Ehemänner

Jami Attenberg: Ehemänner, Aus dem Englischen von Barbara Christ, Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt a.M. 2017, 321 Seiten, €24,00 , 978-3-89561-204-6

„Aber Alice weiß alles. Und ich vermute mal, Davis auch, so wild, wie er darauf war, diese Fotos in die Finger zu kriegen. Niemand von uns sollte mehr als die anderen über Martin wissen und dadurch mächtiger sein. Auf keinen Fall darf ich die Abgehängte sein, die wartet, vertrauensvoll, unwissend, für immer.“

Jarvis Miller, die Ich-Erzählerin, lebt in einem Loft in Williamsburg mit Blick auf die Skyline von Manhattan. Seit dem Unfall ihres Ehemannes Martin vor sechs Jahren verbringt sie die Tage irgendwie. Nur der Mittwoch ist ein strukturierter Tag, denn dann fährt sie mit ihrer Lieblingstaxifahrerin Missy nach Beverly Home in Queens, um ihn zu besuchen. In Rückblenden erinnert sich Jarvis, wie sie Martin, der aus einer religösen Familie aus Seattle stammt, einst kennenlernte. Als mittlerweile anerkannter Maler steigen die Preise für seine Bilder in die Höhe. Geld spielt somit keine Rolle. Als Jarvis und Martin sich begegneten, hängt die Erzählerin dieser Geschichte zwischen verschiedenen künstlerischen Projekten profillos fest und nimmt ziemlich viel Drogen. Mit Martin, der ihr koksen nicht duldet, erhält ihr Leben einen Sinn, auch wenn sie sich auf seine Eigenarten einstellen muss.

Als Jarvis in einem Waschsalon, ihre Waschmaschine hat den Geist aufgegeben und sie wartet immer noch auf den Scheck von Alice, Martins Galeristin, drei Ehemänner kennenlernt, verändert sich ihr Leben. Sie schaut wieder über ihren Tellerrand hinaus, beendet ihre Tagträume, ergibt sich nicht ihrer Trauer und handelt. Die Ehemänner sind Immobilienhändler, Autor und Hausmann mit Baby und alle verbindet, dass sie finanziell von ihren Frauen abhängig sind.
Martins Galeristin hatte ihr ein Angebot gemacht, sie möchte gern Martins Kunst im MOMA ausstellen. Aber Jarvis zögert noch, beeinflusst von Davis, der ebenfalls im Besitz von Martins Bildern ist. Wie kleine Kinder streiten sich die Galeristen um die Bilder ihres wertvollsten Künstlers. Jarvis mag die zupackende, zielorientierte Alice nicht mal, aber der Kummer schweißt sie zusammen. Schon lange wurde von Martins Fotos gesprochen, die in Alice’ Archiven verschwunden sind. Fast eifersüchtig versucht Jarvis, alles von Martin zu sichten. Als Alice nicht in New York ist, holt sich Jarvis die Fotos aus der Galerie und ist schockiert.

Stinksauer betrachtet sie die pornografischen Fotografien, und scheint eine andere Seite ihres Mannes zu entdecken.
Der Leser begleitet Jarvis und ihre Gedankenströme, er taucht mit ihr in die Künstlerszene ein, die vielleicht gar nicht so spektakulär ist. Beim Lesen fällt auf, dass Jarvis selbst so wenig Kontur hat. Auch wenn sie sagt, dass sie jederzeit gehen könnte, ist nie klar, was sie eigentlich selbst beschäftigt, wer sie eigentlich ist.
Auch wenn sie eine treue Ehefrau bis zur Entdeckung der Fotos ist, so bleibt sie als Figur beim Erzählen der am Ende tragischen Ereignisse doch seltsam blass.

Unsere Jahre in Miller’s Valley

Anna Quindlen: Unsere Jahre in Miller’s Valley, Aus dem Englischen von Tanja Handels, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017, 314 Seiten, €20,00, 978-3-421-04758-8



„Mein Vater war tot, meine Mutter mehr als hundert Kilometer weit weg, meine Tante verließ ihr Haus nicht mehr, meine beste Freundin aus der Grundschule sah mich als Sünderin, und mein Freund hatte ständig zu tun. Von außen betrachtet, war es also nicht die beste Zeit meines Lebens. Und doch hatte ich zum ersten Mal seit Langem das Gefühl, irgendwie vorwärtszukommen. Ich trat nicht mehr auf der Stelle, ich war in Bewegung.“

Mary Margret Miller, kurz Mimi genannt, ist die Erzählerin dieser Geschichte, die sich über ein ganzes Menschenleben von der Mitte des 20. bis ins 21. Jahrhundert zieht. Sie ist in einem Tal in der Nähe eines Staudammes geboren, das gut 2500 ha Land umfasst und laut Regierungsbeschluss geflutet werden soll. Wie ein Damoklesschwert hängt diese Ankündigung gleich zu Beginn der Handlung über allen Figuren, die in dieser Geschichte vorkommen werden. Kämpfen die einen gegen den Verlust der Heimat, wie z.B. Donalds Großvater, so ziehen die anderen einfach davon. Donald und LaRhonda sind Mimis Kinderheitsfreunde, aber auch Donald wird nach dem Tod der Großmutter mit der Mutter, die sich kaum um ihn gekümmert hat, nach Kalifornien ziehen. Immer wieder treffen Karten und Briefe mit kurzen Texten bei Mimi ein, Versprechen den Opa und sie zu besuchen, die jedoch nie wahr gemacht werden. LaRhonda jedoch wird sich mit anderen Freundinnen Jesus Christus zuwenden und Mimi vergessen.

Mimi berichtet nach und nach von den Menschen, mit denen sie im Tal lebt. Der stille Vater arbeitet als Farmer und weiß, dass weder seine Söhne Tommy und Eddie noch Mimi das Land übernehmen wollen. Mimis pragmatische Mutter führt nicht nur zu Hause ein strenges Regiment, sie ist auch eine gute Krankenschwester. Mimi ist als Kind von ihrem Zimmer aus per Heizungsrohre ins Schlafzimmer der Eltern über alle familiären Probleme informiert. Trotzdem weiß sie nicht, warum Ruth, die Schwester der Mutter, im kleinen Haus auf der Farm lebt und nie ihr Zimmer verlässt. Dieses Geheimnis und die Feindschaft zwischen den Schwestern wird sich erst am Ende der Geschichte aufklären.

Als Tommy sich zur Marine meldet, herrscht in der Familie eine ungute Stimmung. Zwar wird er äußerlich wohlbehalten aus Vietnam zurückkehren, aber er ist nicht mehr der charmante und fröhliche Mann, der er einmal war. Sein Verhalten enttäuscht Mimi zutiefst, der Mutter zerreißt es das Herz. Und er wird kein guter Vater für Clifton werden. Tom hatte Callie als 17-Jährige geschwängert, Mimi und ihre Familie werden die junge Frau unterstützen. Mimi arbeitet als Kellnerin, sie ist die Ersatzmutter für Clifton und sie entdeckt ihre naturwissenschaftliche Begabung. Ihre Mutter ist es, die sie trotz Schlaganfall von Mimis Vater, sie dazu drängt das Tal zu verlassen und aus ihrem Leben endlich etwas zu machen. Eddie hatte seine Begabung genutzt, um nun als Ingenieur weit fort zu arbeiten. Auch wenn die Mutter mit ihm am Abend, da sind die Kosten nicht so hoch, telefoniert, bleibt er den Eltern fremd.
Und Mimi wird ihre erste große Liebe kennenlernen. Aber mit Steven wird sie keine Familie gründen, an die denkt sie erst, als sie per Zufall Donald über den Weg läuft.

Die Pulitzerpreisträgerin Anna Quindlen kann berührend erzählen und das macht diese Familiengeschichte, die sich von anderen nicht groß unterscheidet, so faszinierend. Es sind die Menschen, die Mimi in all ihren Eigenarten schildert, ihre Beobachtungen, die so subjektiv sind und doch so authentisch scheinen.

Das Licht zwischen den Wolken

Amy Hatvany: Das Licht zwischen den Wolken, Aus dem Amerikanischen von Alexandra Kranefeld, Blanvalet Verlag, München 2017, 508 Seiten, €19,99, 978-3-7645-0609-4



„Sie stellte sich vor, wie die beiden zusammensaßen und plauderten, sich bestens verstanden und die arme Brooke bedauerten, die jetzt leider, leider nicht dabei sein konnte, weil sie einfach viel zu verkorkst war, um ihnen beiden zu vergeben.“

Jennifer ist mit ihren zwanzig Jahren völlig verloren. Sie campiert in einem Auto, traut sich nicht zurück zu ihrer Mutter und muss ein Kleinkind und ein Baby versorgen. Der Alptraum. Niemand hilft dieser jungen Frau, die mit allem total überfordert ist. Als sie ihren Michael kennenlernte, war alles wunderbar. Doch kaum war das Kind auf der Welt, begannen die Probleme. Er setzte sie vor die Tür, ohne Arbeit, ohne Ausbildung, ohne Geld. Jennifer prostituiert sich für Lebensmittel und Kleidung für die Kinder und sie bedient sich einfach im Supermarkt. Doch dann eines Tages, Brooke ist vier Jahre alt, Natalie sechs Monate endet die Odyssee der kleinen Familie. Jennifer muss wegen Bagatelldelikten ins Gefängnis. Was wird aus den Mädchen? Jennifers Mutter lehnt jegliche Verantwortung für ihre Enkelinnen ab, sie weist sogar der Tochter nach der Haft die Tür. Eine Sozialarbeiterin rät der jungen, verängstigten Frau, die Kinder zur Adoption freizugeben. In ihrer Verzweiflung und Hilflosigkeit, ihre Mädchen einfach nicht versorgen zu können, stimmt sie einer anonymen Adoption zu.

Aus drei Perspektiven erzählt Amy Hatvany ihren Roman. Jennifer betrachtet das zeitlich gestaffelte Geschehen aus der Ich-Perspektive, Brookes und Natalies Geschichte wird aus der Er-Perspektive geschildert. Fünfunddreißig Jahre später lernt die Leserin dann Natalies Leben kennen. Sie wurde von liebenden Eltern aufgenommen, hat selbst geheiratet und hat zwei Kinder. Brooke dagegen musste ihre gesamte Kindheit im ständigen Wechsel von Pflegeeltern und Heimaufenthalten aushalten und kellnert nun. Sie hat sich auf einen verheirateten Mann eingelassen und ist schwanger. Zuerst möchte sie eine Abtreibung, doch dann wird klar, dass sie mit ihren neununddreißig Jahren vielleicht eine letzte Chance hat, alles besser zu machen.
Brooke hat minimale Erinnerungen an die Mutter, von der sie immer hoffte, dass sie sie eines Tages aus dem Heim abholen wird. Sie weiß auch, das sie eine Schwester hat, im Gegensatz zu Natalie. Als Natalies Tochter einen Stammbaum zeichnen soll, erfährt Natalie, die Mutter ist kaum bereit über die Vergangenheit zu sprechen, dass sie kein Einzelkind ist. Ein Schock.

Amy Hatvany erzählt nun ausführlich, wie die Schwestern sich finden und welche Spannungen sich innerhalb der Familie breit machen. In kurzen Rückblenden läuft vor dem inneren Auge von Brooke ihre Kinderzeit ab. Auch Jennifer erzählt von ihrem weiteren Leben, dass sie erneut im Gefängnis verbringen muss. Aus Sehnsucht nach ihren Mädchen hat sie ein Kind entführt und verletzt. In der Haft jedoch lernt Jennifer einen Beruf, sie bewährt sich und kann vorzeitig mit einer klaren Perspektive entlassen werden.
Beim ersten Besuch von Brooke bei Natalies Familie spürt sie die Ablehnung von Natalies Mann. Sie kann das Gefühl einfach nicht verdrängen, dass sie als „Heimkind“ negativ betrachtet wird und vor allem, dass sie selbst niemandem vertrauen kann.
Brooke will auf keinen Fall die leibliche Mutter suchen, Natalie ist milder gestimmt und möchte gern aus ihrem Mund hören, warum sie ihre Kinder weggegeben hat. Bevor es jedoch dazu kommt, eskaliert die Handlung und Brooke und Natalie müssen sich neu finden.

Sehr konventionell, aber berührend erzählt die amerikanische Autorin vom unendlichen Schmerz einer jungen Mutter, die ohne Unterstützung für sich keinen Ausweg sieht und ihre Kinder in dem guten Glauben verlässt, andere könnten besser für sie sorgen. Durch die Zeitsprünge gewinnt die Geschichte an Dynamik und tröstet etwas über die eindimensional gezeichneten Figuren hinweg. Die Widersprüchlichkeiten, die eine Person nun mal ausmacht, vermag Amy Hatvany in diesem Roman nicht darzustellen. Die negativ gezeichneten Frauenfiguren sind nur bösartig, die guten einfach nur verständnisvoll. Und so verzichtet sie zum Glück auf ein Happy End und lässt die Geschichte offen.

Als wir fast mutig waren

Jen White: Als wir fast mutig waren, Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, Hamburg 2017, 318 Seiten, €14,99, 978-3-551-55680-6



„Thema Dad beendet. Und seit Mom gestorben war, war überhaupt nichts Gutes mehr passiert. Außer Billie. Dass es sie gab, war das einzig Gute. Und Mom hatte recht. Dad war ein Hai, aus der Ferne interessant zu beobachten, aber komm ihm lieber nicht zu nah, sonst wird es dir leidtun.“

Für die achtjährige Billie und die zwölfjährige Liberty, sie ist auch die Erzählerin der Geschichte, bricht eine Welt zusammen als ihre Mutter bei einem Unfall stirbt. Vorübergehend wohnen beide Kinder bei Julie, einer Freundin der Mutter. Sie benachrichtigt Sam, den Vater der Kinder, der als Fotograf durch die Welt reist und sich nie um die Mädchen gekümmert hat und sie zuletzt vor sechs Jahren gesehen hat. Liberty schreibt gern ihre Gedanken in ihr Notizbuch und sie beschäftigt sich mit dem Verhalten der Tiere, auch weil der abwesende Vater oft Tiere für National Geographic fotografiert hat.
Die erste Begegnung mit Sam verläuft steif, denn er scheint nicht gern zu reden. Er nimmt die Mädchen von Kalifornien aus in seinem Camper auf eine Sommertour Richtung Arizona mit. Wochen später hält er an einer Tankstelle und lässt die Kinder einfach zurück.

An dieser Stelle beginnt die Romanhandlung, die nun Schritt für Schritt dem jungen Leser aufzeigen wird, wie die Kinder, die gar nicht wissen, wo sie eigentlich sind, sich ohne Geld, Klamotten, Getränke oder Essen und völlig alleingelassen auf den Weg nach Hause begeben müssen. Zu Beginn erzählt Liberty, die wie immer die Verantwortung für ihre Schwester übernimmt und deren Tobsuchtsanfälle kennt, dass ihr Vater sicher gleich zurückkehrt. Die enorme Hitze setzt den Mädchen zu, der Tankwart wird misstrauisch und holt die Polizei. Damit dem Vater nichts geschieht und voller Misstrauen klettern die Kinder in einen fremden Wagen und fahren eine Strecke erstmal heimlich mit.
Liberty vergleicht immer wieder das Verhalten der Erwachsenen mit dem der Tiere und erzählt Billie von allem. So legt die Meeresschildkröte ihre Eier am Sandstrand ab und erwartet, dass die geschlüpften Kinder ihren Weg allein gegen alle Gefahren ins Meer finden. So fühlt sich Liberty, die feststellen muss, dass sie Julie weder auf dem Festnetz und noch auf dem Handy erreichen kann.
In Gedankenströmen erinnert sich Liberty an die Zeit mit dem Vater, von dem sie gehört hatte, er sei ein Mensch, der irgendwie eine dunkle Seite habe, der lieber allein ist, ein Eigenbrötler. Zu Beginn geht er entspannt mit den Kindern um. Doch nach einer bestimmten Zeit vergisst der oft gereizte und wütende Sam, dass er sich um die Kinder, die sich ohne Fernseher und Beschäftigung einfach nur langweilen, kümmern muss. Er konzentriert sich auf seine Arbeit, redet nicht und kauft auch nicht ein. Als die Mädchen aus Versehen seine Fotos und seine teure Kamera beschädigen, schlägt er zu.

Die Mädchen begegnen nun auf ihrer hilflosen Reise Menschen, die ihnen ohne es zu ahnen, helfen und wieder anderen, die ihnen auch schaden, ohne zu wissen, dass sie allein sind.
Um es vorwegzunehmen, es wird nichts Schlimmes passieren, aber der Leser ist auf der Hut. Die Mädchen werden in eine Prügelei hineingezogen und sie werden sich durch ihre Tierliebe verletzen, aber das ist vielleicht auch ihr großes Glück.

Spannend erzählt die amerikanische Autorin in ihrem Debüt von einer engen Geschwisterbeziehung, die auch durch das Leben mit der Mutter, die viel arbeiten musste, immer mehr gewachsen ist. Liberty wird am Ende der Geschichte nicht mehr in ihre alten Sachen, die Julie mitbringen wird, hineinpassen. Aber das Mädchen ist nicht nur gewachsen, es hat auch einen Teil seiner kindlichen Unschuld verloren.
Wunderbar anschaulich sind die Tiergeschichten, die Liberty beisteuert und die nicht nur für Billie interessant sind.

11 Tage mit Papa

Brigitte Smadja: 11Tage mit Papa, Aus dem Französischen von Anja Malich, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017, 144 Seiten, €14,99, 978-3-499-21781-4



„Der Mittwoch ist ein Sondertag, wie eine Blase, und in dieser Blase ist niemand außer uns beiden. Oft ist es mir dadrinnen zu eng, und ich will so schnell wie möglich raus und zu Mama, Valentine, Lucas, Esther, Mme. Reboul und Georges Brassens. Aber wenn wir dann vor Mamas Haus stehen, fällt mir der Abschied doch jedes Mal schwer.“

Die elfjährige Naomi ist mit allen möglichen Dingen beschäftigt, mit dem Geburtstag ihrer besten Freundin Valentin, mit Lucas’ Zuneigung, mit ihrer Panik vor Fettleibigkeit und den Tanzschritten nach der Musik ihres Idols Amy Winehouse. Als ihr die Eltern versuchen klarzumachen, dass sie sich trennen werden, kommt das bei Naomi zuerst nicht so richtig an. Doch dann sind die Koffer vom Papa gepackt und das Leben verändert sich für die Hauptfigur in dieser Geschichte. Naomi selbst ist die Ich-Erzählerin und aus ihrer Perspektive folgt der Leser den Geschehnissen. Plötzlich holt, was so noch nie geschehen ist, Papa die Tochter von der Schule ab und führt sie in die neue Wohnung, die so ganz anders ist als die der Eltern vorher. Alles ist ziemlich geordnet und Naomi darf mitten in der Woche baden. Fantastisch. In manchen Situationen, so stellt Naomi fest, lernt sie ihren Papa ganz neu kennen. Vieles klappt beim Papa nicht so gut, z.B. das Kochen, aber nach und nach wird das schon. Was Naomi mit der Zeit aber nervt, ist Papas Aktionismus. Keine Sekunde darf ungenutzt vorübergehen, weder im Urlaub noch an dem Tag in der Woche, in der Naomi bei ihm ist und auch schläft. Naomi möchte einfach mal abhängen und nicht ständig in Museen laufen, Schach oder Scrabble spielen oder über Dezimalzahlen reden. Sie will nicht mit ihm schwimmen gehen und das Kraulen erlernen und sie hasst es, dass sie am Papa-Tag nicht mit ihren Freunden chatten kann. Aber andererseits möchte sie ihren Papa und seine Kontrollsucht nicht kritisieren. Dabei bemerkt sie natürlich, dass er ihre Mädchenzeitungen doof findet, aber ständig nur aufs Handy starrt. Kurzum, ein Streit liegt in der Luft und der entlädt sich dann auch. Zum Glück sind Papas nicht perfekt, und so steht sie vor der Schule, um abgeholt zu werden und Papa hat sie über seine Arbeit vergessen.

Brigitte Smedja lebt und arbeitet in Paris und hat mittlerweile fünfzig Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben. Sie verzichtet in ihrem Kinderroman auf den üblichen Streit der Eltern nach Trennungen, auf Schuldzuweisungen oder Kleinkriege über die Kinder. Die Autorin konzentriert sich auf die Beziehung von Vater und Tochter, auf beider Annäherung und ihre Probleme. Wie langsam dann doch Normalität in die Beziehung zwischen Tochter und Vater einzieht, liest sich ganz wunderbar aus der Sicht des Kindes.

„Eltern sollten sich häufiger trennen, damit man sie besser kennenlernt!“

The Hate U Give

Angie Thomas: The Hate U Give, Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner, cbt Verlag, München 2017, 509 Seiten, €17,99, 978-3-570-16482-2



„Ich hoffe, dass mich keiner nach meinen Ferien fragt. Die anderen waren in Taipeh, auf den Bahamas, in der Harry Potter World. Ich bin in meinem Viertel geblieben und habe mitangesehen, wie ein Cop meinen Freund erschoss.“

Die sechzehnjährige Starr Carter lebt in einem sogenannten Ghetto, in dem Schüsse fallen und Drogendealer in ihren superteuren Autos durch die Gegend kurven. Hier hat ihr Vater einen Laden, hier arbeitet die Mutter in einem Krankenhaus. Aber Starr geht in eine Privatschule und ist neben einem weiteren Schüler die einzige mit schwarzer Hautfarbe. Als sie mal ihre Freundinnen zum Übernachten eingeladen hat, endete der Abend in einem Desaster, denn ein Mädchen kam erst gar nicht und das andere wollte gleich wieder nach Hause, weil in der Nähe Schüssen fielen.
Seit diesem Erlebnis weiß Starr, dass sie in der Schule eine Rolle spielen muss und nie wirklich sie selbst sein kann. Zwar hat sie Freundinnen, Hailey und Maya, und auch einen festen weißen Freund, Chris, aber ihr sind die Unterschiede zwischen ihrem Leben und dem der anderen wohl bewusst. Als Starr ihren einstigen Freund Khalil auf einer Party trifft, entsteht dort ein Streit und die beiden verlassen die Räume. Khalil will Starr nach Hause fahren, sie geraten in eine Polizeikontrolle und der Polizist mit der Nummer einhundertfünzig richtet seine Pistole auf die Jugendlichen und erschießt den unbewaffneten Jungen.

Nach und nach stellt sich heraus, dass Khalil für die Gang der Kings im Viertel Drogen vertickt, obwohl seine Mutter selbst abhängig ist. Aber das schnelle Geld verführt einfach.
Starr ahnt nun, dass sie in einen schweren Konflikt geraten ist. An der Schule tut sie so als wüsste sie nicht, wer Khalil ist. In ihrem nahen Umfeld wissen alle, dass Starr die einzige Augenzeugin des ungeheuren Vorfalls ist. Dabei hat Starr bereits schon einmal gesehen, wie ein Kind, das sie kannte, erschossen wurde. Klar ist, wenn Starr sich nicht für Khalil einsetzt und aussagt, dann bleibt er im Gedächtnis der anderen als der Drogendealer, der früher oder später sowieso erschossen werden würde. Sogar Hailey, Starrs beste Freundin, behauptet dies und zerstört damit die Freundschaft.
Am liebsten würde Starrs Mutter diese Wohngegend verlassen, aber sie schaffen es nur, wenn sie einen besseren Job im Krankenhaus bekommt. Starrs Vater war selbst im Gefängnis, um sich aus den Fängen der King Lords Gang zu befreien. Onkel Carlos, selbst Polizist, kann Starr zu einer Aussage überreden, in der es allerdings immer nur um Khalil geht und nie um den Polizisten, der geschossen hat. Starr wird auch ein Interview im Fernsehen geben, allerdings wird sie als Person nicht zu sehen sein. Auch wenn dieser Fall vor die Grand Jury gelangt, niemand hat wirklich die Hoffnung, dass Recht gesprochen wird.

Angie Thomas versucht kein Schwarz-Weiß-Bild von der amerikanischen Gesellschaft zu zeichnen, aber sie verärgert den Leser durch die immer wieder eingestreuten plakativen Sätze über Moral, Anstand und wie man sich als guter Schwarzer benimmt. Starrs Eltern halten ständig Gardinenpredigten, die sich die braven Kinder anhören. Die einzelnen Verstrickungen der Figuren sind gut nachzuvollziehen, der Wegzug der Eltern verständlich, die Androhungen der Polizisten, ein Skandal, die schwierige Situation für Starr an der Schule erklärlich und doch bleibt die Geschichte, die so oder ähnlich bereits mehrmals in den Nachrichten zu sehen oder zu hören war, an der Oberfläche. Angie Thomas will einfach zu viel erzählen, von einem Polizistenmord, von einem Jungen, der aus der Dealergang aussteigen will, von Starr, die mit ihrem Gewissen klarkommen muss, von den Medien und der Rechtssprechung in den USA, die für Europäer immer unverständlicher wird.

Offshore

Petros Markaris: Offshore, Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 368 Seiten, €24,00, 978-3-257-07003-3



„Die einzige Erklärung, die ich liefern kann, ist: Beide Geständnisse führen dazu, dass die entsprechenden Fälle ad acta gelegt werden. Sie verhindern, dass wir uns mit den eigentlichen Tatmotiven beschäftigen. Somit muss man sich fragen, wer die vier zum Geständnis angestiftet hat, damit die wahren Beweggründe und die Anstifter der Morde im Dunkeln bleiben.“

Es ist Ostern und der Leidensweg der Griechen scheint beendet. Die Leute feiern, denn Geld spült wie magisch ins Land. Die Straßen sind wieder mit Autos verstopft, man geht außer Haus essen und hofft auf Gehaltserhöhungen, spricht sogar von 13. und 14. Lohnauszahlungen. Auffällig ist auch, dass griechische Reeder mit Firmensitz in London oder Zypern nach Hause zurückkehren. Der Sinneswandel der Unternehmen wird mit patriotischen Gefühlen fürs Land erklärt, doch mittlerweile glaubt das in Griechenland kein vernünftig denkender Mensch mehr.
Kostas Charitos von der Mordkommission fragt sich eher, woher kommt dieser Finanzsegen und seine Frau Adriani ist skeptisch wie immer. Aber die Familie will sich die gute Laune nicht verderben lassen, denn Kostas Tochter wird sogar für eine gut bezahlte Stelle als Justitiarin auserwählt. Nicht sonderlich begeistert ist Kostas Charitos, der als Querkopf bekannt ist, aus seiner Sicht wird übrigens auch das Geschehen erzählt, von der Neuernennung des Vizepolizeipräsidenten, ein praktisch unerfahrener Beamter mit guten Kontakten, der alles unter Kontrolle haben will. Auch wenn Kostas seine Wege kennt, um unliebsame Vorgesetzte nicht zu verärgern, diesmal beißt er allerdings auf Granit.

Alles beginnt wie immer mit einem Mord. Ein korrupter Angestellter der Tourismusbehörde, der für die Vergabe der Hafenstellplätze zuständig ist und offenbar auch noch mit Drogen handelt, wurde in seinem Haus überfallen und ermordet. Angeblich ein Raubmord, allerdings vergessen die Einbrecher einen dicken Geldstapel, der in der Bettmatratze versteckt ist, mitzunehmen. Für Charitos und seine Assistenten sieht der Fall eher nach Hinrichtung als Raubmord aus. Wie vom Himmel fallen der Polizei auch schnell die Täter vor die Füße. Bei einem Afghanen und einem Pakistaner findet die Polizei die persönlichen Sachen des Ermordeten. Und die beiden gestehen ohne Umstände eine Tat, die sie, und das ahnt Charitos, nicht aus eigenem Antrieb begangen haben. Den Auftragsmord kann die Polizei nicht nachweisen, denn bereits der nächste Tote wartet. Diesmal ein griechischer Reeder, der seit Jahren in London lebt. Charitos lässt seine Beziehungen spielen und erfährt, dass zwei Schiffe des toten Reeders vor kurzer Zeit gesunken sind, es sich aber nicht um Versicherungsbetrug handelt. Und auch hier laufen die Täter, zwei Georgier, der Polizei direkt in die Arme. Ein Auftragsmord, keine Frage, aber nicht nachweisbar. Den Kommissar beschäftigen erneut die dubiosen Firmengründungen durch Banken von den Kaimaninseln. Ein Blogger, namens Poseidon 16, ist ebenfalls beunruhigt und stellt die gleichen Fragen, die Charitos umtreiben. Bevor die Polizei herausfindet, wer dieser Poseidon 16 ist, wird er erschossen und sein Laptop verschwindet. Und diesmal trifft es auch Charitos, denn hinter den provozierenden Texten im Netz steckt ein alter Bekannter, der Journalist Menis Sotiropoulos. Beide Männer waren nicht besten Freunde, aber sie hatten doch fair Informationen ausgetauscht. Und auch hier das gleiche Spiel, ein Iraker gibt sofort zu, dass er den Journalisten ausgeraubt und ermordet hat. Alle Täter scheinen geradezu froh zu sein, in griechische Gefängnisse zu wandern. Als Charitos dann jedoch einen Reeder, ohne Genehmigung seines Vorgesetzten zu den Morden befragt, wird er von einer Sekunde zur anderen suspendiert.
Das jedoch ist kein Hinderungsgrund für den Kommissar mit Rückgrat, um endlich denn wahren Tätern auf die Spur zu kommen.

Petros Markaris packt den Leser kaum durch einen aufregenden Plot, seine Geschichten faszinieren durch die Charakterisierungen der Protagonisten und das Flair der Stadt Athen. Wie verhalten sich Menschen, die ihre Arbeit, auch noch so schlecht bezahlt, behalten wollen? Schlägt man sich auf die Seite des in Ungnade gefallenen Kommissars oder nickt man zu allem, was die Vorgesetzten predigen? Der Sinn für Gerechtigkeit ist nach unguten Erfahrungen, unfähigen Regierungen und Drangsalierungen aller Art vielen Menschen abhanden bekommen, nur Kostas Charitos will die Wahrheit erfahren und die ist bitter.

Davonfliegen

Sarah Armstrong: Davonfliegen, Aus dem Englischen von Ute Brammertz, Diana Verlag, München 2017, 446 Seiten, €14,99, 978-3-453-29193-5



„Mit gesenktem Kopf stieg die Kleine die Stufen hoch. Sie sah nicht zu Anna zurück. Er packte sie am Arm und zerrte sie ins Haus. Die Tür knallte hinter ihnen zu. Jetzt war das kleine Mädchen im Haus gefangen.“

Annas neue Nachbarn ziehen lautstark in ihre neue Wohnung ein. Hellhörig sind die Zimmer, denn Anna kann hören, wer sich wo aufhält. Als sie die fünfjährige Charlie kennenlernt, wurde diese von ihrer Mutter einfach ausgesperrt. Den offenbar menschlichen Biss auf Charlies Bein kann Anna nicht vergessen und ihren Geruch nach Zigaretten und Urin. Aggressiv und voller Missachtung reagiert Charlies Mutter, Gabby, auf Annas Fürsorge für das Kind, dass auch des Nachts wie ein Baby weint. Noch heftiger sind die Drohungen des gewalttätigen Stiefvaters Harlan. Anna fühlt sich hilflos, denn sie ahnt, wie es dem Kind hinter den verschlossenen Türen geht. Sie ruft mit ihrem Freund Dave zusammen die Polizei an, sie ruft das Jugendamt an. Niemand unternimmt etwas.

Anna arbeitet als freie Designerin, ist 37 Jahre alt und hat keine Kinder. Früh ist ihre Mutter gestorben, über die ihr Vater, ein pensionierter Polizist, nie sprechen will. Vor gut siebzehn Jahren war sie von Pat schwanger, einem Freund, der in den Bergen, weit ab von Sydney, ein freies Hippiedasein lebt. Sie hat sich damals gegen das Kind entschieden, denn mit Pat zusammenleben wollte sie nicht. Ihr neuer Freund Dave, Jurist, möchte gern, das Anna seine Kinder kennenlernt.

Als Anna sieht, wie Charlies Stiefvater sie kopfüber schüttelt, und das Kind sich in den Büschen versteckt, um dann zu ihr zu kriechen, ist ihre Geduld mit den Behörden vorbei. Sie packt das weinende, dünne Mädchen ins Auto und fährt ohne groß nachzudenken davon. Während der Fahrt ruft sie Dave an, der sie darauf hinweist, dass diese Entführung strafrechtliche Konsequenzen hat, ja Gefängnisstrafe bedeuten könnte. Aber Anna kann nicht ertragen, dass Charlie wieder in diese Familie zurückkehren muss, auch wenn es nur eine kurze Zeit wäre.
Sie verwischt alle Spuren und begibt sich zu Pat, der weitab nun mit Sabine im Regenwaldtal zusammenlebt und selbst demnächst Vater wird. Beide unterstützen Annas Handeln und haben doch Vorbehalte. Aber Charlie lebt langsam auf, spielt mit anderen Kindern und fragt nur ab und zu nach der Mutter. Doch sie zeigt auch ihre schwierige Seite, sie schreit, beißt vor Wut andere Kinder und beschimpft Anna. Diese weiß, das Kind hat nichts anderes gelernt. Als Charlie hohes Fieber bekommt, muss sie ins Krankenhaus. Auch hier wird Charlies Identität nicht aufgedeckt und doch weiß Anna, dass die Polizei sie sucht, Gabby sich aber nicht mehr um ihr Kind kümmern will. Als Anna und Charlie von der Polizei gefunden werden, kommt das Kind in die Obhut von Gabbys Mutter, die Charlie nie gesehen hat und Anna wird inhaftiert.

Sarah Armstrongs Romanhandlung kreist um ein heikles Thema. Hat man das Recht, misshandelte Kinder vor seinen eigenen Eltern zu schützen? Darf man das Gesetz in die eigenen Hände nehmen, wenn man glaubt, ein Menschenleben ist in Gefahr? Hat sich Annas Angst um das Kind nicht bestätigt als Gabby ihre Verantwortung einfach an die alte Mutter abgibt, die keine Beziehung zu ihrem Enkelkind hat? Nie versucht die australische Autorin, Annas spontane Handlungen auf eine psychologische Ebene zu verlagern und doch ahnt der Leser, dass die eigene fehlende Mutter für Anna auch der Auslöser war, ein einsames Kind zu beschützen. Was die Geschichte vorantreibt, ist natürlich die Neugier auf den Ausgang und die eigenen Zweifel, ob Anna wirklich so handeln sollte. Immer wieder schwankt man selbst, besonders in Situationen, in denen Charlie einfach unausstehlich ist. Und unwillkürlich denkt man beim Lesen dieses gut geschriebenen Romans an Schlagzeilen, in denen mitgeteilt wird, dass ein kleines Kind verhungert oder zu Tode gequält wurde, weil die Nachbarn einfach desinteressiert waren und nichts hören und sehen wollten.
Lesenswert – ein zwiespältiges Plädoyer für Zivilcourage und Verantwortung!

Sieh mich an

Mareike Krügel: Sieh mich an, Piper Verlag, München 2017, 256 Seiten, €20,00, 978-3-492-05855-1

“Das Etwas sitzt in meiner linken Brust und tut alles, was es nicht tun soll: Es wird nicht kleiner, ist nicht beweglich und schmerzt nicht. Es ist, was es ist. Aber es ist schließlich auch nicht seine Aufgabe, mir Hoffnung zu machen.”

Seit Jahren liegt Katharina Theodoroulakis angefangene Doktorarbeit in der Schublade. Immer wieder denkt sie an ihr Studium, an Costas, ihren Mann, der nun als Architekt in Berlin arbeitet und ihr langsam fremd wird, obwohl er regelmäßig zurück nach Lübeck kommt, um jeden Sonntagabend im sinnlosen Streit mit ihr wieder loszufahren. Katharina zieht als Ich-Erzählerin an einem Tag Bilanz und das hat einen ganz einfachen Grund, sie spürt ein Etwas in ihrer Brust und sie ahnt, was es sein könnte. Als sie kaum erwachsen war, starb ihre Mutter an Krebs. Kümmern musste sich Katharina, um den Vater und die jüngere, schwer pubertierende Schwester. Aber dann bemühte sich Costas um sie, sie heirateten kurz vor Alex’ Geburt und zogen ins Haus der Schwiegereltern, die weit fort zogen. In allen ihren Gedanken stößt die Anfang vierzigjährige Katharina immer wieder auf eine Frage: War das alles wirklich richtig so? Wollte sie dieses Leben führen?
Ihrem Notizbuch vertraut die Protagonistin all ihre Ideen an, sie macht To-do-Listen von allen möglichen Dinge, die ihr so durch den Kopf gehen und durch die sie sich eine Struktur erhofft, die einfach nicht eintritt. Musik durchzieht die gesamte Handlung, so arbeitet Katharina in Kindergärten und gibt schlecht bezahlte Musikkurse, liebt Schumann; ihre Schwester ist Cellistin, den siebzehnjährigen Alex zieht es zum Musical.

Es dauert eine Weile, ehe man sich auf Katharina und ihr turbulentes Leben, im Präsens erzählt, einlassen kann. Zu viele seltsam kuriose Begebenheiten geschehen, die offenbar aber zu ihrem Leben dazugehören. Da verliert der ständig werkelnde Nachbar seinen Daumen, Katharina setzt sich mit ihrer extrem verhaltensauffälligen elfjährigen Tochter Helli auseinander, die wie ein Vulkan losgeht, wenn ihr etwas nicht passt. Nach und nach verliert sich Katharina in ihren Tagträumen, bei denen sie schon mal den Seitenspiegel vom Auto abfährt, in Selbstmordfantasien. Bei allen Tiefs, die Katharina durchstehen musste, auch zusammen mit Costas, immerhin hat sie ihr drittes Kind Berenike tot geboren, blitzt szenenweise viel Witz und auch Distanz in all den Selbstbetrachtungen dieser ganz durchschnittlichen Frau auf. Einige Lebensweisheiten wirken stellenweise deplatziert, andere wiederum komisch und zutreffend.

Zum Ende hin nimmt die Handlung dermaßen Fahrt auf, dass man gar nicht weiß, ob man nun lachen, sich fremdschämen oder weinen soll, denn Muttertier und Ehefrau Katharina muss einfach handeln oder untergehen. Keine Frage, interessieren wird diese Geschichte auf jeden Fall nur Frauen, und wenn es gut beworben wird, dann wird es vielleicht ein Bestseller. Die Filmrechte sind angeblich schon verkauft. Wenn es allerdings stimmt, dass dieses Manuskript einer Autorin, die zugegeben schreiben kann, hochbezahlt wurde und somit unter Erfolgsdruck steht, dann frage ich mich allerdings, was es von anderen Familien- wie Frauengeschichten so gravierend unterscheidet, sicher nicht der Humor und schon gar nicht die Turbulenzen im Leben der Katharina, die alles in den Sand setzt.

Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer: Das Genie, Diogenes Verlag, Zürich 2017, 650 Seiten, €25,00, 978-3-257-06998-3

„Die Welt hatte keinen Platz für ihn.“

Der achtzehnjährige Ukrainer und Jude Boris Sidis kommt am 5. Oktober 1886 in der Neuen Welt an und wirft alles, was er hat, auch sein Geld, einfach fort. Frei sein will er und landet in Manhattan in der Hölle, denn Boris verfügt zwar über Sprachkenntnisse, kennt aber kein englisches Wort und hat nie körperlich hart gearbeitet. Schwer schuften muss er nun, um nicht unterzugehen und er muss viel einstecken. Aber Boris verblüfft den Leser durch seinen enormen Drang nach Bildung, aber auch seine kompromisslose, taktlose und vor allem direkte, ignorante wie ehrliche Art auf Menschen zuzugehen. Absolut kopfgesteuert in allem was er tut, ist er fasziniert von Büchern, er ist ein kluger Mensch und ein begnadeter Lehrer. Eine seiner Schülerinnen ist Sarah Mandelbaum, ebenfalls aus der Ukraine emigriert. Sie ist nie in die Schule gegangen und will trotzdem ihrem harten Los als ungebildete Arbeiterin entfliehen. Sie verliebt sich in Boris, aber dieser sieht sie zuerst nur als sein Versuchsobjekt. Und doch, sie werden heiraten, denn Boris hat sich geschworen, er wird aus dieser Frau eine Akademikerin machen. Sarah wird Medizin studieren und dem unpraktischen Boris, wenn es sein muss, den Kopf zurechtstutzen, denn für ihn hat materielle Sicherheit keinen Wert, für sie, die in Armut leben musste, schon. Als Freigeist, der immer nur nach vorn schaut, hasst er regelmäßige Arbeit. Bei allen Fähigkeiten, die Boris nun im Laufe der Jahre sammelt, entscheidet er sich endlich für den Beruf des Psychologen, nachdem er ein Buch seines Idols, Prof. James, gelesen hat. Er arbeitet in New York am Pathologischen Institut of the New York State Hospitals for the Insane und muss sich auch hier gegen viele Widerstände durchsetzen. Boris überzeugt immer wieder durch seinen klaren Verstand, seine Bildung und vor allem seinen Enthusiasmus, wenn er sich für ein Thema begeistern kann. Auch sein Sohn Billy, eigentlich William James, das Genie, wird alle diese Eigenschaften vom Vater erben. Auch Billy wird zum Forschungsprojekt des Vaters, der mit seiner Erziehungsmethode beweisen will, wie schnell ein Kind lernen kann, wenn es nur gefördert wird. Vom ersten Tag, an dem Billy auf der Welt ist, wird er von Vater und Mutter unterrichtet. Zu diesem Zeitpunkt lallt er noch Babysprache.

„Boris setzte sich eine Pelzkappe auf, wie immer, wenn er bei der abendlichen Konversationsstunde das Russische an der Reihe war. Das sollte William die Ordnung im Kopf erleichtern. Ein Bowlerhut stand für Englisch, eine Baskenmütze für Französisch, ein Filzhütchen für Deutsch und die Pelzkappe eben für Russisch. Diese vier Sprachen waren als Grundlage erst einmal genug, befand Boris. … Man durfte seine Kind nicht durch überhöhte Erwartungen unter Druck setzen.“

Billy wird behandelt wie ein Erwachsener. Es gibt kein Verhätscheln, keine Babysprache und offenbar wenig emotionale Zuwendung. Bereits als Kleinkind ist der Junge ein unausstehlicher, altkluger Besserwisser, der ein enormes Allgemeinwissen angehäuft hat, aber keinen Ball werfen kann.
Er liebt es, Straßenbahn zu fahren, hat aber keine Ahnung, wie man mit Kindern spielt. Boris entwickelt für ihn Spielzeug, mit dem er automatisch auch etwas lernt. Mit seinem trainierten Gehirn, Lügen sind ihm ein Graus, lebt der Junge mit seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner Selbstgewissheit wie ein Autist, der von der Außenwelt und gesellschaftlichen Regeln keine Ahnung hat. Erste erhebliche Einbrüche muss er hinnehmen, als er die Grundschule besuchen muss. Es fehlt ihm an mathematischen Kenntnissen, eine Tatsache, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes krank macht. Sein Vater schließt für ihn die Lücke und entdeckt, wie begabt der Junge auch auf diesem Gebiet ist.

Klaus Cäsar Zehners Sprache ist von großem erzählerischem Reichtum. Atmosphärisch genau und szenisch klar vorstellbar entfaltet er das Leben der Familie Sidis vor den Augen des Lesers. Besonders tragikomisch sind die Momente, in denen der Vater gegen die Regeln des Bildungssystems in den USA Sturm läuft und kein Blatt vor den Mund nimmt und Billy ehrwürdige Herren und deren Aussagen ins Lächerliche zieht. Das Wunderkind durchläuft die Schule, es war nicht anders zu vermuten, mit vielen Kränkungen und Schlägen in nur sieben Monaten. Ständig leben die Lehrer in der Angst, dass Billy inmitten seiner um Jahre älteren Mitschüler, er wechselt wie im Flug die Klassen, ihnen einen Fehler nachweisen könnte. Mit sieben Jahren beginnt Billy, seine ersten wissenschaftlich unterfütterten Bücher zu schreiben, eine neue Sprache zu erfinden, die sogar zu hoch für den Vater ist, und mit elf Jahren wird er sein Harvard Studium aufnehmen. Ein Kind in kurzen Hosen, das vor der Aufnahme in die Uni im Mathematischen Klub vor illustren Professoren über vierdimensionale Körper doziert, ist eine Sensation. Allerdings verfügt Billy auch über gründliche Kenntnisse der Anatomie, Politik, Wirtschaft, Jura, Philologie, Geschichte und Astronomie. Billy wirkt unter all den Studenten, wie das naive Kind, das wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ einfach immer das sagt, was der klare Verstand ihm eingibt, auch in den unpassendsten Momenten.

Billys Hochbegabung zieht auch die Presse an, die über ihn schreibt, aber nicht über die Erziehungsmethode des Vaters, was diesen sehr verärgert. Billy jedoch sieht sich nicht als „Produkt seiner Erziehungsmethode“, er beginnt darüber nachzudenken, was für ein Mensch er sein will. Er stellt Regeln für sein Leben auf, auch moralische und an diesen wird er als Pazifist zu Beginn des 20.Jahrhunderts kläglich scheitern. Zwischenzeitlich arbeitet er als Versicherungsangestellter oder Straßenbahnschaffner und fühlt sich glücklicher als in jeder akademischen Einrichtung. Billy entdeckt seine Zuneigung zu Katzen und sogar entgegen seinen Lebensregeln zu einer Frau, die ihn allerdings nicht liebt. Und er ahnt, warum das Erziehungsprojekt seines Vaters gescheitert ist.

„ Nicht an ihm, William, auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt.“

Immer auf der Flucht vor der Presse, ohne Kontakt zu seiner hartherzigen Mutter, den er abgebrochen hat, scheint William James Sidis Leben einst ohne Erfolg gewesen zu sein. Aber für ihn war es das sicher nicht. 1944, im Alter von 46 Jahren, stirbt William James Sidis an einer Gehirnblutung.

Klaus Cäsar Zehrer zieht den Leser, auch wenn das eine abgedroschene Floskel ist, von der ersten bis zur letzten Seite in die unglaubliche Lebensgeschichte der Familie Sidis hinein. Selten wurde so lebendig und witzig über die Lust an der Bildung erzählt. Stellenweise muss man laut lachen, wenn der kluge Knirps oder auch „Erklärzwerg“ die Erwachsenen unfreiwillig vorführt, stellenweise spürt der Leser aber auch die innere Tragik und Qual des William James Sidis, für den es keine Normalität gab.

„Das perfekte Leben, dachte er lächelnd. Um das perfekte Leben zu führen, muss man sich zurückziehen und möglichst wenig mit anderen Menschen zu tun haben. Das hatte er schon als Heranwachsender gewusst.“