliche Sprüche. Als dann Johannes auch noch einen geflüchteten homosexuellen Russen bei der Tante verstecken will, fühlt sich Hilja etwas überfordert. Nach und nach werden die Familiengeschichten erzählt und Hilja liest mit großen Schwierigkeiten, da kaum Empfang ist, die Hass-Mails gegen die alte Dame. Angeblich seien wilde Tiere auf ihrem Grund und Boden und niemand darf diese schießen.

Tief eingeschneit und nur durch die Besuche der Verwandten aus dem Dornröschenschlaf geweckt, liegt das Gut. Angeblich sollen sich zwei Iraker in der Gegend herumtreiben. Ihre Asylanträge sind abgelehnt worden und nun würden sie versuchen, illegal in Finnland zu bleiben. Sampo, als Angehöriger einer extremistischen finnischen Organisation, den Söhnen des Vaterlandes, jagt die beiden mit einem Freund. Hilja empfindet nur Verachtung für ihn. Zu Johannes jedoch entspinnt sich langsam eine Liebesbeziehung, die eher von Hilja beschleunigt wird.
Als dann jedoch ein seltsamer Autounfall nach einem Anruf von Raisa, die als Unternehmerin in der Erdölbranche tätig ist und als Putin-Freundin gilt, geschieht, wendet sich die Geschichte. Hilja kann dem Auto gerade noch so ausweichen, dass auf der glatten Straße gegen einen Baum knallt. Am Steuer des alten Wagens ohne polizeilichem Kennzeichen sitzt der Ehemann von Raisa, Leo Priha. War es Selbstmord oder hat ein fanatischer Umweltschützer das Leben des Lobbyisten beendet?

Lovisa verkraftet all die tragischen Geschehnisse nicht mehr, sie verfällt immer mehr in Erinnerungen an die ihr eigenes Leben, in dem ein Mann, Mitja, auf jeden Fall eine kurze und wichtige Rolle gespielt hat. Die selbstsüchtige Aurora nervt ihre Schwester Raisa mit ihren hellseherischen Fähigkeiten und Hilja muss mit ihren Gefühlen für Johannes klarkommen.
Immer wieder pendelt die Handlung zwischen dem Unfall von Leo, den Erinnerungen Lovisas, aber auch Hiljas Erinnerungen an ihre Arbeit hin und her. Immer mehr Informationen offenbart Lovisa von ihrem Leben, immer mehr gerät die Bedrohung ihres Lebens in den Hintergrund.

Leena Lehtolainen greift in ihrem Krimi rund um die Personenschützerin Hilja alle möglichen aktuellen Themen auf, zum einen die Flüchtlingskrise, den Egoismus und die Gleichgültigkeit der Menschen, aber auch die Gier nach dem schnellen Geld auf Kosten der Alten, die einfach nicht abtreten wollen. Das liest sich zu Beginn sehr spannend, aber dann verheddert sich die finnische Autorin in zu vielen Details rund um ihre Figuren und deren Konflikte mit der Gesellschaft.
Hilja wird letztendlich ihren Auftrag bis zum Ende führen, aber bis es soweit ist, hat man schon längst vergessen, worum es eigentlich ging.